Explosion im Fukushima Kernkraftwerk 2011 - Quelle: WikimediaGuten Tag,

ich schreibe Ihnen als Ihr Vertragspartner. Ich hatte bereits im vergangenen Jahr Ihre Preisankündigung beanstandet und dabei kritisiert, dass Sie ohne zwingenden Grund Kernkraftwerke betreiben.

Die gegenwärtige Katastrophe in Japan führt klar vor Augen, dass Kernkraft keine sichere Technik ist. Ich fordere Sie deshalb auf, mir innerhalb von 14 Tagen ein schlüssiges Konzept vorzulegen, in dem Sie darstellen, wie Sie unverzüglich die Kernkraftnutzung - konkret Brunsbüttel und Krümmel - einstellen und wie Sie mit den Altlasten verantwortungsvoll umgehen werden.

Sollte ein solches Konzept nicht fristgerecht bei mir eintreffen, sehe ich mich gezwungen, unser Geschäftsverhältnis aus schwerwiegenden Gründen zu beenden und werde meine Zahlungen an Ihr Unternehmen einstellen.

Mit freundlichen Grüßen

s.

 


 

Reaktion:

Sehr geehrter Hr. S.
Zur weiteren Bearbeitung haben wir Ihre Mail an unsere Rechtsabteilung weitergeleitet.
Bitte Erwarten Sie von Dieser Seite die von Ihnen gewünschte Resonanz
Mit freundlichen Grüßen
Störungsleitstelle Vattenfall

 


 

Sehr geehrter Herr s.,

vielen Dank für Ihre E-Mails vom 15. März 2011 und die Möglichkeit auf Ihre Anmerkungen einzugehen.

Wir sind sehr betroffen über die große Katastrophe, die in Japan ausgelöst wurde. Die daraus resultierende schwerwiegende Situation um die Kernkraftwerke in der Erdbebenregion erfüllt uns mit großer Sorge.
Der Auslöser der Ereignisse in Japan war eine Verkettung zweier Naturkatastrophen. Das starke Erdbeben hat das Netz und nahezu die gesamte Infrastruktur zerstört. Der anschließende Tsunami führte zu einem Ausfall der Notstromanlage und des Kühlsystems. Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar.
Das Thema Atomkraft wird in Deutschland in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert - leider, vor dem Hintergrund bevorstehender Landtagswahlen, häufig nicht unvoreingenommen. Vattenfall nimmt im Sinne einer Mitverantwortung für die Sicherung der deutschen Stromversorgung und für unser Weltklima an dieser Diskussion teil. Gern nutzen wir nun die Chance, Ihnen unseren Standpunkt zur Notwendigkeit des Betriebes von Kernkraftwerken für Deutschland darzulegen:
Die Sicherung einer stabilen Stromversorgung, in einem ausgewogenen Energiemix, zu angemessenen Strompreisen, unter Berücksichtigung des Klimaschutzes, ist der gesellschaftliche Auftrag an die Energieversorgung der Zukunft. Die Aufgabe der Zukunft heißt, Strom auf der Grundlage eines breiten Energieträgermix so effizient wie möglich bereitzustellen und so intelligent wie möglich zu nutzen.
Es wird noch viele Jahre dauern, bis erneuerbare Energien flächendeckend und wirtschaftlich effizient einsetzbar sein werden. Aus diesem Grunde sind wir noch für geraume Zeit auf die Nutzung etablierter Techniken und Brennstoffe angewiesen. In der Konsequenz betrachten wir die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen und Kernenergie als wesentlichen Bestandteil des derzeitigen Energiemix, der einen bedeutenden Beitrag zur Versorgungssicherheit in Deutschland leistet.
Die Kernenergie ist zu jeder Zeit verfügbar, unabhängig von Tageszeit, Wetterlage und der Unterbrechung von Rohstofflieferungen (wie zum Beispiel bei den Gaskrisen in den Jahren 2006, 2008 und 2009) und damit ein unverzichtbarer Bestandteil zur Sicherung der Energieversorgung in Deutschland. Vor dem Hintergrund der gravierenden globalen Klimaveränderungen, stellt die Stromgewinnung in Kernkraftwerken eine wichtige CO2-freie Erzeugungsform dar und ist bis zur Etablierung einer technisch und wirtschaftlich sinnvollen Alternative in der CO2-freien Energieerzeugung unverzichtbar.
Ihre Auffassung, dass die Nutzug der Kernenergie in Deutschland keine sichere Technik darstellt, teilen wir nicht. Sicherheit hat oberste Priorität bei Vattenfalls Kernenergie-Aktivitäten. Wir arbeiten, gemeinsam mit den Behörden kontinuierlich daran, die Sicherheit in unseren Kernkraftwerken zu gewährleisten und weiter zu verbessern.
Generell liegen die Sicherheitsstandards für kerntechnische Anlagen in Deutschland weit über dem Niveau anderer Nationen, die teilweise eine deutlich größere Zahl von Kernkraftwerken betreiben. So sind zum Beispiel bei deutschen Reaktoren, die in Ihrer Bauart gleich zu denen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima I sind, doppelt so viele Kühlstränge und auch mehr Notstromaggregate vorhanden.
Die Kontrolle zur Einhaltung dieser Vorschriften und das große öffentliche Interesse zum Thema Kernenergie haben hierzulande dazu geführt, dass durch die immer weiter verbesserten Sicherheitseinrichtungen in den Kraftwerken, in den letzten 15 Jahren lediglich 3 Vorkommnisse der Stufe 2 der "INES" (engl.: International Nuclear Event Scale - Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse) aufgetreten sind.
Nur diese Ereignisse verdienen überhaupt die Bezeichnung "Störfall" und werden auch international so kategorisiert. Alle Vorkommnisse die in niedrigere Kategorien eingestuft werden, verdienen höchstens die Bezeichnung Störung (INES Stufe 1). Leider werden diese Begrifflichkeiten teilweise unabsichtlich, teilweise aber auch wissentlich, in Politik und Öffentlichkeit falsch verwendet, um Angst und Widerstand gegen den Betrieb von Kernkraftwerken im eigenen Land zu schüren.
Bei Ereignissen der Stufe 2 der INES kommt es nicht zur Abgabe von Radioaktivität an die Umwelt. Hierbei handelt es sich um Störungen oder Ausfälle an Teilen der Sicherheitseinrichtungen eines Reaktors, beispielsweise die Unterschreitung der Borkonzentration der Kühlflüssigkeit im Notkühlsystem des Blocks 2 im Kernkraftwerk Philippsburg im Jahre 2001. Im Falle des Ausfalls des Hauptkühlsystems, hätte bei einer Schnellabschaltung der Reaktor, durch das fehlerhafte Notkühlmittel, nicht automatisch ausreichend schnell gekühlt werden können und ein Eingreifen vor Ort wäre erforderlich gewesen.
Bei den weiteren meldepflichtigen Ereignissen in diesem Zeitraum handelte es sich nur zu ca. 3% um in Stufe 1 der INES klassifizierte Vorgänge. Alle weiteren, also etwa 97% der meldpflichtigen Ereignisse liegen in der Kategorie 0 und damit unterhalb der Bewertungsskala der INES. In Deutschland werden diese von der Aufsichtsbehörde mit "N" - Normalmeldung klassifiziert. Oft handelt es sich dabei beispielsweise um den Austausch von Baugruppen an sicherheitsrelevanten Einrichtungen der Kraftwerke, ohne das in irgendeiner Weise eine Störung oder Fehlfunktion vorgelegen hat.
Nun hat die Bundesregierung wegen der Vorkommnisse in Japan beschlossen, die sieben ältesten Anlagen und das Kraftwerk Krümmel vom Netz nehmen zu lassen, um die Sicherheit der Kraftwerke zu überprüfen und in Aussicht gestellt, die Betreiber der betroffenen Anlagen, auch nach dem Ende des dreimonatigen Moratoriums, dazu bewegen zu wollen, die Reaktoren vom Netz getrennt zu lassen. Wir sind jedoch nicht der Meinung, dass der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie der Weg zu einem mittelfristig gesunden und bezahlbaren Energiemix in Deutschland sein kann.
Ein von Ihnen gefordertes Konzept zur unverzüglichen Einstellung der Kernkraftnutzung können wir Ihnen daher nicht vorlegen. Wir werden auch weiterhin auf die Stromgewinnung aus Kernkraft setzen, sofern hierfür die gesetzlich Grundlagen gegeben sind. Bis zur Etablierung kapazitätsgleicher Erzeugungstechnologien auf dem Sektor der erneuerbaren Energien, bleibt die Kernkraft ein wichtiger Stromlieferant in Deutschland und Europa, auf den wir weiter setzen werden und setzen müssen.
Viele Nationen in Europa haben die Notwendigkeit der Nutzung von Kernenergie, insbesondere im Hinblick auf die damit verbundene Reduzierung des CO2-Ausstoßes, bereits erkannt und die Genehmigung zum Neubau von Kernkraftwerken erteilt, um alte, weniger effiziente Reaktoren, sowie umweltbelastende alte Kohlekraftwerke vom Netz nehmen zu können.
In Deutschland sind die Forschung und die Entwicklung auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung von Kernenergie gesetzlich verboten. Der Bau neuer Kernkraftanlagen auf dem technisch neuesten Stand, ist daher derzeit nicht möglich. Würde nun zusätzlich der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie umgesetzt, wäre Deutschland zum Zukauf erheblicher Strommengen aus dem Ausland (Polen, Frankreich, Russland etc.) gezwungen, der in dortigen Kernkraftwerken erzeugt wird.
Der Energiebedarf Deutschlands lässt sich auch in naher und mittelfristiger Zukunft nicht allein aus erneuerbaren Energien decken. Daher ist aus unserer Sicht die Kernkraft in nächster Zeit in Deutschland unverzichtbar.
Sie kündigen in Ihrer E-Mail vom 15. März 2011 an, Ihre Zahlungen an unser Unternehmen, auf Grund unserer Position zum Thema Kernkraft, einstellen zu wollen. Wir weisen darauf hin, dass Sie mit dem Vertragsabschluss die Verpflichtung eingegangen sind, die empfangenen Leistungen zu entgelten. Kommen Sie Ihrer Zahlungspflicht nicht nach, kann dies zu zusätzlichen Kosten zu Ihren Lasten, sowie letztendlich zur Sperrung Ihres Stromzählers führen.
Sofern Sie jedoch mit den strategischen Entscheidungen und dem Handeln unseres Unternehmens generell nicht mehr einverstanden sind, steht es Ihnen selbstverständlich frei, einen Wechsel zu einem anderen Lieferanten vorzunehmen. Ihren aktuellen Stromliefervertrag mit Vattenfall können Sie dazu monatlich, mit einer Frist von mindestens einem Monat auf das Kalendermonatsende kündigen.
Sollte unsere Haltung zum Thema Kernenergie dazu führen, dass wir Sie als Kunden verlieren, so bedauern wir dies sehr. Wir hoffen, Ihnen unseren Standpunkt verständlich dargelegt zu haben und freuen uns, wenn Sie Verständnis für unsere Entscheidungen aufbringen können.
Bei weiteren Fragen, können Sie sich gern an uns wenden.
Mit freundlichen Grüßen

Markus M.

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