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Die allermeisten sind unzufrieden. Mit gutem Grund. Zu lächerlich ist auch der Selbstbetrug einer Ge­sellschaft, die sich als "die beste aller Welten" ausgibt und deren Reisebüros mit dem Slogan "Nix wie weg!" Reklame machen.
Was ist es, das uns stinkt? Daß das Leben so hektisch geworden ist, daß es so kalt ist, daß Aggres­sivität und Gewalt immer mehr zunehmen, daß der Lärm immer unerträglicher wird, daß wir für "die da oben" nicht zählen, daß wir keinen Einfluß auf lebenswichtige Entscheidungen ha­ben, daß sich die Leute einander nicht mehr zuhären kännen, daß alle immer weniger Zeit haben, daß alles zubeto­niert wird, daß nur noch das Geld regiert und der Mensch nicht mehr zählt, daß immer mehr von uns vereinsamen, süchtig werden, daß Krebs und Allergiekrankheiten immer häufiger werden........ man könnte Seiten füllen. Wir haben allen Grund, uns ein besseres Leben zu wünschen.
Aber wie kam es denn zu diesen Zuständen? Sie sind nicht vom Himmel gefallen. Es wurde hart daran gearbeitet. Generationen und Abermillionen von Menschen haben für die Welt geschuftet, in der wir heute leben müssen. Und wir selbst arbeiten jeden Tag weiter an der Befestigung dieser Zustände. Rücksichtslos und unerbittlich wird unser Planet verschandelt, aufgerissen, zubeto­niert, vergiftet - angetrieben allein von den kalten Gesetzen des Marktes, des Geldes, der Waren­produktion. Ausge­brochen ist dieser Wahn in Europa vor ein paar hundert Jahren zusammen mit dem aufkommenden Kapitalismus und "wir" haben uns seitdem redlich darum bemüht, die ganze Welt damit zu beglücken. Jetzt haben wir's: die Existenz von Mensch und Natur steht buchstäblich auf der Kippe. Dieses stolze Ergebnis hat die "Arbeit" vorzuweisen.
Um Mißverständnisse auszuschließen: Natürlich muß der Mensch was tun. Menschliches Leben heißt immer gemeinschaftliches Hervorbringen von Dingen, Verhältnissen und Beziehungen, heißt sich sor­gen und genießen, sich anstrengen und lachen, sich streiten und lieben.....und tausend Dinge mehr. Der Stoffwechselprozeß mit der Natur ist Grundlage menschlicher Existenz. Aber die Unter­grabung der Grundlagen menschlicher Existenz - das ist das Werk der "Arbeit". Und nicht zuletzt dafür kri­tisieren wir sie.
Die "Arbeit" hat es beileibe nicht immer gegeben. In alten Sprachen Vergleichbares für unseren heu­tigen "Arbeits"-Begriff zu finden, ist schwierig bis unmöglich. Erst in dem Maße, wie sich die Wa­renproduktion entwickelt hat, erblickte auch die "Arbeit" das Licht der Welt. Sie beherrscht die Menschen als etwas Äußerliches, Fremdes, von ihnen Abgespaltenes. "Arbeit" ist nur eine Seite ei­nes gesellschaftlichen Zustands, dessen andere Seiten "Kapital", "Warenproduktion" und "Geld" hei­ßen. Arbeit ist (variables) Kapital.
Das Kapital und die Arbeit sind nur zwei, wenn auch widersprüchliche, Seiten einer Medaille. "Bu­siness as usual" und "Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz". Und wenn er die größte Scheiße her­vor­bringt. Egal, ob wir AKWs, Handies, noch ein paar Millionen mehr Autos, Eurofighter, Laubsauger oder Tamagotchis herstellen, egal, ob uns die Arbeit entfremdet, sinnentleert, krankmacht, verarmt - wir wollen Arbeit! Egal, ob der Regenwald kaputtgeht und das Ozonloch wächst, wir brauchen Wachstum! Sagt das Kapital. Und die Arbeit.
Im Hintergrund regiert der "Wert" - eine völlig abstrakte Größe, die von allen konkreten Eigen­schaf­ten der Dinge, Verhältnisse und Menschen absieht und mit unnachgiebiger Härte die nackte, inhalts­leere gegenseitige "In-Wert-Setzung" alles und jedes diktiert. "Wert", "Ware", "Arbeit", "Geld" und "Kapital" - die uns beherrschen - geht es nicht um die eigentliche Bedürfnisbefriedigung, sie betäti­gen sich als leerer Selbstzweck. Die Ware verlangt nach immer mehr Ware, der Konsum nach immer mehr Konsum, das Geld nach immer mehr Geld, das Kapital nach immer mehr Kapital, die Arbeit nach immer mehr Arbeit. Was konkret gearbeitet, konsumiert, umgesetzt, verzinst wird, ist völlig schnuppe. Ob Hundedreck, Heiratsvermittlung, Kalbshaxe, Kokain oder Atomkraftwerk - Hauptsache, es läßt sich verkaufen, Hauptsache, Geld und Kapital vermehren sich, Hauptsache Ar­beitsplatz.
So werden wir von den abstrakten Notwendigkeiten der "Verwertung des Werts" beherrscht, so können wir keine ganzheitlichen, im bewußt gestalteten Zusammenhang miteinander stehenden Men­schen sein, sondern vereinzelte und vielfach gespaltene Individuen, die ohne Geld nichts sind. Dieses Verhältnis ist auch der Hintergrund des allgemeinen Wachstumswahns. Hauptsache immer mehr. Was und warum, also die eigentlichen, die inhaltlichen Fragen, werden nicht gestellt. Umweltzer­störung, Genmanipulation, Rüstung ebenso wie Vereinsamung, Brutalität und Sinnentleerung - das sind die zwangsläufigen Folgen des "sich selbst verwertenden Werts". Diese Art zu wirtschaften hat uns an den Rand des kollektiven Selbstmords getrieben. Der Ruf nach Arbeit fügt sich harmo­nisch in das Katastrophenszenario ein.
Damit wir nicht falsch verstanden werden. Wir, die wir dieses Flugblatt verfaßt haben, verurteilen mitnichten diejenigen, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind. Wir gehören ja selber dazu. Und solange sich nichts grundlegend ändert, sind auch wir auf Geldeinkünfte und Arbeit an­ge­wiesen. Aber wir suchen nach Auswegen jenseits der "Arbeit". Denn die ganze Perspektivlosigkeit des Arbeitssystems und des "Kampfes um Arbeit" liegt auf der Hand. Was unsere Welt so zugerich­tet hat, kann nicht Geburtshelferin einer besseren Welt sein. "Mehr Geld für Arbeit, Bildung, Um­welt, Soziales..." das ist gutgemeint, geht aber völlig am Kern des Problems vorbei. Für die Ret­tung vor dem kollektiven Selbstmord und erst recht für die Verwirklichung eines besseren Lebens gibt es eine unabdingbare Voraussetzung: "Wert", "Ware", "Geld", "Kapital" und "Arbeit" müssen überwun­den werden.
Total verrückt? Alle sprechen die Arbeit heilig. Von ganz rechts bis ganz links. Mit unserer Kritik der Arbeit brechen wir ein Tabu, vielleicht das größte. In einer verrückten Welt können vernünftige Vorschläge nur als verrückt erscheinen.
Wo Arbeit und Geld regieren, bleiben Menschlichkeit und Vernunft auf der Strecke. Es wird Zeit, sich nach Besserem umzusehen
Verrückt ist die Diktatur des Geldes und des Geldverdienenmüssens, unter der wir leben. Alles un­terwirft sie sich, alles verhüllt sie, alles schert sie über einen Kamm, alles richtet sie nach ih­rer abstrakten Kälte zu. Eigentlich liegt es doch auf der Hand, daß man die Krankenpflege und die Brot­herstellung, den Gemüseanbau und das Fußballspielen, die Wasserreinigung und die Schuhrepa­ratur, die Schwangerschaftsgymnastik und die Elektrizitätsgewinnung, die Sexualberatung und die Compu­terherstellung sinnvollerweise gar nicht einem einzigen Prinzip unterwerfen kann. All das erfordert vielfältige Kommunikation, Sinnlichkeit und Phantasie. Qualität statt Quantität. Das Le­ben ist nicht ungestraft in das armselige Korsett des Geldes zu zwängen.
Geld macht menschliche und vernünftige Beziehungen unmäglich. Menschlich und vernünftig wäre es, die Energieversorgung dezentral und bedarfsorientiert zu organisieren - unmenschlich und un­ver­nünftig ist es, wenn die Herrschaft des Geldes die Aufrechterhaltung von gigantischen Energie­ver­sorgungsmonopolen mit entsprechenden Überkapazitäten diktiert. Menschlich und vernünftig wäre es, die Städte von Kaufhäusern, Banken und Betonrennbahnen zu befreien und an ihrer Stelle Kinder­spielplätze, Gärten und Parks zu errichten - unmenschlich und unvernünftig ist es, wenn die Diktatur des Geldes und des Geldverdienenmüssens das verhindert. Menschlich und vernünftig wäre es, Schwache, Kranke und Alte in selbstverständlicher Solidarität als dazugehörig zu empfinden und mitzuversorgen - unmenschlich und unvernünftig ist es, sie über den Mechanismus des Geldes von unserem täglichen Leben abzusondern und als Kostenfaktoren zu behandeln. Die Herrschaft des Geldes hat unsere Beziehungen Schritt für Schritt deformiert - jetzt ist sie dazu übergegangen, uns in die soziale und äkologische Katastrophe zu manövrieren.
Hinzu kommt: Das globale Finanzsystem ist ein gigantisches Kartenhaus geworden. Es hat sich mei­lenweit von der realen Produktion entfernt. Immer häufiger erleben wir Zusammenbrüche von Fir­men, Banken und ganzen nationalen Ökonomien - wie Mexiko, Indonesien und Südkorea. IWF und natio­nale Zentralbanken können nur noch mühsam und oberflächlich gegensteuern. Regelmäßig brechen Börsen ein. Wie lange braucht es noch bis zum großen Crash auch bei uns? Die totale Geldentwer­tung, in vielen Teilen der Welt heute schon Wirklichkeit, ist auch in den Zentren des Weltmarkts zur realen Möglichkeit geworden. Statt uns in weltfremder Verrückheit darüber hin­wegzuträumen, soll­ten wir unsere Energien besser darauf verwenden, über ein Leben jenseits des Geldes nachzuden­ken....
Und: Die "wert-verwertende Arbeitsgesellschaft" gräbt sich selbst das Wasser ab. Massenweise geht das allerheiligste, was sich die "Arbeiterbewegung" vorstellen kann, die Arbeitsplätze, den Bach runter. (Und damit die "Arbeiterbewegung" selbst.) Das Schuhputzer- und McJobs-Wunder beim großen Bruder überm großen Teich überzeugt nichtmal die Doofsten. Wer glaubt denn noch ernsthaft an sowas wie "Vollbeschäftigung"? Die Mikroelektronik ist dafür verantwortlich, daß heute erstmals in der Geschichte dauerhaft mehr Arbeitsplätze vernichtet als neugeschaffen wer­den. Dieser Prozeß ist unaufhaltsam. Statt weiter vom aussichtslosen Trip zurück in die scheinbar heile 60er-Jahre-Welt zu träumen, sollten wir unsere Energien besser darauf verwenden, über ein Leben jenseits der Arbeit nachzudenken...
Widerstand und Ausstieg für ein Leben jenseits von Arbeit und Kapital, jenseits von Staat und Markt, jenseits von Geld und Ware
Leistet Widerstand. Wehrt Euch gegen jede Zerstörung, Vergiftung und Zubetonierung Eures Lebens­raumes. Gegen Rassismus, Sexismus, Ausbeutung und Kriegsvorbereitung, gegen den ganzen herr­schenden Wahnsinn. Laßt Euch vom "Argument" der Arbeitsplätze nicht mehr länger davon abhal­ten. Organisiert und erkämpft Euch Freiräume.
Befreit Euch von der Droge Konsum. Nirgendwo dürfen wir ganzheitliche Menschen sein. Immer sind wir Funktion des sich selbst verwertenden Wertes. Das gilt für die "Arbeitszeit" ebenso wie für die sogenannte "Freizeit". Die Herrschaft der Ware spaltet uns in zwei Hälften. Hie ProduzentIn, da Kon­sumentIn. Und so bietet uns die armselige "Arbeits"welt eine billige Kompensation: Den Konsum des ganzen Schrotts, den wir oder andere hervorbringen. "Ich leiste mir was, schließlich habe ich was geleistet", sagt sich das Arbeitstier und schüttet sich mit Drogen zu: Blechkarossen, Klamot­ten und noch 'nen Film, Kenia-Trip, Möbelkatalog und noch 'nen Film..., bloß nicht aufwachen und die ganze Jämmerlichkeit der eigenen Existenz mitkriegen.
Verringert Eure Arbeitszeit soweit als möglich. Wer sich vom Konsumwahn befreit wird merken, wiewenig sie/er wirklich braucht von dem ganzen Schrott, den sie uns hinter den Schaufenstern vor die Nase halten. Und daß sie/er schon heute mit viel weniger Geld, sprich Arbeitszeit auskommt, als bisher so fest geglaubt. Reduziert Eure Arbeitszeit soweit als mäglich. Umso mehr Zeit habt Ihr zum Leben, Lieben, Kämpfen, neue Wege gehen...
Versucht, neue Weg zu gehen. Entwickelt gemeinsam Ideen - egal ob ihr noch Arbeit oder schon keine mehr habt - und erprobt, wie Ihr immer größere Bereiche Eures Lebens jenseits von Ware, Geld und Arbeit organisieren könnt - beim Wohnen und in der Lebensmittelproduktion, in der Kinder- und Al­tenbetreuung, im Kulturellen und in der Bildung, beim Herstellen von Gebrauchsgütern. Kämpft um Wohnraum, Land und weitere Ressourcen...
Stürzt die heilige Arbeit von ihrem Sockel. Wir teilen uns nicht auf in "Arbeitende" und "derzeit Ar­beitslose". Wir sind entweder "schon Arbeitslose" oder "noch nicht Arbeitslose". Die Arbeit los­zu­werden hat Zukunft. Und bietet Perspektiven für ein besseres Leben. Die Arbeitslosigkeit verliert ih­ren Schrecken, wenn wir gemeinsam nach Auswegen jenseits von Geld und Arbeit suchen. Wer die Arbeit los ist, hat Zeit zum Leben, kann zusammen mit anderen Phantasie und Praxis entwickeln. Wir haben nichts zu verlieren als unsere Arbeit. Wir haben eine Welt zu gewinnen.

Aus: trend onlinezeitung für die alltägliche wut Nr. 5/1998


Nachtrag: Dieser Text hat irgendwie den Weg auf meinen Computer gefunden - wahrscheinlich deshalb, weil ich ihn bemerkenswert fand und mich bei Gelegenheit näher damit beschäftigen wollte. Ein guter Ort für diesen Text ist das Internet - deshalb veröffentliche ich den Text hier.

Berlin, 20.08.2014

Stefan Schneider