Guten Tag,

in der Dahme-Revierzeitung des Jahres 2009 erschien nachstehender Artikel von Helga & Heinz Gottschalk über einen sehr bemerkenswerten Törn mit Jollenkreuzern die Donau hinunter. Da ich tendentiell davon ausgehe, dass auch ich eines Tages auf die Idee kommen könnte, dieses Törn mit meinem Boot durchzuführen, möchte ich diesen Artikel an dieser Stelle vollständig wieder geben.

Berlin 2011, Stefan Schneider

Helga & Heinz Gottschalk, Cöpenicker Segler-Verein (CSV), Berlin

AUF DER SCHÖNEN BLAUEN DONAU - Törnbericht 2008

Das war seit den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (!) unser Wunschtraum: Einmal auf der Donau segeln - und in diesem Spätsommer 2008 konnten wir uns diesen Traum erfüllen. Zwei 15er Jollenkreuzer vom SC Wachwitz in Dresden waren mit von der Partie, und wir übten auf der Donau erstmals das Segeln in einer Flottille. Weil sich unsere SUNBEAM 25 nicht so ohne weiteres trailern lässt, haben wir für diesen Törn noch einmal unseren 1993 an Raimund Lück verkauften 15er Jollenkreuzer LIBERIAS II (C 656) mit einem 4 PS-Außenbordmotor ausgeborgt.

Zunächst trailerten wir am 4. Juli vom CSV nach Bamberg, danach folgten Eva & Lothar Blü­her mit ihrer PIT 3, einem Eigenbau. Auf den 170 km durch den Main-Donau-Kanal konnten wir uns wieder in die Handhabung des Bootes ein­üben, und ab Regensburg war dann die Flottille mit Christa&Hartmut Herrlich und ihrer FLYING P komplett. Drei Ehepaare, alle im Rentenalter, machten sich auf den Weg auf der schönen blauen Donau zum Donaudelta, wir waren mit unseren 153 Jahren die ältesten.

Von der Kreuzer-Abteilung des DSV hatten wir einen Geleitbrief erhalten mit dem Auftrag, in den Ländern beiderseits der Donau Kontak­te zu Wassersportverbänden und -vereinen zu knüpfen. Das gelang auch in Budapest und an einigen anderen Orten., und weil wir als „Delega­tion" auftraten, hatten wir von vornherein einen Bonus bei den Offiziellen. Zu dem Text hatten wir vorher die slowakische, ungarische, serbische, bulgarische und rumänische Übersetzung hinzu­gefügt. Für unsere drei Besatzungen hatten wir je ein Blatt mit den ersten 20 Wörtern und Wen­dungen in den Sprachen der Donauländer (von slowakisch bis rumänisch) vorbereitet und aus­geteilt, damit wir wenigstens BITTE und DANKE in der Landessprache sagen konnten. Dem Start waren umfangreiche Vorbereitungen vorausgegangen. Wir hatten aktuelle Törnführer an Bord und vorher haben wir die Berichte unse­rer „Vorläufer" aus früheren Jahren ausgewertet. So rechneten wir damit, dass wir bei der Einreise nach Serbien, das noch nicht EU-Mitglied ist, mit einer komplizierten „Grenzbürokratie" kämpfen müssten und hielten Crewlisten, Ausrüstungslis­ten sowie einen Bootsstempel bereit. Vom WSA Regensburg hatten wir auf Antrag einen soge­nannten Fahrterlaubnisschein für die Donau er­halten, den aber niemand sehen wollte.

Wunderschöne Landschaften und interes­sante Städte erfreuten uns auf dem 2300 Kilo­meter langen Wasserweg. Wir segelten, wenn es der Wind hergab, aber häufig musste der Motor nachhelfen. Den Motor hielten wir immer start­bereit, um Berufsschiffen, Buhnen und Sandbän­ken ausweichen zu können. Da verkehren Schub­verbände mit drei Behältern nebeneinander und drei hintereinander. Wehe dem, der einem sol­chen Koloss vors Maul kommt!

Passau, Bratislava, Budapest waren die ersten Höhepunkte. Besonders freundlich wur­den wir in Bratislava am Schiffsrestaurant von Ella & Dodo Zsoldos aufgenommen und mit ei­nem „Familienfoto" herzlich verabschiedet. In Budapest hatten wir ein Gespräch mit Herrn Starnfeld beim MAGYAR VITORLÄS SZÖVETSEG, wo wir Grüße vom Deutschen Segler-Verband, überbrachten und Informationen austauschten. Wir passierten das Eiserne Tor – es stand offen!

Hohe steile Felsen rundum! Durch die Regulie­rung der schönen blauen Donau mit mehreren Staustufen ist die Schifffahrt dort jetzt leichter. Allein in der Doppelschleuse Gabcikovo ging es 20 m hinunter. In der Mitte zwischen den bei­den Kammern begegnen sich dann Bergfahrer und Talfahrer.

Anfangs mussten wir noch an Brücken mit weniger als 9 m Durchfahrthöhe den Mast legen oder wenigstens ankippen, später trafen wir nur noch hohe Brücken an. Leider fehlt es auch auf der Donau an Brückenpegeln - die An­gaben in den Törnführern beziehen sich auf den höchsten schiffbaren Wasserstand (HSW), wir wussten aber nie, um wie viel wir uns darunter befanden.

Die ersten drei Grenzen passierten wir non­stop - Schengen sei Dank! Der Obergang nach Serbien in Bezdan gestaltete sich dann leichter als erwartet. In nur 2 Stunden (!) und mit einer Transitgebühr von 65 € (+ 5 € für den Agenten) war alles erledigt. Serbien ist der einzige Staat an der Donau, der eine Transitgebühr erhebt - wofür eigentlich? Wir haben dafür nicht einmal eine Quittung bekommen! Ab hier mussten wir uns in jedem Hafen beim Hafenkapitän anmel­den und abmelden. Die Donau ist eine internationale Wasserstraße, aber beim Anlegen an ei­nem der beiden Ufer muss man sich anmelden bzw. einklarieren. Um weiteren Formalitäten aus dem Wasserweg zu gehen, haben wir das kroatische Ufer nicht angesteuert und sind später gleich nach Bulgarien „eingereist", von dort an einem neuen Grenzübergang direkt von Silistra (BG) gegenüber nach Calarasi (RO).

In den Balkanländern unterhalb von Ungarn war es fast immer schwierig, einen halbwegs geschützten Liegeplatz für die Nacht zu finden. Manchmal durften wir am Polizeiponton fest­machen; aber eine rühmliche Ausnahme war der Yachtclub Ruse Elite, der drei Gastplätze be­reithält, wo der Hafenmeister den Gästen den Stadtplan überreicht, ein Gästebuch führt und wo es sogar eine Dusche gibt. Neun Nächte ha­ben wir im Dreierpäckchen vor Anker gelegen. Die Donau bietet mit ihren zahlreichen Buchten, Inseln und Zuflüssen dazu viele Möglichkeiten.

Ein Höhepunkt war auch unser Besuch im Altenheim des Ökumenischen Hilfswerks in Eröspuszta (H) bei Szigethälom, wo wir über einen längeren Zeitraum zweimal im Jahr jeweils zwei Wochen mitgearbeitet haben. Dort konnten wir schon die Bilder vom ersten Teil desTörn zeigen. Bela, der Leiter, hatte ein Speckessen am Feuer nach ungarischer Tradition vorbereitet, dort sangen wir auch miteinander, von Hartmut auf der Gitarre begleitet. Und weil Fahrtensegeln mehr ist als die Aus­einandersetzung mit Wind und Wellen, mit Schleusen und Brücken, haben wir in den Städ­ten fleißig Museen, Kirchen und andere Sehens­würdigkeiten besucht. Diese Länder haben ja eine interessante kulturelle Vergangenheit und Relikte aus vielen Jahrhunderten aufzuweisen. Von der ersten Donaubrücke, die der römische Kaiser Trajan bauen ließ, stehen jetzt noch Fundamente an beiden Ufern. Zweimal gelang auch eine Exkursion zu orthodoxen Klöstern im Landesinnern. In den Balkanländern dominiert die orthodoxe Kirche, und wir besuchten öfter diese Kirchen mit ihren Ikonen und der prächtigen Ikonostase, der Wand, die den eigentlichen [ Altarraum vom Kirchenraum trennt.

In Tulcea, am Beginn des Deltas, endete für uns der Törn, während FLYING P und PIT 3 noch bis zum Kilometer 0 an der Mündung weiterfuh­ren. Wir hätten mit unserem schwachen Motor den Rückweg stromauf nach Tulcea wahrschein­lich nicht geschafft und blieben daher dort. Weil es auch in Tulcea an geschützten Liegeplätzen mangelt, machten wir an der Bordwand des his­torischen Dampfers REPUBLICA fest und waren dort dem Schwell der vorbeifahrenden Schiffe und Boote voll ausgesetzt. Wir besuchten die Museen der Stadt und nahmen an einer Tages­fahrt durch das Delta mit einem Katamaran teil. Das ganze Donaudelta ist ein Biosphären-Reservat von internationalem Rang. Leider wird es mit dem Schmutzwasser der Donau und ihrem Treibgut gespeist. Daher haben wir im letzten Flussabschnitt nicht mehr in der Donau geba­det und uns mit Trinkwasser gewaschen. Um­weltschutz wird in diesen Ländern noch ganz klein geschrieben, etwa so Umweltschutz. In unserem rumänischen Wörterbuch fehlt der Be­griff. Dort ist der Traum von der schönen blau­en Donau zu Ende.

Und dann haben wir in diesen Balkanlän­dern, vor allem in den rumänischen Dörfern, ein Maß an Armut erlebt, das wir uns hier nicht mehr vorstellen können. Da hausen Bauern in einem Vorort von Tulcea auf dem anderen Donauufer in wackligen Hütten, ein Pferdewagen trans­portiert ihre Produkte - und gegenüber die Sil­houette von Plattenbauten. Eine Personenfähre vom Typ „Rostlaube" verkehrt zwischen den beiden Ufern, am Mast baumeln Schwimmwes­ten - eines Tages wird man sie benötigen ...

Der Rückweg mit dem Trailer von Tulcea nach Berlin Anfang September erforderte nur 3 Tage und verlief problemlos. An allen Liege­plätzen und in allen Orten wurden wir freund­lich aufgenommen, und wir haben viel Hilfe erfahren. Häufig konnten wir uns englisch ver­ständigen, in Ungarn ungarisch. Neue Bekannt­schaften sind entstanden, und wir haben nach dem Prinzip „Make friendship, not warship" gehandelt. So waren wir auf dem Weg von Eur­opa nach Europa - mit einer kleinen serbischen Lücke, die sich wahrscheinlich bald schließt. Die Zusammenarbeit zwischen unseren drei Mann­schaften war ausgezeichnet. Für die Verständi­gung unterwegs hatten wir lizenzfreie CB-Funkgeräte beschafft, die sich bewährt haben.

Am Ende sind es doch fast tausend Segelki­lometer geworden, aber wesentlich mehr Mo­torkilometer. Mit sechs Gastlandsflaggen kehrten wir in den Heimathafen zurück.

Wir können Fahrtenseglern empfehlen, unseren Donautörn ganz oder in Teilen nachzuvollziehen. Voraussetzung ist ein trailerbares Boot mit dem geeigneten Untersatz und einem kräftigen PKW.

Es gibt für Fahrtensegler noch viel zu erkunden auf der schönen blauen Donau!

Helga & Heinz Gottschalk

Links:

http://www.donauschifffahrt.info

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