– eine Episode in der Geschichte des Dommelwalls.

Dommelwall Luftaufnahme 2008 - Foto: Stefan SchneiderAm 27.04.2009 treffe ich Martin Blank in Kassel in seinem Büro und spreche mit ihm über Leberecht Migge und sein Projekt Sonneninsel auf dem Dommelwall, einer Insel im Seddinsee am südöstlichen Rand von Berlin an der Grenze zu Brandenburg. Vorab sagt mir Martin Blank, dass der Stand seiner Erkenntnisse dem Stand der Aussagen seiner Diplomarbeit – zusammen mit Astrid Schmid – aus dem Jahr 1994 entspricht. Wir sprechen miteinander und blicken immer wieder in seine aufwändig gestaltete Arbeit.

Leberecht Migge hat den Dommelwall 1931 vom Bezirk Köpenick gepachtet und diesen Pachtvertrag 1933 erneuert beziehungsweise verlängert. Landschaftlich gehört die Insel zum Gosener Sumpfgebiet, sie ist überwiegend sumpfig. Leberecht hat den nördlichen Teil der Insel 1932/33 aufschütten lassen mit Müll. Er  hat dazu einen Vertrag mit einer Berliner Müllentsorgungsgesellschaft geschlossen. Im nördlichen Teil der Insel entstand ein kleiner Steg, die Liegewiese befindet sich an der Westseite. Ebenfalls im nordöstlichen Teil befindet sich das von Migge gebaute Haus. Auf der Insel lebte Migge mit Liesel Elsässer. Hier lebten und wohnten später auch etliche Leute aus dem Freundeskreis von Migge, auch um den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs aus dem Weg zu gehen, da mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen war, dass diese abgelegene Gegend nicht betroffen sein würde. Liesel Elsässer hat dort offenbar bis 1945 gewohnt und gelebt. Migge war bereites 1935 verstorben. 1945 wurde die Insel von sowjetischen Soldaten besetzt und dann von den Bewohner_innen aufgegeben.

Skizze Dommelwall am Computer erstellt - Stefan SchneiderLaut Martin Blank stellt der Dommelwall die radikalste Zuspitzung des Konzepts von "Jedermann Selbstversorger" dar, nämlich eine sumpfige Insel mit städtischem Müll aufzuschütten und urbar zu machen. Über die weitere Nutzung der Insel ist wenig bekannt. Die Insel wurde mit dem Mauerbau 1961 enteignet und im Zeitraum von 1961 bis zur friedlichen Revolution 1989 von einem Kollektiv als Urlaubsinsel genutzt. Nach 1989 hat es offenbar eine Rückübertragung der Insel gegeben (an den Bezirk Köpenick) und danach gab es eine Verpachtung an einen Schmöckwitzer (?) Bürger. Liesel Elsässer war Migges Geliebte. Thomas Elsässer ist möglicherweise ihr Sohn. Migge hat – nach dem Erkenntnisstand von Martin Blank – selbst keine weiteren Dokumente über den Dommelwall hinterlassen.

Soweit mein kurzes Gedächtnisprotokoll von dem Gespräch mit Martin Blank und die Nutzung der Insel Dommelwall als Sonneninsel auf dem Seddinsee. Die Diplomarbeit selbst enthält mehrere Skizzen zur Inseln, darunter auch mehrere kartographische Bestandsaufnahmen zum Pflanzenbewuchs. Obwohl vieles inzwischen überwuchert und ggf. auch umgestaltet ist, lässt sich doch die von Migge angelegte Struktur rekonstruieren. Das Haus könnte zwischenzeitlich verfallen sein. Bodenproben und Karten und ggf. historische Luftbilder könnten Aufschluss geben über den Umfang der Müllaufschüttung und die von Migge vorgenommenen Umgestaltungen. Martin Blank zufolge ist die Insel erheblich im nördlichen Teil erweitert worden um den gesamten Bereich jenseits eines immer noch erkennbaren Grabens. Zu prüfen wäre auch, welche Akten im Bezirk Köpenick vorhanden sind und welche Aufschlüsse sich ggf. aus dem Pachtvertrag und dessen Verlängerung bzw. Erneuerung ergeben.

Dommelwall Luftaufnahme 2008 - Foto: Stefan SchneiderWeitere Quellen könnten – bislang noch nicht gefundene oder ausgewertete - Aufzeichnungen von Migge, Liese Elsässer und ihren dort zeitweise wohnenden Freunden sein. Dass es solche Quellen gibt, ist aber eher unwahrscheinlich, denn wenn die Insel eine Art Rückzugsort für Migge und seine Geliebte Elsässer war, welchen Grund sollten die beiden oder ihre Freunde gehabt haben, dies an die Grosse Glocke zu hängen? Gegebenenfalls gibt es noch geringfügige Chancen, bei den alteingesessenen Einwohner_innen von Gosen, der Ortschaft in unmittelbarer Nähe des Sees am Dommelwall, ein paar Erinnerungen an die sicher seltsamen Nutzer_innen von damals aufzufinden. Sicher reizvoll ist auch eine Begehung der Insel – allerdings unter der Maßgabe, dass dies bei der inzwischen unter Naturschutz stehenden Insel nur mit aller Vorsicht passieren sollte.

Stefan Schneider, 11.12.2010

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