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Abendstimmung - Foto: Stefan SchneiderSegelträume aus Papier

Kleine Fluchten. Es ist einer jener Abende, für die sich der ganze Aufwand lohnt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mich den ganzen Tag schon darauf gefreut hatte oder ob es ein spontaner Entschlusss war, auf jeden Fall bin ich rausgefahren nach Schmöckwitz und es ist noch ein paar Stunden hell und morgen habe ich den ganzen Tag Zeit. Das Boot ist immer nach wenigen Handgriffen segelklar und mit einem frisch aufgefüllten Trinkwasserkanister, einem Kanten Brot und den eingelagerten Bordvorräten kann ich unbesorgt jederzeit für ein paar Tage aufbrechen. So ein Segelboot ist irgendwie auch ein Fluchtfahrzeug in ständiger Bereitschaft, und das ist das Entscheidende. Ich habe noch nicht mal den Motor angeworfen. Bei mäßigem Wind hangele ich mich mit dem Bootshaken entlang den Dalben hinaus auf das offene Wasser. Das sieht nicht nur seemännisch aus, sondern ist auch ein stimmiger und vor allem ruhiger Bewegungsablauf, der allerdings Umsicht und Erfahrung erfordert. Es macht auch sichtbar Eindruck auf die Sportfreunde, die überwiegend an der Theke segeln, aber das ist eher ein Nebeneffekt.

Begegnung. Jedenfalls komme ich bei dem einschlafenden Wird gar nicht mal mehr weit, ich liege westlich von der Krampenburg im Langen See vor Anker, kaum einen Kilometer von meinem Segelverein entfernt, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass ich auf meinem Boot bin, lang ausgestreckt auf meinem Lieblingsplatz, einen schönen Milchkaffee in Reichweite, und nichts weiter zu tun habe, als den Sonnenuntergang und die Entchen zu beobachten, vielleicht später noch etwas zu lesen, mich dann in die Kajüte zu verziehen und morgen den ganzen Tag zu segeln. Aus diesem beinahe paradiesischem Glücksgefühl reißt mich abrupt einen Paddler heraus, der sich mit unbemerkt genähert hatte. Nach dem ersten Schreck – ich meine ja, alles im Blickfeld zu haben – erkenne ich Thomas. Thomas war früher mal in meinem Verein, hat mehrere Boote, offenbar jetzt auch dieses Paddelboot, und ist einer der wirklich selten in Segelvereinen anzutreffenden Segelenthusiasten. Wir reden über dies und das und jenes, und dann komme ich auf die zwei Meter Segelliteratur bei mir zu Hause zu sprechen.

Anatol Herzfeld - Traumschiff auf der Dokumenta XI in Kassel - Quelle: WikiCommons

Ballast. Zu Hause gelagerte Bücher sind wirklich ein Problem. Einmal gelesen, sind sie mehr oder weniger nutzlos und werden nicht mehr angefasst. Sie stehen so rum und setzen Staub an. Der Sinn von Büchern sollte aber darin bestehen, zu zirkulieren, gelesen und diskutiert zu werden. So sträflich allein gelassen, repräsentieren sie nur totes Wissen. Welchen Erkenntniswert hat es schon, wenn im Verborgenen notiert ist, welche Probleme Magellan im Frühjahr 1520 dazu zwingen, weiter und weiter südlich zu segeln, ohne die ersehnte Passage in den Westen finden zu können? Warum Emanuel Wynne 1700 auf seinem Schiff eine schwarze Flagge mit Totenkopf, gekreuzten Knochen und Stundenglas hisst? Welche Motivation Joshua Slocum veranlasst, am 24. April 1895 ohne jede Begleitung völlig auf sich allein gestellt Boston zu verlassen mit dem Ziel, die Welt zu runden? Welche Konsequenzen es für Gudrun Calligaro hat, als ihr 1989 im Pazifik auf Mädchen der Ruderbolzen bricht? Bücher können in der Tat zum Träumen anregen, die Phantasie beflügeln, Pläne befördern und zum Handeln anregen. Aber dazu müssen sie verfügbar sein. Auch ohne Bücher ist Segeln teuer genug und lange nicht alle Sportfreunde können sich regelmäßig Segelliteratur kaufen.

Kopfgeburten. Thomas sieht das ähnlich. Auch er hat eine kleine Sammlung von Büchern rund um das Thema segeln. Auch seiner Meinung nach sind diese Bücher in seiner Stadtwohnung nicht unbedingt optimal aufgehoben. Wenn nun mehrere Menschen ihre Bestände zusammen legen würden? Die Menge würde überschaubar bleiben. Am besten in einem Segelverein. Ein Verzeichnis müsste her, vorzugsweise im Internet veröffentlicht, für alle zugänglich. Das wäre dann eine selbstverwalte Segelbibliothek, in dem alle, die ein Buch entleihen, sich selbstverantwortlich ein- und austragen. Meine Jahrgänge vom Palstek wären dann gegebenenfalls Teil einer Präsenzsammlung mit der Möglichkeit, einzelne Artikel zu kopieren oder einzuscannen. Natürlich müsse man darüber nachdenken, wie groß das werden soll und wer sich darum kümmert. Aber heute ist es möglich, die ISBN im Rechner einzutippen und eine vollständige bibliographische Angabe zu erhalten. Alles kein Problem! In unseren Köpfen entsteht in den wenigen Minuten dauerndem Gespräch auf dem Wasser so eine mehrere hundert Bände umfassende Segelbibliothek mit Kartenmaterial und speziellen Sammelgebieten, einer Piraterieabteilung, spannenden Segelfilmen, die wir schon immer mal sehen und etlichen raren Sammlerstücken, die wir schon immer mal lesen wollten. In irgendeinem geeigneten Raum bei einem der Segelvereine in unserer Nähe, am Langen See. So sprechen wir und verabschieden uns. Thomas paddelt zurück zu seinem Verein und ich beobachte weiter die Entchen.

Lalliopi Lemos - At Crossroads 2009 - Berlin - Foto by Theore ScrivanosSegelträume aus Papier. Seit dieser Begegnung im Jahr 2010 ist scheinbar nicht viel passiert. In Wirklichkeit lässt mich diese Idee die ganze Zeit nicht los. Die Segelbücher und die Jahrgänge vom Palstek haben meine Stadtwohnung verlassen und befinden sich nun in meiner Kammer auf der Segelgelände. Ende Januar 2012 sind die Bestände mit www.zotero.org - es wäre auch ein anderes open source Bücherverwaltungsprogramm vorstellbar - digital erfasst und auf meiner Homepage veröffentlicht. Damit ist alles verfügbar, anfragbar, ausleihbar. Alles weitere wird zu besprechen sein. Natürlich gibt es auch schon Bedenken: Die Schätze verschwinden, der Schrott bleibt zurück und versinkt im Chaos. Wer soll sich um als das kümmern? Möglicherweise benötigen wir gar keine reale Bibliothek. Vielleicht ist es damit getan, wenn interessierte Menschen ihre Bestände erfassen und nutzbar machen in Form einer virtuellen Segelbibliothek und sich im Bedarfsfall einfach frei verabreden und dabei neue Kontakte entstehen. Wie genau es weiter gehen kann, ist offen – aber das ist beim Segeln ja oft auch nicht anders. Und im Zweifelsfall wird immer noch auf dem Wasser gesegelt. Aber die Ideen dazu, die entstehen im Kopf.

Dr. Stefan Schneider,
Segler in der Wassersportvereinigung am Langen See e.V. (WLS)

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Informationen: www.drstefanschneider.de/segelbibliothek

Stefan Schneider Segelseiten: www.drstefanschneider.de/taktojest.html
Segelverein: www.wls-ev.de
Software: www.zotero.org

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