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Workshop auf dem Studierendentreffen der Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs - Ärzte in Sozialer Verantwortung e.V. vom 5. - 7. November 2010 in Jena

Wohnen

Obdachloser - Foto: Henning Hraban Ramm, pixelio.de

Die Tätigkeiten, die wir mit dem Wort wohnen zusammen fassen, sind äußerst komplex, weil in der Wohnung sehr viele Bereiche, Aspekte und Dimensionen unseres Lebens  gebündelt und fokussiert sind.

Zu nennen sind Aspekte wie schlafen, essen, duschen, ausruhen, sauber machen, Themen wie Hygiene, Gesundheit, Körperpflege, Toilette, Dimensionen wie Büro, Arbeitsraum, Lernen, Schreiben, Gastfreundschaft, Kochen, Platz für Hobbys, Religion praktizieren und Wohnraum gestalten. Zur Kommunikation gehören TV, Radio, Internet und Lesen, Partys feiern und Sex haben. Auch formale Dinge wie Miete zahlen und eine Postadresse haben gehören zu einer Wohnung. Von der Lagerung von persönlichen Gegenständen über einem Empfangsraum für andere ist die Wohnung auch Ort für Kreativität und letztlich Ausdruck von Persönlichkeit. Sie bietet Entspannung, Rückzug, Geborgenheit und vor allem Schutz. Sie ist damit Voraussetzung für Wärme, Familie, Ruhe und Privatsphäre. Zusammengefasst ist es möglich, in einer Wohnung so zu sein, wie man selber sein möchte, selbstbestimmt und, wie von einem Seminarteilnehmer angemerkt wurde, auch – bisweilen – faul.

Wohnen ohne Wohnung

Wohnungslose stehen vor dem Problem, diese Tätigkeiten des Wohnens ohne Wohnung realisieren zu müssen. Wie geht das und vor allem: Wie fühlt es sich an?

Für einige Lebensbereiche gibt es Möglichkeiten der Kompensation. So kann die Aufgabe der Ernährung durch den regelmäßigen Besuch von Suppenküchen und weiteren Einrichtungen dieser Art gelöst werden. Post wird beispielsweise zu einem Problem, es muss eine Postadresse organisiert werden, und auch hier ist es nur dann möglich, die Adresse von einem Freund anzugeben, wenn ein Wohnungsloser einen Freund hat. Für die Aufgabe Toilette und Hygiene muss auf öffentliche Toiletten zurückgegriffen werden, etwa auf Bahnhöfen. Die öffentlichen Toiletten sind häufig in einem schlechten Zustand oder aber ihre Nutzung ist mit zusätzlichen Kosten verbunden. Ähnlich verhält es sich mit dem Duschen, was prinzipiell zwar in Schwimmbädern möglich ist, aber ebenfalls mit Kosten verbunden ist. Das Waschen in öffentlichen Brunnen ist nur in der warmen Jahreszeit möglich und könnte aber von anderen Bürger_innen als öffentliches Ärgernis wahrgenommen werden, weshalb diese Variante nur sehr eingeschränkt praktikabel ist. Auch für die wichtige Grundfunktion des Lebens, das Schlafen, wären einige Varianten ohne Wohnung möglich, die aber allesamt mit unterschiedlichen Risiken und Gefährdungen  verbunden sind. Genannt wurde: Schlafen im Zelt, im Schlafsack draußen, in der S-Bahn, an öffentlichen Orten, auf Lüftungsschächten (wegen der Wärme), In Wohnheimen, im Knast oder Krankenhaus, auf Zeitungen, die wärmen bzw. isolieren, in Unterführungen, Hauseingängen, Kellern, Dachböden, leergezogenen Abrißhäusern, bei Bekannten oder Familienangehörigen, oder die Suche nach Übernachtungsplätzen in Internetportalen wie z.B. Couchsurfing. Ein Grundsätzliches Problem ist die Kälte und die damit verbundenen Gefahren für die Person. Intensiv wurde diskutiert, welche Vor- und Nachteile die Nutzung von Einrichtungen für Wohnungslose und speziell Notunterkünfte haben können, beispielsweise die zwangsgemeinschaftliche, fremdbestimmte Unterbringung. Ein wichtiger Aspekt ist das fast vollständige Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten. Einsame Plätze  in der Natur aufzusuchen oder Bibliotheken zu nutzen ist nur bedingt möglich und effizient. So ist der Konsum von Alkohol und / oder Drogen allgemein auch als Strategie zur Entspannung anzusehen.

Die gemeinsam erarbeitete Zusammenfassung lautete: Die Sicherung vom Überleben rückt an zentrale Stelle – kreative Lebensgestaltung wird deutlich schwerer. Leben ohne Wohnung ist anstrengend, dauert Zeit und kostet Kraft. Daraus ergeben sich schwerwiegende gesundheitlichen Folgen des Lebens ohne Wohnung für Körper und Psyche.

Zahlen und Problemlagen

Zunächst zu den Zahlen: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. schätzt die Zahl der Wohnungsnotfälle im Jahr 2009 auf 330.000 Personen (2007: 350.000), davon sind tatsächlich wohnungslos aber untergebracht 227.000 Personen (2007: 242.000) und von Wohnungslosigkeit bedroht 103.000 Personen (2007: 108.000). Tatsächlich auf der Straße leben geschätzt 20.000 Menschen (2007: 21.000). Hinzu kommen weitere spezifische Probleme, etwa die sog. Dunkelziffer, also Menschen, die weder erfaßt, geschätzt noch als wohnungslos wahrgenommen werden, psychisch kranke Wohnungslose, hochgradig suchtkranke Wohnungslose, die Situation von Frauen (mit Kindern) auf der Straße, Wohnungslose mit Hunden und auch die Situation wohnungsloser Migrant_innen, deren Anteil seit Jahren kontinuierlich am Steigen ist.

Gesundheitssituation Wohnungsloser

An gesundheitlichen Folgen (langzeitiger) Wohnungslosigkeit wird in der Literatur genannt: Erkältungen, Grippe, Hautekzeme, Eiterherde und Abszesse am ganzen Körper, innere und äußere Verletzungen (zum Beispiel Schürfwunden und Quetschungen), Geschwüre der inneren Organe, Allergien, Pilzinfektionen, Frostbeulen und Erfrierungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Schäden der Wirbelsäule, Krankheiten der Atemwege, Krankheiten durch Fehl- und Unterernährung, Abwehrschwäche und schlechtes Blutbild. Weiter Aspekte sind die fehlende medizinische Betreuung, ungenügende ärztliche Untersuchungen, keine oder minderwertige Medikamente, unzureichende Hygiene, Unsauberkeit, mangelnde Waschgelegenheiten, schmutzige Kleidung, Gestank. Hinzu kommen die Exposition gegenüber der Witterung wie Hitze, Kälte, Regen und Schnee, mangelnde körperliche Erholung, dazu die unzureichende Ernährung, Verzehr verdorbener Nahrungsmittel, Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, Auszehrung. Im weiteren Diskurs wird auf psychosozialer Ebene debattiert der Mangel an Disziplin, die Diskriminierung durch die übrige Bevölkerung, Vereinsamung, Verzweiflung, Widerstand der wohnungslosen Menschen gegen die übrige Bevölkerung, psychische Krankheiten (Psychosen, Schizophrenie, Depressionen...) sowie die Abhängigkeit von Drogen. Zu berücksichtigen ist  auch ein deutlich gesteigertes Risiko, als Wohnungsloser Opfer zu werden von gewalttätigen und sexuellen Übergriffe wie zum Beispiel Vergewaltigungen, Diebstahl, Raub, vereinzelt auch körperliche Gewalt bis zum Totschlag und Mord. Das offensichtlichste Problem allerdings ist der Tod durch Erfrieren im Winter; zum Anfang der 1990er Jahre starben etwa 20 Obdachlose durch Erfrieren jedes Jahr in der BRD, mittlerweile liegt die Zahl bei 8 bis 15 Toten. Gerhard Locher (1990) kommt auf Grundlage seiner Studie zu folgender, die Gesundheitssituation Wohnungsloser zusammenfassende Aussage: "Wohnungslosigkeit kostet im Durchschnitt 10 Lebensjahre."

Hilfeangebote

Projekte der medizinischen Versorgung bewegen sich in dem breiten Spannungsfeld zwischen Prävention – also in diesem Fall mit Strategien, das Auftreten von Wohnungslosigkeit überhaupt zu vermeiden und zu verhindern, einer Zwei- oder Drei-Klassen-Medizin und der Notwendigkeit einer Sterbebegleitung. Kurz vorgestellt und debattiert wurden Berliner Angebote wie das Gesundheitszentrum für Obdachlose von Jenny de la Torre in Berlin – Mitte, das Arztmobil für Wohnunglose von der Caritas und das Projekt der Malteser Migranten Medizin, ein Angebot, dass auch Wohnungslose ohne Papiere zu versorgen sucht.

Gegenstand der Debatte an dieser Stelle des Workshops war die Frage, wie, an welcher Stelle und mit welcher Strategie Mediziner_innen hier Verantwortung übernehmen könnten.  Wichtigstes Ergebnis dieser Debatte war, dass unterschiedlichste Ansätze wie die konkrete Hilfe in spezilisierten Projekten, das Fördern von Forschung und wissenschaftlicher Debatte, aber auch das Eintreten in Krankenhäusern für diese Personengruppe oder das Problematisieren der Frage der Versorgung wohnungsloser Menschen in Ärztlichen Vereinigungen oder im Kontext von gesundheitspolitischem Engagement nicht gegeneinander auszuspielen oder unterschiedlich zu bewerten sind, sondern daß alle diese Elemente auf den jeweiligen Ebenen und innerhalb unterschiedlicher Strukturen und je nach persönlichem Arbeits- und Berufskontext und individueller Priorität durchaus Teile einer Gesamtstrategie sein können. Dass also die unmittelbare Versorgung wohnungsloser auf der Straße und eine Gesundheitspolitik, die für Prävention und soziale Sicherung zur Vermeidung von Armut und deren Gesundheitsrisiken wirbt, zusammen gehören und einander ergänzen.

Medien

Autor/ Referent

Dr. Stefan Schneider, Sozialwissenschaftler aus Berlin, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Wohnungslosigkeit, Armut und Teilhabe und hat zusammen mit Betroffenen Selbsthilfeprojekte wie Straßenzeitungen, Notübernachtungen und offene Treffpunkte aufgebaut, die heute noch bestehen.

Gegenwärtig leitet er das Europa-Institut für Sozialwissenschaften & Partizipation (www.eisop.org) Umfassende Informationen, Texte und Materialien sind auf seinem Blog www.drstefanschneider.de zu finden, kurze Infos aller Art bloggt er bei Twitter unter @doc_schneider