Mühsam, wirklich Mühsam: "unpolitische Erinnerungen"

Marx und Engels hatten bekanntlicherweise ein etwas seltsames Verhältnis zu - Pennern. Oder sagen wir besser, gar keins. Zwar hat sich einer von den beiden in seinen früheren Jahren etwas intensiver mit der Thematik des Suchens und Findens befaßt, da ging es um die Brennholzfrage und um das Problem, ob es denn in Ordnung sei, arme Leute, die einfach so zum Bruchholz sammeln in den Wald des Landesherren latschen, schlichtweg, um in großer Not den eigenen Ofen zu heizen und so im Winter den Arsch halbwegs warm zu halten, einfach am nächsten Baum aufzuknüpfen. Also eine klassische "Mundraubdebatte". In systematischer Hinsicht jedoch wußten die beiden Jungs mit Pennern wenig anzufangen, schließlich konnte sich - in ihrem Denken - nur die Arbeiterklasse und sonst niemand gegen die geballte Macht der Kapitalisten organisieren (im gegenwärtigen digitalen Kapitalismus sieht das noch mal ganz anders aus, aber dies ist ein anderes Thema) und bestenfalls gab es da noch die "industrielle Reservearmee", das Heer der Arbeitslosen, das es edanklich zu berücksichtigen galt. Aber all die anderen? - Lumpenproletariat! Und was folgt aus Armut? Die klassische Verelendungstheorie - wenns den Leuten nur schlecht genug geht, werden sie schon aufständig! - ein Versuch, den Ansatz von Marx/Engels weiter zu denken, ist seit Jahrzehnten praktisch widerlegt: Aus Armut allein folgt erstmal - garnichts!

Aus diesem Grund ist Erich Mühsam (geboren 1878, Anarchist, Sozialist, Mitglied im Zentralrat der "Räterepublik Bayern", Dichter und Autor, von den Nazis in der Nacht vom 09. auf den 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg bei Berlin erdrosselt) interessant:

  1. Mühsam war Penner, Schnorrer und Stromer: Zwischen 1904 bis 1909 reiste er permanent fast mittellos durch Europa mit längeren oder kürzeren Stationen in Zürich, Paris, Ascona, Lausanne, Genua, Wien und Berlin. Um sich über Wasser zu halten, schickte er an seinen Verleger auch schon mal Briefe mit der Bemerkung: "Sollten Sie den Artikel nicht nehmen, so pumpen Sie bitte, bitte irgendwen um 30, 40, 50 Franken für mich an."
  2. Mühsam schlug sich durch: Die bürgerliche Vossische Zeitung bestellte für ihre wöchentliche Beilage "Unterhaltungsblatt" bei ihm eine Artikelfolge, die seine "dringlichsten Existenznotwendigkeiten" (Mühsam) garantierte. Die Zeitung druckte in den Jahren 1927 bis 1929, also etwa zeitgleich zu den Aktivitäten der "Bruderschaft der Vagabunden" Mühsams "Erinnerungen" - unter der Bedingung, daß sich der notorische Agitator aus politischen Fragen heraushält. Die in diesem Zeitraum gedruckten Artikel sind Grundlage der "Unpolitischen Erinnerungen".
  3. Mühsam arbeitete an einer Theorie zu Armut: Nach seinem Konzept steht die Arbeiterklasse "... in der Mitte zwischen Burgeoisie und Tschandala, auf deren Seite nur noch die unorganisierten Gruppen kämpfen: Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler." (in Die Fackel).
  4. Mühsam denkt Kunst, Anarchie und Selbsthilfe zusammen: ".... die antipolitische Tendenz des Anarchismus und das anarchistische Prinzip der sozialen Selbsthilfe sind wesentliche Eigenschaften der Bohemenaturen." (in Die Fackel).
  5. Mühsam ist ein großer Befürworter von permanentem Sex "unbekümmert um alle Konventionen und gesellschaftlichen Vorurteile".
  6. Mühsam liefert die eine oder andere Vision: "Die Not lehrt, daß eine frohe Welt erkämpft werden muß, eine Welt, in der wieder Freude und Lachen Raum hat, aber nicht als Vorrecht rebellierender Außenseiter, sondern als Inhalt des Lebens und der befreiten Menschheit".

Mühsam ist ein wichtiger Theoretiker, dessen Gedanken heute wieder aktuell sind. Jedenfalls ist sein Buch, von der Edition Nautilus im letzten Jahr herausgegeben, ein guter Anlaß, mal wieder ein bißchen zu kramen im Früher. Ob es wirklich stimmt, daß Mühsam in Wärmestuben vor Obdachlosen agitiert hat und was dabei herausgekommen ist und warum es nichts gebracht hat.

Stefan Schneider

Mühsam, Erich: "Unpolitische Erinnerungen". Mit einem Nachwort von Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus 2000, 220 Seiten, 40 Bilder, 36 DM

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