Schneider, Stefan: Über die Quadratur des Kreises oder: Arbeiten, um zu (über)leben? Berlin 2004

Ein Beitrag über die unterschiedlichen Arten der (Mit-)Arbeit beim strassenfeger und mob e.V. Vom Zeitungsverkauf über Praktikum und ehrenamtlicher Mitwirkung und die unterschiedlichen Möglichkeiten, Arbeit abzuleisten und die Schwierigkeit, alles das zusammenzubinden.

„Guten Tag, ich bin der Alex, bin seit zwei Jahren obdachlos, und verkaufe hier die neueste Ausgabe vom Obdachlosenmagazin strassenfeger ...“ Wahlweise könnte es auch motz oder Stütze heißen. So oder so ähnlich beginnen die Sprüche, mit denen Verkäuferinnen und Verkäufer der Berliner Straßenzeitungen sich vorstellen, um ihr Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Sie haben für die Zeitung 40 Cent an der Ausgabestelle bereits im voraus bezahlt, und versuchen nun, durch den Verkauf der Zeitung 80 Cent für ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Aus Leserumfragen ist bekannt, dass die Zeitungen zum überwiegenden Teil gekauft werden, um den Verkaufenden direkt zu unterstützen, und weniger wegen des Inhalts. Ist Zeitungsverkaufen deshalb Bettelei? Aus Sicht der Sozial- und Arbeitsämter keineswegs. Bezieht einer der Verkaufenden Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, wird der Zeitungsverkauf als Zuverdienst angesehen und wird, sobald er einen bestimmten Freibetrag übersteigt, auf die Sozial- oder Arbeitslosenhilfe angerechnet. Nicht alle Verkäuferinnen und Verkäufer sind völlig mittellos, einige haben den Gang zu den Behörden wieder geschafft, beziehen diese Leistungen und versuchen, durch den Verkauf der Zeitung halbwegs finanziell über die Runden zu kommen.

Auch in anderer Hinsicht ist Zeitungsverkauf Arbeit: Es geht um eine Ware, in diesem Fall ein Presseerzeugnis, welches durch eine konkrete Person, hier den Verkäufer oder die Verkäuferin auf der Straße, angeboten wird zu einem festgesetzten Preis. Der Verkaufende muss sich auf die Kunden zu bewegen, das Produkt bewerben, versuchen, Käuferinnen oder Käufer zu finden. Im Unterschied zu normalen Arbeitsverhältnissen steht der Verkäufer und die Verkäuferin aber in keinem Vertragsverhältnis zum Verlag, sondern handelt in eigener Sache. Er oder sie bestimmt eigenverantwortlich, wo, wann und wie lange er versucht, die Zeitung an die Kundin oder den Kunden zu bringen.

Wie bei den anderen Zeitungen motz und Stütze, betreibt auch der Verleger des strassenfeger – ein Verein namens mob – obdachlose machen mobil e.V. – weitere soziale Projekte. Im Fall vom strassenfeger/ mob e.V. sind dies eine Notübernachtung, ein offene Treffpunkt, das Projekt trödelpoint - Gebrauchtwarenladen und Wohnungseinrichtungen, alles in der Prenzlauer Allee 87 gegenüber dem S-Bahnhof Prenzlauer Allee – und ein Selbsthilfewohnhaus in der Oderberger Str. 12 in Berlin Prenzlauer Berg.

Fragt man die Verantwortlichen bei mob e.V. zu der Zahl der Angestellten, gibt es eine seltsame Antwort: Ja, insgesamt über 200 Menschen würden bei mob e.V. und den Projekten mitwirken, aber kein einziger sei angestellt, und auch der Vorstand arbeitet ehrenamtlich.

Genaueres Nachfragen ergibt dann folgendes Bild: In der Redaktionsgruppe arbeiten etwa 20 Menschen mit, im Vertrieb der Zeitung an den Ausgabestellen 15, der Treffpunkt Kaffee Bankrott wird durch ein Team von etwa 25 Leuten bewirtschaftet (im einem Zwei-Schicht-Betrieb von (8:00 bis 20:00 Uhr und Wochenendöffnung), um die Notübernachtung kümmern sich 10 Personen, im Trödel arbeiten insgesamt 35 Leute mit (Disposition, Lager, Fahrer, Beifahrer usw.), dann nochmals etwa je 5 Leute in der Buchhaltung und in der Computerabteilung, und weitere 10 Leute, die sich die Büroarbeit teilen. Die Betonung liegt dabei immer auf Mitwirkende, Mitarbeiter. Dazu kommen dann nochmals etwa 60 bis 80 Menschen, die den strassenfeger mehr oder weniger regelmäßig verkaufen, von den gelegentlichen Verkäufern ganz zu schweigen.

Aber, was heißt nun Mitwirkende?

Ein großer Teil dieser Mitwirkenden kommt von den Sozialämtern, sind Sozialhilfebezieher und haben bei mob e.V. und den einzelnen Projekten die Möglichkeit, gemeinnützige zusätzliche Arbeit abzuleisten. Das sind 40, in Ausnahmen auch 60 Stunden im Monat, also 10 – 15 Stunden in der Woche. Werden sie abgeleistet, gibt es dafür auf dem Sozialamt Geld zusätzlich zur Sozialhilfe, 1,50 € pro Stunde, also 60 oder 90 € zusätzlich.

Ein weiterer großer Teil der Mitwirkenden kommt von den Sozialen Diensten der Justiz und hat die Aufgabe, „Arbeit statt Strafe“ abzuleisten. Da wird also beispielsweise eine Person zu einer Geldstrafe in Höhe von 300 € verurteilt, meinetwegen wegen Schwarzfahren. Die betreffende Person hat aber kein Geld, um diese Strafe zu bezahlen, dafür aber die Möglichkeit, den Betrag beispielsweise in 30 Tagessätzen zu je 10 € abzuarbeiten. Wobei die Höhe des Tagessatzes je nach Einkommen berechnet wird und schwankt. Und jeweils 6 Stunden Arbeit zählt als ein abgeleisteter Tagessatz. Demnach sind also 30 Tagessätze in 6 Wochen abgearbeitet, immer vorausgesetzt, die Person arbeitet an 5 Tagen in der Woche.

Ausserdem arbeiten bei mob e.V. viele Ehrenamtliche und Freiwillige, darunter ein Freiwiliger aus Brasilien, dazu gegenwärtig genau 4 Praktikanten, jeweils eine(r) in den Bereichen Verwaltung, Redaktion, Notübernachtung, Trödel, sowie ein Zivildienstleistender in der Redaktion und ein Heilerzieher im Berufsanerkennungsjahr.

Ein sehr wichtiges Moment in dieser Form der Personalorganisation ohne „eigene“ feste Mitarbeiter sind weitere 12 Personen, die gegenwärtig mit einem „Jahresvertrag“ bei mob e.V. als „Einsatzstelle“ arbeiten. Dazu gibt es verschiedene Förderinstrumente, „Hilfe zur Arbeit“, „Integration durch Arbeit“ mit oder ohne Qualifizierung. Arbeitgeber ist in diesen Fällen das Sozialamt oder ein Träger, der eine durch das Sozialamt geförderte Maßnahme durchführt. Dahinter steht die Idee, dass es besser ist, die Sozialhilfe in einen Arbeitsvertrag zu investieren, als dass ein an und für sich arbeitsfähiger Sozialhilfeempfänger zu Hause sitzt. Menschen, die einen solchen Arbeitsvertrag haben, arbeiten bei mob e.V. in ziemlich allen Bereichen mit – im Treffpunkt, in der Redaktion, im Trödelprojekt, in der Verwaltung usw. –und stellen so etwas wie das Rückgrat dieser Projekte dar, ganz einfach, weil sie öfter und länger da sind als so manch ein Mitwirkender, der „nur“ ‚gemeinnützige zusätzliche Arbeit’ oder ‚Arbeit statt Strafe’ ableistet. Und auch der Status von Freiwilligen und Ehrenamtlichen zeichet sich dadurch aus, dass die ‚können’, aber nicht ‚müssen’.

Aus allen diesen Gründen ist die Mitarbeitergruppe bei mob e.V. äußerst vielschichtig und gegensätzlich. Junge Leute, die diesen Arbeitsbereich kennen lernen wollen, gehören dazu ebenso wie akut Obdachlose, die durch ihre Tätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. Menschen, die vom Sozialamt kommen, und entweder obdachlos waren oder aufpassen müssen, nicht obdachlos zu werden. Insolvente ehemalige Selbstständige, die jetzt von Sozialhilfe leben wie arbeitslose Facharbeiter, die von Arbeitslosengeld oder –hilfe nicht mehr leben können und bei mob e.V. ihre Geldstrafe abarbeiten, verarmte Nachbarn, die sich nicht mehr leisten können, in eine Kneipe zu gehen und statt dessen in unseren Treffpunkt kommen, Übernachter unserer Notübernachtung, die den Eigenanteil von 1,50€ nicht aufbringen können und dafür sich irgendwo nützlich machen und weiteres mehr.

Nicht zuletzt diese bunte Mischung trägt dazu bei, dass die Angebote von mob e.V. irgendwie funktionieren und die nicht immer einfachen Herausforderungen bewältigt werden. Chaotische Professionalität ist das Stichwort, welches die Arbeit beim strassenfeger wohl am besten beschreibt. Obdachlose sind nicht unter sich, sondern ganz unterschiedliche Menschen treffen in den Räumen und Arbeitsorten aufeinander und müssen sich arrangieren, dürfen sich begegnen und können voneinander lernen.

Ob es so weitergehen kann, steht in den Sternen. Die meisten Jahresarbeitsverträge, von denen oben die Rede war, laufen im Verlauf des Jahres 2004 aus. Zur Zeit schließen die Sozialämter mit Hinweis auf die Hartz-Gesetze keine neuen Arbeitsverträge ab, mit dem Hinweis, dass die Zuständigkeiten sich in Zukunft sowieso ändern werden. Ob es das Instrument der gemeinnützigen zusätzlichen Arbeit weiterhin geben wird, ist unklar. Zur Zeit werden einige ABM-Projekte gestartet mit einer Laufzeit von 6 Monaten. Ein Zeitraum, der völlig undiskutabel ist. Ein neuer Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin braucht wenigstens 4 Wochen, um sich einzugewöhnen, dann kommen Urlaubsansprüche dazu, auch mit Krankheitsausfällen ist zu rechnen, und 4 Wochen vor Ende des Förderzeitraums sind die meisten Menschen mit ihren Gedanken auch nicht mehr bei der Sache.

Sicher wird es in Zukunft noch Praktikanten und Praktikantinnen geben, Ehrenamtliche und Mitarbeiter, die Arbeit statt Strafe ableisten. Aber ob damit allein die Arbeit in Redaktion und Vertrieb, in Treffpunkt und Notübernachtung, im Gebrauchtwarenkaufhaus und bei den Wohnungseinrichtungen sowie im Büro getragen werden kann, ist zu bezweifeln. Es ist nicht so, dass damit mob e.V. und seine Projekte grundsätzlich in Frage gestellt sind, wohl aber muss der Verein überlegen, wie er langfristig seien Personalentwicklung gestalten will, wenn bestimmte Förderinstrumente nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine Strategie wird sein, stärker als bisher die Unterscheidung vorzunehmen zwischen vorwiegend sozialen Angeboten (Notübernachtung, Treffpunkt) und vorwiegend wirtschaftlichen Unternehmungen (strassenzeitung und Gebrauchtwarenhandeln).

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es eine weitere Zellteilung geben, und neben dem sozialen und gemeinnützigen Verein mob e.V. wird es eine kommerzielle und gewinnorientierte Firma geben, die ganz klar nur eine Aufgabe hat: Geld zu erwirtschaften und Arbeitsplätze zu schaffen. Und genau hier liegt die Brisanz: Dies zu tun der Sinn jeder Firmen- und Existenzgründung. Dies aber zu versuchen mit Menschen, die aufgrund ihrer Obdachlosigkeit oder Arbeitslosigkeit seit Jahren nicht mehr an kontinuierliche Arbeit gewöhnt sind und vielleicht auch gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage sind, gleicht einer Quadratur des Kreises. Oder, anders gesagt: Wenn nur die Besten überhaupt für solche kommerziellen Jobs in Frage kommen, ist mob e.V. jedenfalls teilweise gezwungen, etwas zu tun, was der Verein nie wollte, nämlich Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren.

An den Rändern der Gesellschaft – in diesem Fall bei den Obdachlosen und Armen – ist also zu erkennen, wie viel Reste an Solidarität es noch gibt. Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich nochmals durch die beschlossene Hartz-Gesetzgebung, und Selbsthilfeprojekte wie mob e.V. haben alle Hände voll zu tun, weiterhin durch eigenwirtschaftliche Tätigkeiten am Leben zu bleiben und zugleich so viele Leute auf diesem Weg mit ein zu beziehen, wie nur irgend möglich.

Stefan Schneider

Veröffentlicht im Strassenfeger 04/2004

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