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Für die planmäßige Körperverletzung von Obdachlosen in ihrer Massennotunterkunft in der Lehrter Straße im Rahmen der Kältehilfe kassiert die Berliner Stadtmisson angeblich bis zu 19 Euro Kopfgeld pro Person und Nacht aus öffentlichen Mitteln. Zwei Berliner Bürger besuchten in einem Selbstversuch incognito dieses Angebot und berichten ihre Erfahrungen.

Berlin, 24. Februar 2003. Halb fünf. In den letzten Stunden des nachmittags stellt sich Lampenfieber ein. Der Wetterbericht für die kommende Nacht kündigt Temperaturen von minus zwei Grad an. Was ist, wenn mich jemand erkennt? Rüdiger bringt mir eine Hose, einen gemusterten Pullover, leiht mir seine Wollmütze. Sowas würde ich freiwillig nie tragen. Dann noch mal nach Hause. Die unauffällige Brille, die kaputten Schuhe, meine Medikamente, zwei Kugelschreiber, Tabak und Blättchen und ein Feuerzeug in den Jutebeutel. Alles andere bleibt hier: Papiere, Geld, Arbeitstasche. Wälze mich hin und her im dreckigen Treppenflur, fahre mir über Haare und Gesicht. Noch ein bißchen im Strassensand kratzen, und ich habe dreckige Fingernägel. Klopfe mir den Staub ab. In der U-Bahn finde ich eine alte Zeitung im Papierkorb, eine leere Dose Bier, stecke beides ein. Nehme Haltung an. Gebückt, tranig, verschlafen. Unterwegs falle ich immer wieder aus der Rolle: Der Gang ist zu aufrecht, der Blick zu klar. Aber die Veränderung wirkt: Vereinzelt werde ich voller verachtung angeschaut, beobachte ich aus den Augenwinkeln. Um halb neun bin ich mit Andreas verabredet.

Die Zahl der Wohnungslosen ...

Halb neun. Ich treffe Andreas in Ronnys Wohnung bei der abendlichen Doppelkopfrunde. Alkohol auf dem Tisch, auch scharfe Sachen. "Ich bin schon ganz besoffen", sagt er seltsam überdreht. Ich habe Andreas noch nie Angetrunken erlebt. Meine Beklommenheit wächst. Er geht sich umziehen. Eine fast leer Flasche Jim Beam steht auf dem Tisch. Nimm einen Schluck, damit Du wenigstens eine Fahne hat. Das mir als Alkoholiker. Widerwillig gurgele ich das Zeug, und spucke alles auf meinen Pullover. Jetzt habe ich eine Fahne. Nimm den Schlafsack mit, sagt Wilfried. Ich zöge, denn warum sollte es mir besser gehen als anderen Leuten. Nimm den Schlafsack mit, insistiert Wilfried, die Isomatten sind bewohnt und du kriegst das Zeug nicht los, da kanst Du alle Klamotten wechseln und am nächsten Tag Duschen so lange Du willst, Du kriegst das Zeug nicht los, das kratzt tagelang. Ich gebe nach und in eine zerrisse Plastiktüte stopfen wir Ronnys sauberen Schlafsack. Inzwischen ist Andreas fertig. Wir geben unsere Schlüssel ab, verabschieden uns und ziehen dann los.

Das sogenannte "System" der Kältehilfe wurde im Winter 1993/94 erstmalig eingerichtet ...

Neun. Andreas ist wirklich besoffen. Er schwankt und ist ein bißchen euphorisch: Ich weiß gar nicht wo das ist: Ich weiß auch nicht mehr als Lehrter Straße. Wir fahren mit der Strassenbahn bis zum Hackeschen Markt und steigen dort um in die S-Bahn. Auf dem Weg zu Strassenbahn denke ich darüber nach, ob ich mir noch in die Hosen pissen soll. Ich lasse es. Es wäre zuviel des Guten. Andreas läuft brav hinterher. Lehrter Bahnhof, trostlos, direkt am Kanzleramt. Lange Gänge, lange Treppen, kaum Beleuchtung. Inzwischen ist es halb 10.

***

Halb eins. Wir sitzen im Gang und rauchen. Ein neuer Gast kommt, setzt sich zu uns. Aus seiner Tasche fallen Pommes. Er zieht ab in den großen Raum, wo inzwischen fast alle schlafen. Ein Betreuer kommt. Schließt eine Stahltür auf, geht rein, schließt ab. Schließt auf, geht raus, schließt ab. Das Spiel wiederholt sich mehrmals. Offenbar Schichtwechsel. Die Pommes bleiben liegen. Eine ältere Frau schlafwandelt barfuß aus dem Schlafraum, läuft über die Pommes, murmelt etwas unverständliches, geht wieder zurück. An ihren Knöcheln beobachtet Andreas eine offene Wunde. Andreas ist schlagartig nüchtern und holt noch mal Kaffe für uns. Der Kaffe ist dünn.

Die Berliner Stadtmission ...

Eins. Noch immer kommen Leute, die sich gleich hinlegen. Mein Schlafsack liegt irgendwo im Aufenthaltsraum. Ob ich eine Decke brauche, oder ein Kopfkissen, oder eine Isomatte, hat mich bislang noch keiner gefragt.

Halb zwei. Zeit, schlafen zu gehen. Vorsichtig tapse ich in den großen Kellerraum. Schnarchen überall. Im Halbdunkel erkenne ich einen Bekannten. Fast alle Stühle belegt. Drei Stück in einer Reihe ergibt einen Schlafplatz. Viele liegen auf dem Boden. Ohne Decke. In ihren Sachen. Einfach hingestreckt. Hinten an der Wand ist noch was frei. Vorsichtig tapse sich durch den Raum, taste mich vor nach hinten. Rolle den Schlafsack auf dem Betonfussboden aus, ziehe meine Schuhe aus und fummele mich in voller Montur in den Schlafsack. Andreas findet einen Schlafplatz ein paar Meter weiter. Verschränke die arme über dem Kopf in Ermangelung eines Kopfkissens. Der Betonfußboden ist verdammt hart. Wenn es doch wenigstens Linoleum wäre.

Halb drei. Plötzlich steht ein Mann über mir und wirft einen Papierschnipsel in meine Richtung. Ich fahre erschrocken hoch, und zische: Jetzt ist aber gut. Der Mann verschwindet im Halbdunkel. Wollte der mich beklauen? Ich drehe mich um und entdecke tatsächlich in meiner Nähe einen Papierkorb. Verdammt, das ist denn hier los? Vorsichtshalber stopfe ich meinen Stoffbeutel mit in meinen Schlafsack und ziehe die Schuhe näher an mich ran. Irgendwo im Raum klappert eine Tasse, einer der Schläfer hustet auf. Breites schnarchen im ganzen Raum. Reden hier noch Leute und sprechen welche im Schlaf. Inzwischen ist die Heizung abgesenkt, mich fröstelt.

Viertel vor vier. Ich zucke in Panik zusammen.. Ein Hühne steht anderthalb Meter von mir entfernt, schwenkt einen Stuhl durch die Luft, setzt ihn ab, bleibt regungslos stehen. Pause. Er nimmt wieder den Stuhl, trägt ihn einige Meter weiter, steht wieder. Ich beobachte ihn voller Angst. Nach einer Viertelstunde ist er wieder in meiner Nähe. Was nun, wenn ihm das Muster meines Schlafsacks nicht gefällt und der Hocker meinen Kopf zertrümmert? Bis Hilfe käme, wäre ich längst tot. Wieder eine Viertelstunde später.

Schnarchen, röcheln, keuchen, schnarchen, husten, schnaufen, schnarchen, japsen, schnarchen, prusten, schnarchen, stöhnen, schnarchen aus dreißig Kehlen. In allen Tonlagen. Zwischendurch immer wieder knarrende Stühle, Schritte, klappern, rascheln, schaben, knistern, zischen. Um einzuschlafen, versuche ich mir vorzustellen, ich bin am Meer und es ist tosende Brandung. Es gelingt mir nicht. Es ist halb fünf. Will diese Nacht den gar nicht rumgehen? Es ist immer noch kalt. Scheiß Betonfußboden.

Isomatten sind ein Teil des sozialarbeiterischen Konzepts

Fünf. Plötzlich leise Musik, dann eine blecherne Stimme. Nachrichten. Verdammt, welcher Vollidiot muss den ausgerechnet jetzt Radio hören. Sind denn nur verrückte um mich rum? Es ist immer noch kalt. Wieder schnarrt die Klingel. Es kommt noch einer. Um fünf!

Neunzehn Euro Kostenerstattung pro Person und Tag. Damit monatliche Unterbringungskosten von 570 Euro pro Person. Bei voller Auslastung würde die Stadtmission 57.000 Euro monatlich kassieren.

Viertel vor sechs. Gerade bin ich müde genug, um ein wenig zu schlummern, da geht schon wieder neue Unruhe los. Die ersten stehen auf. Immerhin läuft die Heizung jetzt wieder, und es ist nicht mehr so kalt. Dafür ist die Luft erstickend. Ich greife nach dem Asthmaspray.

Viertel vor sieben. Licht geht an. Ich schleiche zum Klo. An der Theke Menschenansammlungen. Acht Leute stehen an. Unverrichteter Dinge schleiche ich wieder zurück. Schamvoll frage ich: Gibt es Frühstück? Um sieben, erfahre ich in russischem Akzent.

Zehn nach sieben ist noch immer nichts passiert. Die meisten sitzen stumm, wirken zerschlagen. Blicke nach unten. Oder zur Tür.

Viertel nach sieben: Die Toilette ist jetzt frei, aber so eklig das ich sofort kehrt mache. An der Theke werden die Fragenden vertröstet. Die Frühschicht

Ich pisse erstmal in die Grünanlage. Völlig zerschlagen fahren wir mit dem Bus zum Treffpunkt, wo uns Ronny und die anderen schon erwarten. Erstmal einen guten Kaffe trinken und Frühstücken.

Fast gleichzeitig nachmittags treffen Andreas und ich wieder auf Arbeit ein. Wir beide mußten nach der häuslichen heißen Dusche erstmal einige Stunden schlaf nachholen, und fühlten uns aber immer noch völlig zerschlagen und gerädert. Ich faxe die entwendete Übernachterliste zurück an die Notübernachtung, als kleine Ankündigung sozusagen. Wir diskutieren, ob wir die 19 Euro pro Person pro Nacht an die Stadtmission zurückzahlen sollen wegen Leistungserschleichung. Lampenfieber habe ich jedenfalls keines mehr.

Stefan Schneider

Forderungen:

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

wir haben im Winter 2002/03 die Zustände der Berliner Kältehilfe untersucht und menschenverachtende Bedingungen vorgefunden. Deshalb verlangen wir vom Berliner Senat und von den Bezirken: Auch obdachlose Bürger haben das Recht auf menschenwürdige Notunterkünfte. Mit Blick auf den kommenden Winter 2003/04 fordern wir:

  1. Sofortige Schließung von Massennotübernachtungen mit über 25 Plätzen wie Lehrter Strasse der Berliner Stadtmission, statt dessen die Einrichtung von mehreren kleineren dezentralen, ganzjährig geöffneten Notübernachtung an verkehrsgünstig gut erreichbaren Orten
  2. Sofortige Abschaffung Notübernachtungen, die nur eine Nacht in der Woche geöffnet haben. Statt dessen ....
  3. Einführung von Mindeststandards
    Mindeststandard müssen sein: 1 Toilette, 1 Dusche 1 Waschgelegenheit, 1 Waschmaschine pro 10 PlätzenMaximale Belegung von höchstens 8 Betten pro Raum. Pro Person wenigstens XX Kubikmeter Luft.
    Bereitstellung von Matratzen, Decken und Kopfkissen sowie eigenem, abschließbaren Spind als Standard.
    Kostenfreie und unbeschränkte Kaffeausgabe.
  4. Sofortige Einführung einer unabhängigen Kontrollkommission. Durcbführung von unangemeldeten Kontrollen der Zustände durch die Kontrollkommission. Sofortige Einführung von Konventionalstrafen gegen öffentlich geförderte Einrichtungen, die gegen die Standards verstoßen.
    Unser Vorschlag zur Besetzung der unabhängigen Kontrollkommision: 3 (ehemalige) Obdachlose, 1 Vertreter des Bundes der Steuerzahler, 1 Vertreter der Berliner Ärztekammer, 1 Vertreter des Berliner Medienrates.
  5. Sofortige Einrichtung einer ganzjährig geöffneten Frauennotübernachtung
  6. Erstellung eines verbindlichen Kältehilfeplanes durch die Senatsverwaltung in Zusammenarbeit mit den Berliner Bezirken bis spätestens zum 30.09. eines jeden Jahres auf Grundlage von Finanzierungszusagen des Senats und der Bezirksamter.
  7. Sofortige Verpflichtung aller öffentlich geförderten Wohnungslosentagesstätten, bei Temperaturen von -5 Grad im Winter wenigstens 6 Notbetten zur Verfügung zu stellen (Angebote dort, wo Bedürftige auch sonst hingehen, als Alternative zur Übernachtung auf Bahnhöfen)

Bitte unterstützen Sie unsere Forderungen durch Ihre Unterschrift:

Berlin, 28.03.2003

Vorname, Name:        

Straße, PLZ, Ort:        

Datum, Unterschrift:        

Senden Sie bitte diesen Aufruf an xxx

Erstunterzeichner:


Veröffentlichungs-Deadline: FREITAG, 28.03.2003