Bunt behaengte Waescheleine in Pelplin, PolenSeit einigen Jahren ist eine zunehmende Anzahl von ausländischen Gästen in offenen und niederschwelligen, häufig ehrenamtlich betriebenen Treffpunkten, Notübernachtungen, Nachtcafés und Notschlafstellen zu konstatieren. Die Berichte dazu sind nicht systematisch, aber wenn Ehrenamtliche und Sozialarbeiter_innen sich in Arbeitskreisen und Gremien treffen und aktuelle Schwierigkeiten zur Sprache bringen, ist dieses Phänomen und die damit verbundenen Problemlagen ein häufiges Thema. Das Erzählte ist häufig negativ. Berichtet wird von schlechter Stimmung, von Konflikten, von einer Unzufriedenheit auf allen Seiten: Bei den Gästen, im Team, aber auch bei den ausländischen Gästen. Beispielsweise  im Zusammenhang von kostenloser Essensausgabe kommt es zu aggressiven Handlungen und Rangeleien, und im Zuge von handfesten Rangeleien waren auch Polizeieinsätze erforderlich. Angeblich ist auch ein verstärkter Alkohol- und Drogenkonsum konstatierbar. Und weil die Besucherzahlen mit diesen neuen Gästen steigen, müssen Gäste wegen Überfüllung weggeschickt werden. Oder deswegen, weil sie durch ihr aggressives Verhalten stören. Eine Situation, die dazu geeignet ist, eine potentiell konfliktgeladene Atmosphäre weiter anzuheizen. In der Berliner AG Leben mit Obdachlosen, einem Zusammenschluss von mehr als 50 Einrichtungen, die überwiegend im niederschwelligen Bereich arbeiten, wurden Berichte dieser Art seit 2006 mehr oder weniger regelmäßig auf den monatlichen Sitzungen vorgetragen.

Emotionen und Gerüchte. Bemerkenswert und auffällig zugleich ist der Umstand, dass diese Problemlagen vergleichsweise stark emotional aufgeladen sind. Mitarbeiter_innen von Angeboten und Einrichtungen fühlen sich häufig überfordert und allein gelassen (und nutzen deshalb die Gelegenheit, sich auf Treffen zu artikulieren und ihre Sorgen vorzutragen), ausländische Gäste fühlen sich, oftmals zu Recht, schlecht behandelt und diskriminiert. Vertrauen kann so nicht entstehen, es wachsen vielmehr Resentiments und eine ablehnende Haltung gegenüber Deutschen. Aber auch die deutschen Gäste, die bisweilen über Jahre hinweg die Einrichtungen besuchen, fühlen sich auf einmal an den Rand gedrängt und üben Kritik an der Anwesenheit von Ausländern. Vollends problematisch wurde die Diskussion, als weitere kursierende Gerüchte über Teilgruppen der Ausländer die Runde machten: Bei den Menschen, die auf der Straße bettelten, Musik machten oder Straßenzeitungen verkauften, seien Drückerkolonnen im Spiel, die ausländischen Gäste von Notübernachtungen würden irgendwo illegal arbeiten und nur eine billige Unterkunft benötigen, sie seien in Wirklichkeit gar nicht hilfebedürftig und hätten gar keine Hilfeansprüche und weiteres mehr. Kurzum, die Diskussionen waren kurz davor, auf ein völlig falsches Gleis zu geraten. Aber glücklicherweise gab es immer wieder Menschen, die auf sprachliche Präzision bei den Beschreibung des Situation bestanden und darauf, Experten hinzuzuziehen, die genauere, präzisere Hintergrundinformationen geben konnten.

Simulationen. Um eine Vorstellung von den in niederschwelligen Einrichtungen stattfindenden Prozessen und Dynamiken zu erhalten, entwickelte ich bereits 2007 ein Planspiel Notübernachtung. Auf die Idee, dass es möglich und auch sinnvoll wäre, die Problemlagen einer Notübernachtung in Form eines Planspiels zu simulieren, kam ich, als ich in im Jahr 2006 under cover in einer chronisch überbelegten Berliner Massennotunterkunft übernachtete und beobachten konnte, dass Gäste in dem als Aufenthaltsraum dienenden Keller jeweils drei Stühle zusammen stellten, um sich auf diesen zum Schlafen hinzulegen. Die vorgesehenen Übernachtungszimmer waren schon belegt, und alle anderen hatten die Möglichkeit, wenn sie Isomatten hatten, sich auf dem Betonfußboden des Kellerraumes hinzulegen. So war die Lösung mit den Stühlen eine gleichsam komfortable Alternative dazu. Ein solches Arrangement mit drei Stühlen, die ein Übernachtungsbett repräsentieren, ist einfach herzustellen, und so entwarf ich möglichst unterschiedliche, einander widersprechende Charakterskizzen von 4 ehrenamtlichen Helfer_innen einer Notübernachtung und 12 wohnungslosen Menschen mit unterschiedlichstem Problemkonstellationen, die einen Schlafplatz benötigten. Aufgebaut wurden aber nur 10 Betten. Damit waren Konfliktlagen in einer Komplexität vorprogrammiert, die der realen Situation in den Einrichtung sehr nahe kam. Da es kaum weitere Vorgaben gab, waren völlig unterschiedliche Lösungen der Aufgabe denkbar. Dieses Planspiel wurde insgesamt in drei Durchläufen von Jugendlichen, die sich auf ein Freiwilliges Soziales Jahr vorbereiteten, durchgespielt. Ohne auf dieses Planspiel und seine Verläufe an dieser Stelle genauer eingehen zu können, sind doch die Ergebnisse bemerkenswert, die in allen drei Fällen nahezu identisch waren. Es blieben in diesem Rollenspiel immer die wohnungslosen Menschen auf der Strecke bzw. wurden hinausgedrängt, deren Rollenbeschreibung durch psychische Auffälligkeiten bzw. durch einen Migrationshintergrund mit Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten charakterisiert war. In einer ersten, vorläufigen Auswertung kann damit als Vermutung festgehalten werden, dass psychisch erkrankte und ausländische Wohnungslose zu den schwächsten, zu den am frühesten ausgegrenzten Teilgruppen der Wohnungslosen zählen. Zugespitz und provokativ könnte man deshalb sagen: Nicht die ausländischen Wohnungslosen sind das Problem, sondern die Ausgrenzung der ausländischen Wohnungslosen ist das Problem.

Fühlen und Messen. In einer von mir geleiteten Selbsthilfeorganisation (mob – obdachlose machen mobil e.V./ strassenfeger) gab es im Team der Notübernachtung vergleichbare Tendenzen. Mehr oder weniger offen wurde im Winter 2006/2007 im Gesamtprojekt debattiert, dass aus die Notübernachtung inzwischen eine mehr oder weniger "polnische" Notübernachtung sei und die unterschwellig mit kommunizierte Botschaft war, dass dies nicht in Ordnung sei. Ich regte daraufhin eine Messung an, nicht zuletzt auch aus dem Grund, mehr über die Gäste, deren Problemhintergrund, die Verweildauer, den (mutmaßlichen) Verbleib usw. zu erfahren. Das Ergebnis der selbstverständlich anonym durchgeführten Quartalserfassung der Notübernachtung war, dass der tatsächliche Anteil ausländischer Wohnungsloser mit einigen Schwankungen bei etwa 30% lag. Die Ergebnisse dieser Untersuchung veränderten die Debattenlage erheblich. Warum ist unser Gefühl anders als die gemessene Realität? Warum fällt insbesondere die deutlich kleinere Gruppe so stark auf? Müssen wir unsere Vorstellungen korrigieren und welche Schussfolgerungen sind daraus zu ziehen? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Diese Untersuchung war der Einstieg in den Ausstieg pauschalisierender Vorurteile. Schritt für Schritt wuchs die Erkenntnis im durchweg ehrenamtlichen Team, dass es notwendig ist, sich mit jedem einzelnen wohnungslosen Gast zu befassen, und dass die ausländische Herkunft eher eine besondere Herausforderung als ein besonderes Problem darstellt.

Wenige brauchbare Zahlen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening berichtete auf der Herbsttagung 2008 der AG Leben mit Obdachlosen, dass es im Grunde keine Zahlen zu ausländischen Wohnungslosen in Berlin gäbe. Dennoch würde er eine Zunahme der Zahl von Wohnungslosen mit Mitgrationshintergrund erwarten. Ursachen dafür sind nicht allein in der Erweiterung der Europäischen Union und der damit verbundenen Zuwanderung zu sehen. In Berlin leben bereits seit Generationen zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund, und es gäbe gute Gründe, anzunehmen, dass in Zukunft auch hier Teilgruppen verstärkt von Wohnungsnot und Wohnungsverlust betroffen sein könnten, ohne dass die jeweiligen Communities dies kompensieren oder gar auffangen könnte.
Aus dem Winter 2008/2009 berichtet die Massennotübernachtung der Berliner Stadtmission, dass ihre insgesamt 120 verfügbaren Plätze ziemlich durchgängig zu etwa 50% von ausländischen Wohnungslosen genutzt worden sind. Die Bedeutung dieser Zahl ist aber relativ zu betrachten, da die Stadtmission den konzeptionellen Anspruch verfolgt, alle aufzunehmen und niemanden abzuweisen. Dieser Umstand in Verbindung mit dem Phänomen, dass andere Notübernachtungen ausländische Wohnungslose nicht aufnehmen, als erste abweisen oder abwimmeln oder schlichtweg schon voll belegt sind, ist bei der Beurteilung zu berücksichtigen ebenso wie der Umstand, dass der Zugang zu hochschwelligen Angeboten der Wohnungslosenhilfe ausländischen Wohnungslosen in der Regel versperrt ist.
Eine von der Berliner Senatsverwaltung für Soziales im Jahr 2008 veröffentlichte Übersicht weist aus, dass der Anteil von Wohnungslosen mit Migrationshintergrund in Einrichtungen nach § 67 SGB XII bei 23%, liegt und damit dem Berliner Durchschnitt von Menschen mit Migrationshintergrund entspricht. Die Anzahl der auf der Straße lebenden Menschen beträgt in Berlin 2. – 4.000 Personen., der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bzw. Ausländern ist unbekannt, Zahlen wie die Messung bei mob e.V./ strassenfeger oder die Zählung bei der Berliner Stadtmission geben lediglich erste Anhaltspunkte, der Interpretationsspielraum für die Bewertung dieser Zahlenangaben in Bezug auf die Gesamtzahl ausländischer Wohnungsloser ist vergleichsweise breit.

Die ersten bislang diskutieren Positionen zum Problem zeigen eine erstaunliche Spannbreite. Sie reichen von nationalistischen Positionen (Ausländer sind nicht erwünscht, das Angebot ist nur für Deutsche da) über differenzierende Standpunkte (nur bedürftige Ausländer sind erwünscht) bis hin zu globalen Perspektiven (niederschwellige Angebote wie Notübernachtungen sind vorbehaltlos für alle da, unabhängig von Herkunft und Ansehen der Person). Für jede dieser Positionen gibt es unterschiedliche Motive, Hintergründe und Argumente, die zu entschlüsseln wären, um genauer zu verstehen, um was genau hier eigentlich gestritten wird. Das wäre bei anderer Gelegenheit weiter zu vertiefen. Statt dessen möchte ich im weiteren andeuten, welche Dimensionen sich eröffnen bei dem Versuch, sich mit dem Thema ausländische Wohnungslose in niederschwelligen Einrichtungen konstruktiv auseinander zu setzen.

Deckelung als Option? Eine erste, recht formale Annäherung besteht im Konzept der Kontingentierung. Das bedeutet, dass konstatiert wird, dass es ein einen Anteil ausländischer Wohnungsloser gibt, die versorgt werden sollten und dass entsprechend dem (vermuteten) Anteil ein entsprechendes Kontingent an Plätzen für genau diese Gruppe reserviert bleibt. Wenn also angenommen wird, dass der Anteil ausländischer Wohnungsloser etwa ein Drittel ausmacht, besteht dieses Strategie darin, einen Anteil von etwa einen Drittel für ausländische Wohnungslose vorzusehen. In einem weiteren Ausbauschritt dieses Modells könnte noch weiter nach Regionen oder sogar Nationalitäten differenziert werden, etwa in dem Sinne, dass von 10 für ausländische Wohnungslose reservierten Plätzen 4 für Menschen aus der x-Region, 3 für Menschen aus y-Land und 2 für Menschen aus z-Land vorgesehen ist. Dieses Konzept wurde tatsächlich von einigen Einrichtungen diskutiert und in einzelnen Fällen sogar zeitweise eingeführt. Es stellt im Grunde eine Deckelung des eher zähneknirschend akzeptierten Problems dar und ist keine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung. Im Grunde repräsentiert dieses Modell eher den Versuch, auf ein anderen Problem zu reagieren. Menschen in unbekannter Umgebung neigen dazu, zunächst Kontakt mit ihresgleichen zu suchen, denn sich mit dem Fremden zu befassen. Wenn also ausländische Wohnungslose in Gruppen auftreten, dann weniger, um einzuschüchtern oder Angebote schamlos auszunützen, sondern vielmehr dem gruppendynamischen Reflex folgend, dass mensch sich in einer unbekannten Umgebung in einer Gruppe sicherer fühlt als alleine. Dass das von anderen anders wahrgenommen wird, nämlich als massives, einschüchterndes Verhalten einer fremden, unbekannten Gruppe, ist eines der Grundphänomene zwischenmenschlicher Kommunikation.

Interkulturelle Sensibilität. Der in Deutschland wenig bekannte Amerikaner Milton Bennett, Gründer und Leiter des Intercultural Communication Institute an der Portland State University in Oregon und einer der weltweit führenden Experten zum Thema Interkulturelle Kommunikation hat hierzu ein Modell entwickelt. Es trägt den Titel Entwicklungsmodell für Interkulturelle Sensibilität und legt dar, dass die Auseinandersetzung mit anderen, fremden Kulturen, also die Erfahrung der Unterschiedlichkeit, immer einem gleichen, typischen Muster folgt. Eine typische erste Reaktion auf etwa unbekanntes Neues ist, die Bedeutung zu leugnen (Denial), ein Problem nicht wahrnehmen zu wollen. In einer zweiten Stufe wird die bestehende Situation verteidigt, das Problem soll abgewehrt werden (Defense). In der dritten Stufe ist weder ein Leugnen noch eine Abwehr möglich, von daher wird versucht, das Problem zu bagatellisieren und kleinzureden (Minimalization). Allen drei Strategien gemeinsam ist, dass es sich hier um eine ethnozentrierte Position handelt. Das bedeutet, der eigene Standpunkt ist maßgeblich, die andere, fremde Kultur wird als Bedrohung und Störung wahrgenommen. Erst auf einer vierten Stufe wendet sich die Situation hin zur Akzeptanz (Acceptance). Die Berechtigung der anderen Kultur wird erstmalig nicht Frage gestellt. Weiter gehend auf der fünften Stufe werden Teile der anderen Kultur aufgegriffen und angenommen (Adaption). Es kommt zu einer ersten Wertschätzung der anderen und Bereicherung der eigenen Kultur. Erst auf der sechsten und letzten Stufe erfolgt eine tatsächliche verzahnte Zusammenführung beider Kulturen (Integration). Diese drei letztgenannten Strategien repräsentieren ethnorelative Positionen. Das bedeutet, dass in unterschiedlicher Ausprägung die Kultur der anderen nicht nur als zu respektierender Wert, sondern in einer Schrittfolge auch als Ergänzung, Erweiterung und Bereicherung der eigenen Kultur wahrgenommen werden kann.

Grafik 1 Milton BennettQuelle: Milton J. BENNETT,  Leveraging Your Intercultural Experience, Kyoto 2007

Im Rückbezug auf das Thema ausländischer Gäste in niederschwelligen Angeboten kann mit Blick auf das Bennettsche Modell zunächst konstatiert werden, dass die gegenwärtige Situation fast durchgängig noch von einer ethnozentrierten Haltung geprägt ist, der Schritt, die ausländischen Gäste als normalen Bestandteil der Alltagsarbeit zu verstehen, ist konzeptionell noch kaum in der niederschwelligen Wohnungslosenhilfe verankert. Und dennoch sind in den vergangenen Jahren bereits wesentliche Fortschritte zu konstatieren. Die Existenz ausländischer Wohnungsloser und deren Hilfebedürftigkeit ist nicht mehr zu leugnen und auch für generelle Abwehrstrategien bröckelt angesichts fortlaufender Globalisierungsprozesse die argumentative Grundlage. Aus sehr unterschiedlichen Motivlagen heraus wird noch versucht, das Thema zu bagatellisieren, aber viele Einrichtungen haben die ethnozentrierte Position schon in Teilbereichen verlassen und unternehmen den Versuch, aus einer akzeptierenden Grundhaltung heraus ihre Arbeit konzeptionell neu auszurichten. Das führt uns unmittelbar zu zwei Fragestellungen. Auf welche Herausforderungen lassen wir uns hier ein und wohin führt uns dieser Weg?

Interkulturelle Kompetenz. Jürgen Bolten, seit 1992 Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena, hat anhand wirtschaftlicher Transformationsprozesse studieren und erforschen können, welche Dimensionen zu erschließen sind, wenn Interkulturelle Sensibilität ernst genommen und auf der operativen Ebene umgesetzt werden soll. Im Zentrum des Konzepts steht die Handlungsebene. Hier wird unterschieden in die Dimensionen der fachlichen, der strategischen, der sozialen und der individuellen Kompetenz. Schauen wir uns das genauer an. Auf fachlicher Ebene würde die professionelle Befassung mit dem anderen als "Ausländer" im Zentrum des Interesses stehen. Wer ist der oder die andere, wie überbrücke ich die Sprachbarriere, was kann ich wissen über Kultur, Tradition, Ökonomie, Politik und Religion der Herkunftsregion. Was sollte ich wissen über spezifische Probleme in den Herkunftsregion und der konkreten Biografie meines Gegenübers. Wie ist die Rechtslage und vor allem, welches sind die rechtlichen Spielräume, die hier zu nutzen sind? Eine völlig andere Dimension betrifft die strategische Kompetenz. Mit welchen Zielen, mit welchen konzeptionellen Überlegungen entwickele ich meine Einrichtung weiter? Wie ist die neue, erweiterte Aufgabenstruktur zu organisieren? Braucht es neue Mitarbeiter_innen, neue Arbeitsformen, ein erweitertes europäisches oder gar weltweites Netzwerk, und das nicht auf der Leitungsebene, sondern auf der direkten Arbeitsebene? In Bezug auf die soziale Ebene der interkulturellen Kompetenz ist die Fähigkeit gefragt, die unterschiedlichen Interessen erkennen, entschlüsseln und kommunizieren zu können. Welche Methoden, welche Instrumente stehen zur Verfügung, um Empathie und eine Atmosphäre der Toleranz unter allen Beteiligten herstellen zu können? Ist es möglich, einen gemeinsamen Sinn zu stiften, eine verbindende Motivation zu erarbeiten, ein interkulturelles Leitbild für die Arbeit der Einrichtung? Die individuelle Ebene interkultureller Kompetenz ist die für meine Begriffe anspruchsvollste Dimension, da Einstellungen und Haltungen nicht zu verordnen sind. Auf der anderen Seite besteht aber die Möglichkeit, sich auf einer ganz persönlichen Ebene auf interkulturelle Erfahrungen einzulassen, insbesondere dann, wenn es um die Organisation von Angeboten geht, die auf Grundbedürfnisse wohnungsloser Menschen zielen. Warum sollte es nicht möglich sein, mit ausländischen Wohnungslosen zusammen zu kochen, über das Internet gemeinsam Wissen über ihre Herkunftsland zu recherchieren, Fernsehsendungen in ihrer Sprache laufen zu lassen, ihnen ehrenamtliche Mitarbeit im Team zu eröffnen und weiteres mehr.
Das von Jürgen Bolten vorgestellte Modell Interkultureller Kompetenz ist sicher nicht so zu verstehen, dass die mit der globalisierten Armut und Wohnungslosigkeit einhergehende Überforderungssituation in den niederschwelligen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe abgelöst werden soll durch eine Überforderung durch ein interkulturelles Kompetenzdiktat. Ich lese dieses Modell eher als Anregung und Aufmunterung, darüber nachzudenken, wie vielfältig und vielschichtig der Prozess einer Interkulturellen Kompetenz sein kann und dass völlig unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Motivation innerhalb einer Person und auch innerhalb eines Team und einer Organisation angesprochen werden. Ein Konzept, das Platz schafft und Platz bietet für eine wirkliche Vielfalt von Aktivitäten, die gleichzeitig, zeitlich versetzt und oder miteinander verzahnt stattfinden können. Ein Angebot, auf das sich alle angstfrei einlassen können, dass aber auch eine Offenheit für Veränderungsprozesse und Ungleichzeitigkeiten erfordert.
Grafik: Jürgen Bolten

Quelle: Jürgen Bolten, Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Jena 2005

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, eine ganze Reihe von konkreten Schritten und Vorschlägen vorzustellen und durchzusprechen, wie eine niederschwellige Einrichtung der Wohnungslosenhilfe mit einfachen, unkomplizierten Mitteln wesentliche Fortschritte im Bezug auf die Erarbeitung einer interkulturellen Kompetenz erzielen dann. Das ist mir aber von der Tagungsleitung verboten worden mit dem Hinweis, dass es genau dazu von Regina Thiele und Monika Wagner einen Beitrag geben wird.

Ein gemeinsames Drittes.
Zum Schluss nochmals zurück zu Milton Bennett. Im Unterschied zu anderen Wissenschaftlern, die sich mit Interkultureller Kompetenz befassen, beschäftigt Bennett sich auch mit möglichen Resultaten dieses Prozesses. Und er sagt es unumwunden, im Zuge einer interkulturellen Öffnung entsteht zwangsläufig eine neue, andere Kultur. Eine Kultur, in die die Herkunfskulturen miteinander verschmolzen sind. Eine Kultur, die mehr, reicher, vielfältiger und andersartiger ist als die bisherigen Kulturen zusammen. Eine neue Kultur, die auch von dem lebt, was in unserer alten Kultur nicht mehr ist, nicht mehr sein kann. Dinge, Haltungen, Einstellungen und Werte, die hinterfragt, verändert, aufgegeben, angepasst, revidiert, erweitert, umgearbeitet, verbessert, verallgemeinert, präzisiert oder verlassen werden müssen. Ohne das geht es nicht. Das ist ein hoher Preis, eine Herausforderung, die viele Ängste auslösen kann. Es gibt aber, betrachtet man die Grafik von Bennett zur Entstehung einer neuen, dritten und gemeinsamen Kultur genau, auch eine höchst beruhigende Botschaft. Es bleibt ein Rest, ein Kernbereich der Ausgangsidentität gleichsam übrig. Eigenheiten und Spezifika, die das Individuelle, das Unverwechselbare, das jeweils biographische und tradierte repräsentieren, einen Kern von Integrität, der die scheinbar nivellierte dritte Kultur überhaupt erst interessant, vielseitig und viefältig macht.
Grafik 3 Milton BennettQuelle: Milton J. BENNETT,  Leveraging Your Intercultural Experience, Kyoto 2007

Ausblick. Auf dem weiten Weg der Betrachtung der konkreten Probleme, die angesichts ausländischer wohnungsloser Gäste in niederschwelligen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bestehen, sind wir an einem Punkt angekommen, an dem philosophische Konzepte von Interkulturalität zu besprechen sind. Die Botschaft ist absehbar: Dieser Prozess ist so unausweichlich und so unabwendbar wie der Prozess der industriellen Revolution unser Leben verändert hat. Es gibt nicht ein bisschen Interkulturalität, sondern Interkulturalität ist, nach der nunmehr im Internet vollzogenen digitalen Vernetzung der Welt auf technisch-kommunikativer Ebene, die eigentlich soziale Dimension auf dem Weg zu einer globales Gesellschaft. Nun darf auch die Wohnungslosenhilfe diesen Weg gehen und kann, trotz aller Veränderung, sicher sein: Das Beste wird bleiben können. Packen wir es an.

Dr. Stefan Schneider, Europainstitut für Sozialwissenschaften & Partizipation
www.drstefanschneider.de
www.eisop.org

Quellen

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