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Bettlerbeobachtung in Jerusalem 2009 - Foto: Dr. Stefan Schneider

"Wieder und wieder Landstraße. Der Beruf taugt nichts. Alles einen Dreck wert. K-r-i-s-e! K-r-i-s-e! Also: immer nur Gelegenheitsarbeit. Immer wieder Arbeitslosigkeit, immer wieder Hunger, Mittello­sigkeit, Obdachlosigkeit, Bettler, Vagabund. Und weiter, immer weiter unterwegs: Hunger nach Brot und nach dem Leben dieser Welt. Und so viel gemordete Sehnsucht und Liebe..". (Jonny RIEGER).

Die Knappheit der Dokumente, die uns Wohnungslose hinterlassen haben, stellt die Wissenschaft vor einige Schwierigkeiten. "Ich wollte auch die Heimatlosen sprechen lassen, jedoch diese hatten wenig für mich hin­terlassen. Der 'Alltag der Heimatlosen' war nicht festgehalten, wenn doch - dann hatten sich die Kolonisten beschwert." (Hannes KIEBEL). Trotzdem finden wir gerade in Krisenzeiten in den wenigen Zeugnissen – auch jenseits institutionalisierter Hilfeeinrichtungen - eine überraschende Vielfalt der Positionen zwischen Ver­weigerung und autonomer Selbstbehauptung ("Generalstreik ein Leben lang" - Gregor GOG), dem Einge­ständnis des persönlichen Scheiterns ("die ganz große Blamage" - Jo MIHALY) , eindeutiger Schuldzuschrei­bung ("Der Staat hat mein Leben kaputt gemacht!" – Karin POWSER) bis hin zum Wunsch nach Anerken­nung und Integration (Großstadtdokumente - Hans OSTWALD).

Anhand von authentischen Dokumenten wohnungsloser Männer und Frauen können die Krisenzeit der 20er Jahre mit dem Zeitraum nach der Deutschen Einheit in Beziehung gestellt und auf Ähnlichkeiten und Unter­schiede hin untersucht werden. Beiden Zeiträumen ist gleich der rasante Zuwachs der Wohnungslosenzahlen bei gleichzeitigem Auftreten neuer Strukturen der Artikulation und Selbsthilfe - 20er Jahre: Bruderschaft der Vagabunden, Zeitschrift Der Kunde/ Der Vagabund (Bruno BÜRGEL, Gregor GOG), Vagabundenkongress (Maxim GORKI), Kunstausstellungen (Hans TOMBROCK), 90er Jahre: Strassenzeitungen (Hans KLUNKELFUSS), Theaterprojekte (Unter Druck - Jan MARKOWSKI, Obdach-Fertig-Los - Klaus LENUWEIT), Lite­ratur (Josef MARR, Heiko André MEYER u.a.), Selbsthilfeorganisationen und alternative Wohnformen (Rolf BÜNGER u.a.).

Neben einer Sichtung unterschiedlicher Positionen zu Inkusion und Exklusion auf der Folie des Spektrums von Identitäts- und Selbstkonzepten und der Wahrnehmung von Gesellschaft werden auch geschlechtsspe­zifische Differenzen (Elfriede LOHSE-WÄCHTLER, Karin POWSER u.a.) deutlich sichtbar.

"Und wenn ich dann sagte: 'Seht, dieses Leben hier!' und jemand es sehen und wiedererkennen und etwas dabei fühlen und erleben konnte und wenn es den eingewurzelten Stumpfsinn nur ein wenig zu bewegen vermochte, dann hatte das alles hier einen Sinn gehabt." (Jonny RIEGER)

Berlin, 05.03.2010, Abstrakt zur einem Workshopbeitrag.

Stefan Schneider