Stefan Schneider & Jutta Welle

Konzeption der Notübernachtung.

Skizzen für eine selbstverwaltete Notübernachtung bei mob e.V./ strassenfeger

Berlin 2003

1. Ziel der Notübernachtung

mob – obdachlose machen mobil e.V. betreibt die Notübernachtung, um obdachlosen, in Berlin auf der Straße lebenden Menschen, die akut einen Schlafplatz für die Nacht benötigen, Schlafplätze bereitzustellen. Die Zahl der nichtregistrierten Obdachlosen („Dunkelziffer“) in Berlin wird seit Jahren offiziell auf 2.000 bis 4.000 Menschen geschätzt, ohne eine Tendenz zur Veränderung.
Die Notübernachtung hat also das Primärziel der Überlebenshilfe.
Im Gegensatz zu vielen reinen Notübernachtungen weist die NÜ von mob e.V. folgende Spezifika auf, die in den folgenden Punkten näher erläutert werden:

  • Die NÜ ist wirklich niedrigschwellig.
  • mob – obdachlose machen mobil e.V. verfolgt einen ausgeprägten Selbsthilfeansatz, kooperiert aber mit vielen Einrichtungen und Akteuren des staatlichen Systems der Wohnungslosenhilfe.
  • Die Notübernachtung ist räumlich und konzeptionell mit den übrigen Projekten des Vereins verbunden. Diese sind: Tagestreffpunkt Kaffee Bankrott mit Essen, Tageszeitungen, Büchern und Internet; soziale Beratung, Trödelprojekt, Redaktion und Vertrieb des strassenfeger, schrittweiser Ausbau des Objekts Prenzlauer Allee 87, Selbstbauhaus Oderberger Straße 12. Hieraus ergeben sich die weiteren Hilfeziele und –methoden.

 

2. Zielgruppe der Notübernachtung

Obdachlose, auf der Straße lebende erwachsene Männer und Frauen, die akut einen Schlafplatz für die Nacht benötigen. Ausschlusskriterien nach Geschlecht, Hundebesitz, Gesundheitszustand, Suchtproblemen usw. bestehen nicht.

3. Die Hilfeziele und -methoden

  1. Überlebenshilfe für auf der Straße lebende Menschen.
  2. Unterstützung der gesellschaftlichen Reintegration (bis hin zur Wiedergewinnung von Wohnraum, Selbstbewusstsein und Erwerbschancen durch Aktivierung und Nutzung vorhandener und Vermittlung neuer fachlicher und außerfachlicher Qualifikationen) von obdachlosen, auf der Straße lebenden Menschen durch
  • Bereitstellung und kontinuierliche Weiterentwicklung eines Selbsthilfesettings, das den obdachlosen Männern und Frauen die Möglichkeit bietet, zur Ruhe zu kommen, ihre persönlichen Verhältnisse zu ordnen, ihre Gesundheit zu konsolidieren, Suchtprobleme anzugehen usw.,
  • Möglichkeiten zu niedrigschwelliger Beschäftigung in den Bereichen Treffpunkt Kaffee Bankrott (Küche, Tresen, Reinigung), Notübernachtung (Organisation, Reinigung), Redaktion strassenfeger (Recherchieren und Schreiben), Vertrieb des strassenfeger (Verkauf, Organisation des Vertriebs), Trödel (Annahme, Abholung, Sortierung, Entsorgung, Verteilung, Verkauf), Abholung von Lebensmittelspenden, Ausbauarbeiten (je nach Qualifikation, Gesundheitszustand und Interesse) usw.
  • bei Interesse individuelle Vermittlung in formalisierte Beschäftigung und Qualifikation,
  • bewusster und bewährter Verzicht auf formelle Sozialarbeit, sondern Anknüpfung an die oft enormen Kompetenzen und Potentiale der obdachlosen Männer und Frauen,
  • je nach individuellen Bedürfnissen und Erfordernissen enge Kooperation mit Einrichtungen und Akteuren der Wohnungslosen-, Straffälligen- und Drogenhilfe und Projekten der Anti-Gewaltarbeit, mit Sozial- und Arbeitsämtern, der Schuldenberatung usw.,
  • deutliche atmosphärische und organisatorische Signale: obdachlose Frauen sind willkommen.

4. Art der Leistung: Notübernachtung. Leistungsinhalt:

Bereitstellung von mindestens 12 Plätzen (8 für Männer, 4 für Frauen; geschlechtergetrennt und räumlich sicher separiert). Dieser Zielzustand wird spätestens im Juni 2003 erreicht sein.

  • Ganzjähriger Betrieb (auch an Wochenenden und Feiertagen), d.h. Öffnung in jeder Nacht des Jahres.
  • Bereitstellung eines Bettes mit Matratze, Matratzenschoner, Decke, Kopfkissen, frischer Bettwäsche, ggf. Handtüchern und eines Spindes je ÜbernachterIn.
  • Geschlechtergetrennte und räumlich sicher separierte Toiletten und Wasch- und Duschräume.
  • Gemeinsame Sitzecke in der NÜ.
  • Möglichkeit zum Wäschewaschen.
  • Aufenthaltsdauer: bis zum nächsten Morgen 9:00 Uhr, wiederholte Übernachtung möglich. Überlegungen hinsichtlich weiterer Begrenzungen der Aufenthaltszeit sind noch nicht abgeschlossen.

 

5. Verfahrensregelungen

Einlaß bis 20:00 Uhr (nach individueller Absprache, bei Absprache mit dem Kältehilfetelefon bzw. dem Kältebus auch später)
Belehrung über die Regeln: Lesen und Akzeptieren der Hausordnung durch Unterschrift, Einweisung für den Übernachtungsplatz, Bettruhe spätestens 24:00 Uhr.
Die Hausordnung in der Notübernachtung:

  • kein Drogenkonsum und Drogenhandel (incl. Alkohol) in den Räumen,
  • keine Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung in den Räumen,
  • keine sexuelle Belästigung,
  • Rauchverbot im Bett (dafür gibt es die Sitzecke),

Das Mitbringen von Hunden ist möglich. Die Hunde sind ruhig zu halten (bei den meist gut sozialisierten Obdachlosenhunden kein Problem),
Beteiligung der ÜbernachterInnen bei der Reinigung (Bettwäsche abziehen, Reinigung der Schlafräume und der Sanitärräume). 

6. Qualitätsstandards

Neben den unter 4. und 5. genannten Leistungsparametern, unter denen wir die sichere und geschützte Unterbringung von Frauen und den ganzjährigen Betrieb  besonders hervorheben möchten, nennen wir u.a.

  1. täglich frische Bettwäsche und Grundreinigung,
  2. gekennzeichnete Fluchtwege, Feuerlöscher, Verbandskasten, Notrufnummern,
  3. Kooperation mit dem Kältehilfetelefon, Anbindung an den Kältebus,
  4. für nicht krankenversicherte Obdachlose: mob e.V. wird vierzehntägig vom Caritas-Arztmobil angefahren; Kooperation mit einer Arztpraxis im Ärztehaus Prenzlauer Allee 90.
  5. Darüber hinaus haben die ÜbernachterInnen die Möglichkeit, alle Angebote des Vereins (siehe 3.), im ersten Zugriff aber vor allem den Treffpunkt Kaffee Bankrott mit gut bestückter Informationstafel, Zeitungen, kostenlosem Internetzugang, die Kleiderkammer, Lebensmittelspenden, die Sozialberatung und die übrigen personellen Ressourcen des Vereins zu nutzen.

7. Finanzierung der Notübernachtung

mob – obdachlose machen mobil e.V. und seine Teilprojekte beanspruchen keine institutionelle Förderung des Landes. (Lediglich das Selbstbauhaus Oderberger Straße 12, in dem elf Wohneinheiten für obdachlose und arme Menschen geschaffen wurden, erhält eine zweckgebundene, von der Investitionsbank Berlin ausgereichte Förderung aus dem Landesprogramm „Wohnungspolitische Selbsthilfe“).

Die laufenden Kosten der Notübernachtung sind durch den Eigenanteil von Euro 1,50 /Person/ Nacht und durch das Spendenaufkommen des Vereins gesichert. Die noch erforderlichen letzten Ausbaumaßnahmen erfolgen ausschließlich mit ehrenamtlicher Arbeit und Materialspenden.

Berlin 28.04.2003

gez. Dr. Stefan Schneider / Jutta Welle
- Vorsitzende -.

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