Stefan Schneider

Offener Brief an Catwiesel, den Landstreicher


Durch einen lieben Kollegen wurde ich aufmerksam auf die Bücher von Hans-Joachim Roßmann alias 'Catwiesel, der Landstreicher'. Der Bitte seines Verlegers Rüdiger Gehrmann, sie zu besprechen, möchte ich gerne nachkommen. Weil das distanzierte "Sie" mir ebensowenig zu passen schien wie eine übliche Rezension, wähle ich, Hans-Joachim Roßmann möge mir verzeihen, ungefragt das vertrauliche "Du" und die Form eines Offenen Briefes. 

Lieber Catwiesel,

»Was ich alles auf der Straße erlebt habe, darüber könnte ich ein Buch schreiben.« Ein Satz, den ich so oft schon in Gesprächen auf der Straße gehört habe. Die vielen ungeschriebenen Bücher, endlose Anklageschriften, geboren aus dem 'Bedeutungsüberschuß des gelebten Lebens', wie Lutz Niethammer es einmal genannt hat, ein Bild für all das, was der Kopf verarbeiten muß, wenn man so vieles zurückgelassen hat, zurücklassen mußte und trotzdem weiter, weiter und weiter über die Runden kommen muß, Tag für Tag, Nacht für Nacht, häufig allein, immer unterwegs, meistens draußen. Manchmal denke ich: Was gäbe es da auch zu schreiben? Daß es zum Verzweifeln ist, daß Hunger - Hunger ist, Kälte - Kälte und Einsamkeit - Einsamkeit? Wieviel wiegen diese ungeschriebenen Bücher auf den Tischen der Wohnungs- und SozialpolitikerInnen, Wohnungsbaukonsortien und Sanierungsholdings? Oft genug wird das Leiden der ungezählten Wohnungslosen ignoriert und totgeschwiegen, und wenn das nicht mehr geht, wird scheinheilig beschwichtigt, abgewiegelt, relativiert, und bisweilen auch unverschämt gelogen, so wie der Regierende Bürgermeister von Berlin Eberhard Diepgen vor noch keinen 2 Jahren eine Realität von über 40 000 BerlinerInnen mit einer einzigen dreisten Bemerkung wegwischte: »Es gibt keine Wohnungsnot!«

Was helfen das beste Papier und wohlbedachte Sätze, wenn niemand es lesen will? Und was ist dem entgegenzusetzen? Lou Reed aus New York sagt in einem seiner Lieder: »Du brauchst einen ganzen Bus voller Vertrauen, um durchzukommen«. Und das ist noch gar nichts! In einer Deiner Geschichten - »Das tote Gleis« - wird auf der stillgelegten Verbindung zwischen Delmenhorst und Harpstedt ein ganzer Zug in Bewegung gesetzt, entgegen allen rationalen Kalkulationen und vernünftigen Erwartungen und nur, weil in den Herzen der Menschen noch Leben ist: »Drei lachende Gesichter vertreiben die Traurigkeit, den Nebel und den Regen.« Oder wie es der große Jonny Rieger, der wie Du lange Jahre seines Lebens auf den Straßen der Welt unterwegs war, einmal formuliert hat: »Und wenn ich dann sagte: 'Seht, dieses Leben hier!' und jemand es sehen und wiedererkennen und etwas dabei fühlen und erleben konnte und wenn es den eingewurzelten Stumpfsinn nur ein wenig zu bewegen vermochte, dann hatte das alles hier einen Sinn gehabt.« Und in der Tat, wer sich auf Deine Texte einläßt, kann bewegt werden.

Die da wirklich etwas schrieben und auch veröffentlichen konnten, wußten wie Du, daß zur bloßen Wiedergabe des Erlebten noch etwas hinzukommt, was allen noch so engagierten Außenstehenden, sei es ReporterInnen, WissenschaftlerInnen oder SozialarbeiterInnen, abgehen muß: Es ist immer diese Überschreitung der eigenen Grenzen, ein besonderes Stück Preisgabe, eine leidenschaftlich entwaffnende Offenheit, entstanden aus einer ganz persönlichen Not, kurzum: Das Beste von dem, was sie bewegt. Und genau das findet sich in Deinen Texten. Nun haben arme Leute selten Gelegenheit, etwas Bleibendes zu hinterlassen, allzuhäufig stellt sich stattdessen Schwund ein, das meiste geht irgendwo verloren auf den vielen kleinen und großen Fluchten, auf den ausgetretenen Wegen zwischen Platte, Aldi, Sozialamt und Wärmestube, und der Rest nutzt sich ab, verschleißt und muß schließlich irgendwo ganz tief vergraben oder gar weggeworfen werden. Wie ein kleiner Schatz ist deshalb jeder Deiner Texte, zusammen ein »Canto General«, ein Grosser Gesang von unterwegs, abgerungen einem jeden Tag, kostbare Minuten und Stunden von Konzentration, Muße und Leiden zugleich. Man sieht Dich förmlich auf der Bank einer verlassenen Bushaltestelle zwischen zwei Dörfern irgendwo unterwegs, eine Kladde auf Deinen Knien und mit klammen Fingern Deine Texte kritzelnd, um alsbald alles wieder sorgsam und regendicht zu verwahren, weil Du aufbrechen mußt, um noch eine geschützte Ecke zu finden vor dem Einbruch der Nacht. Nicht ohne Grund sind Deine Geschichten kurz, oft nicht länger als eine Seite.

Deine Bücher sprechen für sich. Ausgeklügelte politische Analysen und Programme sind darin nicht zu finden, Du hast besseres zu tun, andere Fragen, Sorgen und Nöte als über trockene Theorie zu brüten. Dein Buch, das Du studierst und in das Du Deine Randnotizen und Anmerkungen schreibst, ist das Leben selbst, konkret, allumfassend und immer politisch. Du beobachtest genau, und, was mir allen Respekt abverlangt, Du denkst und fühlst Dich hinein in den Standpunkt, die Sichtweise, das Leben der anderen. Und viele Fragen bleiben.

Du schreibst: »... mit jeder Flucht habe ich mich immer wieder selbst enttäuscht. Doch wenn die Unruhe in meinen Körper schießt, muß ich los. Es gibt dagegen kein Medikament, das mir helfen könnte. Reisefieber - was ist das? (...) Gebt mir doch eine Antwort!« - »Indem er die Fähigkeit beweist, seine Existenzweise als Vagabund darzustellen, hat er sich von ihr emanzipiert.« sagte Klaus Bergmann einmal über Hans Ostwald zu seinem autobiographischen Roman "Vagabunden". Gut klingt das, distanziert und besserwissend, wie wir ExpertInnen es so häufig sind. Doch weißt Du, daß dieser "Vagabund" Ostwald später unter Mitarbeit vom ollen Zille das wunderschöne "Zille-Buch" herausgegeben hat und vieles andere mehr? Eine Antwort, glaube ich, hast Du Dir schon selbst gegeben. Wenn Du, wie in einer Zeitung zu lesen ist, bisweilen die Straße eintauscht gegen ein Gasthauszimmer mit Faxanschluß in Ahlhorn, das Fahrrad gegen die Vorzüge der Bahncard, um ausgestattet mit Visitenkarten und einem Terminkalender als 'freier Künstler' von Lesung zu Lesung zu eilen: Recht hast Du, Gebrauch zu machen von der vermeintlichen bürgerlichen Sicherheit, die bequem ist, gut tut, aber nichts zu heilen vermag. Beim Lesen Deiner Texte hatte ich das Gefühl, daß diese Sicherheit Dich weder einlullen, korrumpieren und schon gar nicht trügen kann, weil eine Unruhe bleibt, ein Gespür für die offenen Wunden der Gesellschaft, die so verdammt weh tun im eigenen Fleisch.

Die Unruhe kann Dich zum Botschafter einer heilenden, einzigmöglichen Hoffnung machen, die mit jedem Tag an Aktualität gewinnt und alles umwirft: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.« (Ps 118, 22). Für mich ist das nicht sehr gefragt in einer selbstzerstörerischen Wegwerfgesellschaft, in der sich 'Leistung wieder lohnen soll', genausowenig, wie es gefragt ist, viele neue Wohnungen und Häuser zu errichten, um gegen das sinnlose Leid der Menschen auf der Straße ein Zuhause zu setzen, um 'zu heilen, was verwundet ist'. »Wer über die Steine nachdenkt, kann erwachsen werden.« sagst Du in einer Deiner Geschichten. Indem Du mit Deinen Büchern und Lesungen Stein um Stein Dein neues Leben aneinanderfügst, kannst Du, so wünsche ich mir, in Zeiten zunehmender Wohnungsnot und Obdachlosigkeit zugleich ein Anwalt der Verworfenen sein, ein Sprecher für alle die, auf deren Stimmen keiner hören will.

Catwiesel, Du sagst: »Ein kleines Büchlein mit meinen Geschichten ist der Anfang zu einem neuen Leben. Ich bin stolz, daß ich überall so viele Freunde habe!« Bei Karin, einer Kollegin von Dir, die Du sicher kennst, las ich einmal den Satz: »Ich habe keine Freunde, nur viele gute Bekannte.« - Das hat mir schwer zu denken gegeben. Oft nur in sehr seltenen Momenten ist es möglich, erfahren zu dürfen, was die Berliner Gruppe Element of Crime in einem ihrer Songs sagt: »Du wirst geliebt - Du hast die Wahl!« Vielleicht bist Du einer dieser glücklichen Menschen. Ich hoffe es für Dich.

Und zum Schluß, Catwiesel, was soll ich Dir schreiben aus Deiner Geburtsstadt Berlin? Daß trotz allem die Mauer noch da ist in den meisten Köpfen, und daß so, wie der Reichtum der Einheit derzeit verteilt wird, noch eine zweite gebaut wird? Daß 22 Polizisten eingesetzt werden, um sich »«Insiderwissen über die auf dem Kurfürstendamm agierenden (...) Bettler und Drogenhändler (zu) erwerben, das der gesamten Polizei bei Einsätzen von Nutzen sein wird«, wie der Tagesspiegel am 2.7.93 meldet? Oder vielleicht, daß es hier Menschen und Gruppen gibt, die wie Du schreiben gegen Obdachlosigkeit und das Elend im Dschungel großstädtischer Gleichgültigkeit? Doch davon ein andermal mehr.

Catwiesel, mit Dir über so vieles sprechen und zu allem Überfluß auch noch herzlich streiten zu können, kurz: Eine Gelegenheit zum Kennenlernen wird kommen - vielleicht schon bald auf einer Deiner Lesungen. In diesem Sinne bleibt mir nur noch zu wünschen: "Töff, töff!"

Bis demnächst, es grüßt Dich, wo immer Du auch bist, Dein

Stefan Schneider

Berlin im Spätherbst 1993


Hans-Joachim Roßmann
alias Catwiesel, der Landstreicher:
  • Mensch, kauf Blumen, solange du lebst.
  • Die Freiheit der Steine.
  • Sorgenpausen.
  • Jahreszeiten.
zum Preis von je DM 6,-- zzgl. Versandkosten bei der Gehrmann-Versandbuchhandlung
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Tel: 04435 - 2010
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In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 15 - 16.
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