Leonie Ossowski im Gespräch mit Stefan Schneider und Vera Rosigkeit

... null Hoffnung, daß die Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise von unserer Gesellschaft gelöst werden will.

Leonie Ossowski hat in ihrem neuen Roman Die Maklerin ihre Wahrnehmung der Tütenlady vom Kudamm verarbeitet. Auch, weil "ihr Schicksal vielen anderen von Obdachlosen gleicht." Mit ihr sprachen Stefan Schneider und mob-Redakteurin Vera Rosigkeit.

mob: Sie wählen in ihrem Buch als Vorbild die Tütenlady vom Kudamm. Wie läßt sich das Verhältnis zwischen der Biographie Dora Botags und der tatsächlichen Tütenlady beschreiben?

Ossowski: Ich habe lange überlegt, ob ich über die Tütenlady schreiben darf. Und ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß wenn sich jemand zu einer öffentlichen Person macht, und das tut die Tütenlady, dann habe ich auch das Recht, darüber zu schreiben. Sie muß damit rechnen, daß sie wahrgenommen wird. Das ist meine persönliche Einstellung, mit der ich vertrete, weshalb ich sie mir als Vorbild genommen habe.

Diese Frau habe ich beobachtet, seitdem ich in Berlin wohne, das sind jetzt knapp 15 Jahre - und solange ist sie auf der Straße. Sie hat früher, so wie ich es beschrieben habe, immer diese Bollerwagen hinter sich hergezogen, das war erst einer, dann zwei, dann drei. Sie war immer, immer am Kurfürstendamm, den hat sie nie verlassen. Und das war für mich der Auslöser, diese Frau für mich als Vorbild zu nehmen. Ich habe später festgestellt, daß ihr Schicksal vielen anderen von Obdachlosen gleicht.

Ich habe zwei Versuche gemacht, mit ihr zu sprechen, die mir nicht gelungen sind. Das ist ja auch etwas, wo diese Frau mir so wahnsinnig imponiert hat, daß sie sich mit diesem Schweigen - oder auch Obszönitäten - unsere Gesellschaft vom Leib hält. Da steht eine Stärke dahinter und eine innere Kraft, die ist unbeschreiblich. Daß sie das kann, daß sie das durchhält.

Natürlich ist die Biographie, und das möchte ich auch nochmal ganz ausdrücklich betonen, von A-Z erlogen. Ich habe ihr eine Biographie gegeben, die für mich, das, worüber ich schreiben wollte, interessant war. In dieser erfundenen Biographie von Dora Botag ist insofern eine Menge von mir drin, weil ich ihr das gleiche Alter gegeben habe wie das meine, sie aus dem Osten kommt, so wie ich aus dem Osten komme, vom Land, daß ich die Flucht mitgemacht habe und ebenso die schrecklichen Aufbaujahre. Das ist überhaupt das erste Mal, daß ich etwas über die Vertreibung in einem Buch geschrieben habe. Also es sind viele Parallelen, wenn auch in gesellschaftlich anders geordneten Verhältnissen.

mob: Dora Botag, eine Frau aus den bescheidenen Verhältnissen, muß im Verlauf ihres Lebens viel hinter sich lassen, Umsiedlung, Krieg, Vertreibung. Später, als reich gewordene Maklerin tanzt sie auf allen Hochzeiten. Damit rennt sie auch weg, vor ihrer eigenen Vergangenheit und ihren eigenen Fehlern.

Ossowski: Das ist typisch für meine Generation. Typisch auch für die Nachkriegsgeneration. Ebenso der Aufbauwille und dieses "Wieder-besitzen-wollen". Mit welcher unbeschreiblichen Energie und welchem Verzicht die Leute gearbeitet haben, nur um wieder Geld zu machen und dafür das letzte an Kraft herzugeben.

Dora Botag ist besessen von der Idee: Man hat mich ausgenutzt, man hat mir in meinem Leben alles weggenommen, jetzt will ich alles haben und jetzt sorge ich alleine dafür. Und darüber vergißt sie ihre Kinder. Darin liegt ihr großes Versagen. Aber sie ist sich ihrer Fehler überhaupt nicht bewußt und sie ist sich auch nicht bewußt, was sie tut und worin ihre Ziele liegen. Darüber ist sie sich, wenn überhaupt, erst ganz am Schluß im klaren, nachdem auch ihr Fetisch, nämlich das Glas, kaputt gegangen ist.

mob: Aber Dora Botag, die reiche Maklerin flieht nicht etwa in die Karibik, wie zu erwarten wäre, sondern auf die Straße. Das macht doch keine freiwillig?

Ossowski: Was soll Dora Botag in der Karibik? Sie kann sich ja nicht von ihrem Besitz trennen. Das würde sie machen, wenn sie flexibler wäre, aber sie ist ja ganz unflexibel. Sie will nicht von ihrem Haus weg. Das ist doch das, wofür sie drei Viertel ihres Lebens geackert hat. Davon kann sie sich nicht trennen.

Meine Dora Botag, die im Grunde genommen eine große Kapitalistin ist, flieht in die Anonymität, weil sie von ihrer eignen Vergangenheit eingeholt wird. Ich habe sehr lange überlegt und bin zu der Überzeugung gekommen, - und so ist das Buch auch angelegt - daß wir eine wirkliche Anonymität nur noch in der Armut bzw. in der Obdachlosigkeit finden. Überall anders hätte Dora Botag ausfindig gemacht werden können. Aber in der Obdachlosigkeit wird sie nicht gefunden. Deswegen wählt sie diesen Schritt auf die Straße und in die Obdachlosigkeit. Zudem ist sie ja als armes Kind geboren und hat sich ja bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in ihrer Armut wohlgefühlt, so daß es für sie überhaupt nichts Fremdes ist. Es ist für sie vielmehr ein Zurückgleiten in die Kindheit, wenn auch schlimmer, weil sie ja kein Dach über dem Kopf hat.

mob: Das heißt, indem sie auf die Straße geht, nimmt sie ein anderes Verhältnis zu ihrem Besitz ein?

Ossowski: Genau das ist es. Das sie ja auch anfängt, Besitz anders zu leben. Das ist eine Parallele, das sie jetzt Papier sammelt und Müll und alte Briefumschläge und Fotos. Sie legt darüber sogar ein Register an. Sie häuft ja wieder Besitz an, nur ihr augenblickliches Verhältnis zu Besitz ist ein anderes geworden.

Darum geht es in diesem Buch. Um eine Parabel von unserem Verhältnis zu Besitz und Verlust. Weil mich das aufgrund meiner eigenen Generation sehr interessiert. Wie gehen wir nach soviel Verlusten mit Besitz um, können wir uns von Besitz lösen?

Ich bin der Meinung, wir können es nicht mehr. Und auch meine Dora Botag hat mit Geld Macht ausgeübt. Sie steigt nur aus, aber sie gibt ja überhaupt nichts her. Sie behält alles und ordnet alles.

Mit den Antiquitäten, die sie an den Türken verschenkt, schafft sie sich eine Abhängigkeit, die ihr Freude macht. Im Grunde behandelt sie ihn nicht anders als sie ihre Kinder früher. Und da liegen die Parallelitäten.

Auch mit dem Verschenken des Glases wollte sie noch einmal Macht ausüben. Das Glas war immer das, was ihr starker Bezug zur Vergangenheit war. In dem Moment wo das Glas weg war, löst sich diese Vergangenheit auf, und damit besiegt sie ihre Vergangenheit.

Und das empfindet sie wirklich als eine Befreiung. Obwohl nicht sie diejenige ist, die das Glas zerschlägt.

mob: Am Ende des Buches hat man tatsächlich das Gefühl der Befreiung. Alle Bilder und Visionen, die Dora Botag auf ihren nächtlichen Wanderungen über dem Kudamm verfolgen, scheinen verschwunden. Aber bewältigt sie ihre Vergangenheit wirklich, oder löst sie sich einfach nur auf, verschwindet?

Ossowski: Es ist ihre Form einer Befreiung, die Vergangenheit bewältigt zuhaben, das hat sie geschafft. Für mich bleibt aber offen, ob die Frau immer auf der Straße bleiben wird. Wie in vielen meiner Bücher ist auch hier der Schluß offen, den der Leser sich nun selbst zurecht schnippeln kann. Wenn ich das realistisch beantworten würde, dann würde ich sagen, Dora Botag kehrt in die Normalität zurück, aber bestimmt nicht als Maklerin. Dora Botag ist für mich eine Antiheldin und zwar von Anfang bis Ende.

mob: Aber mit ihrem Buch erreichen sie doch, daß alle Leser die Tütenlady am Ku-Damm mit ihrer erfundenen Dora Botag verwechseln?

Ossowski: Ich habe nicht damit gerechnet, daß sich die reale Person so mit der Romanfigur mischt. Aber ich brauchte dieses Vorbild, ich mußte sie sehen, wissen, wo sie einkauft, wo sie sich wäscht. Als Beispiel: Ich habe einen einzigen Versuch gemacht, einen Tag auf dem Kudamm rumzulaufen, um zu sehen, wie ich das aushalte. Zwei Stunden habe ich es ausgehalten. Zwei Stunden habe ich es ausgehalten, ohne Sinn irgendwo zu sitzen oder hin-und herzulaufen, und das hätte ich eben alles nicht schreiben können, wenn ich nicht die echte Tütenlady gekannt hätte.

Auf der anderen Seite sagen viele Leute, die das Buch gelesen haben zu mir: Jetzt sehe ich einen Obdachlosen anders. Das heißt also, - und das ist ein ganz trauriges Fazit, was daraus zu ziehen ist - daß der Normalbürger Obdachlose nur als asoziales Gesockse sieht und damit Schluß.

Daß diese Menschen eine Biographie haben, daß sie ein Leben haben, daß sie Wünsche haben, daß sie was leisten wollen, das sehen die Leute alles nicht. Und das habe ich mit diesem Buch zum Teil erreicht.

mob: Eine Botschaft ihres Buches wäre, konventionelle Hilfe - sozialarbeiterische Hilfe - hilft nicht.

Ossowski: Es ist der Lauf - und die Entwicklung - dieser Gesellschaft, der diese Situation der Menschen auf dem Gewissen hat. Das ist das, was einen so resignativ macht, weil man weiß, das man da nichts ändern kann.

Ich habe etwas über fünf Jahre in Mannheim Jugendarbeit als Bewährungshelferin gemacht und ein Wohnheim für entlassene, straffällig gewordene Jugendlichen mit gegründet. In dieser Zeit habe ich mehr sehr viel im Obdachlosengebiet in Mannheim herumgetrieben, habe dann auch die "Flatter" geschrieben und insofern ist mir das Umfeld meiner Romanheldin außerordentlich vertraut. Ich war zwanzig Jahre in der SPD, ich bin jetzt nicht mehr drin. Wenn ich da z.B. über den Strafvollzug berichten wollte, dann hieß es, um Gottes Willen Leonie, wenn du schon so einen sozialen Touch hast, dann mach doch über Altersheime oder über Kitas, aber doch nicht über den Strafvollzug! Die hohen Mauern im Strafvollzug sind nicht nur für die Gefangenen, sondern auch für uns da, daß wir nur nicht wissen wollen, was dahinter passiert. Strafvollzug würde in der Veränderung soviel Geld kosten, daß keine Partei dafür plädiert. Strafvollzug und Obdachlosigkeit liegt in ihrem Aufmerksamkeitswert gleich.

mob: Das heißt, wir werden uns mit der zunehmenden Obdachlosigkeit arrangieren müssen?

Ossowski: Ich persönlich, als Leonie Ossowski, habe null Hoffnung, daß die Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise von unserer Gesellschaft gelöst werden will.

Interview mit Vera Rosigkeit und Stefan Schneider am 16.06.94


Leonie Ossowski
Die Maklerin. Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe 1994.
(DM 36,--)

Photo mit freundlichen Genehmigung von Leonie Ossowski


In: Mob. Das Straßenmagazin: Obdachlosigkeit in Berlin. Nr. ** vom **** Berlin 1995, S. ****.
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