Stefan Schneider

Keine Gnade auf der Straße!

Ein Interview

Stefan Schneider ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule der Künste Berlin. Zwischen 1990 und 1993 arbeitete er an einem Forschungsprojekt zu Biographien und Lebenslagen Wohnungsloser in Berlin. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Sommer 1996 als Buch veröffentlicht. Darin kommen die Wohnungslosen, die Stefan Schneider befragte, ausführlich zu Wort.

mob: Du beschäftigst dich seit etlichen Jahren sehr intensiv mit Wohnungslosigkeit und Obdachlosen. Wie bist du an dieses Thema geraten, da muß es doch auch eine Form der Faszination für dich geben?

Schneider: Wohnungslosigkeit ist die vielleicht extremste Form von Armut, Isolation und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Wenn ich mir ansehe, welche Reichtümer in der Bundesrepublik tagtäglich angehäuft werden und was für eine Verschwendung mit Ressourcen und Geldern betrieben wird, erscheint das nochmal besonders pervers. Armut und Leid sind nicht gottgewollt, sondern eine Frage der Verteilung und bewußter politischer Entscheidungen.

mob: Es gibt Meinungen, die Wohnungslosigkeit als romantische oder selbstgewählte Lebensform beschreiben, du hingegen sprichst von extremster Form von Isolation und Ausgrenzung?

Schneider: Es ist Quatsch zu meinen, Wohnungslose seien selbst schuld und haben es so gewollt. Daazu ist das Leben auf der Straße einfach zu hart. Man muß sich das einmal konkret vorstellen: Wer erst einmal auf der Straße ist, besitzt eigentlich nur noch das, was er am Leib trägt, er ist Tat und Nacht der Witterung ausgesetzt. Dazu kommt die permanente Mobilität: Wo bekomme ich was zu essen her, wo kann ich heute nacht schlafen, wo kriege ich neue Klamotten her, wo kann ich mich waschen und wie kriege ich den Tag rum, was wird morgen sein? Das ist nicht romantisch, sondern vielmehr harte Arbeit und ziemlich frustrierend, überall nur als BittstellerIn und AlmosenempfängerIn behandelt zu werden.

mob: Gibt es typische Wege, wie jemand wohnungslos wird?

Schneider: Früher gab es vielleicht typische Wege, heute nicht mehr. Natürlich sind es immer ähnliche Knackpunkte: Teure Mieten, Schulden, Arbeitslosigkeit, fehlende Berufsqualifikation, Krankheiten, Unfälle usw. Aber bei genauer Betrachtung ist das in jedem Fall anders, man kann da nicht generalisieren. Wohnungslosigkeit kann heute nahezu jedeN treffen.
Jede individuelle Schwäche wird heutzutage gnadenlos bestraft. Das ist die Kehrseite des Slogans: Leistung muß sich wieder lohnen. Wenn irgendwas schief geht, ist jedeR im Prinzip selbst für die Folgen verantwortlich.

mob: Mit anderen Worten: Die Wohnungslosen sind selbst schuld, aber Wohnungslosigkeit ist ein gesellschaftliches Problem?

Schneider: Das ist so wie mit dem berühmten Satz: Wer eine Arbeit sucht, findet auch welche! Wenn einfach 4 Millionen Arbeitsplätze fehlen, kann man das natürlich dem einzelnen Arbeitslosen nicht in die Schuhe schieben. Vergleichbares gilt für die Wohnraumversorgung. Allein in Berlin fehlen bis zum Jahr 2000 absehbar zweihundertfünfzigtausend Wohnungen. Das heißt, Wohnungsnot und Wohnraummangel sind eindeutig eine objektive gesellschaftliche Realität. Die andere Frage ist, wer wird obdachlos und wer nicht. Natürlich trifft das in erster Linie die Schwächeren, und oft spielen auch Zufälle eine Rolle.

mob: Wer sind denn "die Schwächeren" und welches sind die Zufälle?

Schneider: Gesellschaftliche Chancen sind einfach erstmal ungleich verteilt. Die Aussonderungsprozesse fangen oft schon in der Schule und beim Elternhaus an. Wer nur auf die Hauptschule kommt, hat schon mal schlechte Karten für den weiteren Lebensweg. Und welcher Arbeiter hat schon Einfluß darauf, wenn sein Betrieb rationalisiert oder abgewickelt wird? Welcher Mieter kann schon vorhersehen, ob seine Wohnung luxussaniert wird mit dem Resultat, daß die Miete anschließend das knappe Einkommen übersteigt?

mob: Zu den "Schwächeren" zählen in dieser Gesellschaft auch die Frauen. Was bedeutet es speziell für Frauen, wohnungslos zu sein?

Schneider: Frauen sind oft nur einen Mann weit von der Straße entfernt. Der Anteil von Frauen unter den Wohnungslosen ist größer, als lange Zeit vermutet. Studien sprechen von einem Anteil von bis zu 25%. Zugleich ist Frauenwohnungslosigkeit viel versteckter. Frauen nehmen häufig eine Beziehung in Kauf, um nicht auf der Straße sein zu müssen. Sexuelle Verfügbarkei und Unterwerfung ist oft der Preis für eine solche Unterkunftsmöglichkeit bei einem Mann. Und die Frauen, die auf der Straße leben, sind noch einmal besonders sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, daß Frauen stabiler sind als Männer. Sie geben sich nicht so schnell auf und versuchen lange Zeit, durch ein gepflegtes Äußeres nicht als wohnungslos aufzufallen. Männer dagegen resignieren oft schneller.

mob: Wie beurteilst du die verschiedenen Hilfeeinrichtungen?

Schneider: Die Hilfe hilft den Leuten, als Wohnungslose zu überleben. Notübernachtungen in den Kirchengemeinden, um über den Winter zu kommen. Suppen, Kleidung, Aufenthaltsmöglichkeiten - da wieder herauszukommen, ist eher die Ausnahme und nicht die Regel. Und je länger jemand auf der Straße ist, desto schwieriger wird es, weil einfach ein Gewöhnungsprozeß einsetzt: Man richtet sich in dieser Scheinwelt zwangsläufig ein, weil es kaum Alternativen dazu gibt. Die Beratungsstellen verfügen kaum über Wohnungen, die sie den Leuten vermitteln könnten. Wohnungslos werden geht ungleich schneller, als da wieder rauszukommen.

mob: Wie beurteilst du die zahlreichen Aktivitäten, die in letzter Zeit im Wohnungslosenbereich entstanden sind, wie - nur mal als Beispiele: Obdachlosen-Theatergruppen, -Ausstellungen - und nicht zuletzt, das interessiert uns natürlich ganz besonders, auch: Obdachlosenzeitungen?

Schneider: Zwiespältig. So nach dem Motto: Wenn wir schon die Wohnungslosigkeit nicht beseitigen können, dann spielen wir mit den Leuten wenigstens Theater.
Die Gefahr, daß Obdachlose benutzt werden, steckt da immer mit drin. Andererseits sehe ich die Chance, daß mit solchen Projekten tatsächlich kreative und neue Wege geschaffen werden, aus der Wohnungslosigkeit herauszukommen. Allerdings werden immer nur einzelne Wohnungslose davon profitieren können, für die Mehrzahl der über 40.000 Wohnungslosen in Berlin wird sich dadurch wenig ändern. Es wird nach wie vor notwendig sein, das Problem Wohnungslosigkeit politisch anzugehen. Von einer Obdachlosenzeitung verspreche ich mir, daß in diese Richtung Druck gemacht wird. Offensive Lobbyarbeit von und für Wohnungslose ist mehr als je zuvor notwendig.

mob: Deine mahnenden Worte haben wir sehr deutlich verstanden und danken dir für dieses Gespräch.

Mit Stefan Schneider sprach mob-Redakteurin Vera Rosigkeit.


In: Mob. Das Straßenmagazin: Obdachlosigkeit in Berlin. Nr. 1 vom 18.3.1994. Berlin 1994, S. 4 - 5.
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