Stefan Schneider

Liedermacher von der Straße? (Plattenkritik)

Als die Rolling Stones damals »Street fighting Man« anstimmten - »Die Zeit ist reif, in den Straßen zu kämpfen« - überhörten viele die letzte Zeile: »Aber was kann ein armer Junge anderes tun, als in einer Rock 'n' Roll Band zu singen?«

Ein bißchen daran erinnert fühlte ich mich durch die 3 Songs »Auf der Straße«, »Mit Ringo unterwegs« und »Das Berberlied«, mit denen Volker aus Konstanz, der sich hier Volker La Merde nennt, auf dieser Platte vertreten ist. In Texten, denen anzumerken ist, daß er genau weiß, worüber er spricht, erzählt Volker vom Leben auf der Straße, von Haß, Vertreibung, Einsamkeit, Leiden und den wenigen Freuden und Freunden, die bleiben - oder auch nicht. Und dennoch drohen die bisweilen bitteren, auch ironischen Töne, die er anstimmt, allzuschnell unterzugehen gegenüber Passagen, die durchaus geeignet sind, einer Verklärung des Vagabundenlebens Vorschub zu leisten: »Das Frühjahr gibt mir Hoffnung, doch auch Sommer gehn vorbei, und leb ich auch im Rattenloch, ich weiß doch - ich bin frei!« Wohl gerade deshalb verstehen vor allem diejenigen Wohnungslosen, die sich als Berber bezeichnen, seine Botschaft. Seine Songs sind ihre Hits, der "Edelberber" Volker ihr Star, ihre Identifikatitonsfigur, der diese Selbstinszenierung bei seinen Auftritten sichtlich genießt - es sei allen gegönnt. Wer auf der Straße lebt, hat selten genug Grund, ausgelassen zu sein und zu feiern. Außerdem stellt Volker so eine Aufmerksamkeit her, die notwendig ist, weil genau das wichtige Diskussionen provoziert. Der Song »Neues Leben« von David Friedrich auf dieser Platte mutet an wie eine von vielen möglichen Reaktionen darauf:

 

Beschneidest selbst die Rigorosen
Holst das letzte aus den taschenlosen Hosen
Was soll nun das Federlesen für ein Ruhekissen!

Schlachtest jede Gelegenheit
nähst Dir ein knappes Kleid aus Zeit
und hast den Faden verloren.

Auf Dein neues Leben
hab ich ohnehin
nicht sehr viel gegeben.

Bist mit Deinem Erfolg verwaist,
denn wer auf freiem Feld überwintert, vereist.
Gut steht Dir nun der Tau auf Deinen Augen.

Die Distance, das sagst du selbst,
war im Katalog bestellt
also wein nun keine falschen Tränen um Dein Gewissen.

Beerdigst totgeborene Ideen
Lang noch dauern die Nachwehen
Versprechen heißt bei dir soviel wie Versagen.

Zeuge Deiner Selbstjustiz
ist Geschwollener Sarkasmus, mit dem Du dich umgibst,
ein steinaltes Lächeln spielt um Deine Lippen.

Wer Volker auf dem "Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen" 1991 in Uelzen, während der "Nacht der Wohnungslosen" am 25.6.1993 in Berlin auf dem Breitscheidplatz oder bei anderer Gelegenheit verpaßt hat, kann auf dieser Platte seine "best of" nocheinmal hören, empfehlenswert sind auch die 3 Stücke von David Friedrich, allein schon wegen dem einen Refrain zu den Resultaten der deutschen Einheit:

Wir erreichen eine neue Daseinsform. Ich bin - ich Wert - ich Ware. Wir erreichen eine neue Einheitsnorm. Ich bin - ich Wert - ich Ware. (Das Lied vom Toast).
Zu wünschen ist, daß Volker und seine Freunde Gelegenheiten erhalten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Profite werden mit dieser Platte nicht gemacht, sie ist gegen eine Spende erhältlich bei Volker, seine derzeitige Anschrift ist:

 

Volker La Merde, Zur Nachtheide 22, 12557 Berlin,

oder bei:

 

Freies Büro - Bildungswerk Kultur e.V.
c/o FEZ Wuhlheide
Eichgestell
12459 Berlin
Tel: (030) 63887 - 256
Auftritte der Künstler können über diese Anschrift vermittelt werden.

Stefan Schneider

Berlin - Sommer 1993


In: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 123; und in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 17; und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 21.

 

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