Dr. Stefan Schneider

Sozialmanagement für die Ressourcen Wohnungsloser

Statement (5 Minuten)

für die Expertenkonferenz beim Symposium Obdachlosigkeit

am Samstag, den 04. März 2006
im Osaka City University Media Center, 10F
Sugimoto Campus
3-3-138 Sugimoto Sumiyoshi-ku,
Osaka-shi 558-8585

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

in der Kürze der Zeit kann ich hier nur auf einen Gesichtspunkt näher eingehen, der mir als Pädagoge aber bedeutsam erscheint. In Deutschland überwiegen – vereinfacht gesagt – Angebote, welche die Defizite der Wohnungslosen betonen und versuchen, diese zu bearbeiten. Wenn etwa aufgrund der deutschen Sozialgesetzgebung bei einem um Hilfe ersuchenden Wohnungslosen festgestellt werden kann, daß „besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“ (SGB XII, § 67), und somit eine Hilfemaßnahme finanziert und durchgeführt werden kann, wird zunächst in einer Anamnese genau festgestellt, welche Probleme vorliegen und anschließend wird ein Hilfeplan aufgestellt, wie diese zu Probleme zu beheben sind. Ob das funktioniert oder nicht, ist nochmals eine andere Frage.

Als Pädagoge bin ich skeptisch gegenüber einem Vorgehen, welches individuelle Defizite fokussiert, und stehe selbst mit meiner Arbeit für einen Ansatz, der genau das Gegenteil versucht und in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt. Ich interessiere mich für die Stärken, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen, Erfahrungen, Qualitäten und Interessen der Wohnungslosen und die Fragestellung, wie diese Potentiale zu nutzen und einzubeziehen sind.

Ein zentrales methodisches Problem ist also die Frage: Wollen wir Angebote FÜR wohnungslose Menschen einrichten, oder gibt es eine Chance, MIT wohnungslosen Menschen Hilfen und Angebote zu entwickeln? Und daraus folgend die Frage: Welche Tragweite hat ein Konzept einer aktivierenden Arbeit mit wohnungslosen Menschen?

Warum ist mir diese Unterscheidung so wichtig? Wenn ich auf meine fast schon 20jährige Zeit der Beschäftigung mit dem Thema Wohnungslosigkeit zurückblicke, komme ich immer wieder auf eine zentrale Erkenntnis aus den Anfängen zurück, in der ich eine Einrichtung für Wohnungslose, eine sogenannte Wärmestube, in Berlin untersucht habe.

Dabei ging es mir nicht um die Einrichtung an sich, ihre Ziele, Aufgaben, Konzepte und die Arbeitsweise, sondern um die Fragestellung: Was TUN die wohnungslosen Besucher in einer solchen Einrichtung? Die Ergebnisse möchte ich stichwortartig schildern:

Die Wohnungslosen
a)    warten draußen auf der Straße, daß die Einrichtung geöffnet wird,
b)    betreten die Einrichtung und setzen sich auf einen Stuhl,
c)    sitzen, dösen, lesen, unterhalten sich, spielen Karten oder andere Spiele,
d)    holen sich einen Tee, einen Kaffee, eine Suppe,
e)    führen ein allgemeines Gespräch mit einem der Sozialarbeiter,
f)    nehmen aus der Kleiderkammer neue Kleidungsstücke entgegen,
g)    verlassen zum Ende der Öffnungszeit die Einrichtung wieder.

Für solche Zwecke sind offene Angebote wie Wärmestuben insbesondere im Winter auch eingerichtet worden. Aber: Wohnungslose werden darauf reduziert, ein bestimmtes karitatives Angebot in Anspruch zu nehmen. Sie werden nicht als handelnde aktive Personen angesprochen, sondern als Hilfeempfänger. Als Adressaten von nützlichen Angeboten. Sie werden, zugespitzt ausgedrückt, in eine passive Abhängigkeit gedrängt.

Als Pädagoge stelle ich mir die Frage: Steht diese Passivität nicht in genauem Gegensatz zu dem, was eigentlich notwendig wäre, daß Wohnungslose als handelnde Personen, als Individuen an der Gesellschaft teilnehmen können? Daß Wohnungslose sich selbst als aktiv tätige, ihre Lebensumstände verändernde und gestaltende Individuen erleben, erfahren und ausprobieren können?

Wenn es also beispielsweise erforderlich ist, einen Treffpunkt für Wohnungslose einzurichten, ist es dann möglich, diesen zusammen mit Wohnungslosen aufzubauen und zu betreiben? Können Wohnungslose damit beauftragt werden, zu kochen und Suppe auszugeben, Spenden abzuholen und zu sortieren, die Räume zu renovieren und einzurichten, die Räume sauber zu halten und zu wischen? Ist ihnen auch zuzutrauen, Büro- und Organisationsarbeiten zu übernehmen? Können Sie selbst auch andere Wohnungslose über diese Angebote informieren und anfangen zu recherchieren, welche weiteren Kontakte und Informationen und Ressourcen notwendig sind, um von der Straße weg zu kommen?

Wenn so ein Konzept auf der Ebene eines Treffpunktes möglich ist, ist es auch übertragbar auf die Einrichtung von Übernachtungsmöglichkeiten, auf die Herstellung von Wohnraum, auf die Schaffung von Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten? Ist es möglich, zusammen mit Wohnungslosen und Arbeitslosen eine Art soziales Unternehmen, einen wirtschaftlichen Betrieb zu gründen, mit dem die zentralen Aspekte der Daseinsfürsorge – Ernährung, Kleidung, Unterkunft, Wohnung, Arbeit, Einkommen, gesundheitliche Versorgung, Alterssicherung, Kultur und Bildung – gemeinschaftlich, planvoll und in einem eigenen Wirtschaftskreislauf herstellbar sind?

Selbstverständlich hat der Ansatz, Angebote der Wohnungslosenhilfe zusammen mit Wohnungslosen aufzubauen und zu betreiben, klare Grenzen. Insbesondere wohnungslose Menschen, die körperlich oder psychisch krank sind, auch alte und pflegebedürftige Wohnungslose können in diesem Sinne nicht oder nur kaum gefordert werden, sie benötigen eine vielmehr medizinische, psychologische oder pflegerische Versorgung durch ausgebildete Spezialisten. Auch bei anderen Schwierigkeiten ist es oftmals notwendig, Experten hinzuzuziehen, etwa, wenn es um Fragen der Inanspruchnahme von gesetzlich garantierten Hilfeleistungen geht und eine Beratung erforderlich ist, oder bei juristischen Problemen, bei denen ein Rechtsanwalt benötigt wird.

Aber es gibt einen Effekt, der genutzt werden kann. Gerade Menschen, die wohnungslos waren und nicht mehr sind, verspüren oftmals das Bedürfnis, sich um aktuell Wohnungslose kümmern zu wollen. Hier ist ein Assistenzkonzept denkbar, bei dem ehemalige Wohnungslose eine Art unterstützende Patenschaft übernehmen für Menschen, die aktuell noch auf der Straße leben.

Damit komme ich zurück auf die Ausgangsfrage. Eine Änderung der Lebensumstände Wohnungsloser bis hin zu einer Integration kann für meine Begriffe nur gelingen, wenn wohnungslose Menschen wissen und erfahren: Ich werde gebraucht, auf mich kommt es an, von mir hängt es ab. Auf der anderen Seite müssen ihnen die Möglichkeiten eingeräumt werden, diese Erfahrungen machen zu können.

Dann ist möglicherweise auch ein persönliches Motiv vorhanden, die bestehenden eigenen Defizite bearbeiten zu wollen.

Um ein solches Konzept zu realisieren, bedarf es einer neuen Typologie der Sozialarbeit. Gefragt sind nicht mehr die helfenden, unterstützenden Sozialarbeiter, die einzelne Fälle, einzelne Klienten betreuen, sondern vielmehr Sozialmanager, Agenten der Sozialen Arbeit, die die einzelnen Ressourcen im Sinne der Wohnungslosen zusammenbringen können. Erforderlich ist dafür auch eine neue Theorie der Sozialen Arbeit mit Wohnungslosen.

Meine Damen und Herren, es ist mir bewußt, daß ich mit meinem Beitrag mehr Fragen aufwerfe, als Antworten zu geben. Wenn trotz vielfältiger Angebote der Hilfe für wohnungslose Menschen ein nicht unbedeutender Anteil dennoch wohnungslos bleibt oder Angebote nicht oder nicht mehr in Anspruch nimmt, ist das auch notwendig. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Stefan Schneider
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