Obdachlose sind überflüssige Menschen

Eine Polemik in sechs Teilen


I. Obdachlosenhilfe im Sonderangebot?

"... es gibt keinen Grund, warum wir zulassen sollten, daß einige sich hier auf Erden nur aufhalten." - so schreibt im Spätherbst 1996 ein Herr Schwiedeßen von der Sozialen Wohnhilfe im Bezirksamt Lichtenberg von Berlin in seinem Positionspapier "Zur Versorgung obdachloser Menschen unterhalb der Verpflichtungen und Angebote der bezirklichen Sozialämter".

Ideologie ist notwendig falsches Denken. Notwendig falsch deshalb, weil die klare Benennung der tatsächlichen Zwecke und Ziele der Durchsetzung eines Interesses durchaus hinderlich sein könnten. Wer gibt schon gerne zu, daß er den anderen übers Ohr hauen will? Stattdessen reden wir - ideologisch richtig, tatsächlich falsch - über Sonderangebote und Sparpakete.

Schwiedeßen vom Bezirksamt Lichtenberg in Berlin möchte uns mit seinem "Positionspapier" ein solches Sparpaket verkaufen. Ein Versuchsballon, um auszutesten, was im Moment durchsetzbar ist. Es lohnt die Mühe nicht, sich darüber sonderlich aufzuregen, denn: Faktisch sind seine Positionen durchsetzbar! Sie sind schon jetzt - mehr oder weniger modifiziert - Teil der offiziellen Politik, nur wird das selten zugegeben. Von daher an dieser Stelle nur ein paar grundsätzliche Notizen zu den tatsächlichen Interessen, Zielen und Zwecken im Umgang mit obdachlosen und anderen Menschen in dieser unserer Gesellschaft:

II. Wer wird gebraucht?

In einer Gesellschaft, in der es in erster Linie um die Verwertung des Werts geht (böse Zungen sprechen in diesem Zusammenhang durchaus von "Kapitalismus") ist der einzelne, gewöhnlich Sterbliche nur insofern interessant, als daß er durch die Verausgabung seiner psychischen und physischen Arbeitskraft eben dazu beiträgt: Als normaler Fließbandarbeiter, um diese Werte zu produzieren, als Soldat, wenn die Verwertungsinteressen militärisch durchgesetzt werden sollen, als Diener des Staatsapparats, um dieses Verwertungssystem aufrechtzuerhalten, als gebärende Frau, um die Produktion von Nachwuchs zur Verwertung zu sichern, als Sozialarbeiter oder Pfarrer, um die schlimmsten sozialen Resultate dieser Ausbeutung zu entschärfen - und so weiter.

Die Leute müssen am Kacken bleiben, deswegen gibt es Lohn, die Leute müssen bei Laune bleiben, deswegen bleibt noch ein Rest für die Freizeitgestaltung; nicht alle werden gebraucht, deswegen gibt es Arbeitslose, der Bedarf ist wechselnd, deswegen gibt es für die berühmte Reservearmee finanzielle Ersatzleistungen (Sozial- und Arbeitslosenversicherung) - und so weiter.

"Wohnen" ist deshalb kein Grundbedürfnis, sondern Voraussetzung, um ausgeschlafen, frisch geduscht und sauber gekleidet, gut gefrühstückt und mit den aktuellsten Informationen aus der Zeitung ausgestattet, Tag für Tag gut gerüstet seinen Dienst im Dienste der Verwertungsinteressen anzutreten.

Es ist klar, daß ein Obdachloser, der selten ungestört irgendwo schlafen kann und zusehen muß, wo er Körperpflege betreiben und sich saubere Klamotten besorgen kann, wo er sein Frühstück bekommen und bei Laune bleiben kann, diese Leistung nur schlecht zu erbringen in der Lage ist. Aber: er wird ja auch nicht gebraucht! Deshalb braucht ein Obdachloser folgerichtig auch keine Wohnung.

Von daher ist es vollkommen richtig: Wer Arbeit hat und damit dem Verwertungsinteresse dienen darf, bekommt exakt soviel, damit er als Arbeitskraft seine Funktion erfüllen darf. Natürlich muß für Nachwuchs gesorgt werden und eine Reserve bereitstehen. Für alle anderen gilt: Sollen sie doch selber zusehen, wo sie bleiben. Gebraucht werden sie nicht. Das trifft zu auf mindestens 15 von offiziell über 20 Millionen Arbeitslosen, das trifft auch zu auf über 4 Millionen Obdachlose in Europa. Es ist also gar nicht einzusehen, daß für die unnützen und überflüssigen arbeits- und obdachlosen Menschen ein staatliches und wohlfahrtliches System aufrecht erhalten wird, das Jahr für Jahr Milliarden Mark an Geld kostet - für nichts und wieder nichts. Diese Kosten beeinträchtigen den Profit.

III. Sozialer Friede muß gewahrt bleiben!

Was also tun? Früher hat man nutzlose Esser schlichtweg mit einem Tritt vor die Tür gesetzt. In den heutigen, modernen Zeiten geht das nicht mehr so einfach. Heute verteilt man die Lasten zur Finanzierung der überflüssigen Leute auf die noch Arbeitenden, wohl wissend, daß diese es nicht einsehen, Mitesser auf ihre Kosten durchzubringen und daß diese von sich aus Steuererleichterungen fordern und sich die Meinung zu eigen machen, daß gespart, gespart, gespart werden muß. Zugleich kann man hoffen auf ein paar nützliche Idioten, die noch Mitleid haben und den überflüssigen Leuten sogar etwas abgeben von dem wenigen, was sie selber haben. Daß man die überflüssigen Leute nicht einfach in die Wüste schicken kann, verdankt sich lediglich dem Umstand, daß dort schon zuviele sind, die mit ihren dicken Bäuchen lediglich auf ihr Verhungern warten. Und zudem ist es auch gefährlich: Leute, die nichts mehr zu verlieren haben und dies wissen, sind unberechenbar und zu allem in der Lage. Von daher ist es notwendig, ihnen wenigstens noch ein Stück weit den Glauben zu erhalten, es gäbe noch einen Platz für sie in der Gesellschaft. Im herrschenden Sprachgebrauch heißt das dann: Es geht darum, den sozialen Frieden zu wahren. (Zur Erinnerung: Wenn die da oben von Frieden reden, wissen die da unten: Es wird Krieg geben!) Was wir im Moment erleben, ist nichts anderes als eine Konkurrenz darum, wie die Befriedung des Obdachlosenproblems möglichst zum Nulltarif geschehen kann. Christlich organisierte Suppenstuben, studentisch geleitete Notübernachtungen, selbstorganisierte Obdachlosenzeitungen und Recyclingprojekte, sozial angehauchte Gutmenschen in Lobbyvereinen und Spendenparlamenten, klassische Sozialarbeiterinitiativen und Wohlfahrtskonzerne mit ihren Einrichtungen, kommerzielle Immobiliengesellschaften und Arztmobile und so weiter wetteifern geradezu darum, wie das am besten zu machen sei, und wie man gleichzeitig den optimalen moralischen und vor allem finanziellen Profit für sich selbst und vor allem immer auf Kosten der Obdachlosen herausschlagen kann. Daß angeblich alles nur für die lieben armen Obdachlosen getan wird, das ist die moralische Seite dieser Angelegenheit.

Zugleich ist klar - und die Obdachlosentheatergruppe "RATTEN 07" artikuliert dies auch sehr präzise in ihrem neuesten Stück -: Obdachlosigkeit ist ein Wirtschaftsfaktor. Und auch hier gelten wie überall in der wertverwertenden Gesellschaft die Gesetze von Lohn, Preis, Profit und Effektivität. Wieviel Menschen dabei über die Klinge springen, ist letztlich egal. Aber das kapitalistische System hat schon immer Menschen verheizt, sei es im Krieg, an den Arbeitsplätzen, durch die Zerstörung von Umwelt und Natur oder durch einfache Rationalisierungen. Die permanente Produktion von Armut ist systematisch und logisch - irgendwie muß Reichtum ja hergestellt werden. Nicht nur, daß dabei mal eben auch haufenweise Leute obdachlos werden - nein, auch an den Obdachlosen kann noch gespart werden! Das ist die ökomische Seite dieser Angelegenheit. Ihre Durchsetzung hat immer etwas mit Gewalt zu tun, die sich mit Ideologie tarnt. Und wie sieht das aus:

IV. Kein Mensch ohne Zulassung!

"... es gibt keinen Grund, warum wir zulassen sollten, daß einige sich hier auf Erden nur aufhalten." Wenn "wir" also nicht zulassen sollen, daß etwa Obdachlose sich hier auf Erden "nur" aufhalten, werden "wir" damit eingeladen, den Obdachlosen eine "Zulassung" zu verweigern. Und was nicht zugelassen wird, ist schlichtweg illegal. Einmal abgesehen von der Frage, worauf sich diese "Zulassung" beziehen mag (allgemeine Menschenrechte, Staatsbürgerrechte, Grundgesetzrechte, Recht auf Sozialhilfe, Recht auf Unversehrtheit der Person - und so weiter), werden "wir" damit eingeladen, Menschen in die Illegalität zu verstoßen. Alles illegale aber (illegale Drogen, illegal hier lebende Ausländer, illegaler Waffenbesitz - und so weiter) wird nicht geduldet, sondern von staatlichen Organen verfolgt und bestraft. "Wir" werden also eingeladen, nachdem "wir" Obdachlose erstmal zu Illegalen gemacht haben, diese eben wegen ihrer Illegalität verfolgen und bestrafen zu lassen, wenn wir es nicht gleich selbst tun.

In letzter Konsequenz also ruft Schwiedeßen mit seiner Formulierung zu einer Verfolgung Obdachloser auf. Damit wird eine neue wie alte Qualität des gesellschaftlichen Umgangs mit Obdachlosen erreicht: Verfolgung statt Integration!

V. Fiktion oder Wirklichkeit?

Zur Verdeutlichung vielleicht noch einige Hinweise, wie diese "Verfolgung" im Alltagsleben konkret aussehen kann: Als Mutprobe: Wer noch nie in seinem Leben einen Obdachlosen erschlagen oder angezündet hat, ist kein anständiger Deutscher - oder, wahlweise: kein richtiger Mann (Stichwort: Penner-Klatschen)! Obdachlose werden als Versuchskaninchen für pharmazeutische und medizinische Experimente verwendet. Treibjagden auf Obdachlose werden von professionellen Firmen organisiert, damit Manager und Millionäre sich auch im praktischen Leben einmal beweisen können (Kostenpunkt: 120.000 US$ - mit Geld-zurück-Garantie). Private security-Firmen säubern Stadtteile von Pennern und Obdachlosen, damit das Wohlbefinden der Bewohner nicht länger gestört wird, die Menschen "verschwinden" einfach oder werden im nirgendwo ausgesetzt! Keine Frage, dies alles ist schon jetzt Realität.

Insofern ist die Position von Schwiedeßen gar nicht so neu. Er drückt nur aus, was viele denken und bereits schon seit langem praktizieren. Nur: mit seinem Papier ist das große Obdachlosen-Schießen jetzt auch offiziell eröffnet.

VI. Schluß

In einer Gesellschaft, in der es in erster Linie um die Verwertung des Werts geht (böse Zungen sprechen in diesem Zusammenhang durchaus von "Kapitalismus") ist der einzelne, gewöhnlich Sterbliche eben auch insofern interessant, indem er das seinige dazu beiträgt, überflüssige Menschen, etwa Obdachlose, zu entsorgen. "Wohnen" ist deshalb kein Grundbedürfnis, sondern Voraussetzung, um denen eins über den Schädel zu hauen, die keine Wohnung haben - und sei es, mit Worten!

Winter 1996/97: Es ist wieder Krieg in Deutschland!

Bruno Katlewski
Berlin, Januar 1997

aus: (Schneider, Stefan unter dem Pseudonym Bruno Katlewski): Wohnen ist kein Grundbedürfnis! Obdachlose sind überflüssige Menschen. Eine Polemik in sechs Teilen. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 2/97 vom 27.02.1997. Berlin 1997, S. 8 - 9.
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