"Soziale Organisationsformen entstehen u.a., weil in offenen Kommunikationsbereichen der Gesellschaft (...) soziale Not sichtbar wird."(1

Kontext

Obligatorisch im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation am Fachbereich 5 der Hochschule der Künste Berlin ist für die Studentinnen und Studenten im Hauptstudium die Erarbeitung eines Kommunikationsprojekts an einem konkreten oder fiktiven Gegenstand. Die StudentInnen Natascha Adamowsky, Christina Budde, Jaqueline Kaassa, Alexander Soyez und Gero von Wedel wählen sich im Winter 1991/1992 ein für die Zunft der Kommunikationswissenschaftler eher ungewöhnliches Thema und erarbeiten als Gruppe unter dem Titel "obdachlos in berlin" ein Kommunikationsprojekt zum Problem der Obdachlosigkeit in unserer Stadt.

Nach Recherchen zum Problem (Sekundäranalyse) und einer eigenständigen Primärforschung in der "Berliner Hilfelandschaft", in der mit Experten aller Ebenen das angedachte Konzept auf Plausibilität, Akzeptanz und Durchführbarkeit hin diskutiert wird, legt die Gruppe im Spätherbst 1992 ihre Ergebnisse vor: Dazu gehören neben der 290 Seiten starken Dokumentation der Primärerhebung die eigentliche, 142 Seiten umfassende Projektmappe, sowie, als sinnlicher Höhepunkt, eine einstündige öffentliche und gut besuchte multimediale Projektpräsentation am 24. November 1992 in der Aula des Fachbereichs für Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der HdK Berlin am Einsteinufer.

Projekt

Ohne an dieser Stelle einen umfassenden Eindruck der Projektpräsentation und der anschließenden Diskussion wiedergeben zu können, beziehe ich mich im folgenden in erster Linie auf die im wesentlichen inhaltsgleiche und ausführlichere Darstellung der Projektmappe. Sie besteht aus 3 Teilen: Die Vorstellung der Resultate der Forschung, die Darlegung zur Planung des Projekts sowie die Überlegungen zur Gestaltung. Vorangestellt ist ein zusammenfassendes "Briefing".

Die im Verlauf der Recherchen entwickelten und selbstgestellten Ziele bestehen für die Projektgruppe vorrangig darin, "über das Thema zu informieren und aufzuklären, eine Entstigmatisierung von Obdachlosen anzustreben, der Individualisierung des Problems entgegenzuwirken, eine Atmosphäre der Solidarität mit Obdachlosen zu schaffen, eine Lobby für Obdachlose zu Gründen und eine Vernetzung der beteiligten Organisationen und Institutionen anzuregen."(2) Zur Umsetzung dieser Ziele schlägt die Projektgruppe ein Kommunikationsprojekt vor, dessen Kernstück die Initiierung "eines gemeinnützigen Vereins (ist), in dem Helfer, Hilfsbereite und Kommunikationsfachleute eine Konzentrierung der gesellschaftlichen Kräfte anstreben."(3) Seine konzeptionelle Einordnung verdeutlicht das von der Projektgruppe entwickelte Schaubild auf dieser Seite.

Im Verein sollen nicht nur alle gesellschaftlich relevanten, mit den Problem der Obdachlosigkeit befaßten Gruppen an einen Tisch gebracht werden, sondern darüberhinaus auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, "die in der Lage sind, Mehrheiten zu schaffen"(4), als Lobbyisten und Multiplikatoren zur Mitwirkung und Mitarbeit gewonnen werden: "Es geht darum, Initiativen bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern auszulösen und ein öffentliches Bewußtsein zu schaffen, aus dem letztendlich aktive Handlungsschritte folgen."(5) Die Graphik auf der folgenden Seite zeigt die angezielten Interessentengruppen des Vereins.

Im Planungsteil wird der Vorschlag des Kommunikationsprojekt konkretisiert. Vorgesehen ist die Gründung eines Vereins "Plattentat" als Plattform, begleitend dazu die Anbindung einer einzurichtenden Medienagentur für die Presse- und Öffentlichkeitskampagne sowie langfristig die Bildung eines Kulturhauses. Detailliert dargelegt werden Überlegungen zur Organisationsform des Vereins, dessen Gründung und Gründungspersonen, der Entwurf einer Vereinssatzung, die Anbindung von Agentur und Kulturhaus, sowie Konzepte zur Finanzierung über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Sponsoring. Als Resultat der Forschung sieht die Gruppe den zentralen Inhalt der Vereinsarbeit zunächst und kurzfristig darin, Fakten zu vermitteln. In der Kommunikationsplanung dazu wird umfassend das Konzept einer Kampagne vorgestellt. Die Ziele sind "Aufmerksamkeit, Interesse, Aufklärung, Information, Sensibilisierung/ Solidarität, Unterstützung durch Öffentlichkeit und Wirtschaft."(6) Dementsprechend lauten die erarbeiteten Hauptinhalte der Kommunikation:

  • "Obdachlosigkeit kann jeden treffen.
  • Obdachlos ist nicht nur der Penner auf der Parkbank.
  • Obdachlos bedeutet, am sozialen, moralischen, politischen und ökonomischen Rand der Gesellschaft zu leben.
  • Obdachlose sind auf die Hilfe anderer angewiesen.
  • Obdachlose sind fähig zu Selbsthilfe.
  • Obdachlosigkeit ist teuer.
  • Obdachlosigkeit ist lösbar.
  • Jeder hätte einen Nutzen davon, Obdachlosigkeit zu vermeiden."(7)
(Grafik 2 - die fehlt hier)

Entwickelt werden kommunikationspolitische Ziele, eine Konzeption (Kontakte zu Medien, Wirtschaft, Politik, flankierende Maßnahmen), Überlegungen zur Kampagne selbst (Ziele, Etat, Kernzielgruppe, Kommunikationsinhalte), ihre Dauer und die Auswahl der Medien (Stadtmagazine und Tageszeitungen, Plakate in U-Bahnen und U-Bahnhöfen, Hörfunk- und Fernsehspots auf regionalen Kanälen, Kinospots), sowie ein Medienstreuplan, Zeitplan und abschließend eine Kostenkalkulation.

Breiten Raum nimmt dann die Darstellung und Erläuterung der erarbeiteten und während der Präsentation vorgeführten Gestaltung von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Vereinslogo, sowie der Plakate, Anzeigen, Hörfunk-, Kino- und Fernsehspots ein. Die hier abgebildeten Zeitungs- und Zeitschriftenanzeigen sowie das Skript eines Hörfunkspots mögen ansatzweise davon einen Eindruck vermitteln.

Am auffälligsten ist vor allem die in sich stimmige Gestaltungskonzeption der einzelnen Elemente, sowie ihr wechselseitiger gestaltungslogischer Bezug, der einen Wiedererkennungseffekt der breitgestreuten Kampagne erhoffen läßt. 

Einschätzung

In der gebotenen Kürze kann ich an dieser Stelle nur einige, mir wichtige Linien einer kritischen Einschätzung skizzieren. Mit erheblichem Umfang an unbezahlter studentischer Arbeitskraft, unter Einsatz eigener finanzieller Aufwendungen und mit universitären Bordmitteln erarbeitet die Gruppe "obdachlos in berlin" ein Kommunikationsprojekt und eine Kommunikationsplanung, die einem Vergleich mit professionellen Maßstäben standhält und den innovativen Anspruch der HdK Berlin als künstlerisch-wissenschaftliche Hochschule unterstreicht. Als fiktives Projekt geplant, ist das vorgestellte Lobby-Paket ein durchaus ernstgemeintes, auf Berlin anwendbares und darüber hinaus verallgemeinerungsfähiges, ggf. modifizierbares und vergleichsweise kostengünstig kalkuliertes Angebot an interessierte Träger, Verbände oder Einrichtungen der Sozialen Arbeit mit Wohnungslosen.

Zugleich wird damit dem schwierigen Argumentationsansatz: "Wohnungslose haben keine Lobby!", der einerseits den Alleinvertretungsanspruch der sozialen Arbeit legitimiert und gleichzeitig die Funktion hat, von der Erfolgsüberprüfung der eigenen Arbeit zu suspendieren, Boden entzogen. Dennoch: Das in der Primärerhebung bei den Experten konstatierte Problem, "Keiner kann sich vorstellen, warum sich am derzeitigen wirtschafts-politischen Desinteresse (an der Beseitigung von Obdachlosigkeit) etwas ändern sollte"(8) und "Ebensowenig fanden wir Hinweise, was Gratifikation sein könnte, sich gegen Obdachlosigkeit einzusetzen"(9) (außer, daß die Bearbeitung von Obdachlosigkeit teuer ist), kann letztlich auch vom Projekt nicht gelöst werden, der Ansatz basiert auf der Ebene der moralisch vorgetragenen Intervention. Unterbelichtet auch die wichtige Frage nach der Verursachung von Obdachlosigkeit im Kontext der sich gegenwärtig vollziehenden umfassenden Umgestaltung, Individualisierung und Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche. Angesichts einer Gesellschaft, die in ihrem "Wahnsinn der Normalität" (Arno Gruen) Menschen mit Füßen tritt, anfackelt und verrecken läßt, droht die Perspektive von Lobbyarbeit für Wohnungslose ohne eine Position gegenüber dieser Realität zu einer sisyphusgleichen Farce zu verkommen.

Die Vorstellung einer übergreifenden Vernetzung von gesellschaftlich relevanten Gruppen und Einzelpersonen des öffentlichen Lebens in Sachen Obdachlosigkeit steht im Widerspruch zur Tatsache, daß in Berlin noch nicht einmal eine funktionierende Kooperation und Koordination der Sozialen Angebote und Einrichtungen (abgesehen von Ansätzen: Projektetreffen, AK Wohnungsnot, Arbeitsgemeinschaft Berliner Wärmestuben, auch: Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V.), etwa im Sinne einer funktionierenden und entsprechend ausgestatteten Landesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, erreicht ist und daß von seiten der "Berliner Hilfelandschaft" kaum personelle und finanzielle Kapazitäten frei sind, die geeignet wären, zur Durchführung eines solchen Modells innovative Kräfte zu entfalten. Dazu: Die Werbekampagne zielt auf eine mit dem Eckdaten "jung, gebildet, berufstätig, Großstädter mit Familie ohne Trauschein und katholisch" umrissene, bereits jetzt schon vielfach umworbene Zielgruppe der "Hilfefreudigen": Wie lange wird es dauern, bis die ohnehin schon Satten übersättigt sind?

Aus pädagogischer Sicht gehört m.E. die (langfristige) Vorstellung eines Kulturhauses als Sitz und Aktionsort des Vereins, Begegnungsstätte für Alltags- und Straßenkultur(arbeit) sowie als Zentrum für Kunst und Bildung zu den interessantesten Vorschlägen der Projektgruppe. Zum einen liegt die innovative Chance eines solchen Kulturhauses darin, Bündnisse herzustellen, was die Entwicklung völlig neuer Kooperationsformen zwischen Wohnungslosen, Künstlern und auch Sozialarbeitern etc. jenseits der üblichen Vorgaben der Sozialarbeit (Beratung - Betreuung - Bevormundung - Entmündigung) erfordert, zum anderen bedarf Lobbyarbeit auch einer sinnlich-konkreten materiellen Basis und Plattform - das betrifft insbesondere die Wohnungslosen selbst.

In der Auseinandersetzung mit dem von der Projektgruppe entwickelten Kommunikationsprojekt gilt es, vorliegende Erfahrungen und Entwicklungen sorgfältig auszuwerten, etwa die von Hermann Pfahler wiederholt problematisierte und subjektiv nachvollziehbare Tendenz Wohnungsloser, in der Versenkung zu verschwinden, sobald sie mit Projekten "versorgt" sind, die Erfahrungen von Willy Drucker, Wohnungslosen kostenlos Postkarten mit Graphiken von Sebastian Blei für den Straßenverkauf anzubieten, Zeitungsprojekte mit Straßenverkauf wie "Street Sheet" in San Francisco, "Big Issue" in London sowie der Plan von Stephan Reimers vom Diakonischen Werk in Hamburg, ein ähnliches Modell in Norddeutschland aufzuziehen, (10) aber auch Aktionen wie Werner Bolzhausers "Rucksackboot", Gerlinde Heeps Projekt "Berber - Medien- Alltag - Kunst", der Frankfurter Verein "Lobby für Wohnsitzlose" mit der Zeitung "Lobby", der Ansatz vom Castillo-Centre und Network in Haarlem, New York und nicht zuletzt die an der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. angesiedelten Anfänge einer bundesweiten Selbstorganisationsform Wohnungsloser, um nur einige Beispiele zu nennen.

"obdachlos in berlin" zeigt: Das Problem mangelnder politischer Durchsetzungsfähigkeit und fehlender Organisationsformen zur Artikulation und Realisierung von Interessen Wohnungsloser ist nicht unüberwindbar.

Fazit

Kein Patentrezept, aber ein bedeutender, konkreter und ernstzunehmender kommunikationswissenschaftlicher und praktischer Beitrag zum Problem Wohnungslosigkeit. Die Zukunft der sozialen Arbeit für und mit Wohnungslosen wird im entscheidenden Maße auch davon abhängen, ob und inwieweit ihre Akteure und Träger die darin enthaltenen Innovationen aufgreifen, in kritischer interdisziplinärer Auseinandersetzung zu eigen machen und in arbeitsteiliger Kooperation entfalten kann.

 

Kontakt und Information

Die Mappe zur Primärforschung sowie die Projektmappe sind zum Preis von jeweils DM 50,- bei der Projektgruppe erhältlich oder in der Bibliothek des FB 5 HdK am Einsteinufer 43/53 einzusehen. Kontakt und weitere Informationen:

"obdachlos in berlin"
c/o Natascha Adamowsky
Meraner Str. XX
1000 Berlin 62

Anmerkungen/ Abbildungsnachweis

  1. Martin Bentele: Gedanken zu einer Zensur. In: Verein Dowas 1992: 10 Jahre DOWAS. Bregenz, S. 8.
  2. Projektmappe, S. 1.
  3. Projektmappe, S. 33.
  4. Projektmappe, S. 33.
  5. Projektmappe, S. 33.
  6. Projektmappe, S. 73.
  7. Projektmappe, S. 56
  8. Primärforschung, S. 61.
  9. Projektmappe, S. 34.
  10. Berliner Morgenpost vom 19.12.1992, vgl. den Pressespiegel der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe Nr. 13 vom Dezember 1992, S. 44.
Alle Abbildungen sind in verkleinerter Form der Projektmappe entnommen, (3) und (4) im Original farbig. (1) S.32, (2) S.63, (3) S.108, (4) S.107, (5) S.127.

Stefan Schneider

aus: Schneider, Stefan: "obdachlos in berlin" - Ein Kommunikationsprojekt. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr. 19 vom Februar 1993, Berlin 1993, S. 10-12, und in: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 105 - 108; sowie in: HDK Magazin 2/93. Hg. von der Hochschule der Künste Berlin - Pressestelle -. Berlin 1993, S. 95 - 97. 

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