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"Obdachlos" - Ausstellungsbericht aus der Sicht eines Menschen, der zu den Betroffenen gehört.

Horst lernte ich kennen bei der Eröffnung der Ausstellung "Obdachlos - Fotos" am 17.12. 1993 in der Galerie Nord in Berlin-Moabit. Gezeigt werden dort Fotoarbeiten von Jane Dulfaqar, Kerstin Ehmer-Kraus, Theo Heimann und Paul Langrock. Horst stand am Büchertisch und verkaufte Informationsmaterial zum Thema, erklärte, diskutierte und redete über das Leben auf der Straße. Horst ist untergebracht in einer Obdachlosenunterkunft im Norden Berlins, und zugleich ein engagierter Multiaktivist in Sachen Wohnungslosigkeit. Seit einigen Monaten ist er ehrenamtlicher Küchenmitarbeiter im Seelingtreff und nimmt an verschiedenen Gruppenaktivitäten (z.B. Sportgruppe, geplantes Zeitungsprojekt) teil. Darüberhinaus engagiert er sich noch in der Berliner Betroffeneninitiative Wohnungsloser, deren zweiter Vorsitzender ist. Horst ist arbeitslos und auf der Suche nach einer Beschäftigung im Rahmen des 500er-Programms, am liebsten innerhalb der Betroffeneninitiative - und eine vernünftige und preiswerte Wohnung für sich braucht er selbstverständlich auch. (Entsprechende Hinweise werden unter 321 20 26 (Seelingtreff) entgegengenommen und umgehend bearbeitet.)

Horst wünscht sich, daß über seine Eindrücke und Erfahrungen mit dieser Ausstellung berichtet und informiert wird. Deshalb trafen wir uns am Sonntag, dem 16.1.1994 im Seeling-Treff. Es war viel zu tun an diesem Sonntagnachmittag - zwischendurch gab es eine Autorenlesung von Künstlern als kulturelles Angebot, BesucherInnen kamen an und wollten das eine und das andere, dazu die vielen obligatorischen Küchenarbeiten: Kaffee kochen, Essen austeilen, Geschirr einsammeln, abwaschen, den nächsten Einkauf besprechen und so weiter. Zwischendurch nahmen wir uns eine knappe Dreiviertelstunde Zeit, in der Horst von seinen Eindrücken über die Ausstellung erzählte:

Seit der Eröffnung der Ausstellung Mitte Dezember kamen im Verlauf des ersten Monats insgesamt vielleicht 400 BesucherInnen, oder, anderes gesagt, pro Tag ungefähr 20 Leute, mal mehr, mal weniger. Dazu noch seit kurzem einige Schulklassen. Trotzdem hätte man mehr die Presse mobilisieren können, um die Ausstellung noch bekannter zu machen, meint Horst. Die Ausstellung wird noch einmal um einen Monat verlängert bis zum 13.2.1994, sodaß sicherlich noch einige Menschen die Gelegenheit haben werden, die Ausstellung zu besuchen. Der Eintritt ist frei. Die Öffnungszeiten sind nach wie vor Montag bis Freitag von 10:00 bis 17:00 Uhr, sowie Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr, die Ausstellung wird voraussichtlich anschließend in Cottbus bei der Stadtmission zu sehen sein. Erste Kontakte bestehen bereits, vielleicht wird daraus eine Wanderausstellung.

Aber nicht alles läuft perfekt. Den Bücherstand zur Ausstellung betreibt Horst fast während der gesamten Öffnungszeit so ziemlich allein. Zwar hat er dann oft Zeit und Ruhe, auch mal was zu lesen oder Post zu erledigen und mit den Besuchern Gespräche zu führen, aber die ganze Arbeit bleibt trotzdem an ihm hängen. Weder von der Betroffeneninitiative noch von (BesucherInnen) der Beratungsstelle in der Levetzowstraße finden sich Leute, die ihn hierbei unterstützen und für ein paar Stunden oder einen Tag den Bücherstand übernehmen. Besonders doof ist es am Donnerstag und Freitag, wenn er schon um 13:00 Uhr seine Bücher zusammenräumen muß, um dann in den Seelingtreff rüberzuwetzen, weil dort seine Küchenarbeit beginnt und er die Kollegen nicht im Regen stehen lassen will. (Vielleicht übernimmt er sich damit und halst sich Arbeit auf und sagt nicht rechtzeitig genug: "Leute, jetzt ist genug, macht ihr mal, es wird mir zuviel!") Auf der anderen Seite ist es ihm wichtig, daß der Bücherstand aufgebaut und besetzt wird und jemand da ist, der kompetent und aus erster Hand informieren kann. Leider ist das Interesse am Büchertisch nicht überwältigend groß, beklagt Horst. Bisher wurden vielleicht 400,-- DM Umsatz gemacht. Und an Spenden, die der Arbeit der Berliner Betroffeneninitiative Wohnungsloser zugute kommen, ist bisher auch noch keine nennenswerte Summe zu verzeichnen.

Was Horst besonders ärgert: Eines Tages schmiß ein offenbar angetrunkener wohnungsloser Besucher eine Flasche Bier auf dem Büchertisch um. Für Horst eine Situation, die bei anderen Besuchern der Ausstellung einen schlechten Eindruck hinterlassen könnte. Und in der Tat, zwei Tage darauf wurde Horst noch einmal auf diesen Vorfall angesprochen, und mußte sich Beschwerden darüber anhören. (Ich denke, wenn auf dem Berliner Presseball die High-Society besoffen unter den Tischen liegt, wird darüber dezent hinweggegangen und niemand regt sich auf, aber wenn Wohnungslose dasselbe tun, dann ist das schlimm. Um mit Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit etwas erreichen zu wollen, haben Wohnungslose gefälligst spießiger zu sein als die BürgerInnen. Was für eine kleinbürgerliche Doppel-Moral!)

Alles in allem ist laut Horst die Ausstellung bei den BürgerInnen gut angekommen. Einige erkannten die auf den Fotos abgebildeten Wohnungslosen wieder und berichteten ihm von Begegnungen. Besonders erfreulich fand Horst, wenn manche Besucher sich von ihm Rat holten. Sie fühlten sich befangen gegenüber Wohnungslosen und fragten, wie sie sich denn am Besten verhalten sollten? Was man tun solle, wenn die Frage auftaucht: "Haste mal 'ne Mark?" Zu welchen Einrichtungen und Angeboten man Wohnungslose schicken könne?, Welche Probleme auftauchen könnten, wenn man eine oder einen Wohnungslose/n bei sich zu Hause zum Übernachten aufnehmen würde?

Andere BesucherInnen wollten nach Besichtigung der Bilder dagegen nicht viel darüber reden: "Die Fotos sprechen für sich!" Wieder andere waren schnell mit guten Vorschlägen bei der Hand, man könnte doch..., müßte doch..., sollte doch... - zum Beispiel leerstehende Häuser besetzen. Erläuterungen zu den Bildern, zu denen es viel zu sagen gegeben hätte, wurden erstaunlicherweise so gut wie gar nicht gewünscht.

Gezielt wurde auch an Schulen für die Ausstellung geworben, bisher waren zwei Schulklassen da, eine Reihe von Anmeldungen liegen vor, das Ganze läuft erst jetzt so langsam an. Positiv fand Horst, daß die SchülerInnen nach dem Besuch der Ausstellung bei weitem nicht mehr so "vorurteilig" sind, sie beginnen zu überlegen, werden nachdenklich. In diesem Sinne faßt Horst auch im insgesamt die Reaktion auf die Ausstellung zusammen: Die Menschen, die diese Fotos sehen, beginnen, nachzudenken.

Mit Beendigung der Notunterbringung wird bekannte Kabarettist Hans Scheibner ("Scheibnerweise") einen Kabarettabend zum Thema Wohnungslosigkeit geben. Er findet am Montag, dem 7.3.1994 um 20:00 Uhr in den Räumen der Ausstellung statt.

(Als Hintergrundinformation muß dazu gesagt werden: Auf demselben Gelände, auf der auch die Ausstellung gezeigt wird, ist den ganzen Winter über eine Turnhalle zur Notübernachtung für Wohnungslose geöffnet. Wer es also noch besser wissen will, kann diese Notübernachtung besuchen oder probeweise eine Nacht dort verbringen. Was dort an menschenunwürdiger Unterbringung vor sich geht, folgt ganz der Devise: Hauptsache, die Wohnungslosen krepieren nicht in der Kälte, alles andere ist mehr oder weniger scheißegal. Vielleicht wird im nächsten Winter - und das wäre dann die konsequente Fortsetzung - die Deutschlandhalle aufgemacht als Massensammenotübernachtungslager, und irgendwelche sozial-engagierten Menschen werden sich trotzdem finden, die das als politischen Erfolg feiern.)

Ansonsten: Die Ausstellung "Obdachlos - Fotos" ist zu sehen in der Galerie Nord im Brüder-Grimm-Haus in der Turmstraße 75, 10551 Berlin, Tel 3905-2370. Verkehrsverbindungen: U-Bahnhof Turmstraße (Linie 9) sowie Bus 101, 123, 127, 227, 245.

HORST berichtete,
STEFAN schrieb es auf,
DAGMAR machte Anmerkungen.

Berlin, 20.1.1994