Physiotherapie für Wohnungslose und Arme

Dr. Stefan Schneider: mob - obdachlose machen mobil e.V.

Physiotherapie ist die Behandlung von körperlichen Leiden, manuell (zum Beispiel durch Massagen), naturheilkundlich (zum Beispiel durch verschiedene Bäder) oder mit technischen Hilfsmitteln (zum Beispiel durch Dampfbäder oder Sauna).

Der gesundheitliche Zustand von armen und insbesondere wohnungslosen Menschen ist bekanntermaßen deutlich schlechter als der der Durchschnittsbevölkerung. Die Lebenserwartung von Wohnungslose ist nach einer Studie von Gerhard Trabert um durchschnittlich zehn Jahre geringer als im Bevölkerungsdurchschnitt. Zwar existieren medizinische Angebote für Wohnungslose (Obdachlosenambulanz, Krankenwohnung für Wohnungslose, Arztmobil, zahnärztliche Versorgung), diese zielen aber in erster Linie auf die Erst- und Notversorgung. Vorbeugende und physiotherapeutische Angebote existieren unseres Wissens nach nicht.

Erste Hilfen für Wohnungslose orientieren sich an deren Notlagen: Unter dem Stichwort ´Kältehilfe´ werden Schlafplätze bereit gestellt, die so genannten Wohnungslosentagesstätten fungieren als Wärmestuben, Suppenküchen und Kleiderkammern bedienen weitere existenzielle Bedürfnisse. Weiterführende Hilfen der Beratung und Betreuung zielen auf die Wiedererlangung von Normalität durch spezielle Formen der Krisenbewältigung sowie des Wohnens.

Der Schwerpunkt bei ´mob - obdachlose machen mobil e.V.´ (´strassenfeger´) und auch anderen Organisationen der Selbsthilfe von Wohnungslosen und armen Menschen liegt in der Dimension Arbeit beziehungsweise allgemeiner Tätigkeit, sei es konkret bei mob e.V. der Verkauf und Vertrieb der Straßenzeitung ´strassenfeger´, Küchen- und Thekenarbeiten im Treffpunkt ´Kaffee Bankrott´, Büro- und Organisationsarbeit oder Lager- und Transport- und Bauarbeiten.

Seit längerem treibt uns bei mob e.V. die Frage um, ob es methodisch noch andere - in Selbsthilfe organisierbare - Ebenen der Begegnung zwischen den Menschen gibt: Kunst und Kultur, aber auch digitale Netzwerke waren die ersten Denkrichtungen. Mehr durch einen Zufall wurden wir auf die Möglichkeit von Physiotherapie aufmerksam. Hintergrund dabei bildeten folgende Überlegen: Sowohl in Notübernachtungen, Wärmestuben als auch in betreuten Wohnangeboten und anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe müssen in der Regel zwei Ressourcen - Wärme und Energie - immer bereitgestellt werden. Speziell in den Räumlichkeiten von mob e.V. (´Kaffe Bankrott´, Notübernachtung, Besprechungsraum, Büro- und Redaktionsräumen und großes Trödellager im Keller) fallen dabei jede Menge Kosten an. Zu denken ist auch an den enormen Verbrauch durch heißes Abwaschwasser, die Duschgelegenheiten und die Waschmaschine, die beinahe rund um die Uhr läuft.

Das Weißenseer Ingenieurbüro at-Energie GmbH weist im Zusammenhang einer Energieanalyse auf die Chancen eines modernen Energiemanagements hin. Durch die einfache Installation eines dezentralen BHKW-Moduls im Keller, welches auf dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet, wäre nicht nur ein enormes Potenzial gegeben, Energie und somit Kosten zu sparen, sondern zusätzlich auch weitere Energie und Wärme an potenzielle weitere Verbraucher abzugeben. Damit wären die technischen Voraussetzungen für ein physiotherapeutisches Angebot gegeben. Zugleich ist dieses Konzept eine Antwort auf die Frage, was mit der etwa 60 Quadratmeter großen Fläche im Tiefkeller der Räumlichkeiten von mob e.V. in der Prenzlauer Allee 87 geplant und auch konkret umgesetzt werden könnte. Zurzeit ist diese Fläche ein Zwischenlager für die noch unsortierten Kleiderspenden - keine sonderlich effektive Form der Nutzung.

Eine Physiotherapieeinrichtung müsste mit den Funktionen Umkleidebereich, Vorreinigungsbereich, Dampfbad und/ oder Sauna, diverse Sitz-, Fuß-, Wannen-Bäder, Ruhe- und Massagebereich ausgestattet sein. Eine Entwurfsskizze der Architektin Claudia Adam zeigt, wie dies konkret in den vorhandenen Räumlichkeiten auch umgesetzt werden würde.



Ein physiotherapeutisches Angebot wäre also dort umsetzbar, wo wohnungslose und arme Menschen sich konkret aufhalten. Gegen alle Bedenken der Investitions- und laufenden Finanzierungskosten sowie der Frage, ob wohnungslose Menschen Physiotherapie gerade am dringendsten benötigen, wäre für ein solches - bundesweit bislang einziges Modellvorhaben - zu diskutieren, welche methodologischen Chancen aus einem Handlungsansatz erwachsen, der bewusst nicht auf die Abstellung unmittelbarer Not oder aber auf die Herstellung von Normalität setzt, sondern vielmehr eine Erfahrungsebene bereitstellt, die oft genug auf der Straße abhanden kommt: das eigene Körpergefühl, das Wissen und Bewusstsein um die Körperlichkeit, die Erfahrung von Wärme, drogenfreier Entspannung und körperlicher Zuwendung.

Eine grob überschlägige Kostenschätzung lässt für die Herstellung eines solchen Zentrums einen Finanzbedarf von etwa 120.000 Euro vermuten, zuzüglich der erforderlichen Anschaffung und Installation eines BHKW-Moduls der Kraft-Wärme-Kopplung in einem Umfang von weiteren 20.000 Euro. Beides unter der Annahme, dass ein größtmöglicher Teil der Bauarbeiten in Eigenleistung kostenfrei erbracht werden kann. Auf der anderen Seite ist es für alle fachmännischen Arbeiten unbedingt erforderlich, ausschließlich Fachfirmen mit der Durchführung zu beauftragen (Elektroinstallation, Sanitärarbeiten, Wassersperren usw.). Noch wichtiger ist jedoch eine realistische Kalkulation der Wirtschaftlichkeit des laufenden Betriebs: Welche Betriebskosten fallen pro Nutzer/ -in und Stunde an, welche Auslastung muss gegeben sein, damit ein gestuftes Preissystem eingeführt werden kann, welches insbesondere Armen oder Mittellosen einen möglichst kostenfreien Zutritt ermöglicht usw.

Für die Frage nach dem Personal und deren Kosten gibt es eine einfache, vielleicht allzu naive Idee: Eine ganze Reihe ausgebildeter Physiotherapeut/ -innen sind Sozialhilfebezieher/ -innen. Mit Hilfe von Förderprogrammen wie Hilfe zur Arbeit oder Integration durch Arbeit (nach §19 des Bundessozialhilfegesetzes) ließen sich Arbeitsplätze für die Dauer von einem Jahr einrichten. Eine nachgewiesene Berufspraxis in einer physiotherapeutischen Einrichtung für Obdachlose und Arme dürften die Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt erheblich steigern.

Als nächstes sollte die Idee eines physiotherapeutischen Angebots für wohnungslose und arme Menschen in zwei Richtungen weiter verfolgt werden:

    a) Wie wird diese Konzeption von der Fachöffentlichkeit (Mediziner, Physiotherapeuten, Wohnungslosenhilfe, Politik, Wohlfahrt) eingeschätzt, welche Chancen und Risiken werden gesehen, welche Fragen müssen noch geklärt werden?
    b) Welche Sponsoren und Unterstützer wären bereit und in der Lage, die finanziellen und technischen Mittel zur Umsetzung eines solchen Bauvorhabens auf die Beine zu stellen?
Die Chancen einer solchen Physiotherapie vor Ort beständen darin, wohnungslose und arme Menschen auf einer Ebene anzusprechen und zu erreichen, für die es bislang kaum entsprechende Angebote gibt: Körperlichkeit und Körperbewusstsein. Wenn dadurch dem einen oder anderen klar würde, „so wie ich mit mir und meinem Körper umgehe, kann es nicht weitergehen, ich muss und werde anfangen, mich verstärkt wieder um mich und um meinen eigenen Körper zu kümmern“, wäre viel gewonnen. Eine romantische Illusion oder eine realistische Perspektive?

aus: Schneider, Stefan: Körperliche Zuwendung und drogenlose Entspannung - Physiotherapie für Wohnungslose und Arme. Schwerpunkte von Gesundheit Berlin e.V. - Kongress Armut und Gesundheit - 9. Kongress 2003 Berlin 2003
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