Dr. Stefan Schneider

Berlin, 11.07.2007

Alice Salomon Fachhochschule
für Sozialarbeit und Sozialpädaogogik

Soziale Arbeit und Armut/Arbeitslosigkeit/Wohnungslosigkeit

Theoretische und praktische Herausforderungen des Schwerpunktes 'Armut/Arbeitslosigkeit/Wohnungslosigkeit und niederschwellige Sozialarbeit' für die Soziale Arbeit und die Ausbildung/Lehre unter Berücksichtung des Schlagwortes 'Fördern und Fordern'

Vorlesung an Tafel mit langer Formel 0. Vorbemerkung

1. Kunden
2. Träume
3. Paradies & Hölle

4. Lage & Pläne
5. Projekte
6. Motive

7. Conclusio
7a - was ich tatsächlich sagte
8. Literatur/ Medien


1. KUNDEN

Wenn mit Blick auf die Wissenschaft der Sozialen Arbeit von Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit  die Rede ist, dann passt das nicht zusammen, weil der zentrale Gegenstand der Sozialen Arbeit als Vermittlungswissenschaft immer konkrete Menschen in ihren sozialen und gesellschaftlichen Beziehungen sind und das Nachdenken darüber. Deshalb ist es angemessen, von armen, arbeitslosen und wohnungslosen Menschen zu reden, die Gegenstand der Sozialen Arbeit sind. Wobei Gegenstand? Oder Adressaten? Oder Partner?

Und bereits hier offenbart sich die Soziale Arbeit in ihrer doppelten Funktion bzw. ihrer Widersprüchlichkeit. Sie ist immer Herrschaftstechnik, Instrument und Methodologie, um ein spezifisches soziales Problem der Herrschenden/ der Mehrheitsgesellschaft zu lösen, und zugleich auch kundenbezogen, bedarfsorientiert. Mehr noch, die Begriffe Subjektorientierung, Empowerment und Emanzipation sind inzwischen untrennbar mit dem Begriff der Sozialen Arbeit verbunden.

Während es im ersten Fall – Soziale Arbeit als Herrschaftstechnik – um Loyalität und Integration geht, kommt im zweiten Fall eine vermeitliche, eine symbolische oder reale Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck.

Auch birgt die Subjektorientierung der Sozialen Arbeit die Gefahr oder vielleicht vorsichtiger, die Versuchung in sich, in die caritative Betrachtung und Behandlung von Einzelschicksalen abzugleiten. Diese Stereotypsierung ist gerade in Bezug auf arme und wohnunglose Menschen eines der Hauptprobleme, und es bedarf großer Anstrengungen, den Bezug auf die wissenschaftlich-systematische Reflexionsebene durchzuhalten. Dennoch ist diese subjektorientierte Herangehensweise einem Ansatz vorzuziehen, der Arbeitslosigkeit oder Wohnungslosigkeit abstrakt als Mengen-, Sicherheits- oder Strukturproblem betrachtet und immer Gefahr läuft, die konkreten Menschen, um die es geht, zu verfehlen.

Die parallel zu verhandelnde Frage – auf die ich wiederholt zurück kommen werden, ist immer: Was ist daraus zu erkennen in Bezug auf das Schlagwort ‚Fördern und Fordern’?

In einer ersten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern ist offenbar ein Widerspruch der Sozialen Arbeit selbst, die sowohl Herrschafts- als auch Emanzipationswissenschaft  ist.

Arme, Arbeitslose und Wohnungslose sind also in mehrfacher Hinsicht Kunden der Sozialen Arbeit. Sie sind die eigentlichen Auftraggeber, also Kunden der Sozialen Arbeit. Sie sind selbst die besten Experten für ihre Situation, also „kundig“, und können mit Recht eine Dienstleistung erwarten, die von hoher Qualität ist, denn: „Der Kunde ist König.“

Was wollen die Könige?


2. TRÄUME

Wenn es richtig ist, dass Begriffe immer den Gegenstand meinen, müsste es möglich sein, bereits auf der sprachlichen Ebene Erkenntnisse über Bedürftigkeiten zu ermitteln.

Wohnungslose Menschen benötigen eine Wohnung. „Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts.“
In Wirklichkeit ist es nicht angemessen, Wohnung und Obdachlosigkeit als Gegensatzpaar zu konstruieren. Tatsächlich handelt es sich Zentren innerhalb einer Landschaft, in der es ganz unterschiedliche Formen von Wohnen, Hausen, Campieren und Sich aufhalten gibt. Insofern ist die zentrale Kategorie für Menschen mit oder ohne Wohnung der Begriff Raum, also Wohnraum, das Aufhalts- und Bleiberecht im öffentlichen Raum, aber auch – im Zuge einer gegenwärtig geführten starken Individualisierungsdebatte – ein Akzeptanzraum.

Dem Aufbau solidarischer Strukturen steht unter anderem eine stark entwickelte Lobby der professionellen Hilfe, getragen von den Wohlfahrtskonzernen, entgegen. Ob der individuelle Problemdruck wohnungloser Menschen tatsächlich so groß ist, dass es nur so geht und Selbsthilfe- und Selbstorganisation strukturell nur eine randständige Rolle spielt, obwohl eigentlich an die Fähigkeiten und Fertigkeit anzusetzen ist, wäre zu bezweifeln.

Unabhängig von der Frage, ob wir hoch-, niederschwellige oder selbstbestimmte Hilfeangebote betrachten, gemeinsam ist auch hier eine asymetische Tauschbeziehung: Wohnhilfe gegen Anerkennung des Hilfeplans, Suppe gegen Wohlverhalten, Teilhabe gegen Indentifikation mit der Gruppe.

Bekannt ist dieses Prinzip in der modernen Wohnungslosenhilfe spätestens seit Friedrich Bodelschwingh, der mit der Gründung der Arbeiterkolonien die Arbeit als Unterscheidungskriterium zwischen den ‚unverschuldetet in Not geratenen’ Wanderarbeiterm und den ‚unverbesserlich-arbeitsscheuen Müßiggängern und Wolkenschiebern’ exekutieren wollte, was aber nicht durchgängig gelang.  Es sind immer die lustigen, waghalsigen, unbelehrbaren, ja manchmal auch die kriminellen Gesellen, die Schurken, Gauner und Halsabschneider, viele einzelne Nachrichten aus der gefahrenvollen Welt der unteren Klasse, anhand derer wir erkennen, dass mit den obrigkeitlichen Befriedungsideen einiges nicht in Ordnung ist.

In einer zweiten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern ist ein zentrales Strukturprinzip der Sozialen Arbeit mit Wohnunglosen. Und insbesondere an wohnungslosen Menschen, die sich den Hilfeangeboten verweigern - weil sie womöglich etwas ganz anderen wollen oder benötigen – wird erkennbar, welche engen und für die Betroffenen extremen, im Grunde existentiellen Grenzen  diese Konzeption hat. Grenzen, die möglicherweise in anderen Feldern nicht oder noch nicht so klar erkennbar sind.

Arbeitslose Menschen benötigen Arbeit.
Aber wenn uns die Arbeit ausgeht? Hier kann Entwarnung gegeben werden, weil in der näheren Betrachtung der Diskussion nur eine bestimmte Form der Arbeit ausgeht: Die Lohnarbeit. Ob nun die Wirtschaft oder der Staat oder der einzelne Bürger zuständig ist für das Schaffen von Arbeit(-splätzen), unter allen Kunden des JobCenters dürfte sich herumgesprochen haben, dass nur eine kleine Gruppe tatsächlich die Chance hat, dort wieder hinzukommen, wo sie herkamen, in ein Lohnarbeitsverhältnis. Und einer ebenso kleinen Gruppe hochproduktiver Pragmatiker ist es gelungen, die Zahlung des Kosten zum Lebensunterhalt durch das JobCenter einerseits und ihre Bedürfnisse nach Arbeit andererseits zu entkoppeln und sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen. Nur bei der dritten oder vierten Nachfrage, im geschützten Raum, wird zugeben: Ja, ich bin beim JobCenter.

Die breite Masse schweigt, wird beschäftigt oder verhungert. Was ist dran an der Formel: „Hartz IV = RTL2 + Flaschenbier  und Kartoffelchips". Warum gibt es keinen breiten Widerstand?

In einer dritten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern, ein zentrales Argument zur Einführung der Hartz IV Sozialgesetzgebung, zeigt sich in seinen Grenzen schon nach zwei Jahren: Erfolgreich gefördert werden nur wenige, erfolglos gefordert oder überfordert offenbar viele. Zum Kern des Problems, alte oder neue, auf jeden Fall wirksame Antworten auf die Frage nach Arbeit oder Tätigkeit zu geben,  ist das Prinzip Fördern und Fordern offenbar nicht vorgedrungen.

Arme Menschen benötigen Reichtum.
Ab wann gilt ein Mensch als arm? Wieviel oder wiewenig Prozent von was darf jemand haben oder nicht haben? In der Tat gehört die Debatte um Armut zu den schwierigen, weil hier, in der Regel abgekoppelt von den Armen selbst, ideologisch verhandelt wird. Die Verelendungstheorie ist falsch, aus Armut folgt erstmal nichts, und ein wesentlicher Grund besteht darin darin, dass ein Versager sein muß, wer beim JobCenter gelandet ist. In Armut zu leben ist auf der einen Seite ein sehr altes gesellschaftliches Ideal, auf der anderen Seite trifft alle, die über Armut reden wollen, erstmal der pauschale Vorwurf, SystemumstürzlerIn zu sein.

Armut wird dadurch abgestellt, dass der Zugang zu Reichtum ermöglicht wird (individueller Ansatz) oder aber, dass der unzweifelhaft bestehende Reichtum anders verteilt wird. Oder lässt es sich bereits von den Resten komfortabel leben? Mir ist wichtig, dass Armut nicht nur in monetärer Hinsicht eng verstanden debattiert wird, sondern dass die Situation armer Menschen komplex und allgemein in Bezug auf die Dimensionen politische Teilhabe, Menschenrechte, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Kultur etc. geführt wird. Her mit dem guten Leben!

In einer vierten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern könnte den Anspruch armer Menschen auf Zugänge zum Reichtum, Partizipation und Umverteilung begründen. Warum das in der Praxis so selten passiert, könnte zu einer der zentralen Fragen der Sozialen Arbeit werden.

Die Diskussion um die Situation armer, arbeitsloser und wohungsloser Menschen, ihrer Bedürfnisse und die Mittel zu ihrer Erreichung ist derart komplex, das sie hier nur angedeutet werden kann. Nachstehendes Strukturdiagramm stellt einige wichtige Zusammenhänge zur Sozialen Arbeit dar. Der niederschwelligen Sozialarbeit kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.

Grafik 1: Strukturdiagramm


3. PARADIES & HÖLLE

Die wichtigste im Kontext von Armut und Arbeitslosigkeit geführte Diskussion ist die um die Grundsicherung. Offenbar will und wird sich der Sozialstaat, so wie wir ihn kennen, aus ganz unterschiedlichen Gründen von dem Anspruch der umfassenden Daseinsfürsorge verabschieden  und nur noch bestimmte Rahmenbedingengen festlegen und Steuerungsfunktionen übernehmen.

Es wird also – in Fortsetzung der Debatte, ob uns die Arbeit ausgeht – eine Diskussion geführt um die Einführung eines Grundeinkommens und ob dieses bedingungslos sein kann oder nicht, und welche Strukturen der Grundversorgung dabei unbedingt aufrecht zu erhalten sind.

Die einen verfechten das (bedingungslose) Grundeinkommen mit einer Verhemenz, wie im letzten Jahrhundert um die Einführung des Kommunismus gerungen worden ist. Die anderen bekämpfen mit Verweis auf die Freiheit der Wirtschaftordnung diese Idee mit genau der selben Intensität.

Dabei wird übersehen, dass mit großer Wahrscheinlichkeit – und darauf muss die Soziale Arbeit vorbereitet sein – die Grundsicherung als Kompromissprojekt eingeführt wird: Zum einen deshalb, weil vor allem die traditionelle Linke der Auffassung ist, damit eine weitere historische Etappe der sozialen Vergesellschaftung erreichen und wirtschaftsliberalen Tendenzen Einhalt gebieten zu können. Zum anderen wird die rechte und wirtschaftsliberale Mitte sehr schnell entdecken, dass nur die Grundsicherung ein Instrument ist, die explodierenden Sozialkosten zu deckeln und den Restsozialstaat zu verschlanken.

Man muß kein Prophet sein, um zu sehen, dass bereits die Verhandlungen um die Grundsicherung die Soziale Arbeit zerreißen wird. Schlägt sie sich auf die Seite der Leistungsempfänger, bleibt für sie zu wenig übrig, beharrt sie auf eine institutionelle auskömmliche Ausstattung, riskiert sie die Entsolidarisierung mit Ihrer Klientel.

In einer fünften Antwort kann festgehalten werden, dass mit der zu erwartenden Einführung und Durchsetzung einer allgemeinen Grundsicherung die Rahmenbedingungen für die Soziale Arbeit selbst auf den Prüfstand stehen und damit das Prinzip 'Fördern und Fordern' völlig neu verhandelt wird. Wer Geld fordert, muß auf Heller und Cent dokumentieren können, wie er fördert – und, marktwirtschaftlich gedacht, worin der Mehrwert besteht.

Die Einführung der Grundsicherung ist deshalb eine Hölle, weil sie nur auf den ersten Blick eine gute Lösung sind. Die Kosten für den Einzelnen werden gedeckelt sein, die Kosten für die soziale Reststrucktur ebenfalls. Der Sonderfall, der Ausnahmefall, der worst case ist nicht vorgesehen, nicht finanzierbar. (Welche extremen  Folgeprobleme nach der Einführung einer allgemeinen Grundsicherung auf uns zukommen könnten, habe ich versucht, in einer fiktiven BILD-Zeitungs-Schlagzeile aus dem Jahr 2019 darzustellen: Siehe Grafik 2: BILD-Schlagzeile

Anlalog zur bisherigen Situation wird es private Sozialrisiko-Versicherungen geben, private Insolvenz- oder Sucht- und Therapieversicherungen. Ein sozialer Rest wird entstehen, der nach Ausschöpfung aller Mittel immer noch Hilfe und Unterstützung benötigt, aber nicht erhält.

Zwar wird der Reichtum in der Gesellschaft weiter zunehmen, aber er wird auch zunehmend ungleicher verteilt sein.  Der Stiftungsboom wird weiter anhalten – aber der Rechtsanspruch auf die Mittel ist nicht gegeben. Nach der Privatisierung der öffentlichen Räume erleben wir die Privatisierung der Sozialleistungen.

Im Zuge der Globalisierung verändern sich die Anforderungen, die an den Staat gerichtet werden ebenso wie die Aufgaben, die jedeR einzelne zu bewältigen hat. Damit ändert sich auch das Verhältnis von Staat und Individuum erheblich.

Der Staat delegiert immer weniger, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, Leistungen an Dritte, sondern verweist den/die einzelne/n Bürger/in immer weiter auf bürgerschafltliche Strukturen und damit auf sich selbst und seine Fähigkeit zu sozialer Netzwerkbildung.

In einer sechsten Antwort kann festgehalten werden, dass das Prinzip des Fördern und Forderns sich zunehmend gegen die soziale Arbeit selbst richtet. Zertifizierung, ISO-Normen, Selbstevaluation, Leitbild-Entwicklung, Qualitätsmanagement usw. sind die Stichworte, die belegen, dass in der Sozialen Arbeit fast schon die gleichen Regeln gelten wie auf dem JobCenter.

4. LAGE & PLÄNE

Mit der Globalisierung, den Prozessen und Verschiebungen etwa im Zuge der Einführung der Grundsicherung, aber auch im Kontext von veränderten Lebenslagen armer, arbeitsloser und wohnungsloser Menschen selbst ändern sich auch die Anforderungen, Aufgaben und Erwartungen, die an die Soziale Arbeit in Theorie und Praxis vor allem in Bezug auf Ausbildung und Lehre gestellt werden. Hier seien nur einige stichwortig bekannt:


Management. In einer globaliserten Welt werden soziale Kompetenzen allgemein: Alle müssen mit allen kommunizieren und verhandeln können. Der scheinbare Bedeutungsverlust der Sozialen Arbeit äußert sich in einem Funktionswandel: Soziale Arbeit wird als hochspezialisierte Feuerwehr bebraucht in außergewöhnlichen Situationen für überschaubare Projekte. Der Sozialarbeiter wird zum Manager für Soziale Arbeit.

  • Studierende sollten ermutigt werden, sich auf diesen Funktionswandel vorzubereiten: Reflexion, Flexibilität, Risikobereitschaft, Spezialisierung und Anwaltschaft in eigener Sache sind entscheidende Kriterien.

Steuerung statt Gewährleistung. Der Staat verabschiedet sich aus Zuständigkeiten und konzentriert sich auf Steuerungsfunktionen. Neue Akteure und Aktionstypen treten auf, neue Strategien müssen entwickelt werden. Die Sozialarbeit ist gefordert, sich selbst zu behaupten und ihre Legitimation zu sichern.

  • Studierende müssen verstehen, daß Soziale Arbeit früher beginnen wird, nämlich mit der Acquise von Aufträgen, und später enden wird, mit einer Gewährleistungspflicht für das Produkt.

Solidarität und Sinn. In der sich entsolidarisierenden Gesellschaft müssen Sinn und Solidarität neu hergestellt werden, ohne daß es Vorbilder oder Bezugspukte gibt.

  • Für die Studierenden bedeutet dies, dass das Herstellen-Können einer stabilen „Motivation“ aller Beteiligten an dem vorgesehenen Projekt und dessen Erfolg zu einer alles entscheidenden Ressource werden wird. Diese Aufgabe ist eine gefährliche Gratwanderung, denn zum einen muß einE SozialarbeiterIn genau dies leisten können, zum anderen ist einE SozialarbeiterIn in erster Linie eine ArbeiterIn und kein Guru.

Internationalität, Migrationsdruck & Vielfalt der Lebensformen.

  • Studierende sollen ermutigt werden, früher als andere soziale Herausforderungen zu erkennen, zu beschreiben und Lösungen anzubieten und Konzepte vorzuschlagen.

5. PROJEKTE

Nachfolgende Projekte kann bzw. möchte ich vorschlagen und zur Diskussion stellen:

1. Black Box JobCenter
unvereingenommen: vgl. Jahoda: Marienthal
Ist ein frischer, unverbrauchter, ja naiver Blick möglich auf die Menschen, die zum JobCenter gehen (müssen), was dort passiert und die Lebenswelt darüber hinaus? Mit Blick auf die legendäre innvotive Studie von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal scheint mir eine offene, interdisziplinäre Funktions- und Wirkungsstudie zu (einem ausgewählten) JobCenter und möglichen Alternativen unabdingbar zu sein. Eine Studie, bei der es um die Menschen geht, die dort hingehen.

2. Shelter International Berlin               
Problemdruck MigrantInnen & Illegale
Pilotprojekt/ Machbarkeitsstudie/ Methodische Implematate: Weltoffener Armentreffpunkt mit Notübernachtung und offenen Beratungsstrukturen.
3. International ((ETHOS)) II    
Definition niederschwelligen Methoden in der  Wohnunglosenhilfe
Fast unbemerkt von der Fachöffentlichkeit wurde auf EU – Ebene unter dem Dach der FEANTSA im Rahmen des ETHOS – Projektes – eine europaweit einheitliches Begriffs- und Definitionssystem zu Bereich wohnungslose Menschen entwickelt, eine wichtige, ja unverzichtbare Voraussetzung für eine grenzüberschreitende, internationale Arbeit.  Ist dies auch auf Angebotstypen, Einrichtungen und Methoden übertragbar?

4. Ressourcen & Potentiale
Arm aber sexy, oder: Nicht immer nur Defizite definieren!
Nicht die Armen, Arbeitslosen und Wohnungslosen nach ihren Mängeln, Defiziten, Problemen hin befragen, sondern ihre Kompetenzen, Erfahrungen, Fähigkeiten, Ideen, Wünsche und Resourcen ermitteln und daraus Schlüsse ziehen.

5. Fördern & Fordern in der SozArb
Zuckerbrot & Peitsche, Herr & Vasall, Patron & Klient
Erste Recherchen zur Geschichte des Prinzips Fördern und Fordern führen zurück in eine überholt geglaubte autoritäre, mit Angst operierende Pädagogik von Zuckerbrot und Peitsche. Weiter Wurzeln finden sich im Mittelalter sowie in der Antike. Anbieten würde sich eine Studie zu diesem Prinzip in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
     
6. SecondHomelessLife
Die  Simulation des Lebens auf der Strasse
Wieviel LindenDollar wird ein wohnungsloser Mensch erbetteln können in Second Life? Wie wird mit ihm umgegangen in der virtuellen Realität? Was muss er oder sie sich anhören, gibt es unterstützungsstrukturen? Gibt es Partner für Selbsthife? Kein Spiel, sondern ein wissenschaftlicher Selbstversuch.

7. Public Blue/Red/Orange
Interventionen zu Politik - Öffentlichkeit  -  Störung
Public Blue ist ein Film von Anke Haarman über die blauen Zelte wohnungloser Menschen in Japan, deren Räumung, Selbstorganisation und Widerstand. Die Farbe der Zelte an einem Seitenarm der Seine in Paris der Rot. Ist die Farbe von Protest in Berlin Orange? Was passiert, wenn Protest nicht nur Demonstration, sondern Störung und Regelverletzung wird? Studien und Interventionen zum Kontext Politik – Öffentlichkeit – Aktion.

Siehe auch Grafik 3: denkbare Forschungsprojekte


6. MOTIVE

Die Themen Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und niederschwellige Sozialarbeit für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit haben mehr mit meiner Biografie und meiner biografischen Ausdeutung zu tun, als mir selbst lange Zeit bewußt war. Ich möchte – ohne die Angaben aus meinem veröffentlichten Lebenslauf zu wiederholen - fünf entscheidende Stationen nennen, die einiges aussagen über die Motive meiner Arbeit.

Erstens bin ich Kind von Aussiedern. Meine Eltern kamen 1958 und 1963 aus den 1945 polnisch gewordenen deutschen Ostgebieten nach Berlin, und die Erfahrung der Fremdheit und der damit verbunden Unsicherheit, positiv gewendet zur Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin, was ist mein Zuhause, sowohl sozial wie auch intellektuell, war eines der bestimmenden Momente meiner Persönlichkeitsentwicklung – und ist es bis heute.

Zweitens die schon sehr frühe Begegnung mit Texten, die sich mit Ausgestoßenen und Außenseitern befassen und der bewußten Inkaufnahme (der Konsequenzen) von Konventionsverletzungen und Regelübertretung. Ich meine die Texte der Evangelien im Neuen Testament und die Ausdeutung von Kreuzigung und Auferstehung als Sanktion und nachträgliche Bestätigung und Legitimation vieler störender und provozierender Worte und Handlungen des Hauptakteurs Jesus von Nazareth und seiner Bewegung. Wichtig scheint mir auch der darin aufscheinende Begriff von Gerechtigkeit, wie sie etwa im Gleichnis vom Weinberg  zum Ausdruck kommt, als bewußte ideelle und materielle Bevorzugung von Armen und Ausgegrenzten.

Drittens die Auseinandersetzung mit Wissenschaft, dem Verstehen von Gesellschaft und Individuum in welchselseitiger Verschränkung. Das Arbeiten mit Systemen, Widersprüchen, Widerspruchseinheiten, Kategorien, Abstraktionen, Modellen & Methoden. Ich nenne Karl Marx und die Methode des dialektischen Materialismus in der politischen Ökonomie – und das Herausarbeiten der Kategorie Arbeit – und A.N. Leontjew und die Methode eines dialektisch-materialistischen Zugangs zu dem Problem Identität & Persönlichkeit – und das Herausarbeiten der Kategorien Tätigkeit  und Sinn.

Viertens die Entscheidung, strassenzeitung zu machen, war ein Resultat meiner wissenschaftlichen Befassung mit Erziehungswissenschaft und Sozialer Arbeit im Spannungsverhältnis von Gesellschaft und Persönlichkeit. Die Möglichkeit, im Rahmen eines Selbsthilfeprojektes einen Rahmen zu schaffen für die Entfaltung wohnungsloser und armer Menschen war eine starke Herausforderung. Vieles von der Enfangseuphorie muss jetzt pragmatischer betrachtet werden, dazu kommt eine Tendenz der Etablierung von Projekten und Einrichtungen im Verlauf ihres Bestehens.

Fünftens bedeutet also meine Interesse an einer universitären Lehr- und Forschungstätigkeit für Theorie & Praxis der Sozialen Arbeit

  • nichts weniger als einen radikalen Bruch mit meiner bisherigen Arbeit der letzten Jahre, ein Abschied von einer theoriegeleiteten Praxis einer sehr parteilichen Sozialen Arbeit hin zu einer sehr praxisbezogenen Wissenschaft der Sozialen Arbeit.
  • Und zugleich bleibe ich mir selber treu, weil die Befassung und Auseinandersetzung mit Randständigen, Abwegigen und Unbedachten eine Konstante meines (beruflichen) Lebens ist und bleibt.

Systematisch darstellt, würde das so aussehen: Grafik 4: Motive


7. CONCLUSIO

Aus dem bisher gesagten folgt, dass in den nächsten Jahren die Soziale Arbeit selbst auf dem gesellschaftlichen Prüfstand steht und verhandelt werden wird. Es ist eine naheligende und deshalb beschreibbare Gefahr, dass die Soziale Arbeit – in ihrer Legitimation bedroht – im Zweifelsfall für sich alleine kämpfen wird und bereit sein könnte, um den Preis der Erhaltung ihrer selbst, die Arbeit mit wohnungslosen, arbeitslosen und armen Menschen anderen Akteuren , oder vielleicht weniger schlimm, sich selbst zu überlassen. Im Sinne einer antizyklischen Strategie wäre das genaue Gegenteil wichtig, richtig und erfordlich.

In einer letzten und dennoch vorläufigen Antwort zum Problem Fördern und Fordern kann festgehalten werden: Nur, wenn die Soziale Arbeit mit allen ihren zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in Theorie und Präxis ihre Kunden in einem emamzipatorisch-kritischen Sinne fördert, wird sie in der Lage sein, die Ausstattung und die Mittel für ihr eigenes Fortbestehen einzufordern.

Für sich selbst zu kämpfen, um Zugang zu Reichtum, um Arbeit und um Räume, wird die Soziale Arbeit letztlich den armen, arbeitslosen und wohnungslosen Menschen nicht abnehmen können.
Aber als Vermittlungswissenschaft besteht ihre vornehmste Aufgabe darin, Wege aufzuzeigen und zu begleiten, Mittel an die Hand zu geben, und Unterstützung und Rückmeldung zu geben.
Auch wenn es oft genug nur Armutsbewältigung und Sterbebegleitung  ist.

7a - was ich tatsächlich sagte

Tatsächlich habe ich in meiner Schlußbemerkung gesagt, dass ich ja zu antworten hätte auf die Frage, worin ich denn die Herausforderungen sehen würde für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Ich habe gesagt, dass ich im Grunde 4 Herausforderungen sehen würde:

Erstens die Herausforderung, dass in Zuge der kommenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Gefahr bestehen würde, dass die Soziale Arbeit oder doch wenigstens Teile von ihr von der gesellschaftlichen Mitte an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden würde.

Zweitens die Herausforderung, dass innerhalb der Sozialen Arbeit als Wissenschaft der Bezug zu den "großen" Kategorien wie Raum, Arbeit, Zeit, Macht, Sinn durchgehalten werden kann.

Drittens die Herausforderung, dass es den Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung gut geht.

Viertens die Herausforderung, dass in der Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit niemals die aus dem Blick verloren werden dürfen, die auf der Straße (über-)leben. (Sollte ich zum Professor berufen werden, sagte ich auch noch, und würde diese Mensche vergessen, ich müsste sofort rausgeschmissen werden.)


7. Literatur /Medien

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986

Berlin Institute for Comparative Social Research: The Situation of Third Country National Street Children in Four European Cities: A Comparative Overview.  Berlin: Edition Parabolis 2007.

Bolkestein, Hendrik: Wohltätigkeit und Armenpflege im Vorchristlichen Altertum. Groningen 1967 (Nachdruck der Ausgabe Utrecht 1939)

Engler, Wolfgang: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft. Berlin: Aufbau Verlag 2005.

Freire, Paolo: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1973.

Geremek, Borisław: Geschichte der Armut: Elend und Barmherzigkeit in Europa, Artemis-Verlag, München 1988

Glotz, Peter: Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus. München: Kindler 1999

Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. München: Beck 1980

Jahoda, Marie/ Lazarsfeld, Paul F./ Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975

Kopecný, Angelika: Fahrende und Vagabunden. Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Straßen. Berlin: Wagenbach 1980.

Leontjew, Alexej N.: Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein 1982.

Lutz, Ronald/ Simon, Titus. Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in Praxis, Positionen und Perspektiven. Weinheim, München: Juventa 2007.

Paoli, Guillaume (Hg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Fauheitspapiere der Glücklichen Arbeiteslosen. Berlin: Verlag Klaus Bittermann 2002

Preußer, Norbert: Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armutsbevölkerung in Deutschland seit 1807. München u.a. 1989

Rohrmann, Eckhard (Hrsg): Mehr Ungleichheit für alle. Fakten, Analysen und Berichte zur sozialen Lage der Republik am Anfang des 21. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter 2001

Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin - Moabit. Berlin 1990 (= Diplomarbeit am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

Werner, Götz W.: Einkommen für alle. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007

Wygotski, Lew S.: Denken und Sprechen. Frankfurt: Fischer 1971.

digital

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