Vagabund, Berber, Betroffener, Selbstvertreter?
Zur Funktionalität der Selbstbezeichnungen wohnungsloser Menschen

Inhalt

1 Vorbemerkung
2 Worte & Denkzusammenhänge
3 Kunden & Vagabunden
4 Berber
5 Betroffene
6 Zwischenspiel: Wohnungslose im Internet
7 Selbstvertreter?
8 Abgrenzung, Identität & Augenhöhe – Fazit und Ausblick
9 Weblinks
10 Literatur

„Ich wollte auch die Heimatlosen sprechen lassen, jedoch diese hatten wenig für mich hinterlassen. ... Der 'Alltag der Heimatlosen' war nicht festgehalten, wenn doch - dann hatten sich die Kolonisten beschwert, ja, dann erfuhr ich etwas vom Leben der Kolonisten, der Insassen, der Hausväter (Inspektoren oder Verwalter), der Hausmütter, der Helferinnen, der Aufseher."
(Hannes Kiebel in Kiebel/Felis/Huber 1991:11).

1 Vorbemerkung

In diesem kurzen Essy geht es um Worte und Bezeichnungen, die im Zusammenhang wohnungsloser Menschen verwendet werden und auch von ihnen selbst. Literatur dazu und überhaupt schriftliche Dokumente von wohnungslosen Menschen sind nur spärlich vorhanden. Viele hier genannten Fakten beruhen auf unmittelbaren Gesprächen des Autors und deshalb kann es sein, dass sich hier, auch aufgrund der Unschärfe von Erinnerungen, der eine oder andere Fehler eingeschlichen hat. Für entsprechende Hinweise ist der Autor sehr dankbar.

2 Worte & Denkzusammenhänge

Worte, mit denen wohnungslose Menschen sich selbst bezeichnen, sind nicht nur Räume zur Herausbildung einer individuellen und gelegentlich gemeinsamen Identität und Abgrenzung (auch einer Binnendifferenzierung), sie sind auch Schnittstellen in der Kommunikation mit anderen. Dabei ist häufig nicht eindeutig feststellbar, ob und wie im Zuge der Etablierung von Begriffen diese selbst gefunden oder adaptiert werden, mit anderen Worten, Begriffe bezeichnen auch einen Verhandlungs,- Interpretations und Aneignungsraum. Eine dritte Dimension ist die mit dem Begriff verbundene, im Grunde positiv oder negativ verschlagwortete Programmatik der Selbstbezeichnung, die durchaus handlungsleitend oder -orientierend (selbst)wirksam werden kann. Wir haben es also zu tun mit einem komplexen politischen, sozialen und psychisch wirksamen Bedeutungs-, Interaktions- und Handlungsraum, der in all den verwendeten Begriffen mitschwingt.

Mit Hilfe von Worten können Vorstellungen in unseren Köpfen erzeugt werden. Wie Leontjew in der Tradition der Kulturhistorischen Schule zeigt, schwingt in jedem Wort ein gesellschaftlich erarbeiteter Bedeutungskontext mit: Dieser kann immer einseitig, zuschreibend, diskreditierend, verletzend sein. Das ist kein Zufall, sondern ein Mechanismus, der gezielt genutzt wird, um Herrschaft auszuüben und Abgrenzungen vorzunehmen. Es ist also besondere Aufmerksam geboten im Umgang mit Worten, und vieles, was leichtfertig daher gesagt wird, entpuppt sich bei näherer Analyse als problematische Zuschreibung. Aber auch umgekehrt können Worte Wege in die Freiheit weisen, Denk- und Handlungsräume eröffnen, Mut machend und emanzipatorisch wirken. Worte, um die gekämpft werden muß und die bei Auseinandersetzungen hilfreich wirken, weil mit ihnen parteiische Standpunkte und Sichtweisen verbunden sind.

Worte, die im Verlauf der Jahrhunderte für wohnungslose Menschen verwendet wurden, sind – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit - Menschen ohne festen Wohnsitz, Herumtreiber, Streuner, Fahrendes Volk, Karrenleute, Landfahrer, Berber, Landstreicher, Stadtstreicher, Vagabunden, Obdachlose, Nichtseßhafte, OfW, Ohne festen Wohnsitz, Stadtratten, Treber, Trebegänger, Nomaden der Landstraße, Hobos, Tramps, Landstraßenleute, Gossenkinder, Kunden, Vaganten, Gammler, Tippelbrüder, Tippelschicksen, Trekker, Walzbrüder, Wermutbrüder, Wanderarme, Brüder der Landstraße, Straßenkinder, Straßenjugendliche, Clochards, Cityfrettchen, Wanderbettler, Sandler, Wohnungslose, von Wohnungslosigkeit Betroffene, Betroffene, Könige der Landstraße, Wolkenschieber, Fahrende, Asoziale, Leute auf der Walz, von Obdachlosigkeit Betroffene, obdachlose Menschen, wohnungslose Menschen, wohnungslose Selbstvertreter, Penner, ….

Es wäre interessant, die Begriffsgeschichte und den Verwendungszusammenhang jedes einzelnen Wortes zu untersuchen, hier beschränke ich mich auf Worte, die in den letzten 100 Jahren von wohnungslosen Menschen selbst verwendet worden sind und über die schriftliche Zeugnisse vorliegen: Vagabunden – Kunden – Berber - Betroffene – Selbstvertreter. Das möchte ich konkretisieren, in dem ich Menschen vorstelle, die diese Begriffe verwendeten und sich – in der Regel positiv – darauf bezogen.

3 Kunden & Vagabunden

Gregor Gog gründete 1927 die Bruderschaft der Vagabunden. Hintergrund war die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise, die stark steigende Arbeitslosigkeit und das daraus resultierende massenhafte Ausgrenzen und Abdrängen von Menschen in die Wohnungslosigkeit. Gog bezog sich auf das Schimpfwort des Vagabunden – Landstreicherei als Straftatbestand wurde erst 1974 aus dem Strafgesetzbuch (StGB) entfernt - und versuchte, dem eine positive Ausdeutung entgegenzusetzen: „Die tugendfreien Spießer sprechen von den Vagabunden als einem arbeitsscheuen Gesindel. Was weiß den (sic!) diese Gesellschaft vom Weg und Ziel der Landstraße? […] Generalstreik das Leben lang!“ (siehe Künstlerhaus 1982). Die von Gregor Gog zusammengehaltene Bruderschaft der Vagabunden war ausgesprochen umtriebig, sie brachte unter anderem eine Zeitung unter dem Namen „Der Kunde“ , später umbenannt in „Der Vagabund“ heraus, einem Vorläufer der heutigen Straßenzeitungen.

Die Bezeichnung der Kunde verweist auf den Bedeutungszusammenhang „kundig sein“, d.h. sich auskennen, durchblicken, Sachverhalte verstehen. Gregor Gog organisierte in Stuttgart auf dem Killesberg im Jahr 1929 einen Internationalen Vagabundenkongress, der an Pfingsten, zwischen dem 21.–23. Mai stattfand und an dem circa 500 Menschen teilnahmen. Darüber hinaus wurden von der Bruderschaft, der im übrigen auch Frauen - beispielsweise die Tänzerin, Schauspielerin, Dichterin und Autorin Jo Mihaly – angehörten, Ausstellungen organisiert und es gab unter anderem den Plan, eine eigene Herberge aufzubauen und nach eigenen Regeln zu betreiben. Diese Idee und auch viele andere Vorhaben fanden aber ein jähes Ende. Im Zuge der Diktatur der demokratisch an die Macht gewählten Nationalsozialisten unter Adolf Hitler wurde die Bruderschaft der Vagabunden gleich 1933 zerschlagen, ihre Mitglieder zerstreuten sich in alle Winde, Gregor Gog floh über den zugefrorenen Bodensee in die Schweiz und verstarb am 07. Oktober 1945 im Asyl in Taschkent.

Die Arbeit und die Texte der Bruderschaft der Vagabunden sind – soweit noch vorhanden - recht ausführlich in verschiedenen Publikationen dokumentiert (Trappmann 1980, Fähnders/ Zimpel 2009). Wichtig für unsere Zwecke ist, zu verstehen, dass hier eine Gruppe, die bestenfalls eine kleine – und sich eher elitär verstehende - Minderheit unter den wohnungslosen Menschen darstellte, versucht hat, sich einen eher diskreditierend gemeinten Begriff anzueignen und daraus einen Kampfbegriff zu formen.

Zu diesen Anliegen trägt auch Klaus Trappmann erhebliches bei. Trappmann, geb. 1948 in Wuppertal ist Filmemacher, Radioautor und Lehrer in Berlin. Er organisiert die Wanderausstellung „Wohnsitz: Nirgendwo“, die im April 1982 im Würtembergischen Kunstverein Stuttgart und dann an anderen Orten gezeigt wird. Der gleichnamige Ausstellungskatalog dokumentiert unter anderem zentrale Dokumente der Bruderschaft der Vagabunden und vom Vagabundenkongress 1929 in Stuttgart und ruft damit ins Bewußsein, dass Versuche, wohnungslose Menschen zu organisieren, durchaus in einer historischen Tradition stehen. Ein zweites von Klaus Trappmann herausgegebenes Buch „Landstrasse, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen“ dokumentiert ausschließlich Dokumente der Bruderschaft. Und in dem von Trappmann produzierten zweiteiligen Dokumentarfilm „Landstraße, Kunden, Vagabunden“ kommen sechs Mitwirkende aus dem Kreis der Bruderschaft der Vagabunden zu Wort: die Tänzerin und Dichterin Jo Mihaly, die Maler Gerhart Bettermann, Hans Bönnighausen und Sepp Mahler, der Schriftsteller Jonny Rieger und der Buchbinder Fritz Scherer. Der erste Teil der zweistündigen Dokumentation, „Generalstreik das Leben lang“, erzählt von dem Versuch, die Vagabunden und Obdachlosen der Weltwirtschaftskrise zu politisieren. Der zweite Teil, „Könner in Lumpen“, möchte das künstlerische Potential der Landstraße zeigen.

Im zweiten Weltkrieg zerstörten Menschen massenhaft Wohnraum, aus Gründen von Flucht und Vertreibung spitzte sich der Wohnungsmangel während der letzten Kriegsjahre und auch nach Kriegsende zu. Die Jahre nach 1945 waren geprägt von Wohnraumzwangsbewirtschaftung, Wohnungsmangel und Wiederaufbau. Die vielen Aktivitäten in den ersten Nachkriegsjahrzehnten erweckten den Anschein, als könne die Wohnungsfrage gelöst werden. Tatsächlich wurde aber spätestens Anfang der 1970er Jahre offenkundig, daß nach wie vor ein erheblicher Anteil von Menschen in Obdächern lebt und so war es kein Wunder, dass in Folge des Scheiterns der 68er Bewegung nunmehr soziale Randgruppen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerieten.

4 Berber

Sebastian BleiEnde der 1970er/ Anfang der 1980er gründeten in Stuttgart Sozialarbeiter und wohnungslose Menschen eine Initiative, die sich für wohnungslose Menschen einsetzen sollte. Mit dieser Initiative wurde der Begriff des Berbers wieder belebt. Diese Initiative lud ein für den Herbst 1981 zu einem Berberkongress und Sebastian Blei, ein 1941 geborener, wohnungslos gewordener Finanzbeamter und Grafiker gestaltete das Plakat für den Berberkongress am 12. und 13. September 1981 in Stuttgart. In dem Aufruf heißt es, ganz dem Tenor der damaligen Zeit entsprechend: "Allein machen sie dich ein und gemeinsam sind wir unausstehlich!" (Kiebel 1982) Wir können davon ausgehen, dass Sebastian diesen Aufruf auch inhaltlich geteilt hätte. Seine zahlreichen Grafiken und Zeichnungen erreichten innerhalb der Wohnungslosenhilfe einen gewissen Bekanntheitsgrad (Bolzhauser/ Strunk 2017). Der Kongress selbst war nicht unumstritten, wohl auch, weil deutlich mehr Medienvertreter als Wohnungslose auf dem Kongress anwesend waren (Adam/Gunia et al 1981). Dennoch wird mit der Initiative und dem Kongress eine Begrifflichkeit geprägt, die sich wohl ausdrücklich von der damals üblichen Bezeichnung „Nichtseßhafte“ positiv abgrenzen sollte.

Hans Klunkelfuß, ein gelernter Drucker aus Dresden, flüchtete aus der DDR und lebte in München als Obdachloser. Er begann in den 80er Jahren zusammen mit Josef Marr und Peter Gotthard die Berber-Briefe herauszugeben. Es handelt sich dabei um unregelmäßige, etwa 4 Mal im Jahr erscheinende und geheftete zwölfseitige Blattsammlungen, die in der Regel kopierte Zeitungsmeldungen und handschriftlich gestaltete Texte enthielten. Im Grunde sind diese Berber-Briefe die Vorform der einige Jahre später überall entstehenden Straßenzeitungen. Überschriften wie „Bombig – endlich kämpfen Berber um ihr gutes Recht!“ oder „Angreifen!“ zeigen, dass sich Hans Klunkelfuß durchaus in der Tradition von Gregor Gogs Bruderschaft der Vagabunden sah, die ja ihrerseits auch mit „Der Kunde“ bzw. später „Der Vagabund“ eine eigene Zeitung hatte. Etwa Anfang der 1990er Jahre organisiert Klunkelfuß zusammen mit anderen ein gemeinschaftliches Wohnprojekt in Michelstadt, Odenwald – in einem alten Bahnwärterhäuschen unter der Adresse: Außerhalb 1. Von diesem Standort aus will er „Häuser gegen die Kälte bauen“, dort werden Holztiere produziert, die auf der Straße verkauft werden und für ein gewisses Einkommen sorgen. Dort ist auch die Geschäftsstelle und das Redaktionbüro vom Looser, einer Straßenzeitung, die als eine der wenigen Straßenzeitungen im deutschsprachigen Raum unter der Kontrolle von wohnungslosen bzw. ehemals wohnungslosen Menschen bleibt und regelmäßig erscheint.

Der Looser fusioniert um 1997 mit dem Berliner „strassenfeger“ und erscheint für etwa anderthalb Jahre vierzehntägig unter dem Titel „Die Straßenzeitung“ mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren bundesweit – sehr zum Ärger etablierter, aber nur auf einen Standort beschränkter Zeitungen wie Hinz & Kunzt oder Asphalt in Hannover. Aber schon bald bricht das Projekt aufgrund inhaltlicher Differenzen auseinander und Klunkelfuß stirbt 2001 oder 2002 in Essen (Schneider 2006)

Für Hans Klunkelfuß ist „Berber“ ein selbstgewählter Kampfbegriff, an dem er aber nicht, wie seine späteren Aktivitäten zeigen, dogmatisch festhält. Ihm geht es weniger um Begriffe als vielmehr um konkrete Projekte, mit denen sich wohnungslose Menschen Gehör verschaffen, mit denen sie selbst-organisert Geld verdienen bzw. in denen sie selbstorganisiert wohnen können. Ähnlich wie Gregor Gog verstand sich Klunkelfuß als Gegner des Systems, das in seinen Augen Armut, Ausgrenzung und Obdachlosigkeit verursacht, und wollte diese bekämpfen und überwinden.

Willy Drucker ist das Pseudonym von Werner Seitschek, einem streitbaren Uelzener Bürger, der im Hans-Hergot-Turm historische Bleisatzdruckmaschinen sammelt und regelmäßig zur Typomania einlädt. Politisiert, wie Drucker häufig sind, lud er 1991 zu einem Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen nach Uelzen ein, in dem er deutschlandweit Flugblätter und Postkarten in einschlägigen Einrichtungen für wohnungslose Menschen, Wärmestuben und Stadtmissionen verteilte.

Der Aufruf kam in einer Zeit, in der als Effekt der Deutschen Einheit als Beitritt die Zahl wohnungsloser Menschen wieder erheblich anstiegt und auch die Zusammensetzung der Gruppe der wohnungslosen Menschen dramatische Änderungen erfuhr. In dieser Zeit wurde nach neuen Wegen in der Wohnungslosenhilfe gesucht und viele, die an diesem Treffen teilnahmen, waren später an innovativen Projekten beteiligt, zum Beispiel die Plattengruppe Köpenick in Berlin, die aus einer Hausbesetzung hervorgegangen ist, die Berliner Initiative Unter Druck – Kultur von der Straße und weitere mehr. Teilnehmerin war auch Karin Powser, die mit ihren Fotoarbeiten zu Obdachlosigkeit Aufmerksamkeit auf sich zog und später Kolumnistin und freie Mitarbeiterin der hannoveraner Straßenzeitung Asphalt wurde. Auch Sebastian Blei war in Uelzen mit einer Ausstellung vertreten und persönlich anwesend. Zu den nicht wohnungslosen Teilnehmenden am Kongress gehörten auch der bereits erwähnte Klaus Trappmann, Hannes Kiebel und der Autor dieses Artikels.

Der 2008 in Bochum verstorbene Hannes Kiebel war ein Sozialarbeiter und Hochschullehrer und Herausgeber, der sich schwerpunktmäßig mit Obdachlosigkeit sowie Straßensozialarbeit beschäftigte und bis zu seinem Tod als einer der wenigen Experten für die Geschichte der Wohnungslosigkeit in Deutschland galt. Er unterstütze unter anderem Karin Powser, in dem er in einer eigenen Reihe Fotoarbeiten von ihr veröffentlichte, und überhaupt interessierte er sich für Dokumente, Zeugnisse und künstlerische Arbeiten von wohnungslosen Menschen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist eine Arbeit, in der sich Hannes mit der Bedeutung des Wortes „Berber“ befasste. Viele Spekulationen sahen eine inhaltliche Nähe zu den nordafrikanischen ethnischen Gruppen der Berber, im übrigen eine Sammelbezeichnung, von denen einige nomadisch leben. Die Analyse in Form eines Werkstattberichtes kommt aber zu einem eher ernüchternden Ergebnis: „in der Brandenburg-Berlinischen Raumschaft steht Berber für »großer Bursche, der arbeiten kann wie ein Pferd«. Eine einfache Lösung, da mir andere Texte durchweg ein bißchen problematisch im interpretatorischen Überschuß erschienen waren.“ (Kiebel 1995) - Eine Deutung, die auf einer ähnlichen Ebene liegt wie die Bezeichnung „Kunde“.

5 Betroffene

Wir springen nochmal zurück. In Folge der wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche der Friedlichen Revolution 1989, dem Ende der DDR und dem Beitritt von fünf neuen Bundesländern zur Bundesrepublik Deutschland nimmt die Zahl der wohnungslosen Menschen Anfang der 1990er Jahre rapide zu. Gleichzeitig kommt es – wie bereits erwähnt -  in diesen Jahren zu einer Reihe von neuen innovativen Projekten und Ansätzen im Kontext von Armut und Wohnungslosigkeit. So entstehen Theaterprojekte mit wohnungslosen Menschen, Plattengruppen, die leerstehende Häuser besetzen, Kulturprojekte, die Tafelbewegung kommt auf und in vielen Städten werden Straßenzeitungen gegründet. Diese Dynamik verändert auch – jedenfalls teilweise - den Umgang der Wohnungslosenhilfe mit wohnungslosen Menschen. Der wohnungslose Mensch als potentieller Partner wird in den Blick genommen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., die Anfang der 1990er Jahre noch Bundesarbeitsgemeinschaft Nichtseßhaftenhilfe heißt, entwickelt ein Interesse daran, daß wohnungslose Menschen bei der Gestaltung des Hilfesystems mitwirken und unterstützt die Gründung eines Vereins. Die in diesem Kontext verwendete Begrifflichkeit ist die des „Betroffenen“.

Betroffener im Ordnungswidrigkeitenverfahren ist die Person (natürlich oder juristisch), der eine Ordnungswidrigkeit vorgeworfen wird (§ 65 in Verbindung mit § 66 OwiG). Die Verwendung der Bezeichnung Betroffener für einen wohnungslosen Menschen ist insofern zutreffend, weil Obdachlosigkeit nach dem Ordnungsrecht der Länder eine Ordnungwidrigkeit darstellt, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, die abgewehrt werden muss. Die dominierende Bedeutung im Kontext wohnungsloser Menschen erhielt der Begriff erst durch die Soziale Arbeit, die diesen Begriff für ihre Klienten einführte und verwendete. Das hatte den scheinbaren Vorteil, dass die umittelbare Bezeichnung Obdachloser und die damit einhergehende Diskriminierung vermieden weden konnte. Es bleibt aber offen, worin die Betroffenheit genau besteht.

Bundesbetroffeneninitiative wohnungsloser Menschen e.V. (kurz BBI) ist der Name eines 1994 gegründeten Vereins, der das Ziel hatte, die politische Organisation und Beteiligung wohnungsloser Menschen zu unterstützen. Diese Initiative wurde wesentlich angeschoben und auch teilweise finanziert von der damaligen Bundesarbeitsgemeinschaft Nichtseßhaftenhilfe. Ein Motiv der Gründung war es wohl, die Teilhabe wohnungsloser Menschen in der Wohnungslosenhilfe voranzubringen. So war die BBI auch zeitweise, bis zu ihrem Austritt um das Jahr 2015 mit einem Sitz im Vorstand der BAG-W vertreten. Dieser Verein, der heute nahezu bedeutungslos ist, prägte allein schon durch seinen Namen über Jahre hinweg die Praxis der Selbstbezeichnung wohnungsloser Menschen als Betroffene.

Die Frage der Bedeutung der BBI darf seit Gründung als umstritten gelten. Zwar wird und wurde immer wieder die BBI genannt, wenn es um Beispiele für die politische Interessenvertretung ging, auf der anderen Seite bliebt die Bedeutung der BBI als Organisation immer in engen Grenzen verhaftet. Neben regionalen Schwerpunkten in Offenburg (Baden Württemberg) und im Kölner Raum (Nordrhein Westfalen) sowie in Berlin (Landesbetroffeneninitiative) sowie einigen versprengten Einzelmitgliedern ist es der BBI nie gelungen, deutschlandweit flächendeckend mit Gruppen oder einem Netzwerk vertreten zu sein. Vor allem zwei Namen sind mit der Geschichte der BBI verbunden: Rolf Bünger und Roland Saurer.

Rolf Bünger war jahrelang in Köln wohnungslos. Er begann sich nach dem Ende seiner eigenen Wohnungslosigkeit mit und für andere wohnungslose Menschen zu engagieren. Er war Mitglied, Gründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Bundesbetroffeneninitiative wohnungsloser Menschen e.V. und versuchte in dieser Eigenschaft, wohnungslosen Menschen in der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. eine Stimme zu geben und wirkte im Vorstand dieses Verbandes mit.

Rolf Bünger hat in Köln-Ostendorf die Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e.V. mit gegründet und aufgebaut. Die ehemalige Kaserne ist ein von wohnungslosen Menschen in Eigenleistung ausgebautes Wohnprojekt mit sozialem Treffpunkt und Arbeitsangeboten. Rolf Bünger war eine der treibenden Kräfte bei dem Zustandekommen dieses Bauvorhabens, und Rolf Bünger hat die Selbstbezeichnung als Betroffener immer als politischen Begriff verstanden: Ein Betroffener ist einer, der sich für andere wohnungslose Menschen engagiert und der durch seine sozialpolitischen Aktivitäten in konkreten Projekten dafür Sorge trägt, dass die Lebenssituation wohnungsloser Menschen strukturell verbessert wird.

Roland Saurer spielt eine widersprüchliche Rolle innerhalb der Bundesbetroffeneninitiative wohnungsloser Menschen e.V. Er war in den 1990er Jahren bis zu seiner Pensionierung in den 2010er Jahren Leiter des St. Ursula-Heims, eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in Offenburg und konnte in dieser Funktion die BBI maßgeblich und umfangreich logistisch, organisatorisch und finanziell unterstützen. Zu nennen sind insgesamt 14 Berber-Treffen, die im Zeitraum 1997-2012 regelmäßig in Offenburg stattfanden, sowie die Internationale Karawane gegen Armut und Ausgrenzung im Jahr 2010 und zahlreiche Beteiligungen wohnungsloser Menschen an Tagungen und Kongressen (vgl. BBI 2017).

Im Gegensatz zu seiner bestimmenden Funktion war Roland Saurer selbst niemals wohnungslos und es hatte den Anschein, als könne die BBI sich aus dieser Abhängigkeit niemals befreien. An diesem Beispiel entzündet sich die Fragestellung, inwieweit wohnungslose Menschen – also „Betroffene“ - von sogenannten Profis oder Nicht-Betroffenen instrumentalisiert werden. Auf der anderen Seite ist klar, dass Menschen, die sich selbst vertreten wollen, überhaupt erst in die Lage versetzt werden müssen, dies zu tun. Dieses objektive und letztlich unverschuldete Defizit kann als Einfallstor für die Profilierung und den Machtmißbrauch durch Aussenstehende recht einfach ausgenutzt werden. Diese Fragestellung kann hier aber nur angedeutet werden. Klar aber ist: Spätestens seit dem Austritt aus der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. hat die BBI massiv an Bedeutung und Einfluß verloren und tritt kaum noch öffentlich in Erscheinung.

6 Zwischenspiel: Wohnungslose im Internet

Mit der Durchsetzung des Internets als dominierendes Medium von Produktion und Kommunikation war es nur eine Frage der Zeit, dass auch das Thema Wohnungslosigkeit im Internet präsent wurde. Dass die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit eigenen Webseiten präsent wurden, war erwartbar. Neu, aber für Insider wenig überraschend war, dass auch wohnungslose Menschen im Internet mit eigenen Plattformen in Erscheinung traten.

Zu nennen ist hier Richard Brox, der als „Kurpfälzer Wandersmann“ mit seiner Seite ohnewohnung-wasnun.blogspot.com in Erscheinung trat. Die Bedeutung dieser Seite kann kaum unterschätzt werden- welche Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe es gibt, war bis dahin Geheimwissen der Sozialarbeit, die die entsprechenden Verzeichnisse selbstverständlich nicht veröffentlichten oder aber Spezialwissen von wohnungslosen Menschen, die viel herumgekommen waren und ihre Kenntnisse mündlich teilten. Mit seiner Seite machte Brox diese Einrichtungen für alle zugänglich und auch kritisierbar. Später hat Brox mit Günter Wallraff bei dessen Dokumentation „Unter Null - Obdachlos durch den Winte“r maßgeblich unterstützt und beraten und mit dessen Hilfe auch 2018 ein eigenes Buch herausgebracht, dass sich schnell zum Bestseller entwickelte.

Etwa parallel zu Richard Brox, aber unabhängig von ihm, trat im Jahr 2007 Jürgen Schneider, ebenfalls ein langjähriger obdachloser Aktivist, mit der Internet Plattform Berber-Info bundesweit in Erscheinung. Das Berber-Info war und ist, ähnlich wie bei Brox, ein unabhängiges Informationsportal mit Adressen und nützlichen Hinweisen für wohnungslose Menschen. Dazu arbeitete er sich zusammen mit Dietmar Hamann in die Grundlagen der Webseitenprogrammierung und der Handhabung von Content Management Systemen ein. Anlass zur Gründung dieser Plattform war, dass ein von einer Hochschule erstelltes Verzeichnis von Einrichtungen für wohnungslose Menschen in Niedersachsen nicht mehr aufgelegt wurde. Mit dem Berber-Info hat Jürgen Schneider das Internet als Informationsportal für wohnungslose Menschen erschlossen.

Aus dem Berber-Info ging im Jahr 2011 das Armutsnetzwerk e.V. hervor, das Anfang 2011 in Sulingen, Niedersachsen gegründet wurde. Damit verband Jürgen Schneider die Intention, eine gemeinnützige Rechtskörperschaft zu etablieren, die in der Lage ist, Fördermittel zu beantragen und Spenden-bescheinigungen auszustellen und zugleich die Zielstellung zu verbinden, als Gruppierung oder Organisation politische Bedeutung zu gewinnen. Es ist dem Netzwerk vergleichsweise schnell gelungen, als Verein bundesweit Einfluß zu erlangen und in Gremien wie der Nationalen Armutskonferenz und der EAPN mit Sitz und Stimme vertreten zu sein.

7 Selbstvertreter?

Jürgen Schneider ist einer der Initiatoren des Projekts „Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen“ (vgl. Schneider 2017), bei dem das Armutsnetzwerk auch Kooperationspartner ist, ebenso wie das europäische Netzwerk „Homeless People in Europe“ (HOPE). Mit auf den Weg gebracht hat dieses Projekt Peter Szynka, der 2015 noch Referent für Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk in Niedersachsen war. Er hat zu Partizipation wohnungsloser Menschen einige Arbeiten veröffentlicht und war mit verantwortlich dafür, dass Partizipation als Satzungsziel im Diakonischen Werk verankert wurde. Dieses Projekt, dass dann in Freistatt, Niedersachsen, einem alten Standort der Wohnungslosenhilfe durchgeführt werden konnte, war von vorneherein ergebnisoffen konzipiert. Die zentrale methodische Überlegung bestand – vereinfacht gesagt - darin, wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen in größerer Anzahl aus dem deutschsprachigen Raum und weiteren Regionen Europas  für einen längeren Zeitraum zusammen zu bringen, in der Erwartung, dass sich über die dann einstellenden Prozesse des Austausches, der Verständigung und Vernetzung sichtbar werdende Resultate einstellen würden. Ein weiterer methodischer Aspekt bestand darin, von Anfang an mehrere Treffen hintereinander zu planen, um damit konkrete Planungsperspektiven zu eröffnen. Das von dem Organisationsteam, in das auch Jürgen Schneider und damit das Armutsnetzwerk eingebunden war, vorgegebene Motto Alles verändert sich, wenn wir es verändern. Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit und Hilflosigkeit sind keine Naturgesetze! sollte als Anregung deutlich machen, in welchen Horizonten gedacht und gearbeitet werden könnte.

Und schon am Ende der ersten Woche des Wohnungslosentreffens traten neue Akteure auf dem Plan, es waren unter anderem Uwe Eger aus Lüneburg und Janina Spörecke aus Hannover, die stellvertretend für die Teilnehmenden zusammen mit Hilde Rektorschek von der Kulturloge in Marburg die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vortrugen (Schneider 2017). Die Abschlusserklärung spricht von wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen und vermeidet andere Begrifflichkeiten. Gleichzeitig war aber die Frage nach der Identität der Gruppe, die sich dort gefunden hat, auch bei den weiteren Treffen ein wichtiges Thema. Dabei wurde offensichtlich, dass zwischen Selbstverständnis, (Rechts-)Form, Inhalt und Selbstbezeichnung enge Zusammenhänge bestehen. Etliche Ideen – wie etwa die naheliegende Idee einer Vereinsgründung - wurden diskutiert und auch wieder verworfen.

Erst auf dem Koordinierungstreffen im Herbst 2017 nach dem zweiten Wohnungslosentreffen in Freistatt gelang die Formulierung eines Leitbildes und die Einigung auf einen Namen und ein Logo.

Wir sind die Plattform der Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Wir engagieren uns für eine bessere Welt, die Überwindung von Armut, Ausgrenzung, Missbrauch, Entrechtung und Wohnungslosigkeit sowie für die Verbesserung konkreter Lebenssituationen: Alles verändert sich, wenn wir es verändern!

Wir sind unterschiedlich und vielfältig. Wir sind Gruppen, Vereine, Einzelpersonen, Projekte, Initiativen, Unterstützende und Gleichgesinnte. Wir vernetzen uns und arbeiten auf Basis selbstbestimmter Regeln zusammen.

Die Bezeichnung lautete „Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser“. Allerdings stellte sich in der Praxis heraus, dass kaum ein Mensch diese Bezeichnung benutzte, sondern dass formuliert wurde: Selbstvertretung Wohnungsloser bzw. Selbstvertretung wohnungsloser Menschen. Das Plenum des dritten wohnungslosentreffens 2018 hat sich dann verbindlich auf die Verwendung der Bezeichnung „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ geeinigt. Ausschlaggebendes Argument in der Diskussion war, dass die Bezeichnung „Selbstvertretung Wohnungsloser“ die wohnungslosen Menschen ausschließlich auf das Problem ihrer Wohnungslosigkeit reduziert, während umgekehrt die Bezeichnung „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ eine kennzeichnende Befügung enthält und in erster LInie deutlich macht, dass es Menschen sind wie alle anderen auch. Das Gemeinsame, und nicht das Trennende wird in den Vordergrund gerückt. Damit bleibt ein inhaltlicher Raum für die Nennung von Rechten, Forderungen, Träumen, Wünschen, Visionen und zugleich ist mit dem Begriff Mensch eine Anschluß- und somit Bündnisfähigkeit gegeben: Diskussion von Mensch zu Mensch auf Augenhöhe.

Das aus dem drei Jahres Projekt 2016 – 2019 Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen hervorgegangene Vorhaben einer Selbstvertretung wohnungsloser Menschen gewinnt absehbar an Bedeutung. Das Sozialministerium des Landes Niedersachsen fördert eine Koordinierungsstelle dieser Selbstvertretung im Rahmen eines dreijährigen Modellprojekts bis zum Jahr 2022, und es sind weitere Wohnungslosentreffen vorgesehen, so im Jahr 2019 in Herzogsägmühle, Bayern, aus Anlaß des 125jährigen Bestehens der dortigen Einrichtung. Für 2020 und 2021 sind Treffen in Nordrhein-Westfalen sowie im Land Brandenburg in Planung. Inhaltlich sollen das bestehende politische Fünf-Punkte-Programm (vgl. Selbstvertretung 2018) weiter entwickelt und regionale sowie thematische Gruppen gebildet werden. Geplant sind darüber hinaus die Auswahl und Gründung einer Rechtsform sowie ein umfassender Kompetenztransfer mit dem Ziel, das die Organisation und Koordinierung vollständig auf wohnungslose Menschen übertragen wird.

Aufgrund ihrer breiten Aufstellung und strategischen Anlage und auch vor dem Hintergrund, dass Partizipation nunmehr auch zunehmend von der Wohnungslosenhilfe selbst gewollt wird (vgl. BAG W 2015) – wobei Partizipation und Selbstvertretung nicht das selbe sind, obwohl zahlreiche Schnittmengen bestehen – entfaltet die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen eine völlig andere Bedeutung als alle Initiativen vor ihr, die, vielleicht mit Ausnahme der BBI, deutlich weniger auf Nachhaltigkeit und Bedeutungszuwachs angelegt waren. Es wird in den öffentlichen Debatten zunehmend schwieriger, über wohnungslose Menschen zu reden, wenn erkennbar ein Netzwerk von wohnungslosen bzw. ehemals wohnungslosen Expert*innen vorhanden ist, dass sich auch mit eigenen Vorstellungen und Interventionen zu Wort melden will.

Dass es hier keine etablierte Selbstbezeichnung gibt, ist möglicherweise dem noch frühen Stadium im Entwicklungsprozeß geschuldet. Erkennbar ist aber auch, dass das bisher dominante Narrativ des Betroffenen deutlich weniger bis gar nicht mehr verwendet wird. Die Nichtverwendung des Diskursraumes der „Betroffenheit“ macht den Weg frei, die eigene Erfahrung nur noch kurz zu referenzieren zu müssen, um daran anschließend unmittelbar das eigene Argument vortragen zu können.

8 Abgrenzung, Identität & Augenhöhe – Fazit und Ausblick

Im Durchgang der Begriffe sehen wir zum einen die Umdeutung einer negativen Fremdzuschreibung – Vagabund – in einen Kampfbegriff – Vagabunden – Generalstreik das Leben lang, aber auch Begrifflichkeiten wie Kunde oder Berber, die von wohnungslosen Menschen selbst gefunden, aufgegriffen und verwendet werden. Daraus ergeben sich eigene Positionen, die aber keine Reichweite haben für alle wohnungslosen Menschen, sondern bestenfalls für eine politisch bewußte, sich engagierende und für Ziele und Projekte kämpfende Kleinst-Teilgruppe. Diese wird aber in der Öffentlichkeit deutlicher wahrgenommen als die „graue Masse“ der wohnungslosen Menschen und unterscheidet sich auch deutlich von den negativen Klischeezuschreibungen vom abgerutschen „Penner“ auf der Straße.

Eine besondere Stellung nimmt der Begriff der Betroffenen ein. Die Hinwendung kritischer Sozialarbeiter zu den „Berbern“ in den frühen 80er Jahren ging einher mit der Bezugnahme auf die wieder entdeckte Bruderschaft der Vagabunden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber letztlich etablierte sich Mitte der 90er Jahre nicht der Begriff des Berbers, sondern der Begriff der „Betroffenen“, ein Begriff der aus dem Ordnungsrecht entnommen wurde.

Die Adressaten der Sozialen Arbeit übernehmen diesen Begriff und bezeichneten sich selbst als Betroffene. Im öffentlichen Diskurs werden die so bezeichneten regelmäßig genötigt, darzulegen, worin genau ihre Betroffenheit besteht. Wohnungslose Menschen werden damit auf einen Teilaspekt ihrer Lebenslage reduziert und von der Formulierung eigener Perspektiven, Ideen und Forderungen zur Überwindung der Schwierigkeiten systematisch abgeschnitten. Andererseits wurde im Kontext des Begriffs regelmäßig eine Betroffenenbeteiligung in Sozialen Institutionen, mehr Rechte, Transparenz und Mitsprache der Nutzer von Sozialen Angeboten gefordert, was aber bestenfalls nur in Ansätzen eingelöst werden konnte.

Vor dem Hintergrund neuerer Vorhaben der Selbstorganisation ist aber auch zu fragen, ob und inwieweit die Figur des „Betroffenen“ in eine Sackgasse geführt hat und eine Ablösung durch das Projekt der Selbstvertretung und Selbstermächtigung im Raum steht. Der Begriff des „Betroffenen“ wird im Kontext dieses Netzwerkes von den beteiligten Menschen zunehmend weniger verwendet. Statt dessen sagen sie auf öffentlichen Veranstaltungen mit zunehmendem Selbstbewußtsein ihren Namen und referenzieren, sofern es nötig ist, ihre gegenwärtige oder vorangangene Wohnungslosigkeit, um dann umstandslos in die inhaltliche Debatte mit eigenen Beiträgen und Argumenten einzusteigen. Der Begriff „Selbstvertreter*in“ wird hingegen praktisch nicht verwendet.

Statt dessen aber ist ein Netzwerk mit einem Leitbild entstanden, auf das sich jeder einzelne berufen kann und dass als lernende Gemeinschaft der Selbstermächtigung zunehmend Wirkung entfaltet, die auf die einzelnen zurückwirkt. Hanne-Lore Schuh aus Lüneburg, eine der Akteurinnen dieses Netzwerkes, die von Anfang an dabei ist, würde bei so viel theoretischer Erörterung mit einer Wortmeldung den Fokus auf das Wesentliche lenken und sagen:

das regt mich schon wieder auf.
wir müssen uns klar machen,
dass wir alles menschen sind
und dass das uns verbindet.

hanne-lore schuh
wohnungslosentreffen 2018

Stefan Schneider

9 Weblinks

www.wohnungslosentreffen.de
www.armutsnetzwerk.de
www.homelessineurope.eu

10 Literatur

    • Adam, Clemens,/Gunia, Wolfgang/ Henke, Martin/ Rohrmann, Eckhard. “Parteilichkeit in Der Nichtseßhafenhilfe Und Das Berbertreffen in Stuttgart.” Gefährdentenhilfe 4/81, 9–10.
    • Ayaß, Wolfgang: "Vagabunden, Wanderer, Obdachlose und Nichtsesshafte": eine kleine Begriffsgeschichte der Hilfe für Wohnungslose, in: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 44 (2013), S. 90–102. Heins, Rüdiger: Von Berbern und Stadtratten. Lamuv, Göttingen 1998.
    • Bolzhauser, Werner/ Strunk, Andreas (Hrsg.): Kunst im Kontext von Wohnungslosigkeit. Stuttgart 2017
    • Brox, Richard: Kein Dach über dem Leben: Biographie eines Obdachlosen. Hamburg 2018
    • Bünger, Rolf: Die Bundesbetroffeneninitiative BBI zwischen Basisinteressen und professionellem Mandat, o. J..
    • Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnunglosenhilfe e.V. (BAG – WH) 2015: Unterstützung von Partizipation in der Wohnungslosigkeit. Berlin
    • Bundesbetroffeneninitiative Wohnungsloser Menschen (BBI): Neugründung BBI ein Blick zurück und in die Zukunft 2017 (http://www.wohnungslosentreffen.de/images/pdf/2017-Bundesbetroffeneninitiative-Wohnungsloser-Menschen_Neugruendung-BBI---ein-Rueckblick.pdf)
    • Fähnders, Walter/ Zimpel, Henning (Hrsg.): Die Epoche der Vagabunden: Texte und Bilder 1900 - 1945. 1. Aufl. Schriften des Fritz-Hüser-Instituts 19. Essen: Klartext-Verl, 2009.
    • Kiebel, Hannes 1982: ‚Allein machen sie dich ein und gemeinsam sind wir unausstehlich...! Anmerkungen zum Ersten Stuttgarter Berberkongress am 12. und 13. September 1981. In: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.): Wohnsitz Nirgendwo. Vom Leben und Überleben auf der Straße. Berlin 1982, S. 427-438.
    • Kiebel, Hannes/ Felis, Ekkehard/ Huber, Harald: „Und führet sie in die Gesellschaft. Antworten der Erlacher Höhe“. Großerlach-Erlach 1991
    • Kiebel, Hannes: „Na, du alter Berber“ - Beschreibung einer Spurensuche zum Begriff „Berber“. In: wohnungslos 3/95. Bielefeld 1995, S. 102–105.
    • Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.): Wohnsitz: Nirgendwo – Vom Leben und vom Überleben auf der Straße. Verlag Frölich und Kaufmann, Berlin 1982
    • Leontjew, Alexei Nikolajewitsch: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit. Köln 1982
    • Nagel, Stephan: Impulse für eine Politik gegen Wohnungslosigkeit: neue Akteure und politische Rahmungen. Hamburg 2019 [Unveröffentlichtes Manuskript]
    • Powser, Karin 1993: Obdachlos – keine Gnade auf der Straße. Fotografien. Texte Drinnen & Draußen, Heft 6, 1993. Hrsg.: Hannes Kiebel.
    • Selbstvertretung wohnungsloser Menschen: Fünf Punkte Programm. Freistatt 2018 (http://www.wohnungslosentreffen.de/blog/132-2018-07-27-programm.html)
    • Schlembach, Julia 2012: Partizipation wohnungsloser Menschen: Eine qualitative Untersuchung der Betroffenenperspektive. Esslingen 2012.
    • Schneider, Stefan 1991: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner In itiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991
    • Schneider, Stefan: Hans Klunkelfuß und das Haus Oderberger Str. 12. Berlin 2006
    • (https://www.drstefanschneider.de/299-20060106-hans-klunkelfuss-und-das-haus-oderberger-str-12.html)
    • Schneider, Stefan: Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen am Beispiel Wohnungslosentreffen 2016 Freistatt - Zwischenbericht & Ausblick: In: Gillich, Stefan/ Rolf Keicher, eds. Ohne Wohnung in Deutschland: Armut, Migration und Wohnungslosigkeit. Lebenslagen. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 2017, S. 257-267.
    • Schneider, Stefan: Zwischen Platte und Plenum – auf dem Weg zu einer Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser. Veröffentlicht in: Wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. Berlin 2017a, Ausgabe 4. Quartal 2017, S. 117-121.
    • Szynka, Peter: Partizipation und (Selbst-)Organisation in der Wohnungslosenhilfe. Bielefeld 2010 (In: Wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 2. Quartal 2010, S. 41-44.)
    • Trappmann, Klaus (Hrsg.): Landstrasse, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen. Gerhardt Verlag, Berlin 1980.

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