„Eigentlich habe ich für eine Selbstvertretung Wohnungsloser keine Zeit“, sagt Thomas1, den wir in Hamburg treffen, „denn ich bin obdachlos! Schlafplatz aufräumen, Kaffee und Frühstück organisieren, Geld besorgen, Wäsche waschen, ich bin den ganzen Tag nur am rennen!“ Thomas macht in Hamburg Platte. Zusammen mit Walter, der in seinem Auto übernachtet und Peter, der in einer kommunalen Unterbringung lebt, will er eine Hamburger Gruppe bilden. Alle drei waren auf dem einwöchigen Wohnungslosentreffen 2017 in Freistatt dabei, Walter schon im Jahr davor. „Ich denke, dass die Vertreter auf einem Wohnungslosentreffen gewählt werden sollen!“, meint Walter. „Ja, so dass möglichst alle Bundesländer vertreten sind!, ergänzt Peter. Das Problem nur: Es gibt diese Gruppen noch gar nicht, sondern bestenfalls erste Anfänge davon, und ganz häufig auch nur Einzelpersonen. „Um arbeiten zu können, benötigen wir einen abschließbaren Raum, Smartphones oder Tablets, eine Flatrate, und auch Fahrkarten!“ Wir schreiben das auf das Flipchart. „Wir müssen ja mit den anderen in Kontakt treten können, bundesweit!“, ergänzt Peter. „Schließlich sollen wir das ja eines Tages selbst übernehmen!“, sagt Walter. Das Gespräch kam zustande, nachdem sich die Gruppe darüber beschwert hatte, dass eine email von ihnen, in denen sie um Unterstützung baten, nicht beantwortet wurde. Intensive Nachforschungen ergaben, dass die Adresse einen Schreibfehler enthielt und die email gar nicht angekommen war. Konkrete Hindernisse einer Zusammenarbeit mit wohnungslosen Menschen.

Zwischen diesen Polen mäandert das Gespräch die ganze Zeit. Auf der einen Seite ambitionierte Pläne, sich mit anderen aus ganz Deutschland und darüber hinaus zu einer großen, politisch wirksamen Selbstvertretung zusammen zu finden, und zum anderen die ernüchternde Feststellung, dass es an den einfachsten Voraussetzungen mangelt, dass die materielle Basis äußert brüchig ist. Dieses Treffen fand so oder so ähnlich statt im Rahmen des Projekts Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen in Niedersachsen (Empowerment, Community Organizing, Sommercamps, Verstetigung). Dieses Projekt wird von Aktion Mensch gefördert, begann im Mai 2016 und läuft noch bis Februar 2019. Über die Rahmenbedingungen, Voraussetzungen, Planungen, Intentionen und erste Zwischenergebnisse ist an anderer Stelle ausführlich berichtet worden (Schneider 2017), und auf der eigens eingerichteten Seite www.wohnungslosentreffen.de ist eine umfangreiche Dokumentation der bisherigen Aktivitäten, das eingereichte Konzept, Ergebnisprotolle, Zwischenberichte und weiteres mehr zu finden.

Im bisherigen Verlauf des Projekts – auf zwei einwöchigen Wohnungslosentreffen mit 80 (2016) bzw. 120 (2017) Teilnehmenden und bislang drei dreitägigen Koordinierungstreffen im Herbst bzw. Frühjahr mit etwa 30-35 Teilnehmenden  – hat sich herauskristallisiert, dass es der Kerngruppe um den Aufbau einer Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen im deutschsprachigen Raum geht. Die Kerngruppe, das ist ein Kreis von mehr als 50 Menschen, die mehr oder weniger kontinuierlich an den Treffen dabei sind oder aber Kontakt halten. Darunter sind Männer wie Frauen, jüngere wie ältere, Einzelkämpfer und lose Gruppen, Menschen, die aus Einrichtungen oder Wohnungslosenhilfe kommen oder aus sozialen Projekten, Zeitungsverkaufende, Mitglieder des Armutsnetzwerks. Es sind Menschen dabei, die aktuell auf der Straße leben und Menschen, deren Wohnungslosigkeit schon sehr lange zurück liegt. Die Mitwirkenden kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wobei die Regionen Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Berlin-Brandenburg und Hessen gegenwärtig am stärksten vertreten sind.

In diesem Artikel geht es mir darum, einige methodologische bzw. methodische Reflektionen anzustellen und einige Überlegungen, Erkenntnisse und Prinzipien zur Struktur, Organisation und Fortführung wenigstens kurz anzureißen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Soziale Arbeit will Hilfe zur Selbsthilfe sein, und Soziale Arbeit mit Wohnungslosen wird die Überwindung der Wohnungslosigkeit zum Ziel haben. Für eine angemessene Strategie und Reflexion der konkreten Arbeit bietet das Konzept der Handlungsfähigkeit, etwa entwickelt aus dem Kontext der Kritischen Psychologie (vgl. Holzkamp 1985) eine anregende Grundlage. Die Behebung oder wenigstens Linderung der unmittelbaren Notlage, die Befähigung der einzelnen Menschen zum Handeln, die gleichberechtigte Zusammenarbeit bei Anerkennung der Unterschiede und die gemeinsame Arbeit an der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Wohnungslosigkeit beständig neu hervorbringen, sind keine Gegensätze, sondern untrennbare Bestandteile eines ganzheitlichen Arbeitsverständnisses. Ein solcher Ansatz sprengt die engen finanziellen und konzeptionellen Grenzen der meisten Angebote und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und ist notwendigerweise ergebnisoffen.

Für die im Organisationsteam des Projekts arbeitenden Menschen besteht die Kunst darin, wahrzunehmen, was gerade von wem gebraucht wird und gleichzeitig darauf zu achten, dass das Projektziel nicht aus den Augen verloren wird. Und umgekehrt zu verstehen und jeweils neu zu interpretieren, was genau zum Ausdruck gebracht wird und welches Potential eine Idee, eine Wendung, eine Äußerung für das Ganze haben könnte. Das Spektrum der Aufgaben ist breit gefächert. Manchmal geht es darum, eine Fahrkarte zu besorgen und an eine Kontaktadresse zu schicken, um einem auf der Straße lebenden Menschen die Teilnahme an einem Treffen zu ermöglichen. Manchmal ist in einer Gruppendiskussion der freundliche Hinweis nötig, was denn jetzt gerade genau die Fragestellung ist? An anderen Tagen benötigt ein Mensch eine Einweisung, wie eine email-Adresse eingerichtet werden kann. Oder es geht darum, gemeinsam mit einem Teilnehmenden das Protokoll am Computer zu schreiben und zu versenden, weil der auserkorene Protokollführer Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung und der Computerbedienung hat.

Die entscheidenden Unterschiede zwischen professionellen Akteuren in der Wohnungslosenhilfe und wohnungslosen Menschen bestehen darin, dass wohnungslose Menschen in ihren materiellen Mitteln auf Grund ihrer Armut extrem eingeschränkt sind. Deutlich wird das vor allem im Bereich der Kommunikation und der Mobilität, beides sehr wichtige Voraussetzungen für die Herstellung eines sozialpolitischen Zusammenhangs. Stichworte sind hier: keine oder nur eingeschränkte, über Einrichtungen vermittelte telefonische bzw. digitale Erreichbarkeit, veraltete oder nicht vorhandene Mobiltelefone, Smartphone oder Laptops, Prepaid-Karte statt Datenflat, keine Mittel für eine Fahrkarte, keine Bahncard usw.

Ein zweiter Aspekt ist, dass viele Menschen biographisch eher weniger Gelegenheiten hatten, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben und einzuüben, die für eine Selbstvertretung von Bedeutung sein könnten: Gruppen leiten, Gespräche moderieren, Konzepte ausarbeiten, Präsentationen vorbereiten, Protokolle schreiben, Projekte planen, Kundgebungen organisieren, Flugblätter entwerfen.

Die Leitung eines sozialen Organisation hingegen arbeitet bestenfalls in einem Team, kann auf einen Stab zurückgreifen und ist materiell und finanziell gut ausgestattet. Im Vergleich können wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen auf all dies (noch) nicht zurückgreifen. Genau das zeigt sich immer wiederkehrend auf peinlichen Podiumsveranstaltungen, zu denen sog. „Betroffene“ eingeladen und dann auf ihre persönliche Betroffenheit, ihren individuellen Erfahrungsraum reduziert werden. Mit einer Organisationsstruktur im Rücken wird diese Asymetrie aufgebrochen und wohnungslose Menschen könn(t)en sich auf einen Raum beziehen, der größer ist, als ihre individuell-biographische Erfahrung: Eine (Selbst-)Organisation wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen kann gemeinsame Positionen erarbeiten beispielsweise.

Hilfe zur Selbsthilfe zur organisieren zu wollen, erfordert ein klares Bekenntnis zu einer Arbeitsweise, die mit dem Begriff „“chaotische Professionalität“ (Herbst/ Schneider 2003) am Besten beschrieben ist. Damit ist gemeint, dass zum einen Ziel und die Aufgabenstellung immer klar im Blick bleiben, und dass zum anderen die Praxis darauf orientiert bleibt, die fehlende Präzision, die sich oft aus der Lebenslage ergibt, ganz sachlich nachzuarbeiten, wenn es möglich ist oder geboten erscheint. Es geht im Projekt Wohnungslosentreffen darum, wohnungslose Menschen als (kollektive) Akteure wahrzunehmen, ihre Stärken zu fördern, ihre Schwächen assistierend zu kompensieren.

Assistenz

Das Assistenzkonzept entstammt der „Selbstbestimmt-leben-Bewegung“ innerhalb der Behindertenbewegung. Damit sind Formen der persönlichen Hilfe gemeint, die der assistenznehmenden Person dazu verhilft, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu leben (vgl. Niehoff 2003, 58). Grundsätzlich kann diese Assistenz auch Gruppen gewährt werden, etwa in Blick auf Moderation, Protokollierung und weitere Organisationsfragen. Innerhalb des Projekts „Wohnungslosentreffen“ versteht das Organisationsteam seine Aufgabe auch als „Assistenzgeber“. Herauszuarbeiten, wie viel Assistenz nötig und erforderlich ist, ist ein ständiger Aushandlungsprozeß. Die psychologische Dimension ist, dass dabei oft zurecht oder zu Unrecht Bevormundung „Wir schaffen das auch alleine“ vermutet als auch Ablehnung „Wir wollen Euch doch nur unterstützen“ befürchtet wird. Die politische Dimension ist, dass jegliche Glaubwürdigkeit sofort dann in Frage gestellt wird, wenn auch nur der Eindruck entsteht, dass wohnungslose Menschen von anderen funktionalisiert und instrumentalisiert werden.

Alle Erfahrungen, die bislang im Zusammenhang mit Selbsthilfe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen gemacht worden sind, sei es in Bezug auf Strassenzeitungen, selbstorganisierte Tagestreffpunkte und oder Notübernachtungen, Theatergruppen oder politische Aktionsgruppen usw. zeigen, dass der Fokus auf Gruppenarbeit gesetzt werden muss. Dafür sprechen viele und gewichtige Argumente: Die entstehende Gruppendynamik, die Möglichkeit der Integration vieler Kenntnisse und Fertigkeiten und vor allem die Fähigkeit, kurzfristige oder auch dauerhafte Ausfälle gut kompensieren zu können. Es ist daher plausibel, methodisch einen Schwerpunkt auf Gruppenarbeit zu setzen und die Teilnehmenden genau dabei zu unterstützen.

Gruppenarbeit

Ideen, was für eine gelingende Gruppenarbeit erforderlich ist, wurden zunächst intuitiv verfolgt. In Verlauf der Projektarbeit stellte sich heraus, dass eine vergleichbare Praxis von Matthias zur Bonsen unter dem Stichwort „Thinking Circle“ bereits etabliert ist (vgl. Baldwin 2014). Gearbeitet wird in einem Stuhlkreis. Diese Anordnung ermöglicht einen guten Sichtkontakt der Teilnehmenden, es gibt in dieser Anordnung (fast) keine Hierarchien, niemand kann sich hinter Tischen und Aktenmappen verschanzen. In dieser Anordnung gibt es idealerweise ein Moderatorenteam sowie Achtgeber, die dann intervenieren, wenn vom Thema abgeschweift oder die Zeit nicht eingehalten wird. Alle Teilnehmenden haben in dieser Anordnung ihren (gleichberechtigten) Platz, können und sollen zu Wort kommen, finden ihre Aufgabe, dürfen ausreden. Vielredner und Selbstdarsteller werden gebeten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren

Es geht darum, zu einem Thema, zu einer Aufgabe die bestmögliche Lösung zu finden. Abstimmungen sollen vermieden werden, weil das Bedürfnis nach einer Abstimmung zeigt, das die beste Lösung noch nicht gefunden wurde. Vielleicht sind die Alternativen auch nicht gegeneinander zu stellen, sondern ergeben zusammen eine Sowohl-als-auch-Strategie. Beharrliches gemeinsames Nachdenken in der Gruppe kann ganz neue Lösungen hervorbringen. Und sei es nur die Feststellung, dass es zu bestimmten Punkten keine Übereinstimmung, sondern differierende Ansichten gibt. Auch Wahlen können das Gruppengefüge empfindlich stören. Der Nichtgewählte ist enttäuscht und fühlt sich in seinem Engagement abgelehnt und stellt dieses womöglich ein, der Gewählte fühlt sich bestätigt, entwickelt Machtphantasien und ist auf diese Weise einem gemeinsamen Prozess entzogen. In einem großen Projekt sollte immer Platz für alle sein und Aufgaben können von allen bewältigt werden, die daran arbeiten wollen. Neuen Teilnehmenden muss die Chance gegeben werden, gleich einzusteigen. Um den Erfahrungs- und Wissensunterschied auszugleichen, bieten sich Kleingruppen- oder Tandemlösungen an.  Allgemein gesagt, ist die Arbeit in Gruppen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Team, in dem alle mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ihren akzeptierten Platz finden können. Die Gruppe hat lernen können, dass auch Menschen mit herausforderndem Verhalten durchaus in der Lage sein können, sich in eine Gruppenstruktur einzufinden, ein Aspekt, auf den Jürgen Schneider vom Armutsnetzwerk immer wieder hinweist. Fairerweise muss aber auch erwähnt werden, dass aber auch die problematischen Seiten menschlichen Handelns – Konflikte, Streit, Missgunst, Machtspiele, Konkurrenzdenken usw. - immer wieder präsent sind und einer Bearbeitung bedürfen.

Ein weiteres wichtigtes Moment ist der (nicht immer eingelöste) Anpruch, jedwede Gruppenarbeit gut zu dokumentieren, die Ergebnisse und vor allem die Verabredungen festzuhalten und zu kommunizieren. Bei Kernprozessen wie etwa den Wohnungslosen- und Koordinierungstreffen wird das Ergebnisprotokoll gemeinsam erstellt und erarbeitet. Das bietet den enormen Vorteil, dass viele Menschen eingebunden werden, dass damit eine inhaltliche Plattform formuliert werden kann, auf die sich alle beziehen können, und vor allem, dass die gemeinsam schriftlich fixierten Vereinbarungen eine hohe Verbindlichkeit herstellen können.

Im Zusammenhang eines Teilprojekts in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam sollte mit der Methode des Design Thinking die Frage nach die Identität der Gruppe – Wer sind wir? - geklärt werden. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht, aber ein wichtiges Zwischenergebnis waren die 10 Goldenen Prinzipien des Umgangs miteinander. Diese Regeln wurden in einer Kleingruppe von Projektteilnehmenden zusammen mit der HPI-Gruppe erarbeitet, einer größeren Gruppe präsentiert und auf dem Wohnungslosentreffen 2017 allen Teilnehmenden als vorläufige mögliche Plattform einer Zusammenarbeit vorgestellt. Bemerkenswert ist der „Spirit“, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt.

Goldene Prinzipien

  1. In Brüderlichkeit/ Schwesterlichkeit begegnen – friedlich und ohne Gewalt.
  2. Immer offen, rauschfrei & ehrlich – ein NEIN ist auch ehrlich.
  3. Sehe die Anderen & ihre Ideen – gebe ihnen Raum, Toleranz & Respekt.
  4. Bring dich ein. Soweit es geht.
  5. Mache selbst! Lass die machen, die machen wollen.
  6. Mut zur Lücke – es kann auch mal schief gehen.
  7. Hilfe ist freiwillig. Annehmen auch. Jeder kann es!
  8. Zeige Deine Haltung & lass den anderen ihre.
  9. Gier ist keine Zier! Nehme deine eigenen Bedürfnisse sowie die der anderen wahr.
  10. Leben und leben lassen. Spaß haben und Spaß haben lassen.

Selbstverständnis und Leitbild

Auf dem Wohnungslosentreffen 2017 konnte die Frage „Wer sind wir?“ nicht abschließend geklärt werden und wurde somit zum Thema für das Koordinierungstreffen im Herbst 2017. Es war vor allem Frank Kruse vom Organisationsteam, der darauf drängte, hier wenigstens zu einer vorläufigen Entscheidung zu kommen, um damit eine Grundlage für eine Weiterarbeit zu schaffen. Nach Sichtung mehrerer Vorschläge einigte sich die Gruppe dann darauf, dass folgender Name gegenwärtig am besten das Selbstverständnis ausdrückt und als Plattform für die weitere Arbeit genutzt werden soll:

Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser

Wesentlich einfacher war dann, in gemeinsamer Gruppenarbeit ein Leitbild zu formulieren.

Wir sind die Plattform der Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Wir engagieren uns für eine bessere Welt, die Überwindung von Armut, Ausgrenzung, Missbrauch, Entrechtung und Wohnungslosigkeit sowie für die Verbesserung konkreter Lebenssituationen: Alles verändert sich, wenn wir es verändern!

Wir sind unterschiedlich und vielfältig. Wir sind Gruppen, Vereine, Einzelpersonen, Projekte, Initiativen, Unterstützende und Gleichgesinnte. Wir vernetzen uns und arbeiten auf Basis selbstbestimmter Regeln zusammen.

Struktur

Gegenwärtig (Stand Dezember 2017) arbeitet das Organisationsteam daran, das bisher erreichte in Worte zu fassen und daraus eine Struktur abzuleiten und zur Diskussion zu stellen.

Formuliert sieht dieser Strukturvorschlag so aus: Das Zentrum einer Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser ist die Vollversammlung. Das sind die jährlich stattfindenden Wohnungslosentreffen in Form von Sommercamps. Die Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser bildet keine eigene Rechtskörperschaft. Die Vollversammlung ist zahlenmässig durch das jeweils zur Verfügung stehende Budget bzw. durch die Kapazitäten des Veranstaltungsortes begrenzt.

Auf den Vollversammlungen sollte hinreichend Zeit zum Kennenlernen, Austausch, gegenseitigen Informieren und zur Entwicklung von Positionen gegeben sein. Die Vollversammlung trifft grundsätzliche Entscheidungen und tagt grundsätzlich im Plenum. Ergebnisse werden protokolliert.

Die Vollversammlung entwickelt eine Charta. Die Charta beschreibt die Grundlagen der gemeinsamen Zusammenarbeit.  Die Vollversammlung kann zu allen Fragen Grundsatzpositionen, Stellungnahmen, Resolutionen erarbeiten und verabschieden, kann Aktionen, Projekte und Kampagnen anregen, kann Arbeitsgruppen aller Art einsetzen.

Die Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser richtet eine Geschäftsstelle ein. Die Geschäftsstelle gewährleistet den organisatorischen Rahmen der Selbstvertretung und benötigt eine öffentliche Finanzierung. Die Finanzierung muss mindestens abdecken: Die jährlichen Wohnungslosentreffen in Form von Sommercamps, die Koordinierungstreffen im Frühjahr und Herbst, die Arbeitsgruppentreffen, die Arbeit der Geschäftsstelle selbst, alle weiteren Sach- und Honorarkosten. Zur Beantragung von Fördermitteln bedarf es einer gemeinnützigen Förderkörperschaft.

Soweit der gegenwärtig formulierte Strukturvorschlag. Inwiefern dieser akzeptiert wird, sich als tragfähig erweist und von den Teilnehmenden des Projekt zu eigen gemacht wird, wird sich in den kommenden Monaten auf den zukünftigen Treffen zeigen müssen. Ergänzend dazu sind aus der Gruppe der Mitwirkenden schon jetzt Meilenstein-Arbeitsgruppen gebildet worden, die zentrale Aufgaben übernehmen sollen: Eine Guppe wird das kommende Wohnungslosentreffen 2018 vorbereiten, eine zweite Gruppe kümmert sich um Organisations- und Finanzierungsperspektiven und die dritte und vierte Gruppe kümmert sich um Kommunikationsstrukturen und die Grundlagen für den Aufbau regionaler und thematischer Gruppen.

Kostenschätzung

Der Aufbau, die Weiterführung und die Verstetigung einer Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser ist ein Anliegen, dass sinnvoll nur deutschlandweit und darüber hinaus erweitert in den gesamten deutschsprachigen Raum und in die Ebene der Europäischen Union gedacht werden kann. Dabei sind die wohnungslosen Menschen realistisch betrachtet (noch) nicht in der Situation, dafür finanzielle Forderungen gegenüber den Ländern, der Bundesebene und der Europäischen Union erheben oder gar durchsetzen zu können.

Der Finanzaufwand der sich gegenwärtig abzeichnenden Struktur – Vollversammlung im Sommer, Koordinierungstreffen im Frühjahr und Herbst sowie eine Geschäftsstelle mit Personalstelle(n) - hingegen ist einfach kalkulierbar. Ein einwöchiges Sommercamp (Vollversammlung) mit 120 Teilnehmenden und der Dauer von etwa einer Woche, Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten, dazu Referenten, Helfende und Kulturprogramm, wird Kosten von etwa 40T€ bis 60T€ verursachen.  Für ein Koordinierungstreffen von etwa 30 bis 40 Menschen für zwei oder drei Tage, Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten sind Kosten in Höhe von etwa 6T€ bis 12T€  anzunehmen. Grundgelegt wird bei der Kalkulation eine Unterbringung auf Hostel-Niveau (bzw. weitgehend in Zelten und auf Feldbetten) sowie Reisekosten unter Berücksichtigung von Spartarifen bzw. preisgünstigen Busvarianten. Dazu kommen Kosten für eine Geschäftsstelle, wie bereits ausgeführt zur Gewährleistung der Finanzierung und des organisatorischen Rahmens mit wenigstens einer Personalstelle. Hierfür kann annäherungsweise ein Kostenrahmen von 60T€ bis 80T€ angenommen werden. Weitere 20T€ sollten mindestens kalkuliert werden für Reise- und Unterkunftskosten sowie Teilnahmegebühren für Konferenzen, Seminare, Tagungen, Besprechungen sowie für Fortbildungen und Qualifikationen.

Zusammengefasst bedarf es eines finanziellen Rahmens von wenigstens 132T€ bis 164T€, die jährlich benötigt werden, um eine organisatorische Basisstruktur für eine Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser bereit zu stellen. Nicht enthalten in dieser ersten rechnerischen Annäherung sind Kosten für regionale und thematische Gruppen, weitere Bildungsmaßnahmen, für eine weltweite Vernetzung und weiteres mehr. Mit anderen Worten, ohne Geld läuft nichts. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure, die aufgrund ihrer Zuständigkeit oder ihres Selbstverständnisses die Möglichkeit (oder sogar die moralische Verpflichtung) sehen, sich an der Finanzierung einer Selbstvertretung Wohnungsloser zu beteiligen, nunmehr eine erstmalige Vorstellung davon bekommen, was genau ein minimaler Kostenrahmen für eine nachhaltige gesellschaftliche Teilhabestruktur ist. An dieser Stelle muss politisch weiter diskutiert werden.

Schwache Interessen stark machen

Die sozialwissenschaftliche Theorie zur Beschreibung der Möglichkeit und der Voraussetzungen für das Gelingen – oder aber Scheitern – einer Selbstvertretung gesellschaftlich randständiger Gruppen rankt sich um den Begriff „Schwache Interessen“. Behindertenverbände, Altenorganisationen, Patientenvereinigungen, Arbeitsloseninitiativen bilden in Deutschland und anderen westlichen Ländern einen fest etablierten Sektor im Verbandsgefüge. Der führende Experte im deutschsprachigen Raum, Thomas von Winter, hat die zentralen Faktoren für das Zustandekommen identifiziert: Interessen und Ressourcen. Nur wenn beide Faktoren zusammen wirken, kann eine Interessenvertretung zu Stande kommen und ein gewisses Maß an Beständigkeit, Konfliktfähigkeit und politischer Relevanz erreichen  (vgl. von Winter 2000). Dass auf Seiten der wohnungslosen Menschen massive Interessen bestehen und kenntlich gemacht werden können, hat der bisherige Projektverlauf deutlich gezeigt. Dass die (bisher vereinzelt agierenden) wohnungslosen Menschen aufgrund ihrer Mittellosigkeit aus eigener Kraft über die erforderlichen Ressourcen eher nicht verfügen, bedarf kaum eines Nachweises.
Soziale Kompetenzen, Ideen, die Bereitschaft zum Engagement, zur Vernetzung und zur inhaltlichen Arbeit sind vielfältig vorhanden, aber es fehlt vor allem an strukturellen Ressourcen: selbstbestimmte Räume, Begegnungsorte, Kommunikations- und Vernetzungstechnik, Mobilitätsoptionen. Hier bedarf es sozialpolitischer Akteure auf allen Ebenen, die wohnungslose und ehemals Menschen, die daran arbeiten wollen, dabei unterstützen, diese Räume und Zugänge zu erschließen.

Aufgaben und Ausblick

Wie geht es weiter? Durch die Förderung von Aktion Mensch ist das Projekt noch bis Februar 2019 finanziert. Um eine Verstetigung darüber hinaus zu erreichen, gilt es, eine breite Zustimmung für den oben skizzierten organisatorischen Rahmen herzustellen. Es bedarf schon bald der Gründung einer gemeinnützigen Förderkörperschaft und konkreter Anträge für eine Finanzierung der Weiterarbeit. Das inhaltliche Profil sollte geschärft werden, die beteiligten wohnungslosen Menschen müssen gefragt werden und sagen, was genau sie denn wollen und fordern. Die einzelnen regionalen und thematischen Gruppen müssen sich etablieren können und Projekte entwickeln, das System sollte offen und flexibel bleiben für neue Menschen neue Ideen und neue Unterstützer. Das kommende Wohnungslosentreffen im Sommer 2018 könnte für alle diese Aufgaben ein gutes Sprungbrett werden.

Und die Gruppe um Thomas, Peter und Walter in Hamburg benötigt Smartphones, Notebooks oder Tablets, eine Flatrate für Mobilfunk und Internet, Mobilitätsunterstützung (Fahrkarte oder Verfügung über einen PKW), Räumlichkeiten mit sicheren Aufbewahrungsmöglichkeiten und Büroaustattung, um voranzukommen. Und oben drein braucht jeder der Drei eine Wohnung.

Kontakt und weitere Informationen über www.wohnungslosentreffen.de

Literatur

  • Baldwin, Christina et al (2014) Circle: die Kraft des Kreises ; Gespräche und Meetings inspirierend, schöpferisch und effektiv gestalten. Weinheim: Beltz.
  • Herbst, Kerstin / Schneider, Stefan: Selbsthilfe: Chaotische Professionalität. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 45. Jahrgang, 3/2003. Bielefeld 2003, S. 9;
  • Holzkamp, Klaus (1985): Grundlegung der Psychologie. Campus, Frankfurt/M, New York.
  • Niehoff, Ulrich (2003): Grundbegriffe selbstbestimmten Lebens. In: Hähner, Ulrich et al. (Hrsg.): Vom Betreuer zum Begleiter. Eine Neuorientierung unter dem Paradigma der Selbstbestimmung. 4. unveränderte Auflage. Lebenshilfe-Verlag, Marburg 2003, 53–64.
  • Schneider, Stefan (2010): Wohnungslose: Partizipation, Selbsthilfe und Selbstorganisation. Neue Wege zur Teilhabe von Betroffenen. Berlin 2010 (www.drstefanschneider.de/publikationen/749-partizipation.html)
  • Schneider, Stefan (2017): Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen am Beispiel Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 – Entwicklung und Ausblick: In: Gillich, Stefan/ Keicher, Rolf (Hrsg.) 2017, Ohne Wohnung in Deutschland: Armut, Migration und Wohnungslosigkeit. Lebenslagen. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 2017, 257-267.
  • von Winter, Thomas (2000): Soziale Marginalität und kollektives Handeln. Bausteine einer Theorie schwacher Interessen, in: Politische Repräsentation schwacher Interessen, Opladen: Leske und Budrich 2000, S. 39-5999 (Hrsg. zusammen mit Ulrich Willems).
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