Schriftliche Fassung des Impulses auf der Tagung des Evangelischer Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe e.V. im September 2016 in Erfurt

Intention

Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 - Foto: Freistätter Online ZeitungDie Intention der mit dem Schlagwort „Sommercamps“ bzw. „Wohnungslosentreffen“ (1) verbundenen Idee besteht darin, wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen durch ein eigenständiges Projekt dabei zu unterstützen und zu fördern, Formen und Strukturen der Teilhabe und Selbsthilfe aufzubauen, weiter zu entwickeln und zu verbessern – und zwar notwendigerweise ergebnisoffen.. Wohnungslose Menschen   werden an den Orten ihrer Lebenswelt angesprochen. Sie sollen langfristig dabei unterstützt werden, regionale und oder thematisch bezogene Gruppen aufzubauen und Netzwerke zu bilden. Die jährlich geplanten einwöchigen Wohnungslosentreffen dienen dabei nicht als Selbstzweck, sondern als Plattform zur Interaktion und Meilensteine sowie Bezugspunkte für die jeweiligen Schritte innerhalb des Prozesses. Diese Projektkonzeption ist zunächst – orientiert an den Grundsätzen der Projektförderung von Aktion Mensch -  auf die Dauer von drei Jahren angelegt, die zur Anwendung kommenden Methoden entstammen im Wesentlichen aus den Handlungsansätzen der Gruppenarbeit, des Empowerment und des Community Organizing. Die jährliche Abfolge von drei großen Wohnungslosentreffen eröffnet – im Unterschied zu einmaligen Veranstaltungen dieser Art – eine strategische Perspektive. Das erste Treffen dient als Auftaktveranstaltung, um interessierte Menschen zu erreichen und mit ihnen die Projektidee zu kommunizieren. Auf dieser Basis ist es möglich, auf einem Folgetreffen das Selbstverständnis zu klären und erste Standpunkte zu formulieren. Ein drittes und im Verlauf des Projekts vorerst letztes Treffen müsste sich sehr maßgeblich mit den Aufgaben der Verstetigung zu befassen haben.

Hintergründe

Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen ist im weiteren Kontext der Wohnungslosenhilfe nichts Neues, aber seit einigen Jahren sind – obwohl verstärkt zum Thema Partizipation diskutiert wird – die Aktivitäten in dieser Richtung eher stagnierend, wenn nicht rückläufig. Eine eigene und eigenständige Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen gab und gibt es, bis auf wenige Ansätze und Initiativen (z.B. Armutsnetzwerk ANW, Bundesbetroffeninitiative wohnungsloser Menschen BBI und Homeless People in Europe HOPE), nicht. Die Präsenz wohnungsloser Menschen auf den Tagungen der Wohnungslosenhilfe stellt eher keine authentische Beteiligungsstruktur dar. Nicht zuletzt möglicherweise auch deshalb, weil sich die typischen Arbeitsformen und Inhalte einer Tagung wie Fachvortrag, Podiumsdiskussion, Plenumsdiskussion in erster Linie an ein sozialwissenschaftlich oder sozialarbeiterisch tätiges bzw. ausgebildetes Zielpublikum richten. Daraus ergibt sich die Frage, welche Formate aus der Sicht wohnungsloser Menschen attraktiv und geeignet sein könnten, Formen der Teilhabe und Selbstorganisation zu befördern und hervorzubringen.

Die Idee, mehrtätige Großgruppentreffen zu organisieren, zusammen zu leben, gemeinsam Zeit und Freizeit zu verbringen und in einem geschützen Rahmen inhaltlich zu arbeiten, hat mehrere Quellen. Sie kommt zum einen aus der Tradition der Jugendverbände und der Jugendarbeit und aus modernen Ansätzen der Gemeinwesenarbeit („Community Organizing“), aber auch in Politik, Wirtschaft und Kunst ist es nicht unüblich, sich zu Klausuren abseits des Arbeitsalltages zurückzuziehen und jenseits des Alltagsgeschäftes grundsätzliche Angelegenheiten zu erörtern.

Und weiterhin gab es in der Geschichte der Wohnungslosigkeit einige wenige große, mehrtägige Versammlungen wohnungsloser Menschen. Erinnert sei an den Vagabundenkongress 1929  in Stuttgart, an das Berbertreffen 1981 in Stuttgart sowie an den Kongress der Kunden und Vagabunden, Obdach- und Besitzlosen 1991 in Uelzen, die als Referenz dienen können. Es waren jeweils spezifische Konstellationen, die zu diesen Treffen führten. Obwohl sie Einzelereignisse blieben, entfaltete jedes dieser Treffen eine Wirkung, die es noch genauer zu erforschen gilt. Wenn es nun gelänge, nicht nur eines, sondern mehrere solcher Treffen wohnungsloser Menschen hintereinander zu organisieren, würde dies den Charakter der Treffen weitgehend verändern. Die Treffen wären aufeinander bezogen und ggf. würde allein das Wissen um ein Nachfolgetreffen Prozesse auslösen, Bezugspunkte darstellen, auf die hingearbeitet werden könnte.

Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen sind keine einheitliche Gruppe. Wohnungslosigkeit ist eine extreme Form von Armut und Ausgrenzung. Es existieren vielfältige und differenzierte Hilfeangebote. Dennoch können diese Wohnungslosigkeit und Armut und die damit verbundenen Probleme häufig nicht beseitigen. Wohnungslose werden oftmals zu Empfängern von Almosen degradiert. Die Wohnungslosenhilfe betätigt sich oftmals als Lobby, die für die Wohnungslosen spricht.

Grundlage für das Projekt ist die Überzeugung: Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen können sich sehr viel authentischer und glaubwürdiger für eigene Interessen und Belange einsetzen, wohnungslose Menschen haben nicht nur Probleme und Defizite, sondern auch Kompetenzen und Stärken, und wollen und können ihre Lobbyarbeit selbst organisieren.

Das waren einige der Überlegungen im Zuge der Vorbereitung. Letztlich ist das Projekt Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen in Niedersachsen (Empowerment, Community Organizing, Sommercamps, Verstetigung) – so der offizielle Antragstitel - gemeinsam von Bethel im Norden, Fachbereich Wohnungslosenhilfe am Standort Freistatt (Frank Kruse), dem Diakonischen Werk Niedersachsen (Dr. Peter Szynka), dem Armutsnetzwerk (Jürgen Schneider) und einem Berliner Sozialwissenschafter (Dr. Stefan Schneider) entwickelt worden, um mit neuen Methoden Teilhabe und Selbstorganisation Wohnungsloser und ehemals Wohnungsloser voranzubringen. Vorab in die Projektvorbereitung waren eingebunden die Gruppen Armutsnetzwerk e.V. sowie das Europäische Netzwerk wohnungsloser Menschen HOPE.

Bethel im Norden ist ein Stiftungsbereich der Stiftung Bethel in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Im Mittelpunkt der Aufgaben steht die menschliche und fachliche Hilfe für kranke, behinderte und sozial benachteiligte Menschen. Die Wohnungslosenhilfe in Freistatt hilft Menschen, die sich in besonderen Lebenslagen befinden, verbunden mit sozialen Schwierigkeiten. Die Problemlagen sind individuell und oft komplex. Aufgabe der Wohnungslosenhilfe ist es, die sozialen Schwierigkeiten bewusst zu machen, zu mildern, zu beseitigen oder eine Verschlimmerung zu verhüten.

Finanzierung und Projektbeginn

Für das Vorhaben wurde bei der Aktion Mensch im Dezember 2015 ein Antrag auf Förderung gestellt. Als Partner für die Co-Fiananzierung wurden Mittel vom Land Niedersachsen sowie beim Diakonischen Werk Niedersachsen beantragt. Eigenmittel waren von der Stiftung Bethel einzubringen. Durch Verzögerungen in der Antragsbearbeitung waren Genehmigungen auf vorzeitigen Projektbeginn einzuholen, die schließlich Ende Mai 2016 eintrafen, so dass der Projektstart zunächst mit Eigenmitteln der Stiftung Bethel und einer Zuwendung des Diakonischen Werks in Niedersachsen erfolgen musste.
Aus dem Umstand, dass der Projektstart erst Ende Mai 2016 erfolgte und das erste Wohnungslosentreffen bereits für Ende Juli 2016 geplant war, ergab sich ein denkbar anspruchsvoller Zeitplan, der keine weiteren Verzögerungen oder Stockungen der Arbeit mehr zuließ.

Vorbereitung und Mobilisierung

Wesentlich in der Vorbereitungszeit war der Abschluss von Arbeitsverträgen, die Einrichtung einer Homepage www.wohnungslosentreffen.de sowie weitere Seiten auf Facebook, Twitter und Youtube, die Entwicklung eines Slogans „Alles verändert sich, wenn wir es verändern! - Armut, Wohnungsnot, Ausgrenzung und Einsamkeit sind keine Naturgesetze“, die Erstellung eines Plakates im Format A3 und davon abgeleitet Handzettel im DIN A 6 Format, die Planung der Mobilisierung, die Erarbeitung von Regeln auf dem Camp - Keine Drogen Keine Gewalt Keine Belästigung -, die Programmplanung in Kooperation mit Akteuren der Selbsthilfe von armen und wohnungslosen Menschen (Armutsnetzwerk e.V., Europäisches Netzwerk Hope Homeless People in Europe), die Akquise von Helfenden & Referenten und weitere 1000 Dinge (Zelte, Schlafsäcke, Essen, Bühne etc.) der praktischen Vorbereitung.

Entsprechend des Konzeptes wurde während der Phase der Mobilisierung kommuniziert, dass die Teilnahme am Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 keine Teilnehmerkosten verursachen würde und dass Reisekosten bezuschusst bzw. übernommen werden können. Hintergrund dieser konzeptionellen Entscheidung war die Einschätzung, dass wohnungslose Menschen häufig mittellos bzw. extrem arm sind und dass das Aufbringen von Fahrkosten bzw. die Erhebung von Teilnahmekosten eine Hürde darstellen würde, die sehr viele von einer Teilnahme abhalten würde. Allein schon die Vorfinanzierung der Fahrtkosten wurde als Problem eingeschätzt, so dass wir die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und andere Anlaufstellen explizit darum baten, an dem Treffen interessierte Menschen dabei zu unterstützen und ggf. die Fahrkarte vorzufinanzieren.

Konkret wurde eine email mit dem Plakat an alle Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen versendet, dazu eine email an alle Bahnhofsmissionen in der Bundesrepublik Deutschland, die gleiche Email wurde über den Email-Verteiler der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sowie den Evangelischen Fachverband sowie den Europäischen Dachverband FEANTSA versendet. Weitere emails wurden an ausgewählte Projekte und Einzelpersonen (z.B. Strassenzeitungen) versendet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in Freistatt, Niedersachsen organisieren wir (Bethel im Norden in Kooperation mit dem Armutzsnetzwerk e.V.) von Sonntag, dem 24. - Sonntag, den 31. Juli ein großes Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016.
Dieses Treffen soll dem gegenseitigen Austausch, Kennenlernen und Vernetzen dienen und die Teilhabe und Selbstorganisation Wohnungsloser verbessern helfen. Aber auch Freizeit und Kultur sollen nicht zu kurz kommen.
Es gibt eine offizielle Homepage http://www.wohnungslosentreffen.de
Wir möchten alle wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen, die mit Eurer Einrichtung in Kontakt stehen, ganz herzlich einladen, an diesem Treffen teilzunehmen.
Damit verbunden haben wir drei Bitten:
Das Plakat findet Ihr im Anhang, es wäre schön, wenn Ihr es ausdrucken und aushängen könntet.
Auch möchten wir darum bitten, dass Ihr Menschen, von denen Ihr denkt, dass sie Interesse haben, nach Möglichkeit persönlich ansprecht.
Falls sich eine Gruppe interessierter Menschen findet, wären wir ausgesprochen dankbar, wenn  Ihr diese Gruppe dabei unterstützen könntet, an dem Treffen teilzunehmen. Fahrtkosten können von unserem Projekt bezuschusst bzw. übernommen werden.
Sehr gerne würde ich (oder Jürgen Schneider vom Armutsnetzwerk) auch persönlich in Eure Einrichtung kommen und über das Vorhaben informieren. Dazu können wir gerne einen Termin abstimmen.
Weitere Plakate und Handzettel können wir bei Bedarf gerne zuschicken. Die Anmeldung kann Online erfolgen.
Über eine Rückmeldung würden wir uns sehr freuen.
Herzliche Grüße

Stefan Schneider, Koordination
Jürgen Schneider, Armutsnetzwerk e.V.

PS: Diese Nachricht darf ausdrücklich weiter verbreitet werden!

In einer Versandaktion wurden daran anschließend nochmals mit einem Anschreiben Plakate und Flyer an die Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen sowie an alle Bahnhofsmissionen in der Bundesrepublik Deutschland geschickt. Es gab weiterhin persönliche Besuche von (ausgewählten) Einrichtungen und Gruppen sowie vereinzelt die Ansprache von wohnungslosen Menschen auf Straßen, Plätzen, Bahnhöfen.

Wochen- und Tagesstruktur

Die Frage, wie lange die Wohnungslosentreffen dauern sollten, war Teil der Konzeptentwicklung. Die Erfahrung von Konferenzen und Tagungen, die in der Regel auf wenige Tage beschränkt waren, zeigten, dass diese knappe Zeit für ein intensives Kennenlernen nicht ausreicht. In den ersten Diskussionen war von zehn Tagen die Rede, und schließlich wurde ein Übereinstimmung dahingehend erreicht, dass die Dauer von einer Woche ein vernünftiges Maß sein könnte. Eine einwöchige Arbeitseinheit einer größeren folgt ebenfalls einer spezifischen inneren Logik: Nach der Anreise besteht zunächst ein Bedürfnis nach Orientierung und dem Kennenlernen der anderen. Auf dieser Grundlage entstehen erste Strukturen der Kommunikation und eine Praxis des gemeinschaftlichen Arrangements. Nach der Aufregung folgt der Koller. Alles wird zu Viel, ein Bedürfnis nach Ruhe und Ausgleich breitet sich aus und der Wunsch, Abstand zu gewinnen. Was wäre, wenn ich nicht hier wäre? Muss ich das alles hinnehmen, was ich hier erlebe? Die dritte und letzte Phase ist schon auf das Ende hin orientiert. In wenigen Tagen werde ich wieder in gewohnten Kontexten sein. Die bisher vergangene Zeit wird positiv bewertet, Konflikte wurden erfolgreich gelöst, Kontakte und Beziehungen sind entstanden, die neue Situation stellt sich als vertrautes Muster dar und das bevorstehende Ende der schönen Zeit wirkt plötzlich euphorisierend auf fast alle.

Diese nahezu typischen Muster einer Gruppendynamik wurden bei der Wochenplanung weitgehend berücksichtigt. Nach der Begrüßung am Anreisetag waren die Veranstaltungen der ersten Tage darauf orientiert, in Themen und Debatten hinein zu führen. Der Mittwoch wurde bewusst als Pausentag mit Sport und Freizeitangeboten geplant (auch wenn das nicht durchgehalten werden konnte), am Donnerstag und Freitag waren teilweise öffentliche, teilweise interne Versammlungen der Kooperationspartner Armutsnetzwerk e.V. und HOPE avisiert, und der Freitag Nachmittag stand im Zeichen der Erarbeitung einer gemeinsamen Abschlusserklärung, die am folgenden Tag final abgestimmt und dann der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Eine Runde zu Perspektiven der Weiterarbeit bestimmte dann den letzten Nachmittag vor dem Abschlussfest am Samstagabend. Eine Andacht am Abreisetag sollte dann den Abschluss darstellen.

Die Struktur der einzelnen Tage wurde im wesentlichen durch die Mahlzeiten bestimmt. Frühstück, Mittagessen mit Pause und Abendessen zu festgesetzten Zeitfenstern bestimmten die Tagesstruktur. Arbeitseinheiten fanden daher entweder am Vormittag, am Nachmittag oder nach der Abendpause ab 20:00 Uhr statt. Aufgrund der Fülle der Programmpunkte gab es zum Teil Parallelveranstaltungen.

Programmstruktur

Insgesamt wurden während des Wohnungslosentreffens 2016 in Freistatt dreiunddreißig Programmpunkte an acht Tagen angeboten. Unter Berücksichtigung, dass am Anreise- und am Abreisetag jeweils nur eine Veranstaltung statt fand (Eröffnung bzw. Abschlussandacht), wurden jeden Tag durchschnittlich mehr als fünf Programmpunkte angeboten. Bei den Programmpunkten wurde inhaltlich nicht unterschieden zwischen Angeboten, die klassischen Freizeitcharakter hatten (Moorbahnfahrt, Fussballspiel bzw. -turnier) und thematischen Punkten.

Neben der Eröffnung und Begrüssung war Thema die Geschichte der Wohnungslosentreffen, die Berber-App, Hartz IV Themen, Workshops zu Sucht und Suchtselbsthilfe sowie Interessen erkennen und artikulieren, eine Bibelarbeit zu Armut, das Thema Tafeln im gesellschaftspolitischen Kontext, Gewalterfahrungen, Geschichte der Heimerziehung, Umgang mit Institutionen und Behörden, organisiert wurde ein Dialog der Vorbereitungsgruppe mit den Teilnehmenden, die Pressegruppe hat sich konstituiert und Arbeitsformen gefunden. Stattgefunden haben Mitgliederversammlungen von HOPE und dem Armutsnetzwerk. Die Kooperationspartner stellten Beteiligungsstrukturen vor und erläuterten Modellvorhaben der Beteiligung (Best Practice of Participation). Programmpunkte wie die Vorbereitung einer Abschlusserklärung, die Vorbereitung einer Andacht, sowie der Workshop zur Erarbeitung von Ideen und Perspektiven nach dem Wohnungslosentreffen hatten einen bewusst ergebnisoffenen Charakter.
Weitere Programmpunkte orientierten sich am Standort bzw. den Gegebenheiten, z.B. die Freistatt-Erkundung, die Moorbahnfahrt oder der Besuch der Freistatt-Ausstellung zur Heimerziehung. Andere Programmpunkte hatten bewusst den Anspruch von gemeinsamer Kultur- und Freizeiterfahrung, wie Konzerte, Grillen, Lagerfeuer,  eine Siebdruckwerkstatt und die Abschlussparty.
Sowohl die Bibelarbeit als auch die Abschlussandacht waren eine Referenz an die religiöse Orientierung des Projektantragstellers, entsprach aber auch den Wünschen einiger Teilnehmender.

Diese hier vorgestellte Programmstruktur entstand im Zuge der Vorbereitung. Insbesondere die Kooperationspartner Armutsnetzwerk e.V. und HOPE wurden eingeladen, ihre Vorstellungen zu benennen und Vorschläge einzureichen, die dann in der Regel auch im Programm aufgenommen bzw. organisatorisch umgesetzt worden sind. Wenige Tage vor Beginn des Treffens wurde daraus – ergänzt durch einige wenige organisatorische Hinweise – ein Programmheft erstellt, das allen Teilnehmenden ausgehändigt worden ist.

Teilnehmende

Die Auswertung der auf dem Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 registrierten Teilnehmenden zeigt: An dem Treffen nahmen 80 wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen teil. Von den 80 Teilnehmenden waren 70 aus Deutschland (88%) 2 aus Österreich (3%), 3 aus Dänemark (4%) 2 aus den Niederlanden (3%), 2 aus Finnland (3%), 1 aus Irland (1%). Diese Verteilung ergibt sich aus dem Umstand, dass Vertreter des Europäischen Netzwerkes HOPE gezielt zu dem Wohnungslosentreffen Freistatt eingeladen worden sind.
Die 70 Teilnehmenden aus Deutschland verteilten sich wie folgt: 42 Menschen aus Niedersachsen (60%), 15 aus Nordrhein-Westfalen (21%), 6 aus Berlin (9%), 2 aus Brandenburg (3%), jeweils ein Teilnehmender aus  Hamburg (1%), Baden-Württemberg (1%), Hessen (1%), Sachsen (1%).
Zu den Teilnehmenden gehörten sowohl Menschen, die auf der Straße leben als auch Menschen, die  Kontakt zu Wohnungslosentagesstätten haben, aber auch Menschen, die in der Wohnungslosenhilfe untergebracht sind sowie ehemals wohnungslose Menschen.

In Bezug auf die Gesamtgruppe der Teilnehmenden kann eingeschätzt werden, dass etwa ein Drittel der Teilnehmenden motiviert war, inhaltlich am Thema Teilhabe, Selbstorganisation und Vernetzung zu arbeiten. Ein weiteres Drittel der Teilnehmer zeigt sich diesem Anliegen gegenüber interessiert und ein weiteres Drittel nutzte das Angebot mehr oder weniger zur Erholung.
Die durchgehend positiven Erfahrungen der Teilnehmer auf dem Wohnungslosentreffen wird voraussichtlich zu einem Schneeballeffekt führen, so dass für 2017 mit einer deutlich höheren Zahl von interessierten Menschen gerechnet werden muss. Und nahezu alle, die auf dem Treffen 2016 dabei waren, haben schon signalisiert, dass sie 2017 „auf jeden Fall“ dabei sein wollen.

Ergebnisse/ Abschlusserklärung

Ein zentraler inhaltlicher Meilenstein auf dem Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 war die gemeinsame Erarbeitung einer Abschlusserklärung. Mehr als 20 Teilnehmende beteiligten sich am Freitag nachmittag an dieser Arbeit. Eine auf einem Computer geöffnetes, vollkommen leeres Word-Dokument wurde mit Hilfe eines Beamers an die Wand projiziert und auf Zuruf wurden Formulierungen und Stichworte aufnotiert, sortiert und verändert. Satz für Satz wurde um Formulierungen gerungen, und das leitende Kriterium dabei war, ob die Formulierung mit dem Erlebten und seiner Wahrnehmung übereinstimmt. Ein Entwurf lag nach gut anderthalb Stunden gemeinsamer Arbeit vor dem Abendessen vor und wurde während der Abendstunden gedruckt und ausgeteilt und am nächsten Vormittag nochmals in der offenen Arbeitsgruppe Abschlusserklärung gemeinsam durchgesprochen und mit wenigen Änderungen verabschiedet.

Die Vorstellung der Abschlusserklärung erfolgte dann am Samstag Mittag in einer vorab im Programm vorgesehenen Presseerklärung durch 3 Teilnehmende. In dem daran anschließenden Pressegespräch griffen einige Teilnehmer zum Mikrofon und gaben zum Teil sehr persönliche und berührende Statements zu ihren Erfahrungen auf dem Treffen ab. Aufgrund seiner Bedeutung sei dieses Dokument hier vollständig dokumentiert:
 

ABSCHLUSSERKLÄRUNG DES WOHNUNGLOSENTREFFENS 2016 in Freistatt:    

Wir als Teilnehmer möchten folgendes festhalten:

1. Wir wurden respektvoll und freundlich aufgenommen. Das war ein anderer Umgang im Vergleich zu dem, was wir sonst üblicherweise erleben.
2. Wir kannten uns vorher nicht oder nur wenig und konnten uns hier in Freistatt erstmals auf einer anderen Ebene begegnen, austauschen und gemeinsame Anknüpfungspunkte finden. Ein Gemeinschaftsgefühl ist entstanden und verbindet für die Zukunft. Wir konnten feststellen, dass wir untereinander auftretende Konflikte aushalten und Gegensätze akzeptieren können.
3. Es war sowohl Zeit für die Teilnahme und Mitarbeit an den umfangreichen Programmangeboten, aber auch genügend Raum für Gespräche, Freizeit, Entspannung und Erholung. Alles gehörte dazu, um ein Miteinander zu finden.
4. Die Workshopinhalte empfanden wir als vielfältig, anregend und anspruchsvoll. Wir haben uns mit Themen befasst, die uns unmittelbar betreffen und mit der Veränderung der Welt. Themen waren u.a. Hartz IV Sanktionen, Wohnungslosenhilfe, Selbsthilfe, Diskriminierung, Sucht, Reichtum und Armut, das Leben mit und ohne Gott, Politik, Europäische Zusammenarbeit und persönliche Situationen.
5. Auf dem Sommercamp haben sich das Armutsnetzwerk e.V. und das europäische Netzwerk HOPE (HOmeless PEople) zu Mitgliederversammlungen getroffen.    
Das Armutsnetzwerk informierte über seine Arbeitsweise, stellte die App „Pro-Berber“ vor, und wählte einen neuen Vorstand. Das internationale Gremium von HOPE befasste sich in ihrer General Assembly mit ihren Statuten, in HotSpots mit BestPractices der Teilhabe und dem Gegensatz und der individuellen Definition von Armut und Reichtum.
6. Der plötzliche Tod des Teilnehmers Thomas Schmidt durch einen Herzinfarkt hat sehr viel Betroffenheit unter uns ausgelöst. Bei der Trauerandacht in der Moorkirche fand Pastor Sundermann passende Worte für unsere Gefühlslage.
7. Das Sommercamp bot uns teilnehmenden Frauen und Männern einen geschützten Rahmen. Wir haben Gemeinschaft gelebt. Gruppen haben sich gefunden, um eigene Interessen zu erkennen und zu formulieren.
8. Wir wollen uns in einem kleineren Rahmen Anfang November 2016 erneut in Freistatt treffen, um das diesjährige Sommercamp und die erste Arbeitsphase der Gruppen auszuwerten.
9. Wir werden die Idee von Teilhabe und Selbstorganisation aufgreifen und zu unserer eigenen machen. Wir wollen die weiteren Planungen in unsere eigenen Hände nehmen.
10. Wir laden deutschland- und europaweit alle unbedachten und besitzlosen Frauen und Männer ein, beim nächsten Wohnungslosentreffen im Sommer 2017 teilzunehmen.
Wir machen einen Anfang.
Wir wollen der Würde eine Stimme geben.    

Freistatt, Niedersachsen, 30. Juli 2016

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wohnungslosentreffens Sommercamp Freistatt 2016

Weitere Ergebnisse und Ausblick

Darüber hinaus kann folgendes an Ergebnissen festgehalten werden: Es ist gelungen, durch das Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 insgesamt 80 Menschen zu erreichen. Es war möglich, daraus einen Kreis von mehr als 25 Personen zu mobilisieren, die an einer Weiterarbeit interessiert sind. Die erreichten Teilnehmer repräsentieren zum einen Teil auch Gruppen bzw. die Möglichkeit einer Gruppenbildung, allerdings ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, neue Einzelpersonen sind bereits hinzugekommen, weitere könnten und sollen angesprochen werden.

Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sind hierbei wichtige Multiplikatoren und tatsächlich kamen viele Kontakte zu den Projektteilnehmenden über Einrichtungen zu Stande, die in einzelnen Fällen auch telefonisch Kontakt aufnahmen oder aber wohnungslose Menschen durch Vorfinanzierung einer Fahrkarte die Teilnahme am Treffen in Freistatt ermöglichten. Auf der anderen Seite verhindern Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe als Filter den direkten Kontakt zu Wohnungslosen, etwa wenn zugesandte Plakate nicht aufgehängt oder emails mit der Bitte un Weiterleitung an wohnungslose Gäste der Einrichtung schlichtweg nicht weiter geleitet werden. Nur in den seltensten Fällen war im Kontext der Mobilisierung ein direkter Kontakt zu wohnungslosen Menschen möglich. Auch die Homepage der Einrichtungen weisen in der Regel nicht auf eine Besucher- oder Bewohnervertretung hin, selbst wenn eine solche vorhanden ist.

Im Rahmen der Zielstellung, einen repräsentativen Anteil von Frauen zu erreichen, wurde auch versucht, über die AG Frauen in der BAG-Wohnungslosenhilfe Informationen über das Sommercamp zu verbreiten. Die Rückmeldung war, dass dieses Anliegen in der AG Frauen besprochen und beschlossen wurde, wohnungslose Frauen nicht zu informieren, da die Veranstaltung nicht für Frauen geeignet sei. Auch sei die AG Frauen nicht in die Vorbereitung des Sommercamps einbezogen worden. Diese Rückmeldung hat für einiges Unverständnis gesorgt. Immerhin haben 14 Frauen an dem Sommercamp teilgenommen, was einem Anteil von 18% an der Gesamtgruppe entspricht. Die teilnehmenden Frauen teilten offenbar nicht die Auffassung, dass das Wohnungslosentreffen für sie nicht geeignet sei. Auch fanden sie die Reaktion der AG Frauen unverständlich.

Es gibt ein offensichtliches Bedürfnis nach einem vertieften gegenseitigen Kennenlernen, wobei hier Teilnehmende, die aus Einrichtungen kommen bzw. sich in Einrichtungen treffen, Vorteile haben gegenüber Teilnehmern, die diesen institutionellen Rückhalt nicht haben. Damit kann angenommen werden, dass ein Bewusstsein über die Vielfalt der Lebenslagen in der Wohnungslosigkeit am entstehen ist.
Die Idee, dass Wohnungslose zunehmend Verantwortung für das Projekt übernehmen, ist verstanden worden. Das wird deutlich an der engagierten Auswertung, die in Sondierungen mündet, die Fragen der Vorbereitung und der Organisation des nächsten Treffens betreffen sowie den Prozess allgemein. Die Gruppe befindet sich noch mitten im Selbstfindungsprozess, die Fragen: Wer sind wir? Was wollen wir? Wem erzählen wir was? Welche Botschaft haben wir? stehen noch im Mittelpunkt der Suchbewegung.

Das Projekt ist seit dem Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 in einigen Veranstaltungen und in unterschiedlichen Konstellationen kommuniziert worden, weitere Termine sind in Vorbereitung bzw. sind in Planung. Damit verbreitert sich die öffentliche Wahrnehmung für den Prozess, der mit dem Projekt angestoßen wird. Aus dem großen Erfolg des Wohnungslosentreffens Freistatt 2016 resultiert das Problem der Mengenbegrenzung. Diskutiert wird, nach welchen Kriterien die Teilnehmer für 2017 ausgewählt werden sollen und damit verbunden perspektivische Fragen von Struktur und Organisationsform. Die Bildung von thematischen und regionalen Gruppen wird erstmals diskutiert.

Dringlich erscheinen weitere Qualifizierungen. Angebote von außen werden kritisch diskutiert und angenommen („design thinking“), aber auch aus der Gruppe heraus entstehen Ideen, die konkretisiert werden (Workshop Öffentlichkeitsarbeit). Pointiert diskutiert wird der Umstand, dass ein offensives „In-die-Öffentlichkeit-gehen“ bzw. ein Dialog mit der Politik erst auf Grundlage eines geklärten Selbstverständnisses und einer bestehenden Programmatik sinnvoll erfolgen kann. Wie lange dieser Prozess dauert, ist gegenwärtig noch nicht absehbar. In einer optimistischen Betrachtung könnte der Prozess der Selbstfindung auf dem nächsten Wohnungslosentreffen Freistatt 2017 vorläufig abgeschlossen werden und zugleich der Prozess der Entwicklung einer eigenen Programmatik erstmals ausführlicher diskutiert werden.
Dann wäre eine hinreichende Basis dafür gegründet, im weiteren Prozeßverlauf Strukturen und Strategien zu besprechen.

Kontakt und weitere Informationen

www.wohnungslosentreffen.de

Materialien

Webseite: www.wohnungslosentreffen.de
Konzept: Projekt Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen in Niedersachsen (Empowerment, Community Organizing, Sommercamps, Verstetigung)
www.wohnungslosentreffen.de/projekt/26-projektantrag.html
Abschlusserklärung Wohnungslosentreffen Freistatt 2016    
http://www.wohnungslosentreffen.de/images/pdf/2016_Sommercamp_Abschlusserklaerung_Final.pdf
NDR-Dokumentation: Ein Sommercamp für Wohnungslose    
https://www.youtube.com/watch?v=av68yuGS-io
Dokumentation von Frank Kruse: Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 Doku https://www.youtube.com/watch?v=jYdWjFy82Vk&t=12s

Original-Präsentation

2016 Wohnungslosentreffen Ebet.pdf

Anmerkung

Die Fokussierung auf den Begriff „Sommercamps“ erfolgte in der Absicht, das abstrakte Thema Beteiligung und Selbstorganisation mit einem bildlichen, attraktiven Begriff für die Adressaten interessant darzustellen und somit einen niedrigschwelligen Zugang zum Anliegen von Teilhabe und Selbstorganisation herzustellen. Aus methodischen Überlegungen heraus ist es von zentraler Bedeutung, eine „kritische Masse“ an Beteiligten sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Ganz offensichtlich haben wir bei der Planung des Projekts nicht hinreichend klar vorhergesehen, welche Irritationen diese Begrifflichkeit auslöst, da mit dem Begriff „Sommercamps“ auch assoziiert werden kann, es würde darum gehen, eine Urlaubsveranstaltung für Wohnungslose zu organisieren. Deshalb wird der Begriff „Sommercamps“ innerhalb des Projekts nicht mehr bzw. nur noch sehr zurückhaltend verwendet.

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