Stefan Schneider, Berlin, Februar 2017

Kaffee Bankrott. Suppe, Beratung, Politik. Anforderungen für Soziale Teilhabe

Guten Tag,

Sie haben mich gebeten, bei Ihrer Veranstaltung „Erfolgreiche Verstörung – Teilhabe durch Armenspeisung“ einen kurzen Impuls zu geben und haben mir dafür den Titel „Kaffee Bankrott. Suppe, Beratung, Politik. Anforderungen für Soziale Teilhabe“ vorgegeben.

Ich habe diese Aufgabe gerne angenommen, denn sie gibt mir die Möglichkeit, Ihnen einige Geschichten und Episoden zu erzählen, die davon handeln, wie das alles entstanden ist und wie es sich in den ersten Jahren entwickelt hat. Am Ende möchte ich das kurz reflektieren mit Blick darauf, was daran verallgemeinerbar sein könnte.

Strasssenzeitungen

Im Anfang ging es überhaupt nicht um einen Treffpunkt. Wir schreiben den Winter 1993/1994 und an vielen Orten in Deutschland wird die Idee einer Straßenzeitung diskutiert. Berichte von der Street News aus Los Angeles und der Big Issue aus London erreichten den Kontinent und die Frage gärte in den Köpfen, ob man das nicht in Deutschland auch machen könnte. In vielen Orten gründeten sich Zeitungen – in München, Hamburg und einige Monate später auch in Berlin. Was viele nicht wußten: Bereits 1929 gründete Bruno Bürgel eine erste Straßenzeitung – und Gregor Gog übernahm ab der zweiten Ausgabe und führte seine Idee einer Bruderschaft der Vagabunden – nicht zuletzt mit diesem Instrument – zu einem gewissen Erfolg – bis dann die Faschisten 1933 diese Bewegung zerschlugen und ihre Mitglieder verfolgten.

Und in der 1980er Jahren griff ein gewisser Hans Klunkelfuss die Idee wieder auf, und gab die Berberbriefe heraus, die ebenfalls eine gewisse Beachtung fanden und als vorläufer der heutigen, modernen Straßenzeitungen galten, ebenso wie der von der Kölner Benedikt-Labre-Hilfe verlegte Bank-Express, der später seinen Namen in Bank-Extra umbenennen musste. In Berlin – und das ist nicht ganz untypisch für die Metropole - starteten im Frühjahr 1994 jedenfalls gleich zwei Straßenzeitungsprojekte, die voneinander zunächst auch gar nicht wussten und unabhängig voneinander starteten. Was insgesamt zu den Zeitungen festzuhalten ist, ist der Umstand, das diese Projekte im weitesten Sinne wohnungslose und arme Menschen zusammen bringen. In unterschiedlicher Intensität, und natürlich tummeln sich in diesen Projekten ganz andere Menschen aus sehr unterschiedlichen Motiven, aber das ist hier nicht das Thema.

Mob - Magazin

Das mob – magazin, ein von Sozialarbeiter*innen initiiertes Zeitungsprojekt, war innerhalb von wenigen Monaten am Ende. Finanziell aber auch, weil es kein schlüssiges Konzept der Zusammenarbeit mit den Verkaufenden gab. Unruhe, Frust, Wut, Resignation kamen hoch, und viel Geld verschwand in einem administrativen Wasserkopf. Obdachlose Verkäufer, Unterstützer und Sympathisanten übernahmen dieses bankrotte Projekt, weil sie an die Idee glaubten: Wohnungslose können sich zu Wort melden, ihre eigenen Interessen vertreten. Zur Konkursmasse – oder wenn Sie so wollen – zum Startkapital - gehörten im wesentlichen ein Mietvertrag für drei Räume in Berlin Mitte, 2 halbwegs funktionierende Mac-Rechner mit Drucker, ein bisschen altes Büromobiliar und ein paar Stapel der ersten Ausgaben. Hinzu kamen jede Menge Euphorie und Optimismus. Kein Wunder, denn mit der Vereinsgründung und der Absicht der Weiterführung der Zeitung waren auch Ideen von Selbstbestimmung und Autonomie verbunden. Wo in der Wohnungslosenhilfe gab es das schon?

"... nachts arbeitet die Redaktion doch nicht ..."

Die Schlüsselszene, die ein paar Jahre später zur Gründung des Kaffee Bankrott führen sollte, war folgende. Wir saßen auf einer Redaktions- oder Vereinssitzung in den Redaktionsräumen in der Kleinen Hamburger Str. 2 zusammen, rauchten, tranken Bier und Kaffee und besprachen alle möglichen Fragen. Wie heiterem Himmel kam plötzlich folgender Dialog auf:

„Sag mal, das sind doch jetzt hier unsere Räume?“
- „Ja!“
„Und die werden doch als Redaktionsräume genutzt?“
- „Ja, genau!“
„Aber nachts arbeitet die Redaktion doch nicht!“
- „Nö!“
„Also stehen die Räume dann doch leer!“
- „Ja, genau!“
„Also wenn das jetzt unsere Räume sind, die nachts aber nicht genutzt werden, und wir sind obdachlos, und das Projekt soll ja für uns sein, dann könnten wir ja in den Räumen übernachten ….?“
- „Äh – ja, also …. Ja!“

So oder so ähnlich spielte sich der Dialog ab und ab sofort wohnten, lebten und übernachteten etwa drei bis sieben Leute in den Räumen der Redaktion.

Im Unterschied zu vorher führte es dazu, dass die Räume noch verrauchter waren, dass die Aschenbecher noch voller waren, dass Matratzen, Decken und eine Couch auftauchten und dass überall in den Ecken Plastiktüten herumlagen. Bisweilen roch es übel nach Käsefüssen, die Tastaturen waren verschmiert und verklebt und auf den Schreibtischen stapelten sich neben den Papieren auch die Essens- und Tabakreste. Aber immerhin war die Redaktion jetzt rund um die Uhr besetzt und telefonisch erreichbar. Denn wenigstens einer musste ja immer im Büro bleiben – weil das Büro auch als Zeitungsausgabestelle dient. So sparten wir uns die Kosten für Schlüssel. Und die Tageseinnahmen aus dem Zeitungsverkauf wurden nun auch für Brötchen, Butter und Toilettenpapier – und sicher auch für den einen oder anderen Sechserträger Bier ausgegeben.

Im Grunde war dies der Anfang von Kaffee Bankrott, wir wussten es damals nur noch nicht. Und es war auch ein untragbarer Zustand – weniger für die Verkaufenden, die hatten ja einen vergleichsweise luxuriösen dauerhaften Winteraufenthalt – als für die nicht obdachlosen Menschen aus der Redaktion, denen diese Arbeitsumgebung eigentlich nicht zuzumuten ist.

Verbesserung der Lebensumstände

Anlässlich unseres nächsten Umzugs trennen wir das dann wieder tendenziell. Es gab nun in einer Wohngemeinschaft in Berlin – Schöneberg ein Vereinsbüro mit der Möglichkeit der redaktionellen Arbeit, und zusätzlich in Berlin Friedrichshain eine Notübernachtung, in der auch redaktionell gearbeitet werden konnte. Auf den 54qm der Notübernachtung (ein Zimmer, Küche, Flur, Bad) übernachteten bis zu 12 Leute  In dieser Notübernachtung stellte sich nun gerade im Winter die Frage: Wohin dann tagsüber? Diese Frage wurde ganz pragmatisch so beantwortet, dass die Strassenzeitungsverkäufer, die nicht verkaufen wollen und konnten, einfach tagsüber in der Notübernachtung bleiben. Jeden Morgen mussten die Matratzen zurückgebaut werden, und irgendjemand hat dann für alle das gemeinsame Kochen erledigt. Wir haben den Leuten einfach gesagt, dass müssen sie unter sich regeln.

Das Redaktionstelefon wurde auch für andere Zwecke genutzt. Eines Tages wurden wir mit einer Rechnung von über 800 DM konfrontiert. Hier wurden über einen längeren Zeitraum Dienste von einer Sex-Hotline in Anspruch genommen. Der oder die Verursacher waren nicht eindeutig zu ermitteln und hätten auch nicht das Geld gehabt, die Rechnung zu begleichen.  Die Mitgliederversammlung, die das zu klären hatte, besann sich dann auf den § 2 der Vereinssatzung:

„Ziel des Vereins ist die Verbesserung der Lebensumstände von gesellschaftlich Benachteiligten und Ausgegrenzten, insbesondere Obdachlosen bzw. von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen. Ihnen soll ermöglicht werden, sich für ihre eigenen Belange und Interessen einzusetzen, eigenverantwortlich Initiativen und Projekte aufzubauen und durchzuführen und so selbst eine Veränderung und Verbesserung ihrer Lebenslage herbeizuführen.“

Das war, so entschied die Mitgliederversammlung, eindeutig der Fall bei dieser Rechnung. Deswegen könne und müsse der Verein die Kosten übernehmen. Andererseits wurden dann umgehend die 0180-er Nummern gesperrt.

Ladenwohnung am Helmholtzplatz

Der Umzug in eine 100qm Ladenwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg (am Helmholtzplatz) im Jahr 1998 wurde dann als purer Luxus wahr genommen. Plötzlich gab es dann nach hinten raus eine separate Notübernachtung mit 12 Plätzen, nach vorne hin zur Straße gab es einen großen Treffpunktraum, in den wir eine Theke hinein bauten, daneben war noch Platz für ein kleines Büro. Eine Toilette und eine Küche waren ebenfalls vorhanden und irgendwo haben wir noch eine Dusche eingebaut.

Als wir – unter einigen Mühen – die Räume unter Vertrag nahmen und einzurichten begannen, musste natürlich auch ein Name her. Ein Kaffee sollte es sein – da wir mit dem neuen Räumen auch vom Alkoholkonsum im Projekt Abstand nehmen wollten – und Bankrott widerspiegelte einfach die Lebensverhältnisse der meisten Nutzer. Kaffee Bankrott also – das fanden wir ansprechend, weil es doch auch gut zu unseren damaligen redaktionellen Überzeugungen passte: Wir wollen Täter sein und nicht Opfer.

Die Räume des Kaffee Bankrott waren die wahrscheinlich am effektivsten ausgelasteten 100qm in ganz Europa. Tagsüber was das Kaffee auf, und Menschen vom Helmholtzplatz, verarmte Nachbarn, Verkaufende von der Straßenzeitung sowie Notübernachter (in erster Linie Zeitungsverkäufer) hielten sich auf und tranken Kaffee oder Tee, und in der Regel wurde eine Mahlzeit gekocht.

Ab 18:00 Uhr kamen die Schläfer, wie die Nutzer der Notübernachtung in der Regel genannt wurden. Im Keller brummten die Tiefkühlschränke, im Aufenthaltsraum bullerte im Winter der große Kachelofen, die Waschmaschine lief ununterbrochen und der Boiler in der Dusche war in Dauerbetrieb. Neben diesem alltäglichen Betrieb wurde gekocht, abgewaschen, es gab Redaktions- und Vereinssitzungen und irgend jemand tauchte auf und bot zwei mal pro Woche eine Sozialberatung an.

"... nach dem Prinzip der Tafel ..."

Das mit der Essensversorgung war schwierig. Wenn die inzwischen seit einigen Jahren existierende Tafel ankam, war das wie eine Lotto-Ziehung. Was würden sie diesmal bringen: Zwei große Kisten Fenchel oder eine Stiege brauner Bananen oder 75 beschädigte Weihnachtsmänner a 150 Gramm? Einen verlässlichen Speiseplan für die Woche jedenfalls ließ sich daraus nicht bauen. Nach harten Verhandlungen wies uns die Berliner Tafel einen Supermarkt in Berlin – Steglitz zu, den wir am Dienstag, Donnerstag und Sonntag anfahren durfen. Ein Vereinsmitglied fuhr also mit seinem Privatauto eine Stunde während der Rush-Hour quer durch die Stadt, lud Lebensmittel ein, fuhr eine Stunde während der Rush-Hour wieder zurück und lud dann bei uns aus. Das verbesserte die Versorgungssituation erheblich, war aber immer noch unbefriedigend.

Nach gut einem halben Jahr kam jemand auf die Idee, es einmal auf eigene Faust bei den Supermärkten in unserer Umgebung zu versuchen. Und siehe da, es klappte. Das war so ziemlich an der Berliner Tafel vorbei, aber die hatte ohnehin andere Sorgen und außerdem: Es war ja fast wie Tafel. Und einige von unseren Leuten hatten ja auch sporadisch schon für die Tafel gearbeitet. Es war also ziemlich genau so wie bei der Tafel. Und in den Präsentationen der damaligen Zeit formulierte ich dann dementsprechend präzise: Wir arbeiten nach dem Prinzip der Tafel. Was ja auch stimmte. Im Grunde waren alle zufrieden: Wir, weil wir jetzt eine stabile Lebensmittelversorgung hatten, die Lebensmittelmärkte, die weniger wegwerfen mussten und auch die Tafel, weil sie nicht durch weitere Anfragen überhäuft wurden.

Ein Problem gab es aber auch. Das waren die Öffnungszeiten. Diese waren theoretisch von 9 – 17 Uhr. Praktisch aber wurde meistens um halb 10 aufgemacht, oder um 11, manchmal auch erst um 13 oder 14 Uhr. So genau wußte das keiner. Den Notübernachtern war das egal. Die früh los mussten, waren eh schon weg, und die anderen konnten in Ruhe ausschlafen. Die Nachbarn sahen ja im Vorbeigehen, ob die Rolladen hoch waren oder nicht, und Zeitungsverkäufer, die Nachschub brauchten, versuchten es einfach über den Hintereingang.

Spätestens, als dann Leute professionell in das Trödel- bzw. Gebrauchtwarengeschäft einstiegen und die Spenden dann auch noch im Keller des Kaffee Bankrott lagern wollten, war klar, dass wieder neue und größere Räume gebraucht wurden.  Der Umzug im Jahr 2002 in die nahe gelegene Prenzlauer Allee bedeutete einen enormen Flächenzuwachs. Von 100qm auf mehr als 650qm auf drei Ebenen. Und es war auch absehbar, dass aus hygienepolitischen Gründen der alte Standort nicht mehr haltbar sein würde.

Chaotische Professionalität

Der Standort in der Prenzlauer Allee war eine ehemalige Tischlerei und darüber hinaus eine einzige Baustelle in einem sanierungsbedürftigen Altbau. Die Vermieter gaben uns freie Hand, in diese Fläche all das hinein zu bauen, was wir haben wollten. Eine professionelle Küche, Redaktionsräume, Lagerräume, Kühlräume, eine Notübernachtung, einen zusätzlichen Frauenraum in der Notübernachtung, einen Serverraum, ein Gebrauchtwarenkaufhaus, usw. usw. usw.

Was hier so locker flockig als Aufzählung daher kommt, war in Wirklichkeit ein sehr mühevoller Prozess. Von der Idee zur Finanzierung ein paar Konzepte zu schreiben und Anträge zu stellen war das eine. Manchmal gab es eine Förderung, in anderen Fällen mussten wir mit Spenden und aus bestehenden Einnahmen versuchen, voran zu kommen. Es mussten preisgünstig Materialien aufgetrieben werden, ein Bauleiter musste gefunden werden, ebenso Mitarbeiter mit entsprechenden Kompetenzen, und dann ging es Stück für Stück voran. Vielleicht. Die Mitarbeiter, das war inzwischen ein vergleichsweise großer Apparat. Verkaufende und ehemalige Verkaufende waren dabei, aber auch Menschen, die Arbeitsstunden vom Sozialamt abzuleisten hatten oder sogar vom Gericht kamen, weil sie zu Tagessätzen verurteilt waren. Dazu kamen Integrationsmaßnahmen vom Arbeits- oder Sozialamt, Ehrenamtliche, Freiwillige und Praktikanten von Schulen oder Hochschulen.

Natürlich waren auch Schwätzer dabei und Blender, oder Leute mit Rücken oder zwei linken Händen. Oder Menschen, bei denen man dankbar sein konnte, wenn sie überhaupt erschienen. Alle waren irgendwie dabei, viele Menschen konnten produktiv in die Arbeit mit einbezogen werden, es gab immer was zu bereden und über die Wochen waren doch deutliche Fortschritte erkennbar. Die Vielfalt der Menschen und die Fülle der Aufgaben – zwei wichtige Bausteine des Projekterfolgs aus meiner Sicht.

Einmal hatten wir Geld für eine neue Profi-Waschmaschine inklusive Trockner. Ich hatte das besorgt, weil wir die Schnauze voll hatten von den gebrauchten Waschmaschinen. Sie sollte oben neben der Notübernachtung angeschlossen werden. Zunächst mussten wir die Tür aufstemmen, weil niemand daran dachte, dass die Maße der Waschmaschine nicht passten. Dann mussten wir feststellen, dass in dem vorgesehenen Raum kein Starkstrom vorhanden war, den wir aber brauchten. Beim Bohren eines neuen Kabelweges wurde dann feststellt, dass die Ziegelbalkendecke schon porös war, daß an dieser Stelle die  Profi-Waschmaschine gar nicht installiert werden konnte. Wir mussten also umplanen und im Erdgeschoss neben der Redaktion einen neuen Wascheraum herstellen. Rigipsplatten, Ständerwerk, Türen, Fenster, all das musste zusätzlich besorgt und gebaut werden, dazu die Anschlüsse für Starkstrom und Wasser. Ich hatte meinen Schlussbericht und den Verwendungsnachweis wegen der Fristen schon lange abgegeben und betete inständig, dass niemand kommen und das kontrollieren würde. Erst ein Dreivierteiljahr später und mit erheblichen Zusatzkosten konnten wir das Ding überhaupt erst in Betrieb nehmen.

Dennoch bedeuteten diese neuen Räume einen Durchbruch in Richtung selbstorganisierte Professionalität. Ich fragte anlässlich des Umzugs das alte Kaffeeteam, welche Öffnungszeiten sie anbieten würden. Ich gab ihnen freie Hand, stellte aber eine Bedingung: Egal, für welche Öffnungszeiten sie sich entscheiden würden, ich würde von ihnen verlangen, dass diese Öffnungszeiten auch garantiert würden. Egal wie dünn die Personaldecke in Zeiten von Urlaub oder Krankheit auch immer sein mögen. Ich gab dem Team drei Tage Zeit, das in Ruhe zu diskutieren.

Bereits am nächsten Tag kam der Projektleiter und teilte mir das Ergebnis mit:
- „Von acht bis acht!“
„Von acht bis acht?“, fragte ich zurück?
- Von acht bis acht!“
„Auch Samstag, Sonntag und an den Feiertagen?“
- „Auch Samstag, Sonntag und an den Feiertagen!“

Was mich zunächst verwunderte, erwies sich immer mehr als logisch. Das Team war wirklich in der Lage, diese Öffnungszeiten zu garantieren, und irgendwann war es selbstverständlich, dass das Kaffee Bankrott ständig geöffnet hatte. Stoßzeiten gab es immer zum Frühstück und während der Mittagszeit, dann noch mal am Nachmittag. Am Abend und an den Wochenenden ging es ruhiger zu.

Ein weiterer Punkt, der mir wichtig war, betraf die Qualität des Kaffees. Jeder der hier kommt, soll wissen, dass der Kaffee gut und stark ist – das muss unser Markenzeichen werden. Es war klar, dass viele Gäste darauf großen Wert legen würden. Verdünnen kann man den Kaffee immer noch, so die Argumentation. Zu dünnen Kaffee hingegen kann man nur noch weg kippen. Trotzdem waren die Preise sehr sehr knapp kalkuliert.

Jobs, Anschreiben und Guthaben

Ein immer wieder diskutiertes Problem war das mit den Finanzen. So kam regelmäßig die Idee auf, man könne doch einen Koch anstellen. Die dem entgegenstehende Modellrechnung war recht einfach. Wenn ein Koch oder eine Köchin 3.000 € im Monat Brutto kostet, müsse an jedem der 30 Öffnungstage im Monat 100 Euro mehr eingenommen werden. Das wiederum hätte bedeutet, dass das Mittagessen mindestens einen Euro mehr kosten würde. Damit war das Thema dann in der Regel vom Tisch.

Manchmal gab es geförderte Stellen von Sozialamt, Arbeitsamt oder später JobCenter, dann Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen, 1-Euro-Jobs, Arbeit statt Strafe oder eben die Mitarbeit aus purer Freiwiligkeit. Niemand vom Kaffeeteam war im Grunde in der Lage, davon (dauerhaft) Leben zu können, aber allen gemeinsam war: Sie hatten eine Aufgabe, wurden gebraucht, auf sie kam es kann und sie erfüllten eine wichtige Mission. Das wurde auf Team- und Vereinssitzungen, Mitarbeiterfesten und nicht zuletzt in Berichten in unserer Zeitung immer und immer wieder betont.

Bei den Gästen des Treffpunkts war es so, dass sie in der ersten Hälfte des Monats immer gute Kunden waren, und am Ende des Monats anschreiben ließen. Das war ein Problem, dass im Verlauf der Jahre immer massiver wurde. Es gab dicke Schuldnerordner mit langen Schuldenlisten. Ein Durchbruch wurde hier erzielt mit der Einführung von Guthabenkonten. Wer 10 Euro einzahlte, bekam 12 Euro gut geschrieben und konnte dann so lange essen und trinken, bis der Betrag aufgebraucht war. Diese Idee schlug ein wie eine Bombe und ein großer Teil der regelmäßigen Gäste kam dann immer gleich zu Monatsbeginn und gab uns freiwillig das gerade erhaltene Geld - und nur noch in wenigen Fällen gab es diese lästigen Diskussionen mit den Schuldnern.

Im Verlauf der Jahre wurden weitere Angebote hinzugefügt. Einmal in der Woche gab es die kostenlose Hartz IV-Beratung von Jette Stockfisch, die auch in der Straßenzeitung eine entsprechende Kolumne mit Rechtshinweisen hatte. Dieses Angebot wurde dankbar angenommen. Später konnten wir die Kiezanwältin Simone Krauskopf gewinnen, ebenfalls einmal in der Woche (ausser in den Ferien) eine Rechtsberatung anzunehmen. Manchmal war es nur eine unverbindliche Beratung, aber gelegentlich  wurde daraus eine Beratungshilfe oder sogar ein gerichtliches Verfahren. Das war eine Win-Win-Situation für die Gäste und für die Rechtsanwältin. Angebote wie die einer Schuldnerberatung oder die Anwesenheit des Arztmobils wurden nicht so gut angenommen und von daher bald wieder eingestellt.

Es gab gelegentlich Ausstellungen von Fotografen, Malern und Grafikern, die die Räume verschönerten, und es gab ab 2004 zwei kostenlos zugängliche Internet-Rechner, die auch zeitweise intensiv genutzt wurden. Bei größerem Andrang gab es die Regel: Maximal eine Stunde am Rechner arbeiten und dann Platz machen für den nächsten. Das funktionierte reibungslos. Einmal kam die Kriminalpolizei vorbei. Es gab eine Kaufhauserpressung, und die digitalen Spuren führten im Fall einer Email zu einem von unseren Rechnern. Das hatte aber für uns keine weiteren Folgen. Es muss wohl einer der sporadischen Gäste gewesen sein.

Schmuggler, Drogen und Regeln

Schlimmer war die Geschichte mit dem korrupten Küchenpersonal. Es wurden immer hochwertige Lebensmittel geliefert von unseren Fahrern, aber die Gäste beschwerten sich über schlechtes Essen. Das konnte eigentlich nicht sein. Es dauerte ganze drei Monate, bis wir heraus bekamen: Die hochwertigen Lebensmittel wurden in Tüten verpackt und nach Feierabend eingetauscht gegen Zigaretten. Als wir das herausfanden und auch nachweisen konnten, mussten wir uns leider von Teilen des Küchenpersonals trennen – aber schlagartig wurde das Essen besser. Einmal hatten wir einen Tresenmitarbeiter, der seinen Arbeitsplatz für kleine Drogengeschäfte nutzte. Auffällig war, dass es plötzlich neue Gäste gab, die nur dann da waren, wenn der Mitarbeiter auch Dienst hatte. Und der Mitarbeiter musste auch oft nach draußen an die frische Luft. Losgeworden sind wir den Mann durch einen Trick: Wir bestanden einfach darauf, dass er seinen Hund an der Leine zu führen hatte, was er prinzipiell aber nicht tat. Nach zwei drei Abmahnungen konnte dem Mann schließlich die Kündigung überreicht werden und damit war das Dealer-Thema vom Tisch.

Die Regelung mit dem Alkohol- und Drogenverbot war im Grunde ganz einfach. Natürlich war bekannt, dass viele Verkäufer und Gäste konsumieren. Niemand wurde abgewiesen, bloß weil er oder sie unter Drogen stand oder alkoholisiert war. Sondern es ging darum, dass der Konsum ausserhalb der Rämlichkeiten stattfinden sollte. Das haben die meisten begriffen. Es ging ja auch um das Bild nach aussen.

Die Regeln im Kaffee waren ganz einfach: Keine Drogen, keine Gewalt, keine Belästigung. Nur selten haben wir von der Möglichkeit des Hausverbots Gebrauch gemacht, und beinahe nie mussten wir die Polizei verständigen. Das Team vom Kaffee trat da immer sehr geschlossen und gemeinschaftlich auf und zeigte Menschen, die gegen die Regeln verstoßen haben, wo die Tür ist. Grundlage dafür waren wöchentliche Teamsitzungen.

Die Leute vom Kaffee-Team hatten im Treffpunkt auch einen eigenen Tisch, den sie den Stammtisch nannten. Dass es im Team aber auch immer wieder Tendenzen gab, den Gästen die eigene Macht spüren zu lassen, war ein dauerndes Problem. Gäste wurden angeschrien statt freundlich angesprochen, Auskünfte wurden verweigert, „Freunde“ wurden gegenüber „Fremden“ bevorzugt behandelt, es gab auch ausländerfeindliche Aussagen. Wie gesagt, Einzelfälle, aber eben latente Einzelfälle. Gegen die Versuchung, arme Menschen gegeneinander auszuspielen, entwickelten wir eines Tages den Slogan „Armut kennt keine Grenzen“. Das hat den meisten Leuten dann doch eingeleuchtet. Überhaupt war die interkulturelle Öffnung des Treffpunktes eine der letzten Aufgaben, bevor ich mich 2007 aus diesem Projekt verabschiedete.

Reflexion

Zum Schluß ein paar Worte zur theoretischen Reflexion: Es ging nie darum, spezifische Angebote für Obdachlose und Arme zu entwickeln. Sondern darum, dass eine Zeitung, eine Notübernachtung, ein Treffpunkt das „gemeinsame Dritte“ darstellten, also der Gegenstand, mit dem es möglich war, mit wohnungslosen und armen Menschen zuerst einen Kontakt herzustellen und dann darüber in das Handeln zu kommen.

Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, beantworte in seinem Aufsatz von 1902 die Frage: Was tun? mit der Antwort: Zeitung machen! Das Argument war, eine Zeitung sei ein kollektiver Organisator, der die Menschen zwinge, sich zueinander zu verhalten. In diesem Sinne möchte ich fortführen: Auch eine Notübernachtung, auch eine Essensausgabestelle, auch ein Tagestreffpunkt kann als kollektiver Organisator funktionieren. Und zwar immer dann, wenn man die anderen nicht also Objekte oder Adressaten des Angebots, sondern als Partner ansieht und mit ihnen partnerschaftlich, gleichberechtigt und solidarisch, also auf Augenhöhe zusammen arbeitet.

Die aufgeführten Episoden und Ereignisse zeigen Ebenen und Dimensionen des Aushandelns von Möglichkeiten in offenen Räumen. Der Schlüssel für Integration und Partizipation ist das bewusste Herstellen und Öffnen von Handlungsräumen. Das beinhaltet, setzt voraus und erfordert das Zulassen von ungeordneten Verhältnissen – von anarchischen Zuständen.

Wir wissen aus der Institutionen- und Organisationsforschung, dass es immer neue, unkonventionelle und innovative und zunächst abgelehnte oder skeptisch beäugte Konzepte und Projekte sind, die in der Lage sind, Probleme zu lösen. Im Verlauf der Zeit entsteht daraus ein State-Of-The-Art, ein gesellschaftlicher Standard, bis sie eines Tages zum Establishment gehören – aber das ist ein anderes Thema.

Auch in pädagogischer und psychologischer Hinsicht ist Handlungsfähigkeit und die Förderung von Handlungsfähigkeit die entscheidende Kategorie bei der Überwindung von sozialen Schwierigkeiten. Die Förderung von Handlungsfähigkeit beinhaltet selbstredend die Veränderung von Strukturen:

Hilfe für Wohnungslose erfordert neben Tagestreffpunkten und Essensversorgung auch das Engagement

  • für sozialen Wohnungsbau,
  • für ein Grundrecht auf Wohnen,
  • für ein bedingungsloses Grundeinkommen und weiteres mehr.

Tagestreffpunkte in diesem Sinne können soziale Kraftwerke, soziale Motoren eines solchen Veränderungsprozesses sein.

Die theoretische Reflexion eines solchen emanzipatorischen Projekts kann - angesichts der aufscheinenden Chancen und Potentiale – jede Menge Euphorie aufkommen lassen. In pragmatischer Perspektive sind aber Geduld und langer Atem angesagt, und zwar aus drei Gründen:

  1. Menschliche Lern- und Entwicklungsprozesse vollziehen sich in der Regel langsam
  2. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse vollziehen sich ebenfalls in der Regel langsam, bisweilen in Wellen
  3. Gegenwärtig werden scheinbar weltweit Konzepte zur Lösung globaler Probleme präferiert, die auf Egoismus, Nationalismus und Rassismus beruhen. Das ist mindestens frustrierend und bisweilen beängstigend, darf uns aber nicht entmutigen.

Ich komme zum Schluss und möchte zusammenfassen: Zentrale Anforderungen für  Soziale Teilhabe sind – aus meiner Sicht – Gerechtigkeit, Menschenrechte und Solidarität oder anders gesagt „Suppe, Beratung, Politik“, und zwar zusammen gedacht. Suppe, Beratung und Politik.

Vielen Dank.

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