Erfahrungen, Bedingungen, Grenzen und Perspektiven aus der Arbeit mit wohnungslosen und armen Menschen. (Vortrag an der Humboldt Universität)

Vorbemerkung: Dies ist der Torso des Vortrags vom 05.07.2007 - er muss noch um die handschriftlichen Notizen ergänzt und vervollständigt werden. Stefan Schneider **************** 

1. Wie ist die Lebenslage wohnungsloser Menschen?

Wohnungslose Menschen sind weitgehend ausgeschlossen von gesellschaftlicher  Teilhabe, vom wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, edukativen, familiären und sozialen gesellschaftlichen Strukturen. Es gibt, im Unterschied zu berufstätigen Menschen kein wirkliches Zentrum der individuellen Tätigkeiten mehr:

  • Der Alltag ist gekennzeichnet von der Sorge um das Überleben Tag für Tag in Verbindung mit der subjektiven Wahrnehmung, daß es keine Chancen gibt und daß auch objektive keine Perspektiven mehr vorhanden sind.
  • Kreative Überlebensstrategien – wo kann ich etwas finden, was mir zum Über-leben nützlich ist – gehen einher mit permanenter Unterforderung, die Zeit will nicht vergehen, ein wirklicher Ausweg will sich nicht eröffnen.
  • Die Lebenslage fördert eine Abhängigkeit von Versorgungs-, Hilfeangeboten und Ämtern bzw. Behörden. Aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen besteht eine latente Tendenz zur Kleinkriminalität (Mundraub, Diebstähle, Schwarzfahren).
  • Soziale Beziehungen verarmen und sind in der Regel beschränkt auf (funktionale Kontakte zu) LeidgenossInnen und professionelle HelferInnen.
  • Sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen sind nur stark eingeschränkt möglich oder finden als Prostitution statt. Die Alternative ist eine starke Vereinsamung.
  • Biografisch erworbene Kompetenzen gehen verloren, Qualifikationen werden nicht abgefragt und damit entwertet.
  • Suchtproblematiken (oft als Verarbeitungs- oder Bewältigungsstrategie der Lebenssituation) entstehen oder potenzieren und verfestigen sich,
  • Körperliche Belastungen (Kälte, Witterung, ungenügende Ernährung, Drogen) führen auf Dauer zu massiven, häufig chronischen und z.T. bleibenden gesundheitlichen Schäden.
  • Der dauerhafte Verbleib in solchen Strukturen findet als Folge häufig seinen Ausdruck in psychischen Auffälligkeiten, Sinn- und Motivationsverlust, Resignation, Lethargie oder individuellem Protest ("Scheiß-egal-Effekt").
  • Ein Ausstieg aus der Situation bzw. eine nachhaltige Veränderung oder Verbesserung der Lebenslage wird um so schwieriger, je länger Wohnungslosigkeit andauert.

2. Was gab es an bemerkenswerten Kampagnen (eine Auswahl)

2.1. Crashkurs Obdachlosigkeit 1997


So säße er da, der arme Eberhard*, wenn, ja wenn er so leben müßte wie die über 10.000 Obdachlosen der Stadt. Zwar muß er nicht, aber jetzt darf er, kann er. Denn damit auch PolitikerInnen und andere "interessierte Menschen" endlich sachkundig mitreden können, lädt die Obdachlosenzeitung "strassenfeger" zum "Crashkurs Obdachlosigkeit". Für schlappe 180 Mark Solibeitrag (ermäßigt 120 Mark) bieten die "strassenfeger" nach einem Frühstück inclusive Kaffee und Zigaretten in einer Notübernachtung den garantierten Rauswurf auf die Straße. Frisch gestylt aus dem Kleiderfundus, aber ohne Geld, Ausweise, Schlüssel, Nahrung oder Kontakt zu Verwandten und Bekannten müssen sich die Probanden dann 24 Stunden durchs heimelige Berlin schlagen. Auch Decke oder Schlafsack sind - wie in der Realität - nicht vorgesehen. Aber keine Angst: Bekanntlich gibt es ja viele tolle Hilfsangebote für Wohnungslose. Wer die nicht findet, darf sich an die echten Obdachlosen wenden. Die kennen alle zum Überleben notwendigen Tricks. Abschließend wird ein Nachgespräch angeboten. Anmeldungen: heute am strassenfeger-Bus in der Jebenstraße hinterm Bahnhof Zoo oder an die Redaktion "strassenfeger", Kopernikusstraße 2, 10243 Berlin. ga
TAZ BERLIN Nr. 5175 vom 11.03.1997 Seite 24 Berlin 28 Zeilen

* gemeint ist hier Eberhard Diepgen, zum damaligen Zeitpunkt Regierender Bürgermeister von Berlin. Die Fotomontage, die nicht erhalten ist, zeigt ihn als Bettler auf der Strasse.

2.2. Betteldiplom 1999

Leuchtendes Beispiel: Professor Horst Bosetzky, Soziologieprofessor an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege. Der Mann belegt morgen gemeinsam mit Studenten eine Zusatzausbildung, an deren Ende das "Betteldiplom" steht. Unter sachkundiger Anleitung von Fachleuten - den Verkäufern des Obdachlosenmagazins "Der Straßenfeger", die auf diese Weise zu Dozenten, also gewissermaßen Kollegen werden.

Bosetzky, der bisher eher als Krimiautor -ky" auffällig wurde, muß sich dabei in drei Pflichtfächern beweisen:

1. "Sitzung halten" in der Einkaufspassage (körperliche Gebrechen und Hunde sind selbst mitzubringen, nur ein gültiger Platzverweis der Polizei befreit wirksam von diesem Fach),
2. "Straßenfeger" verkaufen,
3. Pfarrer zu Hause belagern und anschnorren.
Wahlfächer: Einkaufswagenmark schnorren oder Containern (die Jagd nach dem Flaschenpfand).
Die Teilnahmegebühr in Höhe von 180 Mark wird zwischen dem persönlichen Dozenten und den Wohnprojekten des "Straßenfeger"-Trägervereins brüderlich geteilt. Für Bosetzkys Studenten ist diese Ausbildung übrigens besonders wichtig, denn viele von denen landen früher oder später sowieso auf dem Sozialamt. Allerdings hinter dem Schreibtisch.
Berliner Zeitung 24.06.1998 Stadtgeflüster von Andreas Kurtz

2.3. Ein Dach über dem Kopf 2000

Die Aktion „Ein Dach über dem Kopf“ wurde von uns ins Leben gerufen, um Mitmenschen, die in Not und ohne Bleibe sind, wirksam helfen zu können.
Konkret unterstützen wir damit unsere Notübernachtung in der Prenzlauer Allee 87 in 10405 Berlin, die ganzjährig Platz bietet für 8 Männer und 4 Frauen in getrennten Zimmern.
Damit wir diesen Menschen weiterhin helfen können, benötigen wir nach wie vor Ihre Hilfe und Unterstützung.
Damit Sie sich davon überzeugen können, dass Ihr Geld tatsächlich ankommt, können Sie gerne - nach Absprache - uns besuchen kommen und die Notübernachtung kennen lernen.
Unser Team stellt Ihnen gerne seine Arbeit vor.
Hier erfahren Sie mehr darüber, wie Sie Berliner Wohnungslosen helfen können.
http://www.strassenfeger.org/dach.html

2.4. Dreigroschenoper Sonderausgabe (2004)

Ein Projekt von Lukas Leuenberger mit Klaus Maria Brandauer, Campino und vielen anderen im August 2006 im Admiralspalast in Berlin. Der strassenfeger ist Medienpartner und erstellt eine Sonderausgabe, die zur Vorstellung verkauft wird.

2.5. Weitere Beispiele

  • Bahnhofsbesetzung
  • U-Bahnfahrt (Freiheit stirbt mit Sicherheit)
  • Aldlon Besetzung
  • Kempinski Besetzung
  • Trauerfeier Willi King

3. Wohnungslose sind organisierbar

  • Weihnachtsfeier Frank Zander
  • Weihnachtsfeier AG Leben mit Obdachlosen   
  • Suppenküche Wollankstraße
  • Bahnhofsmission
  • Schlange Kamagasaki

4. Die WohnungslosenHILFE ist organisiert

  • BAG Wohnungslosenhilfe
  • Diakonie
  • Caritas
  • DPWV
  • LIGA
  • EFO
  • WEXX
  • Beratergrupppe Wohnungslosenpolitik

5. Politische Daseinsvorsorge mit Wohnungslosen

Es gibt der alltäglichen Daseinsvorsorge kaum ein Bewußtsein dafür, dass poltische Arbeit ein entscheidender Bestandteil sein könnte einer nachhaltigen Daseinsvorsorge
(schmales Segment zwischen Spiessern und Resignierten)

5.1. Plattformen

c) es bedarf Plattformen für Organisationsprozesse,
Beispiele: Feger, Unter Druck, Wagenburg, Anne Allex usw.

diese sind aber gefährdet durch verschiedene Prozesse

  • Finanzierung
  • Etablierung
  • Entpolitisierung
  • Erneute Abgrenzung
  • Screaming
  • Vermüllung
  • Interne Zerfleischung

5.2. Bündnisarbeit

Bündnisarbeit ist Drecksarbeit
(Mobilsierung, Zeit- und Arbeitsintensiv, brüchig)
-    und das ist bislang zu wenig gemacht worden

5.3. Projekt Heiligendamm/ Rostock mit wohnungslosen & armen AktivistInnen

  • alle waren sehr überrascht, dass wir da waren
  • wäre nicht möglich gewessen ohne Förderung
  • gäbe es G8 nicht, wir hätten das erfinden müssen
  • Frage, wie weit das nachhaltig ist (Verstetigungsprobleme, der Event-Charakter schlägt auch in den Wohnungslosenbereich durch

6. Zusammenfassung/ Auswertung/ Ausblick


Humboldt Universität Berlin
Hauptgebäude Raum 1072
Unter den Linden 6,
D-10117 Berlin-Mitte

Donnerstag, 05.07.2007

Organisierung der Unorganisierbaren – Perspektiven linker Politik

Die Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen schreitet in jüngster Zeit immer stärker voran einhergehen Erfahrungen von Unsicherheit, Missachtung und Ausgrenzung auf seiten der Betroffenen. Um über Alternativen und Gegenstrategien zu diskutieren, wollen wir die Frage der Organisierung aufgreifen und diskutieren. Es gilt zu klären, warum viele linke Projekte, die sich gegen neoliberale Projekte (Hartz IV, Prekarisierung, Wohnungslosigkeit) im Interesse von Betroffenen wenden, an der Mobilisierung der Betroffenen selbst scheitern. Wie neue kollektive Auseinandersetzungen organisiert werden und wie Betroffene sich selbst organisieren sollen anhand konkreter Beispiele verdeutlicht werden. Als Versuch der erfolgreichen Organisierung von Betroffenen wollen wir den Dokumentarfilm „Public Blue“ (Japan 2006) zeigen und mit politischen Wohnungslosen aus Berlin (Mob e.V.) und einem Aktivisten und Researcher aus Osaka Japan, der aktiv in der Organisierung und Vernetzung der autonomen Wohnungslosenbewegung und der prekarisierten Arbeiter in Osaka ist, diskutieren. Mehrere Vorträge sollen die Grenzen und Möglichkeiten der Vernetzung und Organisierung beleuchten.

Zuletzt soll die Frage der Organisierung von politischen Gruppen aus Berlin diskutiert werden, die selbst in sozialen Auseinandersetzungen intervenieren und dort mit dem Problem der Mobilisierung konfrontiert waren (Agenturschluss, Euromayday, unbezahlte Praktikantenprotest, Streik bei Siemens Hausgeräte... ).

vorläufiger Zeitplan

16:00-16:35 Prof. Dr. Peter Grottian „Chancen und Probleme der Selbstorganisation von Betroffenen zwischen G8 und lokalem Protest“

16:40-17:10 Dr. Stefan Schneider (Mob e.V./Strassenfeger) politische Wohnungslose aus Berlin

 

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