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Johannes Rau war schon da, Doris Schröder-Köpf und die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner, im „Zentrum Lehrter Straße“ der Berliner Stadtmission. Da können wir nicht abseits stehen, sagten wir uns, befindet sich in der Lehrter doch die größte Kältehilfe-Notübernachtung der Stadt. Unser Urteil: Hier findet planmäßige Körperverletzung statt

Der Wetterbericht kündigt für die Nacht vom 24. auf den 25. Februar vier Grad unter Null an. Es ist 21.30 Uhr. S-Bahnhof Lehrter Bahnhof, direkt am Kanzleramt. Lange menschenleere Gänge, lange Treppen, kaum Beleuchtung. Unten auf der Straße treffen wir zwei einsame Figuren. Wir suchen die Notübernachtung. Kann ich Euch zeigen, sagt der eine. Andreas grölt irgendwas. So besoffen, wie Du bist, kommst Du bestimmt nicht rein, kommt zur Antwort. Trotzdem erklärt er den Weg. Hin zur Ampel, in die Lehrter rein, dann links über die Parkplatz. Wir gehen los.

An der Tür

Viertel vor zehn. Sieben Stufen führen zu einer blauen Kellertür. Mit uns wollen noch zwei rein. Irgendeiner drückt den Klingelknopf, die Tür öffnet einen Spalt breit und schlägt vor meiner Nase wieder zu. Moment noch, ruft es heraus. Andreas ist schon drin. Vier Minuten später geht die Tür für mich auf. Ich trete in grelles Neonlicht und sehe eine Wand aus vier oder fünf Menschen, alle jung, alle in blau und weiß. Offenbar die Betreuer. Taschenkontrolle. Ich packe aus: Die alte Zeitung, die leere Dose Bier, ein paar Stifte, den Tabak. Dann werde ich abgetastet. Meine Medikamente muss ich vorzeigen. Ich bin Asthmatiker, erkläre ich. Meine Kontrolleure sind offenbar zufrieden, treten zur Seite. Ich bin drin.

Ein kurzer Kellergang. Rechts eine Theke. Auf einem Zettel stehen die Preise. Kleine Tasse Kaffee 30 Cent, und auf einer mit Kreide beschriebenen Tafel ist zu ersehen, dass Körperpflegeartikel zu verschiedenen Preisen angeboten wurden. Die Preise haben wir uns nicht gemerkt.
Irgendwo eine Schale trockenes Brot. Habe sowieso kein Geld. Die Hausordnung: Keine Drogen, keine Gewalt und so weiter. Um die Ecke eine Infowand. Fotokopierte Zeitungsartikel. Der Bundespräsident, bla bla. Die Stadtmission, bla bla. Dann wieder ein Gang. Noch länger. Weiß übertünchte Kellerwände, weiß gestrichene Decke, tiefliegende Heizungsrohre. Rechts ein großer Raum. Stühle, Tische. Bedrückende Atmosphäre. Ich finde Andreas, setze mich zum ihm und sehe mich verstohlen um.

Überall an den Tischen einzelne Figuren, selten Gruppen. Andreas kauft Kaffee. Ich bin dankbar, dass er noch Geld hat. Suppe gibt es umsonst. Andreas kommt mit zwei Tellern wieder. Die Suppe ist halbwegs warm und essbar. Dazu trockenes Brot. Ich hole noch mal Nachschlag, wieder Suppe, trockenes Brot. Etwas anderes zu essen gibt es nicht.

Die Nacht

Halb eins. Wir sitzen im Gang und rauchen. Ein neuer Gast setzt sich zu uns. Aus seiner Tasche fallen Pommes. Er zieht ab in den großen Raum, wo inzwischen fast alle schlafen. Ein Betreuer kommt. Schließt eine Stahltür auf, geht rein, schließt ab. Schließt auf, geht raus, schließt ab. Das Spiel wiederholt sich mehrmals. Offenbar Schichtwechsel. Die Pommes bleiben liegen. Eine ältere Frau kommt barfuss aus dem Schlafraum, läuft über die Pommes, murmelt Unverständliches, geht wieder zurück. Andreas ist schlagartig nüchtern und kauft noch mal Kaffee für uns. Der Kaffee ist dünn.

Eins. Noch immer kommen Leute, die sich gleich hinlegen. Mein Schlafsack liegt irgendwo im Aufenthaltsraum. Ob ich eine Decke brauche oder ein Kopfkissen oder eine Isomatte, hat mich bislang noch keiner gefragt. Ich habe auch nirgendwo gesehen, dass Isomatten und Decken ausgegeben wurden. Vielleicht oben in den Schlafsälen.

In den Schlafräumen oben im ersten und zweiten Stock (die uns niemand gezeigt hat, wir hatten uns vorher informiert) wird man eingeschlossen. Das kommt für Andreas nicht in Frage, dann kriegt er Panikanfälle. Also bleiben wir unten. Mir wird auch unheimlich bei dem Gedanken, nachts nicht rauszukönnen.

Halb zwei. Zeit, sich langzumachen. Vorsichtig tapse ich in den großen Kellerraum. Schnarchen überall. Im Halbdunkel erkenne ich: Fast alle Stühle sind belegt. Drei Stück in einer Reihe ergeben einen Schlafplatz. Viele liegen auf dem Boden. Ohne Decke. In ihren Sachen. Einfach hingestreckt. Hinten an der Wand ist noch was frei. Vorsichtig tapse sich durch den Raum, taste mich vor nach hinten. Rolle den Schlafsack auf dem Betonfußboden aus, ziehe meine Schuhe aus und fummele mich in voller Montur in den Schlafsack. Andreas findet einen Schlafplatz ein paar Meter weiter. Verschränke die Arme über dem Kopf in Ermangelung eines Kopfkissens. Der Betonfußboden ist verdammt hart. Wenn es doch wenigstens Linoleum wäre.

Halb drei. Plötzlich steht ein Mann über mir und wirft einen Papierschnipsel in meine Richtung. Ich fahre erschrocken hoch und zische: Jetzt ist aber gut. Vier. Der stühleschwingende Hüne ist irgendwo im Dunkel des Raumes verschwunden. Ich robbe mit meinem Schlafsack näher an die Säule ran, um im Zweifelsfall wenigstens meinen Kopf geschützt zu haben. Aus irgendeiner Ecke leises Gebrabbel. Offenbar bin ich nicht der einzige, der wach liegt.

Halb fünf. Schnarchen, Röcheln, Keuchen, Husten, Schnaufen, Japsen, Prusten, Stöhnen aus dreißig Männer- und Frauenkehlen. Zwischendurch immer wieder knarrende Stühle und Schritte. Um einzuschlafen, versuche ich mir vorzustellen, ich bin am Meer und es ist tosende Brandung. Es gelingt mir nicht. Fünf. Plötzlich leise Musik, dann eine blecherne Stimme. Nachrichten. Verdammt, welcher Vollidiot muss den ausgerechnet jetzt Radio hören. Sind denn nur verrückte um mich rum? Es ist immer noch kalt. Wieder schnarrt die Klingel. Einer kommt noch. Um fünf!

Der nächste Morgen

Viertel vor sechs. Gerade bin ich müde genug, um ein wenig zu schlummern, da wird es schon wieder unruhig. Die ersten stehen auf. Immerhin läuft die Heizung jetzt wieder, und es ist nicht mehr so kalt. Dafür ist die Luft erstickend. Ich greife nach dem Asthmaspray.

Viertel vor sieben. Licht geht an. Ich schleiche zum Klo. An der Theke Menschenansammlungen. Acht Leute stehen an. Unverrichteter Dinge schleiche ich wieder zurück. Schamvoll frage ich: Gibt es Frühstück? Um sieben, erfahre ich. Zehn nach sieben ist noch immer nichts passiert. Die meisten sitzen stumm, wirken zerschlagen. Blicke nach unten. Oder zur Tür.

Viertel nach sieben: Die Toilette ist jetzt frei, aber so eklig, dass ich sofort kehrt mache. An der Theke werden die Fragenden vertröstet. Die Frühschicht hat es irgendwie nicht geschafft, das Frühstück rechtzeitig fertigzubekommen. Wenn das Frühstück so ist wird die Suppe gestern Abend, denken wir uns, können uns das auch schenken. Wir rollen unsere Schlafsäcke zusammen und machen, dass wir Land gewinnen. Draußen vor der Tür fünf Leute, mehrere Dosen Bier, eine Flasche. Fast leer.

Völlig zerschlagen fahren wir ins Kaffee Bankrott, erst mal einen guten Kaffee trinken und Frühstücken. Dann nach Hause, um nach der heißen Dusche einige Stunden Schlaf nachzuholen.

Fazit

Das Personal: Auf der „Gästeliste“ dieser Nacht zählten wir 92 Unterschriften. Die Lehrter war mit vier jungen Leuten, drei Frauen und  einem Mann, besetzt. Deren Arbeitsleistung an diesem Abend: Abtasten nach Alkohol und anderen Gegenständen. Kommunikation war nicht. Wir erhielten keine Erklärung, wo sich die Toiletten und die Duschen befinden,  wo es etwas zu essen gibt, wo wir schlafen können, ob es Bettzeug oder wenigstens eine Decke gibt.

Die fehlende Betreuung: Wir sahen eine barfüßige Frau mit offenen eitrigen Entzündung an Knöcheln und Waden. Diese Frau hatte zudem Schlepp. Eine zweite Frau zog ständig ihren Schuh an und aus aufgrund eines offenen, komplett geschwollenen Beines. Gegen 1.30 Uhr wurde ein älterer Mann hereingelassen, und die offenen Wunden im Augenbrauenbereich haben keinen Anlass gegeben, ihn anzusprechen, geschweige denn zu versorgen: Penn oder stirb.

Die Hygiene der Verpflegung: Wir mussten uns faktisch Kaffee kaufen, weil am „öffentlichen“ Teebehälter nur zwei Tassen für alle standen. Zwischendurch wurden keine neuen Tassen hingestellt, die dort stehenden sind nicht abgewaschen worden. Um 5.30 Uhr entdeckte ein Mitschläfer im Teebehälter sich bewegende Lebewesen. Dies können wir durch eigene Ansicht bestätigen. Für das trockene Brot zur Suppe gibt’s keine extra Teller: Wir haben es wie alle auf den Tisch gelegt.

Die Schlafsituation: Der 1,20 Meter breite Flur im Keller wird als Schlafstelle für drei Personen genutzt, die nebeneinander ohne Körperhygiene schlafen, dort ihre Habseligkeiten lagern uns sie morgens in der Kellerluft lüften. Die Schläfer, die sich dort hinlegten, waren komplett verdreckt und hätten dringend der Körperhygiene, d.h. einer Dusche und frischer Klamotten bedurft. Von den Betreuern sprach sie keiner an, warum sie nicht im großen Kellerraum schlafen wollten bzw. warum sie sich zu dritt hinten im Flur drängen.
Auch der große Speisesaal im Keller mit Betonfußboden und Stühlen wird als Schlafstelle benutzt. Dort ist z.B. die barfüßige Frau mit den offenen Wunden herumgelaufen.
Warum wird die zu ebener Erde gelegene schöne Aula, die sich direkt über den Keller  befindet, nicht mit Notbetten versehen und als Schlafstelle angeboten. Dies wäre ein menschenwürdiges Schlafen. Reichen dazu 19,05 Euro pro Nacht und SchläferIn nicht?

Fehlender Brandschutz: Warum ist der einzige Notausgang im Keller nicht offen bzw. ausgeschildert? Nach unser Beobachtung wäre es im Brandfall (z.B. im Kochbereich oder an der Theke) dreißig bis vierzig panischen Menschen nicht möglich gewesen, aus dem Keller herauszukommen. Die Übernachter wären erstickt oder verbrannt.

Die Notübernachtung als Infektionsherd: Wir hatten Angst, uns wegen der fehlenden Hygiene und der fehlenden Behandlung bei den SchläferInnen mit offensichtlichen Krankheiten anzustecken.
Wenn so viele Leute auf engstem Raum untergebracht werden, muss nachts medizinisches Personal anwesend sein.

Das Bezirksamt Mitte hat mit der Stadtmission die Bereitstellung von 60 Kältehilfeplätzen in der Lehrter Straße vereinbart, zusätzlich zu den 60 ganzjährigen Notübernachtungsplätzen. Für die Kältehilfe zahlt der Bezirk pro Kopf und Nacht 19,05 Euro (andere Bezirke zahlen 15 Euro für Betten und ordentliches Essen). Wofür verwendet die Stadtmission das Platzgeld? Die Lehrter Straße im Winter ist ein Fall fürs Gesundheitsamt und für die Staatsanwaltschaft.
Die Stadtmission wirbt unter dem Slogan „gefühlskalt“ intensiv um Spenden für ihre Kältehilfe. Wo fließen diese Mittel hin? Die website www.kaeltehilfe.berliner-stadtmission.de hat gerade einen evangelischen Medienpreis erhalten. Hat die Jury mal hinter die bunten Bildchen geschaut?

Wir faxen die entwendete Übernachterliste zurück in die Lehrter, als kleine Ankündigung sozusagen. Wir diskutieren, ob wir die 19,05 Euro pro Person pro Nacht an die Stadtmission zurückzahlen, wegen Leistungserschleichung.

Stefan Schneider