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MV Faina 2008 am Horn von Afrika - Quelle: BlogRezension zu: Klein, Ralph: Moderne Piraterie. Die Piraten vor Somalia und ihre frühen afrikanischen Brüder. Berlin, Hamburg: Assoziation A 2012 – 12,00 € ISBN 978-3-86241-416-1

[Thema] In diesem Buch geht es scheinbar um die Piraterie vor der somalischen Küste. In Wirklichkeit aber handelt dieses Buch von einer weitgehend abgekoppelten und unwirtlichen Weltregion, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie sich in der Nähe einer der Adern des Welthandelns gelegen ist. Das Buch versucht zu beschreiben, wie und warum die Bewohner_innen versuchen, mit hohem Risiko daraus ihre Vorteile zu ziehen. Insofern beleuchtet das Buch eine weitere Facette globaler Ungerechtigkeit und zeigt auf, wie Menschen versuchen, sich gegen diese Strukturen mit eher einfachen Mitteln zu Wehr zu setzen und sich selbst ein Anteil am globalen Wohlstand zu erkämpfen. (http://www.assoziation-a.de/autoren/Klein_Ralph.htm)

[Aufbau] Das Buch versteht sich als Essay. Es ist mit 132 Seiten eher schmal geraten und enthält 177 Endnoten. Über den Text verteilt gibt es weitere 29 Fußnoten. Das Nebeneinander von Endnoten und Fußnoten ist ein wenig verwirrend, wenn etwa auf Seite 55 zunächst die Endnote 82 (am Ende des Buches nachschlagen) und eine Zeile später die Fußnote17 (unten weiter lesen) erscheint. Bedauerlicherweise fehlt ein Literatur- bzw. Medienverzeichnis, mit Hilfe dessen ein Überblick über das verwendete Material möglich wäre. Das Buch enthält 5 teilweise sehr aufschlussreiche schwarzweiß Fotos, die für meinen Geschmack deutlich größer hätten sein können. Das Foto von der Enterung der Faina am 28.09.2008 (Seite 69) verdeutlicht beispielsweise sehr anschaulich die Größenverhältnisse der Kontrahenten und das Risiko des Enterns. Die Karte von Somalia (Seite 6) ist wenig hilfreich, da einige erwähnte dort Ortsbezeichnungen nicht zu finden sind die geostrategischen Lage Somalias nicht klar wird.

[Hintergrund] Seit einigen Jahren ist mehr oder weniger regelmäßig in den Medien die Rede von piratischen Aktivitäten am Horn von Afrika. Die Akteure werden in die Nähe von Terroristen gerückt, von überfallenen und gekaperten Schiffen sowie Lösegeldforderungen in Millionenhöhe wird berichtet. Eine besondere Aufmerksamkeit erhält das Thema seit 2008, seit dem die Bundeswehr dort in dem "Operation Atalanta" genannten Kampfeinsatz der EU mit mehreren Schiffen und bis zu 1400 Soldaten operiert und turnusgemäß den Oberbefehl übernimmt. Wenig bekannt ist, dass bewaffnete Bundeswehreinheiten von jeweils zehn Soldaten für einen Zeitraum von einer Woche mit Waffen, Munition und eigener Verpflegung auf zivilen Schiffen einquartiert sind, die Seeraum des Einsatzgebietes passieren. Der wurde zuerst am 18. Juni 2009 und dann nochmal am 18. April 2012 deutlich erweiterte, reicht bis zu den Seychellen und umfasst auch den Luftraum. Wer versucht, das Phänomen der Piraterie rund um Somalia genauer zu verstehen, findet in der Regel eine Master – Erzählung mit folgendem Inhalt zur Erklärung vor: "Kolonialismus – Unabhängigkeit – Kalter Krieg – Failed State – Bürgerkrieg – Piraten" (S. 10). Piraterie erscheint in dieser Erzählung lediglich als Resultat ungeordneter Verhältnisse am Horn vor Afrika und ist für kapitalismuskritische Kräfte bestenfalls ein Topos "klammheimlicher Freude".

[Inhalt] In seinem Essay versucht der Autor andere Sichtweisen auf dieses Phänomen zu entwickeln. Wir erfahren, dass es vor der Küste Somalia jahreszeitlich bedingte heftige Strömungen in den Monaten Juli und August gab und gibt und dazu mächtige, gegen den Uhrzeigersinn drehende Strudel, die, seit dem es Schifffahrt gibt, schon immer dafür gesorgt haben, das Schiffe in Seenot gerieten, strandeten oder als Wrack an die Küste gespült wurden. Am Horn von Afrika finden wir historische Bedingungen für eine "Strandräuber – Ökonomie" (S. 29) und auch die Piraterie hat eine lange Tradition in der Region und gilt als etablierte und akzeptierte Existenzform. So ist im Mai 1817 eine aus dem Mittelmeerraum stammende Kosaren-Fregatte mit Namen Jabura vor der Friesischen Küste auf getaucht, kaperte vier Schiffe und verbreitete Angst und Schrecken. Sie wurde erst auf dem Rückweg im Englischen Kanal gestellt (S. 22). Wir erfahren auch, dass der regelmäßig vor der Küste der Region abgeklappte Giftmüll – teilweise auch radioaktiver Abfall – die Fischbestände über Jahre hinweg vernichtete und den Fischfang weitgehend zerstörte. Wir erfahren von einem in Clans organisierten Stammessystem überwiegend nomadischer Gruppen, das sich über Jahrhunderte in komplizierten Arrangements mehr oder weniger gut gegen Herrschaftsansprüche von außen wehren konnte. Davon, dass Kamele immer noch als Kapitalanlage verstanden werden und dass Geldgeschäfte weltweit in einem beargwohnten, aber nichts desto trotz sehr schnellen und gut funktionieren Hawala-System mit einem erstaunlich niedrigen Zinssatz abgewickelt werden und dass die Zahlung von Diyya (Blutgeld) noch immer üblich ist.

Piraterie ist ein Business von meistens ganz jungen, risikobewussten Somalis, die damit ihrem Traum vom schnellen Geld machen wollen. Es ist kein klassisches organisiertes Verbrechen mit einem Drahtzieher im Hintergrund, sondern eher eine dezentrale, projektbezogene und jahreszeitabhängige Aktionsform in immer neuen Konstellationen. Piraterie zielt einzig auf die Erpressung von Lösegeld, weil für die ggf. auf einem Schiff geladenen Waren für die nicht entwickelte somalische Ökonomie ohne wert wären. "Die Piraterie vor Somalia stellt eine echte Innovation im piratischen Gewerbe dar - (...) es geht einzig und allein um die Einnahme von Lösegeld."(S. 13). Dass große Teile der gezahlten Gelder der regionalen Infrastruktur zu Gute kommen, sei nicht taktisches Kalkül, sondern entspreche dem Selbstverständnis der Clanmitglieder.

Durch die vor der Küste Somalias durchgeführten militärischen Kampagnen wird das Piratengeschäft mehr und mehr erschwert, allerdings ist die lange Küste Somalias als auch der umfangreiche Seeraum kaum durchgängig kontrollierbar. Eben wegen der stärkeren Überwachung weichen die Piratengruppen auf das offene Meer aus und benötigen dazu größere schwimmende Basisschiffe. Diese größeren Schiffe werden häufig mit Fischern verwechselt, die als Unbeteiligte damit zur Zielscheibe von Piratenabwehraktionen werden. Ohnehin bewegt sich die Bekämpfung von des piratischen Engagements auf rechtlich fragwürdiger Basis, wenn präventiv (vermeintliche Piraten-)Schiffe angegriffen und versenkt werden und die aufgegriffene Besatzung als Piraten inhaftiert und vor Gericht gestellt werden.

Der de facto nicht existente somalische Staat schützt durch seine bloße Nichtexistenz die Piratencrews vor Repressionen im eigenen Land, und die komplizierte internationale Rechtslage führt dazu, dass Anrainerstaaten mit finanziellen Anreizen gelockt werden sollen, aufgegriffene Piratencrews zu verurteilen und zu arrestieren. Allerdings hatten Bemühungen dieser Art bisher keine nachhaltigen Erfolge. Seit dem Beschluss vom 12. April 2012 hat auch die Bundeswehr jetzt die Legitimation, bis zu 2 Kilometer weit in das Landesinnere der somalischen Küste zu operieren (ohne das Bodeneinsätze bislang erlaubt wären), und kann so seine strategische Position als globaler militärischer Akteur weiter ausbauen.

[Diskussion] Abgeleitet von dem von mittellateinisch exagium, „Probe, Versuch“ ist bei einem Essay – und so versteht der Autor seine Arbeit - eine Abhandlung zu erwarten, in deren Zentrum die Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema steht, wobei die Kriterien einer streng wissenschaftlichen Vorgehensweise durchaus vernachlässigt werden können. Piraterie in Somalia wird verstanden nicht nur als soziales Banditentum sondern auch als Kampf um bessere, angemessenere Lebensverhältnisse für den Sozialverband und das Verlangen nach dem Wohlstand der westlichen Länder. Der Essay ist eine Art moderne soziale Meereskunde, denn der Autor versucht, die Zusammenhänge innerhalb informeller Ökonomien jenseits "der von den Kolonisatoren geschaffenen staatlichen Strukturen" (S. 7) als eine andere, eigenständige und gültige Realität zu verstehen. Die piratischen Aktivitäten von geschätzten 1.500 – 4.500 jungen Menschen, die im Jahr 2010 etwa 100 Millionen Dollar aus ihren Tätigkeiten erzielt haben (gegenüber einem geschätzten somalischen Bruttosozialprodukt von 820 Millionen Dollar) heizen einen regelrechten internationalen antipiratischen Boom unterschiedlichster Akteure aus Wirtschaft, Politik, Militär, Wissenschaft und Forschung an, der vom Volumen die tatsächlich gezahlten Lösegeldforderungen um ein Mehrfaches übersteigen dürfte. In dieser ungleichen Auseinandersetzung kann es im klassischen Sinne keine Gewinner geben und lösbar werden Konflikte dieser Art nur sein, wenn es gelingt, globale Gerechtigkeit herzustellen. Ich persönlich würde ich mir ja wünschen, dass die hier abgehandelte Piraterie ein Stachel im Fleisch des Kapitalismus ist, aber sehr überzeugend argumentiert der Autor, dass nur noch nautische Restbestände (langsame, veralterte Schiffe) überhaupt piratisiert werden können, dass von den Aktivitäten die Versicherungsindustire maßgeblich profitiert, dass neue Strategien paramilitärischer geopolitischer Kontrolle etabliert und Aktivitäten präventiver Rechtsbeugung durchgesetzt werden. Insofern kann festhalten werden: Die Piraterie am Horn vor Afrika macht auf das globale Problem von Armut an den Rändern der Warenströme aufmerksam, und den Piraten haben das zweifelhafte Privileg, dass sie es mit ihren riskanten Lösungsstrategien für sich selbst zugleich weithin sichtbar machen.

[Fazit] Diejenigen, die der weltweit real existierenden Piraterie kritisch bis ablehnend gegenüber stehen, werden durch dieses Buch wohl kaum überzeugt werden. Menschen, die sich von den kommerzialisierten Piratenklischees a la Jack Sparrow annähern, werden von der Konkretheit prekärer Lebensumstände und andersartiger Kulturpraktiken eher irritiert sein. Anarchistische Piraterieverklärer (zu denen ich mich fairerweise rechnen muss) werden die gesellschaftskritische Strategie vermissen und sich ob der vermeintlich unpolitischen Haltung eher enttäuscht abwenden. Aus feministischer Perspektive ist das Verschweigen der Genitalverstümmelungen an Mädchen und Frauen in dieser Region ein absolutes no-go und wird harte Kritik provozieren! Und schließlich Sympathisanten der Piratenpartei werden zu Recht feststellen, dass es außer dem Namen überhaupt keine Gemeinsamkeit gibt. Ich empfehle dieses Buch dennoch zur Lektüre eben genau deshalb, weil es zunächst keine Erwartungen bedient sondern als Fragment einer komplexen Auseinandersetzung eine andere Perspektive auf das Thema eröffnet.