Drucken

Zeichen der Landstraße - ÜbersichtZeichen der Landstraße und Menschen, die auf der Strasse leben

Erfahrungen des Lebensraumes Straße aus der Perspektive Wohnsitzloser im Wandel der Zeiten

Inhalt

Menschen auf der Straße

1. Achtung Gefahr

2. Bissiger Hund

3. Die Bewohner sind feindselig

4. Es gibt kein Geld

5. Gefängnis droht

6. Hier gibt man nichts

7. Recht fromm tun

8. Wohnung eines Polizisten

Fazit

Literatur

Abbildungen

 

Zeichen der Landstraße - Berberkongress AufrufEines Tages im Jahr 1991 tauchte in einer Wärmestube ein Flugblatt auf, in dem zur Teilnahme an einem Kongresses der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. bis 22. Juni 1991 in Uelzen aufgerufen wurde. Es war nicht schwierig, ein Auto zu organisieren und zusammen mit einem be­freundeten Sozialarbeiter eine kleine Gruppe von Wohnungslosen zusam­men zu trommeln, die daran teilnehmen wollten. Auf diesem Kongress wur­de ich erstmalig konfrontiert mit den sogenannten Zeichen der Landstraße. Denn der Hans-Hergot-Turm in Uelzen, der Ort, an dem dieses Treffen statt­fand, beherbergte auch eine stattliche Sammlung alter Druckmaschinen, die Wil­ly Drucker, der Initiator dieses Treffens, im Verlauf der Jahre zusam­men tra­gen konnte. Und während einer Typomania, einem Treffen von Liebhabern historischer Druckmaschinen, hat er – zur Erinnerung für alle Teilnehmer - eine limitierte Sammlung von Postkarten erstellt, die eine Aus­wahl dieser Zeichen der Landstraße darstellen. (1)Diese Zinken – von denen erstmalig im 16. Jahrhundert berichtet wird – waren lange Zeit gewöhnli­ches Verständi­gungsmittel der fahrenden Leute, die häufig der Schrift nicht mächtig waren.

Diese sprechenden Zeichen geben Auskunft über die Gefahren und Widrigkeiten auf der Straße, aber auch über Chancen, Strategien und günstige Gelegenheiten. Die Postkartensammlung, die zu diesem Treffen der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen erstellt worden ist, wählte aus der großen Anzahl der Zinken acht heraus: "Achtung Gefahr", "Bissiger Hund", "Die Bewohner sind feindselig", "Es gibt kein Geld", "Gefängnis droht", "Hier gibt man nichts", "Recht fromm tun" sowie "Wohnung eines Polizisten". Natürlich kann ge­fragt, werden, ob diese Auswahl vollständig die Dimensionen des Lebens auf der Straße abbildet. Und es stellt sich auch die Frage, ob die Kommentare, mit denen im Jahr 1991 die Zeichensammlung ergänzt wur­de, immer noch zutreffende Aussagen enthalten. Aber diese Aufzählung von Aspekten, diese Sammlung von Zeichen und Einschreibungen soll zum An­lass genommen werden, einmal zusammen zu tragen und zu be­leuchten, welches heute die wesentlichen Kennzeichen der Lebenssituation derer sind, die auf der Straße leben.

Menschen auf der Straße

Schätzung der BAG-Wohnungslosenhilfe 2011 - Quelle: BAG-WH BielefeldDie Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.v. (BAG-WH) mit Sitz in Bielefeld schätzte im Jahr 2000 die Zahl der wohnungslosen Menschen auf weit über 400.000 Personen. Diese Zahl sank in den darauffolgenden Jahren rapide bis auf 227.000 Per­sonen im Jahr 2008. Allerdings nimmt die Zahl der wohnungslosen Menschen seit dem wieder zu. Aber bei weitem nicht alle der als wohnungslos erfassten Menschen lebt direkt auf der Straße – die überwie­gende Mehr­heit von ihnen ist in – häufig zwangsge­meinschaftlichen, oftmals mit geringen Standards ausgestatte­ten, bisweilen provisorischen oder tem­porären – Ein­richtungen der Wohnungslosenhilfe un­tergebracht. Die Gruppe derer, die tatsächlich ausschließlich auf der Straße lebt, wird von der BAG-WH im Jahr 2010 auf 22.000 Personen geschätzt. Auch ihre Zahl ist, entsprechend der gesamten Tendenz, steigend. Noch im Jahr 2008 wurde angenommen, dass nur 20.000 Menschen völlig ohne jede Unterkunft auf der Straße. (2) Sie le­ben – soweit nicht öffentlich erkennbar auf Straßen und Plätzen - mehr oder weniger unent­deckt und un­erkannt in leerstehenden Kellern, auf Dachböden, auf Baustellen, in Bauruinen, in Industriege­bieten, im Wald und in Parks, auf dem Campus von Universitäten, in Bauwägen, in Kleingartenkolonien, auf Hausboo­ten, in Erdhöhlen usw. Ein weiterer Anstieg auch dieser Gruppe wird von der BAG-WH prognosti­ziert. Nimmt man hinzu, dass ein unbekannter Anteil von Menschen aus anderen Ländern, auch der EU und ins­besondere den Staaten Ost-und Südosteuropas, sowie weitere Menschen ohne Papiere in ähnlich prekä­ren Lebensverhältnissen leben, so dürfte die Gesamtzahl weitaus höher sein. Aber nur einem Bruchteil die­ser Gruppe ist anzusehen, dass sie auf der Straße leben.

Der Umstand, dass es keine genauen Statistiken zur Wohnungslosigkeit gibt, wird in regelmäßigen Abständen beklagt. Immerhin die Zahl der in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebrachten Menschen kann recht genau ermittelt werden. Zudem stellt sich auch die Frage, ob es wünschenswert wäre, eine genaue Erfassung der auf der Straße lebenden Menschen vorneh­men zu wollen. Zur Ermittlung einer solchen Zahl müsste dann mehr oder weniger flächendeckend der öffentliche Raum durch­kämmt werden nach Wohnungslosen. Und damit würde auch die eine oder andere halbwegs sichere Platte öffentlich bekannt werden. Ob das im Sinne der Menschen ist, die auf der Straße leben, wage ich zu bezweifeln.

1. Achtung Gefahr

Zeichen der Landstraße - Achtung GefahrAuch wenn immer wieder einzelne auf der Straße lebende Menschen betonen, dass sie dies freiwillig tun, ist doch festzuhalten, dass das Leben auf der Straße körperlich unglaublich belastend ist. Studien zur gesundheitlichen Lage Wohnungsloser zeigen: Ty­pische Erkrankungen sind Erkältungen, Grippe, Hautekzeme, Eiterherde und Abszesse am ganzen Körper, innere und äußere Verletzungen (zum Bei­spiel Schürfwunden und Quetschungen), Geschwüre der inneren Organe, Allergi­en, Pilzinfektionen, Frostbeulen und Erfrierungen, Herz-Kreislauf-Er­krankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Schäden der Wirbelsäule, Krank­heiten der Atemwege, Krankheiten durch Fehl- und Unterernährung, Ab­wehrschwäche und schlechtes Blutbild. Weitere Aspekte des Lebens auf der Straße sind die fehlende medizi­nische Betreuung, ungenügende ärztliche Untersuchungen, keine oder min­derwertige Medikamente, unzureichende Hygiene, Unsauberkeit, mangeln­de Waschgelegenheiten, schmutzige Klei­dung, Gestank. Hinzu kommen die Exposition gegenüber der Witterung wie Hitze, Kälte, Regen und Schnee, mangelnde körperliche Erholung, dazu die unzureichende Ernährung, Ver­zehr verdorbener Nahrungsmittel, Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, Auszehrung. Im weiteren Dis­kurs wird auf psychosozialer Ebene debattiert der Mangel an Disziplin, die Diskriminierung durch die übrige Bevölkerung, Vereinsamung, Verzweiflung, be­rechtigte Vorbehalte wohnungsloser Menschen gegen die Repressionen des sogenannten normalen Lebens, psychische Krankheiten (Psychosen, Schizophrenie, Depressionen...) sowie die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen, ein beliebter äußerer Anlass für Stigmatisierung und Vertreibung. Zu berücksichtigen ist auch ein deutlich gesteigertes Risiko, als Wohnungsloser Opfer von Über­griffen zu werden. Dazu gehören sexuelle Attacken bis hin zu Vergewaltigungen, Diebstahl und Raub, verein­zelt auch körperliche Gewalt bis hin zum Totschlag und Mord. Das offensichtlichste Problem allerdings ist der Tod durch Erfrieren im Winter; zum An­fang der 1990er Jahre starben etwa 20 Obdachlose durch Erfrie­ren jedes Jahr in der BRD, mittlerweile liegt die Zahl bei 8 bis 15 Toten. Gerhard Locher fasst die Ergebnisse seiner Studie zur Gesundheitssituation Woh­nungsloser aus dem Jahr 1990 mit folgender Aussage prägnant zusammen: "Wohnungslosigkeit kostet im Durchschnitt 10 Lebensjahre." (Locher 1990).

Damit nicht genug: Eine Hamburger Studie belegt, daß wohnungslose Menschen nur innerhalb der ersten 6 Monate nach Eintreten der Wohnungslosigkeit eine realistische Chance haben, dieser Situation dauerhaft auch wieder zu entkommen. Für alle anderen gilt: Je länger die Wohnungslosigkeit dauert, desto geringer die Chance, aus dieser Situation wieder heraus zu kommen (Hansestadt 2002). Damit verfestigt sich eine Le­benslage. Dies macht deutlich: Es ist nicht die einzelne Gefahr, vor der, wie das Zei­chen suggeriert, separat gewarnt werden müsste. Vielmehr kann in einer ersten Annäherung festgehalten werden: Das Leben auf der Straße selbst ist gefährlich – aus gesundheitlicher Perspektive aber auch wegen den offensichtlichen Schwierigkeiten, dieser Lage zu entkommen. Dazu später mehr.

2. Bissiger Hund

Zeichen der Landstraße - Bissiger HundHunde stellen für Menschen auf der Straße kaum noch eine ernsthafte Ge­fahr dar, da sich ihre Funktion im Verlauf der Zeit gewandelt hat. Vielleicht mit Ausnahme von einigen ländlichen Gegenden spielt der Hund als Wach­hund keine Rolle mehr, seine Funktion haben Zäune und Kameras übernom­men. Auch sind die Auflagen für Hundebesitzer strenger geworden. Auf öf­fentlichen Straßen und Plätzen und vor allem bei Versammlungen sind Hun­de grundsätzlich an der Leine zu führen, und für als gefährlich eingeschätzte Hunderassen werden in einigen Bundesländern spezielle Berechtigungen verlangt, um den Hund halten zu können. Hinzu kommt die Maulkorbpflicht ab einer bestimmten Größe. Dennoch ist das Thema Hund nicht vollständig ver­schwunden, es hat sich vielmehr verlagert auf die Wohnungslosen selbst. Ein nicht näher bekannter Anteil wohnungsloser Menschen, der auf der Straße lebt, ist mit Hund unterwegs. (3) Das Problem besteht darin, dass in den meisten Einrichtungen das Mitbrin­gen von Hunden untersagt ist. Angeführt werden häufig formale Probleme (Hygiene, Enge, Probleme bei der Anwesenheit mehrerer Hunde), jedoch aus der Sicht Wohnungsloser sind dies eher Regeln, die den Sinn haben, wohnungslose Menschen, die mit Hund unterwegs sind, auszuschließen. Erfahrungen mit der Akzeptanz von Hunden zeigen, dass auch die Anwesenheit mehrerer Hunde dann kein Problem ist, wenn es klare Absprachen zwischen den Gästen, den betroffenen Hundehaltern und dem Personal gibt. Es müssen nicht Lösungen wie in Osaka entwickelt wer­den, in denen für die Hunde eigene Zwinger errichtet werden (in denen die Hunde dann überwiegend bel­lend gegen diese Form der Unterbringung protestieren).

Da aus pädagogischer Sicht Hunde als Begleiter und Beschützer anerkannt sind, wurden eine Reihe von Pro­jekten entwickelt mit der Zielstellung, sich um den Zustand der Hunde zu kümmern, da ihren Besitzern oft­mals die finanziellen Mittel fehlen, um sich um so grundlegende Dinge wie die Versorgung von Wunden, das Bekämpfen von Flöhen, das Impfen und andere Angelegenheiten zu kümmern. Das pädagogische Argument lautet, dass es gelingen könne, über das Angebot für die Hunde auch die Besitzer_innen sozialpädagogisch ansprechen zu können. Deutlich wird an diesen Beispielen die doppelte Funktion der Wohnungslosenhilfe – sie ist ausgrenzend, weil sie systematisch Wohnungslose mit Hund ausgrenzt, und zugleich möchte sie mit integrativen Projekten wie Hundedoc (4) oder Hundehaltercafe ihre Kunden nicht vollends verlieren. Die zahl­reichen Hausordnungen im öffentlichen Raum, die ausdrücklich das Mitbringen von Hunden verbieten, tra­gen das ihre dazu bei, um den Spielräume von Wohnungslosen, so sie denn mit Hund unterwegs sind, wei­ter zu begrenzen.

3. Die Bewohner sind feindselig

Zeichen der Landstraße - Die Bewohner sind feindseligIn den 80ern und frühen 90er Jahren war es Gang und Gäbe, dass Men­schen vom Berliner Bahnhof Zoo, einem beliebten Treffpunkt für unange­passte Menschen, mit fragwürdigen Methoden vertrieben wurden. Konkret wur­den – insbesondere durch das Engagement des Kreuzberger Pfarrers Joa­chim Ritzkowsky – eine ganze Reihe von Fällen publik, in denen die Berli­ner Polizei mit ihren Fahrzeugen wohnungslose Menschen beispielsweise in den Berliner Grunewald weitab von jedem öffentlichen Verkehrsmittel ver­brachten und dort einfach aussetzen – auch an kälteren Wetterlagen (vgl. Ritzkowsky 2001) Der Berufsberber (5) Heinz Czaplewski berichtete mir von ei­ner Situation, in der per Zufall ein Taxi dort lang kam, und er, ebenso zufäl­lig, soviel Geld dabei hatte, um die lagen Fahrt zum Bahnhof Zoo zu bezahl­en. Er machte sich einen Spaß daraus, noch vor der Polizei am Bahnhof zu sein und die zurückkehrenden Polizeimenschen dort zu begrüßen (vgl. Czaplewski 2002). Die Realität ist weniger lustig. Die zunehmende Privatisie­rung öffentlicher Plätze wie Bahnhöfe und Einkaufszentren schränken die Bewegungsspielräume von Menschen auf der Straße weiter ein. Sitzbänke werden oftmals zu Gunsten von Sitzschalen demontiert, bisweilen werden Sitzgelegenheiten im öffentli­chen Straßenraum vollständig demontiert, so dass Plätze zum Aufenthalt nur in Verbindung mit den Konsuman­gebote von Cafés usw. bereitstehen.

Aber das ist nur die Oberfläche: Wie die Armutsberichte der Bundesregierung der vergangenen Jahre (Deut­scher Bundestag 2001, 2005, 2008) deutlich zeigen, nehmen die sozialen Unterschiede zwischen armen und reichen Teilen der deutschen Bevölkerung noch weiterhin zu. Die fatale Folge ist, dass die Angst, selbst zu verarmen, inzwischen Teile der deutschen Mittelschicht erreicht hat. Ob diese Angst nun berechtigt ist oder nicht, Besorgnis erregend ist ein mit dieser Angst korrelierendes Phänomen:

Eine am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld unter Lei­tung von Wilhelm Heitmeyer vorgenommene, inzwischen abgeschlossene repräsentative 10-Jahres Quer­schnittsstudie zum Thema Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zeigt, dass die Ablehnung von woh­nungslosen Menschen kontinuierlich eine weitere Verbreitung und eine Zunahme erfährt. Immer mehr Bür­ger und Bürgerinnen sind der Auffassung, dass Wohnungslose in den Städten unangenehm sind, dass bet­telnde Wohnungslose aus den Fußgängerzonen entfernt werden sollten, dass Wohnungslose selbst Schuld sind, wenn man etwas gegen sie hat (vgl. Heitmeyer 2008)

Die Autoren erklären dieses Ergebnis mit dem Phänomen, dass die Desintegration weiter Teile der Bevölke­rung zu Verunsicherungen führen, die eine Suche nach Sicherheit auslösen. Als Variante bietet sich nach Meinung der Autoren die Machtdemonstration mit Rückgriff auf einen ‚starken Staat’ an. Das Vehikel dazu ist eine autoritäre Aggression der Mehrheit, die mit Blick auf die eigene Situation möglichst risikolos sein sollte. Dazu eignen sich ausgesprochen machtlose Gruppen innerhalb der Gesellschaft, wie beispielsweise Wohnungslose, besonders gut.

4. Es gibt kein Geld

Zeichen der Landstraße - Es gibt kein GeldDie an und für sich sinnvolle, Ende der 80er Jahre in den USA standene Idee, übrig gebliebene Lebensmittel einzu­sammeln und sie Bedürftigen zur Verfügung zu stellen, ist inzwischen in Deutschland flächendeckend ver­breitet. In Deutschland existieren 2011 mehr als 890 Tafeln und über 2.000 Ausgabestellen in sozialen Einrichtun­gen oder Tafel-Läden, die mehr als 100.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr an Bedürftige ausgeben. Allerding­wird diese Entwicklung auch kritisiert, in diesem Zusammenhang ist von der Vertafelung der Gesellschaft ist die Rede (vgl. Selke 2009 und 2009a). Damit ist gemeint, statt Rechtsansprü­che durchzusetzen und materielle Versorgungsleistungen auszubauen, wer­den bedürftige Menschen häufig – auch von JobCentern und Sozialämtern - darauf verwiesen, sich an die ört­liche Tafel oder eine andere karitative Einrichtung zu wenden. Leider ist auch diese Form der Hilfe alles andere als unbürokratisch. Zum einen wird von den Tafeln seit vielen Jahren ein Bedürftigkeitsnachweis verlangt, in der Regel eine Bescheinigung vom JobCenter oder vom Sozialamt. Zum an­deren sind viele Einrichtungen dazu übergegangen, wegen des großen An­drangs verarmter Bürger_innen den Einlass zu reglementieren. Um die besten und attraktivsten Lebensmit­tel zu erhaschen, entsteht ein wahrer Wettbewerb unter den Hilfebedürftigen. Es bilden sich lange Schlan­gen mit stundenlangen Wartezeiten.

Nur einmal in Wittenberge erlebte ich eine rühmliche Ausnahme. Hier wurden kurz vor Öffnung Lose unter allen Anwesenden verteilt. Die Wartezeit reduzierte sich auf knappe 10 Minuten, und alle haben die gleiche Chance, als erste Lebensmittel aussuchen zu können. Diese Tendenz der Unterwanderung von Rechtsan­sprüchen auf Geldleistungen zeigt sich auch in anderen Lebensbereichen, in denen ebenfalls häufig auf Sach­leistungen verwiesen wird, etwa in Bezug auf die Wohnungseinrichtung oder in Bezug auf Kleidung. Wer mit abgelegten, unmodischen Sachen anderer Menschen herumlaufen muss, ist allein schon aufgrund seines Äußeren benachteiligt.

Vor allem in der kalten Jahreszeit und insbesondere vor Weihnachten überschlägt sich die sozial sensible Öf­fentlichkeit mit wohltätigen Angeboten aller Art. Natürlich ist es wohnungslosen Menschen zu gönnen, ein­mal im Jahr vom Schlagerstar Frank Zander im Berliner Hotel Estrel unterhalten und mit Gänsebraten ver­wöhnt zu werden. Aber die zunehmend angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt macht es von Jahr zu Jahr insbesondere für woh­nungslose und andere sozial benachteiligte Gruppen immer schwieriger, über­haupt eine bezahlbare und an­gemessene Wohnung zu finden.

Auch Wohnungslose, die versuchen, durch verschiedene Techniken wie Sitzung machen und Schnorren ihr eigenes Geld zu verdienen, berichten von verschiedensten Restriktionen. Dabei ist Betteln in Deutschland grundsätzlich nicht verboten. Einige Städte und Gemeinden sind jedoch in den letzten Jahren dazu übergan­gen, Straßensatzungen zu erlassen, in denen sogenanntes agressives Betteln untersagt wird. Was im Einzel­nen unter aggressiv zu verstehen ist, unterliegt im Zweifelsfall dem Interpretationsspielräumen der Recht­sprechung. Aber auch der unmittelbare Akt des Spendens trägt repressive Züge: Zu den Stereotypen gehört etwa die Aufforderung an die Bettelnden, von dem gespendeten Geld doch bitte keinen Alkohol und keine Drogen zu kaufen – als ob für arme und wohnungslose Menschen andere Regeln gelten als für alle anderen. Häufig wird bewusst kein Geld, sondern eine Sachspende angeboten - Darf ich Ihnen ein Brötchen mitbrin­gen? - , wo es doch ge­rade Geld ist, das Menschen auf der Straße eine gewisse Unabhängigkeit garantiert: Etwa um Fahrkarten kaufen oder im Waschsalon Wäsche waschen und trocknen zu können.

Das auch Wohnungslosen selbstverständlich grundsätzliche zustehende Arbeitslosengeld wird zudem häufig nur als Tagessatz ausgezahlt, so dass ein beinahe tägliches umständliches Erscheinen notwendig ist. Auch diese Maßnahme ist nicht zwingend erforderlich und verschärft die ohnehin prekäre Situation von Men­schen auf der Straße. Mit der tagesbezogenen Auszahlung soll zudem verhindert werden, dass insbesonde­re Menschen ohne festen Wohnsitz sich länger an einem Ort aufhalten. Häufig wurde und wird gerade von Sozialämtern nach wenigen Tagen die Fahrkarte in die nächstgelegene Stadt angeboten, um den lästigen Bürger los zu werden.

Auch die zunächst seit ihrem massenhaften Auftreten in Deutschland ab 1994 als innovatives Instrument der Selbsthilfe gefeierten Straßenzeitungen haben sich im Verlauf der Jahre immer mehr als Bettelhilfe er­wiesen. Die Inhalte dieser Blätter sind häufig völlig entpolitisiert, und die Regeln für Verkäufer restriktiv: Feste Standplätze werden zugewiesen, freies Experimentieren und das Nutzen günstiger Gelegenheiten (z.B. auf Straßenfesten, Demonstrationen, Großveranstaltungen usw.) da­mit häufig unterbunden.

5. Gefängnis droht

Zeichen der Landstraße - Gefängnis drohtBis zur großen Strafrechtsreform 1974 war Landstreicherei in Deutschland noch ein Straftatbestand, der mit Gefängnis bestraft werden konnte. Heut­zutage ist Obdachlosigkeit lediglich nur noch eine Ordnungswidrigkeit, die dadurch abgewendet werden kann, dass der obdachlosen Person eine Un­terkunft nachgewiesen, also vorgeschlagen, wird. Damit ist oder wäre die Störung der öffentlichen Ordnung beendigt. Allerdings gibt es kein Recht zur Zwangseinweisung, und das ist auch gut so. Denn wohnungslose Menschen haben oftmals überzeugende Gründe, die ihnen angebotene Lösung abzu­lehnen. Allzu häufig handelt es sich um Formen zwangsgemeinschaftlicher Unterbringung in größeren Gruppen und schlechten Einrichtungsstandards in heruntergekommenen Häusern am Rande der Ortschaft, schlecht mit öf­fentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Angesichts solcher immer noch existierender Zustände ist es verständlich, dass viele Wohnungslose es auch bei niedrigen Temperaturen vorziehen, im Freien Platte zu machen.

Unter dem Stichwort Fachlichkeit präsentieren selbst etablierte Wohlfahrtsunternehmen fragwürdige Ange­bote. Jahr für Jahr öffnet die Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße eine Massennotübernachtung mit nominell 120 Plätzen und dem Konzept, niemandem abzuweisen. Diese Art des willkürlichen Massenbe­triebs fördert die Verbreitung von Läusen und Krätze, und bisweilen beträgt die Verbreitungsrate bis zu 80%. Verschiedentliche Forderungen, diese menschenunwürdige, gesundheitsschädliche Form der Unterbringung zu Gunsten von kleineren, dezentralen und auf Zielgruppen spezialisierte Einrichtungen zu schließen, blei­ben regelmäßig von Politik und Sozialwirtschaft ungehört (vgl. Schneider 2003).

Sozialexperten berichten zudem in regelmäßigen Abständen darüber, dass Wohnungslose häufig auf Grund von Bagatelldelikten wie wiederholtes Fahren ohne Fahrschein oder wiederholte Mitnahme von Waren ohne Bezahlung Haftstrafen absitzen müssen. Diese harten, teuren, unverhältnismäßigen, die soziale Lage weiter verschär­fende Sanktionen für Handlungen, die im Kern der Mittellosigkeit geschuldet sind, sind ein weiteres Indiz für die zunehmende neuerliche Kriminalisierung eines sozialen Problems. Damit aber nicht genug: Wer die regelmäßig erscheinenden Newsletter der FEANTSA, des europäischen Dachverbands von Organisa­tionen der Wohnungslosenhilfe verfolgt, wird wissen, dass beispielsweise die rechtsextreme Regie­rung in Ungarn mit einer Reihe von Gesetzen Wohnungslosigkeit kriminalisiert und dass die Stadtverwaltung in Prag im Jahr 2009 damit begonnen hat, außerhalb der Stadt provisorische Lager zur Unterbringung von Wohnungslosen zu errichten. Auch gegenüber den auf Europäischer Ebene diskutierten Kampagnen von "Ending Homelessness" ist ein gesundes Misstrauen angebracht: Das Ziel ist häufig nicht, Wohnungslosig­keit, durch Maßnahmen des Wohnungsbaus und der Wohnungswirtschaft positiv zu beenden, sondern be­steht häufig genug nur darin, durch restriktive Maßnahmen gegenüber Wohnungslosen im öffentlichen Raum durchzusetzen, dass woh­nungslose Menschen aus dem Straßenbild verschwinden, zumindest in den touristisch attraktiven Zentren. (6)

6. Hier gibt man nichts

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! ist die email-Adresse einer Berberin, die ich im Herbst 2011 in Marburg traf. Per email hatten wir bereits länger Kontakt und sie schlug mir vor, sie für ein paar Tage auf der Straße zu begleiten, um aktuelle Eindrücke für einen realistischen Report über das Leben auf der Stra­ße zu sammeln. Ich war zunächst skeptisch und wollte mich zunächst mit ihr für einen Tag treffen, um sie persönlich kennen zu lernen. Marburg bot sich an, weil ich dienstlich in der Stadt zu tun hatte und ich wusste, dass sie sich in dieser Region auch aufhielt. Tatjana war tatsächlich auch am verabredeten Treffpunkt und nur die Bräune im Gesicht verriet mir, dass sie viel und häufig draußen sein musste. Ansonsten erweckte sie eher den Eindruck einer Reisen­den denn einer Wohnungslosen. In unserem Gespräch beklagte sie sich bitter über die sogenannten Stadtrat­ten. Das war ihre Bezeichnung für ortsfeste Per­sonen, die häufig mit einer Wohnung versorgt sind aber trotzdem auf der Straße betteln, dadurch attrak­tive Bettelplätze blockieren und auch die örtli­chen Angebote der Wohnungslosenhilfe bevöl­kerten. Wenn sie beispielsweise betteln wolle, um Geld für die Weiterreise zu erarbeiten, müsse sie sehr früh aufstehen, um sich einen gu­ten Bettelplatz zu sichern. Aber selbst dann käme es gelegentlich vor, dass sie von den ortsansässigen Bett­lern vertrieben würde. Ähnliche Verdrän­gungsprozesse seien in niederschwelligen Einrichtungen der Woh­nungslosenhilfe zu erleben. So hörte sie von einer Tagesstätte, die ein größeres Kontingent an Schlafsäcken gespendet erhalten habe, um sie an Be­dürftige weiter zu geben. Als sie dort vorsprach, war das gesamte Kontingent weg – vergeben an das Stammpublikum der Einrichtung – verarmte Bürger_innen aus der Nach­barschaft, häufig noch mit eigener Wohnung. Für sie als reisende Wohnungslose sei es immer schwieriger, in den Einrichtungen eine Unterstüt­zung zu erlangen. Dabei sollten diese Anlaufstelle gerade für Menschen wie sie Leistungen der Grundversor­gung bereitstellen. Aber auch bei so simplen Angelegenheiten wie der Frage nach einer Dusche oder dem Waschen von Wäsche gäbe es oft bürokratische, unverständliche Hür­den. Ein Antwort wie: Heute wird aber nur Wäsche von der Einrichtung gewaschen!, bringe ihre ganze Pla­nung durcheinander, beklagte sie. Und während ich am späten Abend noch als Senior-Gast in der Jugend­herberge eincheckte, zog Tatjana los zu ihrem Plattenplatz vor der Universitätsbibliothek. Wir verabredeten und für den nächsten Tag auf der Straße, in der sie ihre Sitzung zu machen gedachte.

Das von der Leichenwagenbremserin beschriebene Phänomen wurde in den Jahren nach der Einführung der Hartz-Gesetzgebung verstärkt in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe beobachtet und kritisch disku­tiert: Der Druck von allgemeinen Verarmungsprozessen auf die niederschwelligen Einrichtungen. Diese ste­hen vor einem doppelten Dilemma. Zum einen sind diese Einrichtungen gut gefüllt und es wird bisweilen gar nicht so genau gefragt, wer diese Nutzer_innen sind, und zum zweiten ist es auch eine subjektiv ver­ständliche Verlockung für die Mitarbeiter_innen im Team, bevorzugt mit sogenannten einfacheren Klienten zu arbeiten, eine Tendenz, die in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit als creaming bekannt ist. (7) Selbstver­ständlich werden diese Prozesse auch von Seiten der Wohnungslosenhilfe diskutiert und reflektiert, und tat­sächlich gibt es Einrichtungen, die daraus die Schlussfolgerung ziehen, sich bewusst und verstärkt der Grup­pe von Menschen zuzuwenden, die tatsächlich auf der Straße lebt.

7. Recht fromm tun

Zeichen der Landstraße - recht fromm tunIn den Treffpunkten der Heilsarmee wird vor Beginn der Mahlzeiten gebetet. Häufig wird dieses Gebet zu einer kleinen Andacht ausgeweitet, die gut 10 Minuten dauert, mit Bibeltext, kurzer Exegese, einem Lied, weiteren kurzen Gebeten und einem abschließenden Segen. Eine nicht geringe Zahl von be­dürftigen Menschen, die eigentlich nicht aus eigener Intention an religiösen Übungen teilnehmen würden, lässt diese Prozedur dennoch freiwillig über sich ergehen, denn dass Essen bei der Heilsarmee genießt den Ruf, sehr gut zu sein, jedenfalls deutlich besser als dass, was in den meisten anderen Sup­penküchen geboten wird. Es ist die typische Verbindung zwischen Angebo­ten der Grundversorgung und der Intention zur Missionierung, die bei der Heilsarmee womöglich deutlichster als bei anderen Sozialkonzernen erkenn­bar ist. Und in der Tat sind es die Wohlfahrtskonzerne der christlichen Kir­chen, allen voran Caritas (katholisch) Diakonie (protestantisch), die als größ­te Anbieter des Wirt­schaftszweiges Wohnungslosenhilfe jährlich mehrere Millionen Euro an Um­sätzen erzielen. Andererseits sind es häufig Kirchenge­meinden, die meistens auf ehrenamtlicher Basis und häufig ohne jede öffentliche Förderung kleinteilige und wichtige Angebote wie Nachtcafés, Essensausgabestellen, Kleiderkammern usw. bereithalten. Und weil die­se Angebote eben nicht im Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, gibt es in diesen Nischen auch am ehesten Chancen der Hilfe für wohnungslose Menschen ohne Papiere.

Für die Wohnungslosen selbst hat der direkte Kontakt mit Kirchengemeinden und kirchlichem Personal an Bedeutung verloren, denn hier wird dann in der Regel direkt auf Einrichtungen und Angebote dieser Konzer­ne verwiesen. Der Vorteil der Frömmigkeit, der sich in direkten Sach- und Geldspenden aus­zahlen könnte, ist von eben diesen Trägern nahezu vollkommen absorbiert worden, die in professionellen Kampagnen um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung buhlen. Werden die Sachspenden in der Regel noch überwiegend an die Bedürftigen weiter gegeben, (8) so kommt von den Geldspenden selten bei den Betroffe­nen etwas an. In den Sachberichten wird dann häufig auf Anschaffungen hingewiesen, die einen konkreten Nutzen für die Gäste der Einrichtungen haben (sollen). Dabei wäre die Weitergabe insbesondere der Gelds­penden direkt an Wohnungslose sinnvoll und erforderlich, etwa Initiativen der Selbsthilfe und Selbstorgani­sation zu stär­ken.

Auffällig ist, dass es in der Wohnungslosenhilfe, sowohl in den kirchlichen wie in den sekulären Angeboten, – im Unterschied zu den anderen Feldern der Sozialen Ar­beit –, keine gesetzlich geregelten Formen der Mit­wirkung, etwa in Form von Beiräten, Betriebsräten, Be­wohnervertretung, Ombudsmenschen usw. gibt. Die Befassung der Wohnungslosenhilfe mit den Themen Partizipation und Betroffenenvertretung ist eher lustlos und Fortschritte sind kaum zu verzeichnen. In kaum einen anderem Feld der Sozialen Arbeit haben die Nut­zer, Klienten und oder Gäste sozialer Angebote, Ein­richtungen und Maßnahmen so wenig (demokratische) Rechte wie im Bereich der Wohnungslosenhilfe, in kaum einem Bereich sind hilfebedürftige Menschen so sehr auf Almosen und Wohlverhalten angewiesen, statt sich auf Rechtsgarantien und Leistungsansprüche – etwa auf einen eigenen, bezahlbaren und den durchschnittlichen Mindeststandards entsprechendem Wohnraum – berufen zu können.

8. Wohnung eines Polizisten

Zeichen der Landstraße - Wohnung eines PolizistenStaatliche Hilfe auf Grundlage der geltenden Sozialgesetzgebung wird auf Antrag gewährt. Der Antrag wird ein der Regel gestellt von der Einrichtung, die eine solche Hilfe für den Wohnungslosen durchführen will. Grundlage dafür ist, dass der wohnungslose Bürger sehr genau Auskunft geben muss über seine persönlichen Lebensumstände, über seine Problem und Defizite, über seine Lebensgeschichte.

Ob nun begründet oder nicht, eine Reihe von wohnungslosen Menschen will das nicht oder hat Angst davor, dass etwas unangenehmes aus der Lebens­geschichte zum Vorschein kommt oder empfindet diese Herangehensweise als zu sehr die private Integrität berührend und zieht es vor, auf der Straße zu bleiben. Umgekehrt kann aber jeder Wohnungslose in den Bezug dieser Angebote kommen, wenn er bereit ist, sich darauf einzulassen.

Die Strategie dieser sozialgesetzlichen Hilfe führt dazu, dass wohnungslose Menschen neben einer Unterbringung noch eine gezielte Beratung, Beglei­tung, Betreuung und Unterstützung erhalten, die zur Überwindung der Woh­nungslosigkeit beitragen soll. Oftmals gelingt auch die Anmietung und der Einzug in eine eigenen Wohnung. (9) Die Wohnungslosigkeit ist damit erstmal beseitigt. Die Erfahrungen aber zeigen, dass an diesem Punkt die wirklichen Schwierigkeiten erst anfangen. Eine Integration in den Arbeitsmarkt gelingt sehr häufig nicht, weil aufgrund der hohen Ar­beitslosigkeit wohnungslose Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen strukturell benachteiligt sind.

Eine soziale Integration in ein Wohnumfeld gelingt ebenfalls sehr selten, weil die Wohnungsbeschaffung dieses Kriterium selten berücksichtigt und wohnungslose Menschen in der Gemeinwesen- und Stadtteilar­beit deutscher Städte so gut wie nicht berücksichtigt werden. Auch ist die Nachsorgearbeit in der Woh­nungslosenhilfe deutlich unterentwickelt. Aus diesen Gründen tauchen viele wohnungslose Menschen nach kürzerer oder längerer Zeit in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe wieder auf. Ein neuer Kreislauf be­ginnt, und die Lebenssituation Wohnungslosigkeit verfestigt sich.

Es ist also nicht mehr der einzelnen Polizist, der für einen Wohnungslosen eine Gefahr darstellt. Vielmehr ist eine gesellschaftliche Gesamtsituation entstanden, in denen es für Menschen auf der Straße zunehmend schwerer geworden ist, wieder ein ein etabliertes Leben zurückzukehren. Es wird so hart nach verfügbarem Einkommen, Arbeits- und Leistungsfähigkeit, Arbeitsnachweisen, (Miet-)Schuldenfreiheitsbescheinigungen und anderen Parametern stortiert, dass Menschen von der Straße kaum noch eine Chance haben. Oder, an­ders gesagt, die Hürden zur Rückkehr in etablierte Lebensweisen sind so hoch, dass kaum ein Wohnungslo­ser in der Lage ist, sie zu nehmen.

Fazit

Zeichen der Landstraße - Aufruf Berberkongress 1991Eine erste Durchsicht der mit den Zeichen der Landstraße ausgedrückten Phänomene und ihren konkreten Erscheinungsformen in der heutigen Zeit zeigt, dass eine ganze Reihe von konkreten Problemen sich heute verschoben haben auf eine abstraktere Ebene. Es steht nicht mehr im Raum, ob es an einem konkreten Platz einen gefährlichen Hund gibt oder ob in der Nähe eine Polizist wohnt, der einen Arrest wegen Land­streicherei anordnen könnte. Auch ist es nicht mehr von Vorteil, in der sekulären Gesellschaft die eigene Frömmigkeit zu betonen oder gezielt nach Sachleistungen zu fragen.

Die anhand der alten Zeichen der Landstraße vorgenommene aktuelle Analyse der Lebenssituation Woh­nungsloser zeigt, dass Menschen auf der Straße mit unterschiedlichen Strategien, mit ihnen umzugehen, konfrontiert sehen. Diese Strategien entspringen unterschiedlicher Sichtweisen und Auffassungen zum dem Thema, sie haben jeweils eine eigene Tradition, sie bestehen nebeneinander her, teilweise ergänzen sie sich, teilweise widersprechen sie einander. Wir sind konfrontiert mit Initiativen privater und bürgerschaftli­cher Hilfeleistung, mit kommunaler (staatlicher) Unterbringung, mit staatlicher Hilfe durch Wohlfahrtsein­richtungen nach Sozialgesetzgebung mit einer Ausgrenzung und Vertreibung durch Rechtsmittel wie Haus­ordnungen, Straßensatzungen und Polizeiverordnungen zur sogenannten Gefahrenabwehr. Die private Hilfe­leistung, einem bettelnden Menschen Kleingeld zu geben, manchmal auch Naturalien, ist eine Überlebens­hilfe. In organisierter Form gründen Bürger Vereine, in denen sie Lebensmittel und Kleidung sammeln und an Bedürftige weitergeben, in dem sie Mahlzeiten kochen und ausgeben, in dem sie – insbesondere im Win­ter – Notübernachtungsge­legenheiten und Tagestreffpunkte organisieren. Diese Strategie ändert nichts an der Wohnungslosigkeit der Wohnungslosen – oder nur in den seltensten Fällen. Sie trägt aber immerhin dazu bei, dass wohnungslose Menschen überleben können.

Die kommunale (staatliche) Unterbringung geht auf eine Denkweise zurück, dass der Staat wissen möchte, wo seine Bürger sind. Umherwandernde Bürger sind ein Sicherheitsrisiko und Landstreicherei war lange Zeit ein Straftatbe­stand. Aus diesen Gründen ist auf der Ebene der einzelnen Länder in Deutschland eine Gesetz­gebung veran­kert, welche die Kommunen verpflichtet, wohnungslosen Menschen – sofern diese sich mel­den – eine Unter­kunft nachzuweisen. Diese Strategie führt dazu, dass aus wohnungslosen Menschen schlecht untergebrachte Wohnungslose werden. Sie müssen nicht draußen schlafen. Ein nicht geringer Teil von Wohnungslosen leh­nen diese Art von Unterbringung ab und zieht es statt dessen vor, auf der Straße zu bleiben.

Die auf Grundlage der Sozialgesetzgebung gewährte Hilfe wird ebenfalls von etlichen wohnungslosen Men­schen nicht gewollt, weil sie Angst haben, dass Unangenehmes aus der Lebensgeschichte zum Vorschein kommt oder weil sie durch diese Herangehensweise zu sehr die private Integrität berührt sehen. Auch ist es auf Grund der sich verschlechternden Rahmenbedingungen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt zuneh­mend schwierigen geworden, eine tatsächliche Integration mit diesen Hilfe zu erreichen. Das ist die häufigst­e Ursache für den sogenannten Drehtüreffekt, in dem sich die Lebenssituation Wohnungslosigkeit ver­festigt.

Und schließlich die Ausgrenzung und Vertreibung durch Rechtsmittel als ein Phänomen, welches in den letz­ten Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wohnungslose Menschen sind unerwünscht in Geschäftss­traßen und Einkaufszentren, an öffentlichen Straßen und Plätzen, auf Bahnhöfen und vor touristischen Zen­tren. Sie beschädigen das Image einer Stadt und die damit verbundenen Wirtschaftserwartungen. Teilweise indirekt, teilweise ganz unverhohlen wird versucht, Instrumente zu entwickeln, um wohnungslose Bürger von solchen Orten fernzuhalten. Es werden Straßensatzungen, die etwa den Konsum von Alkohol in der Öf­fentlichkeit verbieten, beschlossen und ähnliches mehr.

Auch die zunehmende Privatisierung von öffentlichen Räumen führt dazu, dass private Betreiber von Ein­kaufscentern, Shoppingsmalls, Gewerbeparks, Bahnen usw. Hausord­nungen erlassen können, die es unter­sagen, sich einfach nur aufzuhalten, zu betteln, Alkohol zu trinken, zu schlafen. Auch diese Strategie ändert nichts an der Tatsache, dass wohnungslose Menschen wohnungslos bleiben. Sie sind aber immerhin nicht mehr sichtbar. Sie ziehen sich zurück in die Randlagen der Städte, meistens in Gegenden, wo ohnehin schon soziale Probleme stark vorhanden sind. Auch auf der individuel­len Ebene kommt es immer wieder vor, dass wohnungslose Bürger Opfer von gewalttätigen Übergriffen und Anschlägen werden. Im Zeitraum von 1989 bis 2005 sind allein aus diesem Grund mindestens 143 Men­schen zu Tode gekommen (vgl. Akrap 2006)

Den Mechanismus in Bewegung bringt aber das Prinzip der vertreibenden Hilfe: Wenn, wie bereits darge­stellt, eine Stadt oder eine Ortschaft einen Wohnungslosen nur für die Dauer von drei Tagen aufnimmt und danach auffordert, den Ort zu verlassen. Wenn, um das Anliegen zu unterstreichen, dem wohnungslosen Menschen noch eine Fahrkarte zum nächstgrößeren Ort zur Verfügung gestellt wird. Wenn gegen das Prin­zip der Sozialgesetzgebung, dass jeder Bürger berechtigt ist, an jedem Ort in Deutschland seinen Lebensmit­telpunkt begründen zu können, bewusst verstoßen wird. (10)

Eine wirkliche Integration Wohnungsloser in die Mitte der Gesellschaft findet nur zu einem kleinen Teil statt. Wohnungslose bleiben wohnungslos, nur eben, dass sie weniger auffallen. Dass sie überleben können. Dass sie nicht hungern und nicht erfrieren müssen. Ihre Lebenslage ist verbessert, ihr Problem nicht beseitigt. Und ein Teil von ihnen lebt auf der Straße. Eher nicht freiwillig. Aber aus Gründen.

Dr. Stefan Schneider,
Europa Institut für Sozialwissenschaften & Partizipation
http://www.drstefanschneider.de
http://www.eisop.org

Literatur

  • Akrap, Doris: Obdachlosenfeindlichkeit. In: Amadeu Antonio Stiftung: Reflektieren. Erkennen. Ver­ändern. Was tun gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?, Berlin 2006

  • Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.: Statistikbericht 2010. Bielefeld 2011 (http://www.bagw.de/agstado/Statistikbericht_2010_Kurzbericht.pdf)

  • Czaplewski, Heinz: Vertreibung – nicht nur ein Problem von Wohnungslosen. Berlin 2002 (= Beitrag auf dem 8. Kongress Armut und Gesundheit am 6. und 7. Dezember 2002, http://www.gesundheitberlin.de/index.php4?request=search&topic=1603&type=infotext)

  • Deutscher Bundestag (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland – Erster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – Drucksache 14/5990. 8. Mai 2001 (PDF).

  • Deutscher Bundestag (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland – Zweiter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – Drucksache 15/5015. 3. März 2005 (PDF).

  • Deutscher Bundestag (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland – Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – Drucksache 16/9915. 30. Juni 2008 (PDF).

  • Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Band 6 Frankfurt a. M. 2008.

  • Jütte, Robert: Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neu­zeit, Weimar 2000

  • Hansestadt Hamburg: Obdachlose, auf der Straße lebende Menschen. Hamburg 2002

  • Kiebel, Hannes: "Na, du alter Berber". Beschreibung der Spurensuche zum Begriff "Berber". Berlin 1995

  • Kopecny, Angelika: Fahrende und Vagabunden. Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Strassen. Berlin [West] 1980

  • Ritzkowsky, Joachim: Die Spinne auf der Haut : Leben mit Obdachlosen ; Bericht - Analyse - Deu­tung. Berlin: Alektor, 2001

  • Scharfe, Martin: Wegzeiger. Zur Kulturgeschichte des Verirrens und Wegfindens. Marburg: Jonas Verlag 1998

  • Schneider, Stefan: Interkulturelle Soziale Arbeit in offenen und niederschwelligen Angeboten der Wohnungslosenhilfe. Berlin, München 2010

  • Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991

  • Schneider, Stefan: Leben auf der Straße. Wohnungslos in Deutschland (Vortrag). Berlin/ Osaka 2006

  • Schneider, Stefan: Ohne Wohnung wohnen, die gesundheitlichen Folgen und mögliche Beiträge der Medizin – eine Annäherung. Jena 2010

  • Schneider, Stefan: Tod auf Raten in der Stadtmission. Berlin 2003

  • Selke, Stefan: Fast ganz unten – Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird. Münster 2009.

  • Selke, Stefan (Hrsg.): Tafeln in Deutschland - Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungs­mittelumverteilung und Armutsintervention. Wiesbaden 2009a

  • Streicher, Hubert: Die graphischen Gaunerzinken (= Kriminologische Abhandlungen. H. 5). Wien 1928.

  • Trabert, Gerhard: Gesundheitssituation (Gesundheitszustand) und Gesundheitsverhalten von allein­stehenden, wohnungslosen Menschen im sozialen Kontext ihrer Lebenssituation. Bielefeld: Verlag Soziale Hilfe 1995

  • Trappmann, Klaus (Hrsg.): Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen. Gerhardt, Berlin 1980

  • Wohnsitz: Nirgendwo: Vom Leben und Überleben auf der Straße. – Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien. Berlin 1982.

Abbildungen

  • Einladungsflugblatt zum Berberkongress 19991 (berberkongress1991_a.jpg) (Unterlagen des Verfas­sers)

  • Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Grafik zur Statistik 2011 (http://www.bagw.de/fakten/BAG_W-Schaetzung.jpg)

  • Zeichen der Landstraße: "Achtung Gefahr" (zeichen_der_landstrasse_achtung gefahr.jpg) (Unterla­gen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Bissiger Hund" (zeichen_der_landstrasse_bissiger hund.jpg) (Unterlagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Die Bewohner sind feindselig" (zeichen_der_landstrasse_die bewohner sind feinselig.jpg) (Unterlagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Es gibt kein Geld" (zeichen_der_landstrasse_es gibt kein geld aber was zu essen.jpg) (Unterlagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Gefängnis droht" (zeichen_der_landstrasse_gefaengnis_droht.jpg) (Unter­lagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Hier gibt man nichts" (zeichen_der_landstrasse_hier gibt man nichts.jpg) (Unterlagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Recht fromm tun" (zeichen_der_landstrasse_recht fromm tun.jpg) (Unter­lagen des Verfassers)

  • Zeichen der Landstraße: "Wohnung eines Polizisten" (zeichen_der_landstrasse_wohnung eines poli­zisten.jpg) (Unterlagen des Verfassers)

Anmerkungen

1 Eine gute Übersicht über die Vielfalt und die Varianten der Zinken bietet die Arbeit von Hubert Streicher: Die graphischen Gaun­erzinken (= Kriminologische Abhandlungen. H. 5). Wien 1928. 

2 Der Umstand, dass es keine genauen Statistiken zur Wohnungslosigkeit gibt, wird in regelmäßigen Abständen beklagt. Immerhin die Zahl der in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebrachten Menschen kann recht genau ermittelt werden. Zudem stellt sich auch die Frage, ob es wünschenswert wäre, eine genaue Erfassung der auf der Straße lebenden Menschen vorneh­men zu wollen. Zur Ermittlung einer solchen Zahl müsste dann mehr oder weniger flächendeckend der öffentliche Raum durch­kämmt werden nach Wohnungslosen. Und damit würde auch die eine oder andere halbwegs sichere Platte öffentlich bekannt werden. Ob das im Sinne der Menschen ist, die auf der Straße leben, wage ich zu bezweifeln.

3 Nach meinen Erfahrungen würde ich den Anteil der Wohnungslosen mit Hund auf etwa 5 – 15% schätzen. In der Selbsthilfeorga­nisation mob – obdachlose machen mobil e.V./ strassenfeger, die ich in den Jahren 1995 – 2007 leitete, war der Anteil von woh­nungslosen Gästen mit Hund eher hoch und ein Anteil von bis zu 15% erscheint aus diesem Gesichtspunkt nicht unrealistisch. Auf der anderen Seite leitete ich eine Einrichtung, die Hunde ausdrücklich akzeptierte im Unterschied zur Mehrzahl der Einrich­tungen für Wohnungslose. Von daher gibt es gute Gründe, dass sich hier die Hundebesitzer eher trafen und der Gesamtanteil von Wohnungslosen auf der Straße mit Hund eher niedrig ist.
Vgl. http://www.strassenfeger.org/notuebernachtung.html
5 Berber ist eine gelegentliche verwendete (Selbst-)Bezeichnung für Menschen, die auf der Straße leben. Zur Bedeutung des Be­griffes vgl. Kiebel 1995.
6 Vgl. http://www.feantsa.org. Auf die besondere Situation der Sinti und Roma in Europa einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen, aber es ist klar, dass nahezu jeder Mitgliedsstaat der Europäischen Union mehr oder weniger massiv Menschenrechtsver­stöße gegen diese spezielle Gruppe von EU-Bürgern begeht. 

7 Um eine Vorstellung von den in niederschwelligen Einrichtungen stattfindenden Prozessen und Dynamiken zu erhalten, entwickel­te ich ein Planspiel Notübernachtung. Dazu entwarf ich möglichst unterschiedliche, einander widersprechende Charakterskizzen von 4 ehrenamtlichen Helfer_innen einer Notübernachtung und 12 wohnungslosen Menschen mit unterschiedlichstem Problemkonstel­lationen, die einen Schlafplatz benötigten. Aufgebaut wurden aber nur 10 Betten. Damit waren Konfliktlagen in einer Komplexität vorprogrammiert, die der realen Situation in den Einrichtung sehr nahe kam. Es blieben in diesem Rollenspiel immer die wohnungs­losen Menschen auf der Strecke bzw. wurden hinausgedrängt, deren Rollenbeschreibung durch psychische Auffälligkeiten bzw. durch einen Migrationshintergrund mit Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten charakterisiert war. In einer ersten, vorläufigen Auswertung kann damit als Vermutung festgehalten werden, dass sich gesellschaftliche Ausgrenzungsprozesse innerhalb von Hil­festrukturen zementieren und offenbar auch fortsetzen: Denn nur so ist zu erklären, dass die schwächsten, hilfebedürftigsten Nut­zergruppen eben nicht die höchste Aufmerksamkeit und prioritäre Hilfe erhalten (vgl. Schneider 2010).

8 So ist beispielsweise bekannt geworden, dass der Großteil der in den flächendeckend aufgestellten Altkleiderboxen abgegebe­nen Kleidung gar nicht in Kleiderkammern bedürftigen Menschen zu Gute kommt, sondern vielmehr von professionellen Recy­clingfirmen aufgekauft und zu unterschiedlichen Zwecken verwertet, zum Teil auf Märkten in Afrika und Asien in den Handel ge­bracht und weiter verkauft worden ist, mit nachteiligen Wirkungen für die regionale Textilproduktion. Altkleidersammelnde Wohlfahrtskonzerne sahen sich aufgrund der Medienberichterstattung zu Erklärungen gezwungen, denen aber teilweise in den Medien widersprochen wurde, vgl. beispielsweise

http://www.zeit.de/2011/45/NDR-Reportage-Altkleider-Luege/komplettansicht

9 Auch das nicht mehr. In Berlin beispielsweise erfuhr der Wohnungsmarkt in den Jahren seit 2008 eine derartigte Anspannung, dass Träger wiederholt beklagten, dass es zunehmend schwieriger werde, ehemals wohnungslose Menschen in eigenen Wohn­raum zu vermitteln, so dass diese zunehmend länger in ihren Einrichtungen verblieben.

10 Eine solche Praxis erinnert fatal an das europäische Mittelalter, als Deutsche Städte in sogenannten Bettlehrsatzungenn streng un­terschieden haben zwischen den einheimische Stadtarmen, die unterstützt wurden, und sogenannten ortsfremden Bettlern, die in sogenannten „Bettlerfuhren“ an ihren Heimatort zurückgekarrt wurden. 


Abgedruckt in: Fischer, Thomas/ Horn, Heinz Günter (Hrsg.): Straßen von der Frühgeschichte bis in die Moderne. Verkehrswege - Kulturträger - Lebensraum. Reichert Verlag Wiesbaden 2013, S. 317 - 337.

Schneider, Stefan: Zeichen der Landstraße und Menschen, die auf der Straße leben. Wiesbaden 2013.pdf