Karte der Masurischen Seen

1. Die Vorbereitung

2. Der Törn

Masurische Seen

Donnerstag, 30.06.2011 - Anreise

Freitag, 01.07.2011

Sonnabend, 02.07.2011

Sonntag, 03.07.2011

Montag, 04.07.2011

Dienstag, 05.07.2011 - Ruderbruch

Mittwoch, 06.07.2011

Donnerstag, 07.07.2011

Freitag, 08.07.2011

Sonnabend, 09.07.2011

Sonntag, 10.07.2011

Montag, 11.07.2011

Dienstag, 12.07.2011

Mittwoch, 13.07.2011

Donnerstag, 14.07.2011

Freitag, 15.07.2011

Sonnabend, 16.07.2011

Sonntag, 17.07.2011

Montag, 18.07.2011

Dienstag, 19.07.2011

Mittwoch, 20.07.2011 - Samstag, 23.07.2011 - Törnpause in Berlin und Warschau

Sonntag, 24.07.2011

Montag, 25.07.2011

Auswertung Masurentörn

Der Wasserweg zurück: Masurische Seen - Pisa - Narew - Wisla - ...

Dienstag, 26.07.2011

Mittwoch, 27.07.2011

Donnertag, 28.07.2011

Freitag, 29.07.2011 - Die Weichsel

Samstag, 30.07.2011 - Hafentag in Warschau

Sonntag, 31.07.2011

Montag, 01.08.2011 - 74 km unter Segeln auf der Weichsel

Mittwoch, 03.08.2011

Donnerstag, 04.08.2011

Freitag, 05.08.2011

Samstag, 06.08.2011

Sonntag, 07.08.2011 - Hafentag in Bydgoszcz

Montag, 08.08.2011

Dienstag, 09.08.2011

Mittwoch, 10.08.2011

Donnerstag, 11.08.2011

Freitag, 12.08.2011

Samstag, 13.08.2011

Sonntag, 14.08.2011

Montag und Dienstag, 15. und 16.08.2011 - Termine in Berlin

Mittwoch, 17.08.2011

Auswertung Rückreise

Auswertung Total

Schäden und Verluste

Donnerstag, 30.06.2011 - Anreise

TakToJest auf dem Trailer - Foto: Stefan SchneiderMathias sagt, wir treffen uns um halb sieben bei ihm und fahren dann los. Mir ist das recht, denn ich weiß oder ahne, wie verdammt weit der Weg ist. Um sieben sind wir Ostbahnhof und nehmen zwei Mitfahrer auf, und viertel vor acht hängt der Trailer mit meinem Boot drauf an seinem Bus. Die Reifen vom Hänger auf 2,5 Atü aufpumpen, die Kollegen vom Segelverein haben Mist erzählt. Schon jetzt beträgt der Reifendruck 2,8 Atü. Ich sollte ruhig 4,0 raufmachen, wenn ich mich traue, sagt Mathias. Dann läuft der Hänger besser. Ich traue mich nicht und finde, 3,6 Atü müssen auch reichen. Wir fahren so. Vom Aussenspiegel auf der Beifahrerseite kann ich gut Hänger und Boot beobachten. Wir führen über Landstraße auf die Autobahn. Boot und Hänger wackeln, die Straßen sind holprig, aber Mathias fährt umsichtig. Es sieht gut aus. Wir kommen ins Quatschen. Wir fahren auf die Autobahn und Mathias gibt Gas. Jetzt gehts's los. Aber warum hupt der Überholende? Ein Blick in den Rückspiegel zeigt: Verdammt, ein Gurt ist los. Bedenklich schwankt das Boot auf und nieder. Mathias bremst ab und fährt auf den nächsten Parkplatz. Der Hänger mit dem Boot gerät durch die Fahrbahnunebenheiten offenbar so in Schwingungen, das der eine Gurt lose kam und der Haken aus der Öse sprang. Ich hatte das Boot absichtlich nicht festgeknallt, weil ich ja weiß, wie GFK sich verformen kann. Offenbar die falsche Taktik. Wir zurren beide Gurte jetzt deutlich straffer fest und fahren weiter. Wir sind keine 50 km in Polen, wird Mathias plötzlich unruhig. Hörst Du dieses Geräusch? Irgendetwas schleift. Wieder rechts ran, wieder raus aus dem Bus gesprungen, wieder eine sorgenvolle Inspektion. Nein, nicht die Gurte. Das Stützrad ist nicht mehr hochgebunden, sondern schleift über den Boden und ist schon ganz abgerödelt. Die Sicherungsschraube zwischen Kurbel und Welle hat sich, wahrscheinlich aufgrund der Vibrationen, gelöst und das Stützrad ist nach unten gezittert. Gut, das wir das noch bemerkt haben, bevor es womöglich durch eine Bodenunebenheit komplett abgeschwert wäre. Wir packen die drei Einzelteile ins Auto und stellen fest, dass wir erstmal weiterfahren können.

Wenn das so weiter geht, überlege ich, kommen bestenfalls nur Bruchstücke von Boot und Hänger in Gizycko an. Wir haben noch nichtmal ein Viertel geschafft. Bei der nächsten Pinkelpause sehe ich,dass das Boot auch schon leicht schief auf dem Hänger liegt. Wahrscheinlich ist das passiert während der eine Gurt lose kam. O-oh, das ist nicht gut. Weiter passiert dann aber – wider erwarten – nichts. In Olstyn kommt noch mal der Gurt lose, wahrscheinlich aufgrund von irgendeinem extremen Schlagloch. Jetzt sinds aber nur noch gut 120 km bis zum Ziel, und wir beschließen, dass wir dieses Reststück heil überstehen können.

Es dämmert schon, als wir den Hafen Lok in Giżycko ansteuern und vor der Schranke halten müssen. Der Schrankenwärter will uns auch nicht öffnen, da noch ein Zug kommt. Wann der Zug kommt, wisse er auch nicht, aber auf jeden Fall ist der Zug verspätet. Wir nutzen die Zeit und besichtigen die Slipanlage und stellen fest, dass sie nur einen Schönheitsfehler hat. Sie ist mit einer Kette gesichert. Und der Mann an der Schranke sagt uns, dass er keinen Schlüssel hat und den Botsmann, der einen haben könne, leider auch nicht erreichen kann.

Wir sind aber vorher an einem anderen Hafen vorbeigefahren, an dem groß ein Schild war: Slip. Dann fahren wir eben dorthin, sagt Mathias. Nach einigem Rangieren stehen wir halbwegs gerade an der Schräge, aber eben nur halbwegs. Inzwischen ist es vollständig dunkel. Lass uns das abbrechen, sage ich, das wird heute nichts mehr. Wir stehen morgen früh um 6 Uhr auf und slippen dann. Ich hatte schon mal den hinteren Gurt gelöst und das Boot ist ein paar Zentimeter nach hinten gerutscht. Wir haben kaum noch Achsdruck, es besteht die Gefahr, dass das Boot das Auto nach oben hebt. Oh weh, das ist nicht gut.

Ich habe noch nie mit einem Trailer geslipt und war auch noch nie hautnah dabei, und ich bin entsprechend aufgeregt und angespannt. Ich weiß genau, das sich die Fehler noch häufen werden, wenn wir versuchen würden, das in der Dunkelheit durchzuziehen.

Freitag, 01.07.2011 - Slippen und Auftakeln

Am nächsten Morgen läuft alles planmässig. Ich ziehe das Boot mit einem Gurt etwas nach vorne, baue die Hängerbeleuchtung ab und Mathias fährt das Gespann präzise auf die Schräge. Ich löse den hinteren Gurt, Mathias schiebt den Hänger ins Wasser und das Boot fängt an, aufzuschwimmen. Es reicht aber noch nicht, obwohl schon der Auspuff ins Wasser bläst. Ich bedeute Mathias, einen halben Meter wieder hoch zu fahren, wir heben den Hänger mit der Kurbel des Stützrades hoch, kuppeln aus, lösen die Bremse und schieben den Hänger – Hosen, Strümpfe und Schuhe haben wir ausgezogen – tief ins Wasser. TakToJest schwimmt frei – geschafft.

Ich helfen Mathias beim zusammenbauen des Trailers und beim Einräumen der Gurte, und wenige Minuten später ist er auf der Piste – während ich an der Rezeption die Slipgebühr entrichte.

Das weitere ist fast ein Ritual – das Boot auftakeln,. Es fängt an zu regnen. Schritt für Schritt arbeite ich das Programm ab.

Hi Chrissi,

kannst Du Dich noch an die Jazz Kneipe Galerie in Giżycko erinnern? Das Haus steht noch, das Schild erinnerte mich daran, aber die Kneipe scheint zu zu sein. Dafür hat die Pizzaria WLAN - von dort schreibe ich Dir gerade.

Die Seglerischen Aktivitäten haben sich offenbar auf die andere Seite verlagert, und der Hafen, in dem wir immer waren, führt mehr ein Schattendasein.

Die Boote, die ich so sehe, sind größer und konfektionierter geworden. Nicht mehr die vielen schrulligen Individualisten, sondern die Neureichen, die sich die neusten Modelle vom Bootsmarkt angeschafft haben, dominieren das Bild. Ich komme mir vor, wie ein Anachronismus mit meinem Jollenkreuzer unter all diesen repräsentativen Booten.

Soweit mein Eindruck vom ersten Tag. Liebe Grüße aus Giżycko,

Stefan

Sonnabend, 02.07.2011 

Start: Gizycko
Ziel: bei Kamionki im Jezioro Dobskie
km unter Segeln: 18
km unter Motor: 3
Schleusen: -
Mast gelegt: 1

A. kommt mit dem Zug aus Warschau, ich hole sie mittags vom Bahnhof ab. Wir gehen die Gleise entlang zum Boot, dass ihr auf Anhieb gut gefällt. Sie richtet sich auf der Steuerbordseite ein. Wir sind uns einig, dass wir Richtung Norden wollen, vielleicht in den Dobskie-See. Der Mast ist zu legen, und A. will aufmerksam wissen, wie das Boot funktioniert und was sie tun kann. Ich lasse sie ans Steuer, doch schon nach wenigen Metern ist Schluss, die Drehbrücke hat geschlossen. Wir machen fest, nutzen die Zeit, um noch Magarine und Käse zu kaufen und eine kleine Zwischenmahlzeit.
Nach einer guten Stunde geht es weiter und am Ende des Kanals können wir Ankern, den Mast stellen. Den ganzen Nachmittag bleibt es regnerisch, und bei guten 2 Windstärken segeln wir den Kisajno-See hoch, passieren Sztynort und wenden unseren Kurs Richtung West zum Dobskie-See. A. meint, im Süden eine Bucht zu kennen, die wir aber nicht finden. Ich will eigentlich nach Gilma, aber ich bestehe nicht auf diesem Ziel.
Ich überlasse weitgehend A. das Steuer, was sie sichtlich freut. Sie ist mein Gast, es soll ihr gut gehen. Ich werde die nächsten Wochen noch genug Zeit zum Segeln haben. A. macht ihre Sache gut, nur gelegentlich brauche ich kleine HInweise zu geben. Der Wind schläft ein und ich schlage A. vor, in der Buch recht voraus vor Anker zu gehen. Die Bucht ist recht flach, der Heckanker fällt und wir finden einen Baum für die Bugleine. Das Wetter ist gnädig, es regnet nicht mehr, die Bewölkung lockert ein wenig auf, ein paar Sonnenstrahlen. A. hat schon wieder Hunger und wir machen Reis und dazu eine Tomaten mit Zwiebeln, Paprika, Zwiebeln und Salamistücken. A. ist sichtlich erfreut und auch ein wenig überrascht, dass für sie gekocht wird und dass sie nur den Reis zu überwachen hat. Wir hören ein wenig Musik und zum Nachtisch gibt es Nüsse und Rosinen.
Der erste Segeltag in Masuren - nass, grau, leichtwindig, aber auch heiter, freundlich und harmonisch.

Sonntag, 03.07.2011 - nach Wegorzewo und weiter

Start: bei Kamionki im Jezioro Dobskie
Ziel: über Węgorzewo zur Insel Upałty im Jezioro Mamry
km unter Segeln: 29
km unter Motor: 5
Schleusen: -
Mast gelegt: 1
Sonntag ist Gottesdiensttag, und das ist für A. wichtig, auch im Urlaub. Wir hatten am Vortag schon davon gesprochen, dass wir am besten Węgorzewo anlaufen, denn dort gibt es zwei oder drei Kirchen und sicher auch am Abend einen Gottesdienst. A. ist schon früh auf und an Land, ich rappele mich auf und koche Kaffee, bereite Frühstück vor. Das Wetter ist heute deutlich freundlicher als am Vortag und schon um 1000 MESZ sind wir bei 2 BF unter Segeln und passieren die Insel Lipka und segeln Richtung Sztynort, an Sztynort vorbei in den Dargin - See, um dort Richtung Norden zur Kirsajty-Brücke zu segeln. Meine alte, über 20 Jahre alte Karte vom letzten Törn verzeichnet Steine auf dem Weg in nur geringer Tiefe. Damals, vor 20 Jahren, galt es abzuschätzen, wo die in der Karte verzeichnenten Steinfelder sich tatsächlich befinden. Heute mache ich schwarzgelbe Spieren aus, die typischen Kennzeichnungen für Untiefen. Zwei Kegel übereinander an der Spitze dieser Spieren, die nach oben zeigen, markieren die Nordseite einer solchen Untiefe, zwei nach unten weisende Kegel die Südseite und so weiter. Dementsprechend auf der Nord- und Südseite sind die Spieren zu passieren. Ein einfaches und durchaus vertrauenerweckendes System.
Gegen 1400 MESZ erreichen wir Kirsajty, Segel runter, Mast gelegt, unter Motor durch die Brücke, Mast stellen, Segel setzen, weitersegeln. Das ganze Manöver dauert ganz in Ruhe ausgeführt weniger als eine Stunde und A. ist eine gute Unterstützung. Bereits um 1530 MESZ stehen wir vor der Kanaleinfahrt nach Węgorzewo. Laut Kartenangaben können wir den Mast stehen lassen, haben aber ein zwei Kilometer langes Kanalstück vor uns, das wir unter Motor zurücklegen.
Es gibt drei Marinas in Węgorzewo, gleich vorne links eine, und dann näher Richtung Zentrum zwei nebeneinanderliegende. Aber erst eine Wassertankstelle von Orlen, der polnischen Benzingesellschaft. Deutlich eindrucksvoller als der kurze Steg ist die riesige Säule mit dem Firmensignet, das alles überragt. Wir machen an der ersten Marina auf der steuerbordseite fest, A. übernimmt den Gang zum Hafenmeister, der hier in Polen immer Bosman heißt, wir machen uns beide frisch für die Stadterkundung. Ja, es gibt einen Gottesdienst um 18:30 Uhr, allerdings nicht in der Hauptkirche, sondern etwas abseits. Die Gemeinde heißt "Zum Guten Hirten", die Kirche selbst ist im Fachwerkstil gehalten und der Gottesdienstraum befindet sich sehr wenig barrierefrei im ersten Stock. Was mich aber weitaus mehr verwundert ist, dass die Kirche geschmückt ist im Jägerstil. Überall im Altarraum sind Äste und Zweige von Bäumen drappiert, zwischendurch ein Hirschgeweih. Nur Schusswaffen entdecke ich keine. Gewundert hätte es mich nicht. Die polnische Religiösität findet manchmal seltsame Ausdrucksformen. Bis zum Gottesdienst war noch genug Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Stadt und einen Besuch in der Pizzaria.

A. und ich waren uns bereits vorher einig, nicht in der Stadt bleiben zu wollen. Also sind wir wieder auf dem Boot und laufen aus. Wind ist wenig auf dem Mamry und es fängt an zu nieseln. Davon unbeeindruckt segeln wir langsam weiter. Es ist erstaunlich, dass A. sich wenig aus schlechtem Wetter macht und dass auch sie geduldig segelt. Wir beschließen, dass wir noch Zeit haben, schließlich wird es erst gegen 2130 MESZ dunkel. Aber sehr weit kommen wir nicht mehr. Ich schlage vor, Upałty anzulaufen, wir schummeln uns durch eine schmale Passage von zwei Schilffeldern hindurch und A. entdeckt eine Anlegestelle, die wir ansteuern. Wir nehmen das Hauptsegel runter, und nur unter Fock laufen wir die letzten Meter. Ich werfe den Heckanker, und A. bekommt am Ufer eine Wurzel zum festmachen.
Wir liegen schon im Bett, da kommt ein Wind auf und starker Regen. Der trommelnde Regen ist beruhigend, nur das Stuken des Bootes gegen das Holz am Ufer gefällt mir gar nicht. Dreimal pelle ich mich in dieser Nacht aus dem Schlafsack, ziehe mich aus und richte, nur in Unterhose und Bootsschuhe, die Leinen. Versuch eins, Heckankerleine dichter holen: Kein Erfolg. Versuch zwei: Vorleine so dicht ziehen, dass wir fest am Holz sind und nicht mehr daran stuken: Kein Erfolg. Versuch drei: Vorleine deutlich lose geben und uns mit dem Heckanker einen guten Meter nach achtern zu versetzen bringt endlich Ruhe. Nur noch das prasseln des Regens auf das Kajütdach und das Platschen der Wellen achtern. So kann es bleiben.
Das kommt auch selten vor: Wir wählen einen wunderschön geschützen Liegeplatz am Ufer und sollten laut Windprognose eigentlich in Lee liegen, und dann kommt Wind auf und setzt genau in dem schmalen Einfallswinkel des Liegeplatzes und nervt. Unglaublich.
A. liegt eingemümmelt auf ihrer Seite im Schlafsack. Ihr scheint das wenig zu stören, sie schläft schon halb. Um Mitternacht überreiche ich ihr ein Fläschchen Sekt und gratuliere zum Geburtstag. A. ist sichtlich überrascht, dass ich daran dachte. Ein Geburtstag irgendwo auf einem kleinen Boot an einer Insel auf dem Mamry. Auch nicht gerade gewöhnlich. Und ich freue mich, dass A. trotz ihres Geburtstags zu mir zum Segeln gekommen ist. 

Montag, 04.07.2011 - Abschied und Weiter

Start: Insel Upałty im Jezioro Mamry
Ziel: über Węgorzewo zur Insel Kocia im Jezioro Święcajty
km unter Segeln: 25
km unter Motor: 4
Schleusen: -
Mast gelegt: -

Der wunderschöne Morgenhimmel ist mehr als nur eine Entschädigung für die prasselnde Regennacht, in der ich dreimal raus musste, um das Boot endlich gut und stuckerfrei zum liegen zu bringen. A. ist schon auf und unternimmt einen Inselspaziergang. Sie ist sichtlich überrascht, als es zu Ihrer Rückkehr ein zweites (kleines) Geburtstagsgeschenk gibt - Marzipanherzen. Da der Wind immer noch recht frisch ist, schlage ich vor, ein Reff einzuziehen. Ich kann nicht einschätzen, was draussen auf dem Mamry los ist. Das Ablegemanöver klappt nocht so wie geplant, aber der Motor zieht uns im Rückwärtsgang raus und wir können Segel setzen. Vorsichtig kreuzen wir durch die schilfsfreie Passage vor der Insel auf den Mamry. Es ist 1000 MESZ. A. hat zwar Montag noch frei, muss aber nach Warschau zurück. Ihr Bus geht von Węgorzewo um 1600 MESZ und wir sind uns einig, für heute keine große Segeltouren mehr zu planen, die uns unter Zeitdruck bringen könnten.
Das Reff wäre jetzt vielleicht nicht unbedingt notwendig gewesen, aber immerhin segeln wir ruhiger und aufrechter. MIr ist auch nicht nach wilder Sausefahrt, und deshalb schlage ich vor, die Insel auf der Leeseite zu runden. Auch hier müssen wir wieder durch eine enge Passage hindurch - aber A. macht das wunderbar. Wir segeln hoch in den Jezioro Przystań, der nördlichen Ausbuchtung des Mamry. Auf dem Rückweg runden wir Zwiercyniek Róg und nähern uns wieder Upałty, nur diesmal von Norden. Es ist Zeit, den Kurs Richtung Węgorzewo zu setzen. Um 1415 MESZ sind wir wieder fest im Hafen von Węgorzewo. Für A. ist es Zeit, nochmal zu duschen, ihre Sachen zu packen. Ich überrasche sie mit einem dritten Geburtstagsgeschenk, dem Buch Spreeperlen. In der Widmung bedanke ich mich für das schöne Wochenende und wünsche mir einen Besuch von ihr in Berlin. Es ist noch Zeit für eine Pizza in der Stadt, und dann bringe ich A. zur Bushaltestelle. Ich weiss gar nicht, ob A. das bemerkt, aber der Abschied fällt mir sichtlich schwer. Ich habe selten ein so friedliches, freundliches, entspanntes und harmonisches Wochenende mit einem anderen Menschen verbracht. Wir beide ergänzen uns prima und es war mir eine tiefe Freude, ein schönes Erlebnis.
Nachdenklich gehe ich zum Hafen zurück, checke unterwegs in einem Restaurant mit WiFi nochmal die neueten Nachrichten und hole einen aktuellen Wetterbericht. Jetzt beginnt ein ganz anderer Teil des Urlaubs. Jetzt werde ich allein sein. Ganze drei Wochen lang. Bis A. wiederkommt. Das hat sie wenigstens angekündigt. Es hilft ja alles nichts. Um 1800 Uhr heißt es wieder: Leinen los, und zwanzig Minuten später segele ich bei schönsten Sommerwetter und guten zwei bis drei Beaufort auf dem Mamry, diesmal Richtung Jezioro Święcajty. Das ist nicht geplant, das ergibt sich so. In der Passage, die den Mamry mit dem Święcajty verbindet, muß ich richtig aufkreuzen, und bald schon auf der Wyspa Kocia (Katzeninsel) finde ich einen zauberhaften Liegeplatz. Mein Anlegemanöver gefällt mir gut: Mit dem Liegeplatz in Lee liegend stelle ich das Boot in den Wind, nehme das Großsegel runter und steuere nur unter Fock den Liegeplatz langsam an. Dann fällt der Heckanker, die Ankerleine läuft langsam ab und mit dem letzten Windhauch bin ich an der Insel. Aber nur fast. Vier Meter fehlen noch. Das Schwert, das ich nicht ganz hochgenommen hatte, bremste mich. Ich hole den Klappdraggenanker aus der Bilge und knote eine lange dünne Leine daran. Jetzt habe ich einen Wurfanker, der bereits beim ersten Versuch an Land verfänft. Jetzt das Schwert hoch, und ich kann mein Boot mit beiden Ankern so positionieren, dass ich gut in der Läcke fast an Land liege. Das mit dem Wurfanker am Bug werde ich mir merken für weitere Einhand-Anlegemanöver. Ich bin zufrieden, genieße den seglerischen Feierabend, lese und höre Musik.

Dienstag, 05.07.2011 - Ruderbruch

Start: Insel Kocia im Jezioro Święcajty
Ziel: Węgorzewo
km unter Segeln: 25
km unter Motor: 3
Schleusen: -
Mast gelegt: -
Ich ziehe mich am Heckanker raus und segle mich zunächst mit der Fock frei. Dann setze ich das Hauptsegel und segele den Święcajty aus, an der Wispa Bezimmiena vorbei und bis zum Kanal, der zum Stręgiel führt. Den Stręgiel selbst zu erkunden, erscheint mir nicht attraktiv, zum der See auch deutlich kleiner ist und nicht mit Motor befahren werden darf. Auf dem Rückweg frischt der Wind, der aus Nordwest kommt deutlich auf, und schon bald nach der Passage, die zum Mamry führt, bin ich mit Wind und Welle, die sich auf dem Mamry aufgebaut hat, konfrontiert. Ich bin erstmal ein wenig überrascht und nehme die Fock weg. Zur Musik von Fat Freddy's Drop und dunklen Wolken tanzen wir durch die Wellen des Mamy. Dann muß ich wieder hochkreuzen Richtung Węgorzewo. Ich werde mutiger und rolle wieder die Fock aus. Wenn jetzt was passiert, bin ich nahe genug am Ufer und mich sehen auch genug andere Boote. Ich jage den Tonnenstrich hoch so ziemlich an der Kante. Viel mehr geht nicht. Oben an der Einfahrt zum Kanal nach Węgorzewo nehme ich erstmal die Segel runter, ich bin erschöpft und brauche eine Pause. Węgorzewo war auch gar nicht mein Ziel, das hatte sich nur so ergeben. Eigentlich wollte ich weiter nördlich in den Jezioro Przystań, einer nördlichen Ausbuchtung des Mamry, und dort in irgendeiner schönen Bucht ankern. Ich setze also erneut die Segel, und kaum sitze ich am Ruder und will Kurs aufnehmen, macht es achtern: Krachs. Ich beuge mich nach hinten und sehe sofort: Der untere Beschlag vom Ruderkopf ist gebrochen, das Ruder steht schief und hängt nur noch mit dem oberen Beschlag des Ruderkopfes verbunden mit dem Heck meines Bootes. Mir ist klar, damit ist der Törn erstmal vorbei, an ein Weitersegeln ist erstmal nicht mehr zu denken.

Was für ein Glück, denke ich, dass mir das kurz vor Węgorzewo passiert ist. Und was für ein Glück, dass sich mir die Schwachstellen meines Bootes zu Anfang offenbaren und nicht, wenn ich mitten im Nirgendwo bin. Ich nehme die Segel runter, nehme das Ruder hoch, werfe den Motor an, löse die Schraube, die die Fahrtrichtung des Motors fixiert. Nur mit Motor kann ich auch steuern. Also zurück nach Węgorzewo und dann mal sehen, wie es weiter geht. Eine Stunde später stehe ich im Hafenturm von Węgorzewo im Büro vom Bosman und zeige ihm den ausgebauten Ruderkopf mit dem gebrochenen unteren Beschlag. Der kurze fachkundige Blick sagt mir, der Mann hat wirklich Ahnung. Er versucht einen Anruf, aber mir ist klar, wen immer er auch anruft, der Mensch wird Feierabend haben. Es ist 1830 MESZ. Aber morgen, zwischen acht und neun, bedeutet er mir, solle ich erneut zu ihm ins Büro kommen. Er selbst könne das hier im Hafen nicht reparieren, aber er kenne eine Firma, die das sicher könne. Morgen.

Ich verbringe den Abend im Internet und mache mir doch Sorgen. Ich führe mir die Bruchstelle vor Augen und denke mir: Wenn das nur provisorisch repariert wird, habe ich die ganzen nächsten Wochen ein latentes Problem mit einem Ruder, das gerade dann, wenn es wichtig wird, aussetzen könnte. Denn die mächtigsten Kräfte wirken auf das Ruder dann, wenn ich das Boot bei viel Wind hoch am Wind hochprügeln will. Und das kann schon wichtig sein, sich dann freikreuzen zu können. Und wenn dann der Beschlag wieder bricht? Schöne Scheiße aber auch. Aber ich kann jetzt nichts tun, muß abwarten, was der Tag morgen bringen wird.

Mittwoch, 06.07.2011 - Rhythmus

Start: Węgorzewo
Ziel: über Jezioro Przystan zur Insel Gilma im Jezioro Dobskie
km unter Segeln: 30
km unter Motor: 3
Schleusen: -
Mast gelegt: 1

Hallo A.,

wie Du gesehen hast, schicke ich Dir ab und an eine sms mit einem wichtigen Ereignis.
Inzwischen habe ich eine Art Rhythmus für meinen Tag gefunden, und der geht so:

Aufwachen
Kaffee kochen
Lesen
Baden
Aufräumen
Segeln
Ankommen
Aufräumen
Essen, Internet schauen oder Lesen
Musik hören
Schlafen

Die ganze Wahrheit aber ist, dass mich das gemeinsame Segeln mit Dir sehr beeindruckt hat. Deshalb ist es für mich gar nicht mehr so erstrebenswert, alleine segeln, weil das unterwegs sein mit Dir sehr viel konstruktiver ist - in fast jeder Hinsicht. Mit anderen Worten - Du fehlst mir. Beeindruckt hat mich auch, dass Du das Wetter so nimmst, wie es kommt und nicht nur eine reine "Schönwetterseglerin" bist. Heute hat es zum Beispiel richtig extrem geregnet, und durch das vorbeiziehende Gewitter war es auch ein wenig unheimlich.
Gespannt bin ich auch, wie es ist, wenn richtig viel Wind ist - zum Beispiel wie gestern - und es schwierig wird. Meine Vermutung ist, dass gemeinsam unsere Zuversicht größer und unsere Sorge kleiner wird, weil wir uns ja gegenseitig unterstützen werden.  (...)
Ich darf doch sagen, dass ich Dich (hier) vermisse? Aber Du kommst ja bald. Ja, und von Zeit zu Zeit werde ich Dir meine Reiseeindrücke schicken, wenn ich darf. Auch hier regnet es immer wieder, aber wenn es nicht regnet, kommen die Mücken.
Aber zwischendurch war auch schönes Wetter und Sonnenschein. Ich breche morgen Mittag auf Richtung Ruciane - Nida, du weißt ja, wegen dem Dzem-Konzert.
Ich umarme Dich freundschaftlich,
Stefan

Donnerstag, 07.07.2011 - Das alte Kino

Tak To Jest auf dem Kanal von Giżycko - Foto: Hans HoppStart: Insel Gilma im Jezioro Dobskie
Ziel: Hafen Lok Mazury in Giżycko
km unter Segeln: 19
km unter Motor: 3
Schleusen: -
Mast gelegt: 1

Der wohl prominenteste Hafen in Giżycko ist der von Lok Mazury. Er liegt direkt dort, wo der .... Kanal, der den nördlichen und südlichen Teil der Seenplatte miteinander verbindet, in den Niegocin-See mündet. Mit anderen Worten, faktisch alle Segler_innen, die Giżycko anlaufen, kommen irgendwann an diesem Hafen vorbei. Die Einfahrt verläuft parallel zum Kanal, und wegen seiner rundlichen Form ergibt sich aus fast jedem Liegeplatz einen Vorzüglichen Blick auf das Becken, das alle ein- und auslaufenden Boote passieren müssen.

Das war bei unseren ersten Besuchen noch richtig spektakulär. Ausserborder sowjetischer Bauart waren notorisch unzuverlässig, überhaupt waren Motoren nur sporadisch vorhanden und mit so wurde im Hafen mehr gepaddelt, gesegelt oder gewarpt, was bei stärkerem Wind zu interessanten Situationen führte. Aufgrund der zentralen Lage passierte eigentlich ständig irgendetwas, und eine der wichtigsten Tätigkeiten bestand darin, das Treiben zu beobachten. Ich hatte gerade segeln gelernt und war voll von theorischem Wissen darüber, wie Manöver optimal erfolgen sollten. Entsprechend diesem Wissen benoteten meine damalige Begleiterin die technische Ausführung der Manöver. Ein ausfallender Motor, eine kleine Kollision, eine ins Wasser gefallene Leine, ein mißglückter Anlegeversuch, unverhergesehene Halsen und Dreher im Hafenbecken, alles das gab Punktabzug. Irgendwannmal wurde uns das zu langweilig und wir beschlossen, unser Bewertungssystem durch die sogenannte B-Note zu ergänzen. In die B-Note floss alles das ein, was die Äthetik des Segelns ausmacht. Eine lustig angezogene Crew, ein charaktervolles Schiff, eine fantasievolle Flagge, ein origineller Bootsname, aber auch ein ungewöhnliches Hafenmanöver. So konnte es kommen, das ein technisch einwandfrei einlaufendes Boot von uns schlecht bewertet wurde, weil alles andere langweilig war. Und umgekehrt konnte eine Katastrophen – Crew in die Höchstpunktwertung kommen, wenn die Darbietung glaubwürdig dilletantisch war. Wir konnten uns stundenlang mit wachsender Begeisterung dieser Tätigkeit des aktiven Beobachtens im Hafen hingeben. Es war einfach – großes Kino. Einer der Höhepunkte eines Törns auf den Masurischen Seen. Daran dachte ich, als ich – vom Dobskie See kommend in den alten, so vertrauten Hafen einlief. Ich bin wieder da, im alten Kino. Tatsächlich hat dieser Hafen seine Bedeutung verloren, weil auf der anderen Seite des Kanals und damit näher am Stadtzentrum und am Bahnhof, neue Häfen entstanden sind. Sie bieten eine neue, moderne Infrasturkur mit Bootsstegen, Strom- und Wasseranschluss, modernen Sanitäranlagen, einer Wassertankstelle und gastronomischen Angeboten.

Im Vergleich dazu wirkt Lok Mazury, trotz des modernen Internet-Auftritts, wie ein Anachronismus, ein Ort, der einen in den Hafenalltag der späten 90er Jahre versetzen kann. Eine Art real existierendes Hafenmuseum. Die wenigen Neuerungen sind an der Hand abzählbar. Die Sanitäranlagen sind verpachtet, es gibt Stromanschlußkästen in Stegnähe, ein paar Moorings und einen Sammelbehälter für Plastikmüll.

Freitag, 08.07.2011 - Kein Geheimtipp

Start: Hafen Lok Mazury in Giżycko
Ziel: Ankerplatz bei Grajewo im Jezioro Niogocin
km unter Segeln: 5
km unter Motor: 3
Schleusen: -
Mast gelegt: -
Ist hier falsch, dieser Absatz .... Ich komme von meinem Rundgang auf der Insel Gilma zurück und sehe südlich der Insel ein Boot aufkreuzen, das die polnische Gastlandsflagge an der Steuerbordsaaling führt und achtern den schwarzrotgelben Lappen. Ich kann mit diesen Farben nichts anfangen und da ich sie nicht führen muss, habe ich die Fahne der Europäischen Union am Achterstag angebunden. Zwei Stunden später treffe ich noch Hans Hopp mit seinem Kollegen aus Regensburg, die mit einem kleinen, sehr seetüchtig wirkenden Boot unterwegs sind. Und in Lok Mazury sehe ich eine halbe Stunde zwei Boote auf ihrem Trailer, jeweils mit deutschen Kennzeichen, vorbereitet und fest verzurrt für die Heimfahrt. Und auf dem Weg zum Bosmann treffe ich den Mann, der im Winter immer meinen Aussenborder zur Inspektion bekommt. Seine Eltern wollen wie ich mit ihrem 20er Jollenkreuzer den Heimweg über Pisa, Narew, Weisel, dem Kanal Bydgoski und der Warta auf dem Wasserweg antreten – so wie ich, nur schon etwas früher. 5 Schiffe aus Deutschland an einem guten halben Tag im tiefsten Nordosten Polens – die Masurischen Seen sind sicher kein Geheimtipp mehr. Auch tschechische Flaggen sind häufig zu sehen.

Samstag, 09.07.2011 - Grosses  Masurisches WLAN

Start: Ankerplatz bei Grajewo im Jezioro Niogocin
Ziel: Mikołajki
km unter Segeln: 22
km unter Motor: 12
Schleusen: -
Mast gelegt: 3
Die Masurischen Seen sind ein Revier für Internet-Junkies (wie mich). In Giżycko ist an der Promenade am Kanal und am neuen Seglerhafen westlich des Kanals ein öffentliches WLAN eingerichtet, und im Touristen-Informationszentrum wird mir erklärt, dass das WLAN im Ausbau ist und bald das gesamte Stadtzentrum abdecken wird. Auch etliche Restaurants und Hotels bieten ein WLAN an, der Zugang erfolgt über das zu erfragende Passwort. In Wegorzewo und Mikołajki (und in Pisz und Nuciane Nida sicher auch, das werde ich bestimmt bald wissen) ist das ähnlich. Da praktisch alle Segler in diesem Revier wenigstens einen oder zwei dieser Orte anlaufen und die Orte im Grunde auch nur eine Tagesreise voneinander entfernt sind, besteht die Möglichkeit, regelmässig und kostenfrei seinen workload im Urlaub erledigen zu können – ein weiterer Grund, eher mehr als weniger Zeit für einen Segelurlaub in Masuren einzuplanen.

Auch besteht praktisch überall ein Netz für Telefonie ....

Sonntag, 10.07.2011 - Marmelade

Start: Mikołajki
Ziel: Schleuse Gruzianka vor Ruciane-Nida
km unter Segeln: 19
km unter Motor: 2
Schleusen: -
Mast gelegt: -
Es ist Sonntag vormittag, und ich sitze noch in Mikołajki und sollte bald aufbrechen, denn ich will heute abend in Ruciane - Nida sein auf dem Konzert von Dzem - auf deutsch: Marmelade. Plakate waren überall in Gizycko und Wegorzewo zu sehen, und tatsächlich konnte ich in der Touristen-Information von Gizycko eine Karte für das Konzert im Amphitheater besorgen. Eine der bekanntesten und ältesten Rockbands Polens.

Gestern das abendliche Segeln auf dem Ryn-See Richtung Mikołajki war einerseits schön wegen der umwerfenden Landschaft und dem schönen Sommerwetter, andererseits eine Tortour, weil im Abstand von Minuten hochmotorisierte Motorboote mit Höchstgewindigkeit das Wasser durchpflügten und mit ihrem Schwell und Lärm blanken Terror verbreiteten. Ein guter Vorgeschmack auf Mikolajki selbst, die im Grunde - wegen irger Lage - eine Segler-Party-Stadt ist. Wäre die Touristik nicht, wäre es ein x-beliebiges Kaff am Ufer.

Ich denke, ich sollte jetzt aufbrechen, denn zum Schreiben wird noch genug Zeit sein.

Montag, 11.07.2011 - noch schreiben

Start: Schleuse Guzianka vor Ruciane-Nida
Ziel: vor Anker bei Zamordeje im Jezioro Nidzkie
km unter Segeln: 13
km unter Motor: 6
Schleusen: 1
Mast gelegt: 1
xxx xxx

Dienstag, 12.07.2011 - noch schreiben

Start: vor Anker bei Zamordeje im Jezioro Nidzkie
Ziel: über Jaśkowo nach Nida
km unter Segeln: 29
km unter Motor: 0
Schleusen: -
Mast gelegt: -
xxx xxx

Mittwoch, 13.07.2011 - noch schreiben

Start: Nida
Ziel: über Schleuse Guzianka nach Jezioro Bełdany nahe Guzianka
km unter Segeln: 2
km unter Motor: 6
Schleusen: 1
Mast gelegt: 1
xxxx

Donnerstag, 14.07.2011 - Śniardwy

Start: über Schleuse Guzianka nach Jezioro Bełdany nahe Guzianka
Ziel: über Wispa Pajęcza nach Orkatowo
km unter Segeln: 37
km unter Motor: 1
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0
Ich bin nicht mehr weit gekommen gestern. Gut, ich habe mich auch noch lange in Ruciane (und im Internet bei U Ziutka, wo ich wirklich gut arbeiten konnte) aufgehalten, die alten Grollmanns dort getroffen und dann erst spät am Nachmittag von der kleinen Anlagestelle an der Schleuse aufgebrochen. Nach gut einer Stunde war schluß mit dem wenigen Wind, und die Lücke im Schilf querab bot sich einfach an. Am liegeplatz finde ich ein liebevoll aufgestapeltes Lagerfeuer, ich müsste es nur anzünden. Wollte jemand den Platz reservieren? Wollte jemand anderen Segler_innen eine Freude machen? Schwer zu sagen. Ich rühre das Lagerfeuer nicht an, denn allein macht es keinen Spaß und durchgefroren bin ich auch nicht. Soll jemand anders die Freude haben.

Heute vormittag musste ich dann erst das Buch der Philosophin und Künstlerin Anke Haarmann über Die andere Natur des Menschen zu Ende lesen, ein schwer zu lesendes Buch, das in einzelnen kurzen Essys unterschiedliche Dimensionen einer neuen politischen Körperlichkeit und die Chancen zur seiner Selbstbestimmung verhandelt. Ich werde dieses Buch noch rezensieren müssen.

Beim Ablegen hatte ich kleine Probleme, weil der aus südwesten wehende Wind meinen Mast in Baumzweige drückte, die mich daran hinderten, mich am Anker rückwärts herauszuziehen. Mit dem Bootshaken musste ich das Vorschiff vor herausstaaken, aber dann kam ich gut frei. Nach anstrengendem Segeln war mir nicht zumute, also rollte ich nur das Vorsegel aus und lief vor dem Wind ab - und das waren gute drei bis vier Windstärken. Der Wind wurde bei Wierzba deutlich schwächer und ich setzte auch das Hauptsegel. Ja, ich wollte auf den Śniardwy, Polens größtem Binnensee, und ich wußte auch, das es möglich war, denn der Wetterbericht prognostizierte, das wußte ich von meinen regelmässigen Wetterrecherchen auf Windfinder, nur mässigen Wind. Dennoch war diese Anspannung wieder da, als ich mein Ruder Richtung Śniardwy lenkte. Wenn nun doch ein Gewittersturm aufkam oder starker Wind, wie hoch würden die Wellen sein, würde ich mich auf diesem großen See noch orientieren können, und wie ist das mit den Untiefen und vor allem den großen, und dann gefährlichen Steinen knapp unter der Wasseroberfläche. All das kam als Fragen in mir auf und mir war klar, im Zweifelsfall würde ich alleine zurechtkommen müssen bei allem, was passieren konnte auf dieser großen Wasserfläche.

Zudem wollte ich nach Orkatowo, dem östlichsten Punkt des Sees. Ich konnte mir ausrechnen, das nicht viele Boote unterwegs sein würden in diese Richtung, dazu war es zu abgelegen, zu weit entfernt, zu wenig akktraktiv. Genau deswegen aber wollte ich dort hin. Schon in der Einfahrt war im östlichen Teil des Sees eine große, dunkele Wolke zu sehen und ich hörte bald auch ein Donnergrollen. Zudem beunruhigten mich auch die gelben Warnlichter, die gleich von vier Punkten aus im Halbsekundentakt warnten. Zwar mußte ich bereits vom Jezioro Kisajno, dass dies keine unmittelbare Gefahr signalisieren mußte, verstärkte mein mulmiges Gefühl aber doch. Also lief ich erstmal Richtung Pisz ab, der deutlich kürzeren und auch weitaus befahreneren Strecke zum südöstlichen Ende des Seengebietes.

Die Insel Pajęcza rückte auf der Backbordseite näher, die dunkle schwarze Wolke war abgezogen, das Donnergrollen wiederholte sich nicht und auch der Wind nahm nicht zu. Also bechloss ich den Kurs zu ändern und doch Orkatowo anzulaufen. Und das war gut: Der Himmel war zwar nach wie vor bedeckt, aber bei dem 6 Grad Kurs kam der Wind genau von hinten und ich konnte den Bojenweg, der genau nach Orkatowo führte, Tonne für Tonne ablaufen und mit guten 2 Beaufort an Windenergie von hinten kam ich auch zügig voran. Ich war hoch zufrieden, die Umstände waren sehr günstig für mich und meinten es gut mit mir.

Vor einigen Tagen hatte ich mir in Gizycko noch eine Karte vom Śniardwy gekauft. Sie zeigte zwar im wesentlichen auch nichts anderes als auf meiner 20 Jahre alten Karte von meinen ersten Reisen zu den Masurischen Seen und auch die neue Betonnung war noch nicht in die Karte eingezeichnet, aber doch vermittelte mir diese Karte eine ganze Menge mehr Sicherheit, da sie deutlich größer und alles deutlich besser sichtbar war.

Orkatowo - ein Ort, den nur wenige Segler_innen ansteuern - Foto: Stefan SchneiderIch genoß diese Fahrt vor dem Wind von Tonne zu Tonne. Nach gut einer Stunde kam ein weisses Gebäude in Sicht, das mußte die grobe Richtung sein. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde war das Ende des Tonnenweges erkennbar, aber der Ort selbst noch nicht. Ein Blick in die Karte zeigte, er lag etwas zurückgesetzt in einer Bucht. Nach einer weiteren halben Stunde kam am Ende des Tonneswegs auf der Backbordseite die in der Karte verzeichnete Eisenbahnbrücke in Sicht, Stellnetze wie so häufig an Engstellen, bald darauf kam links von der Brücke ein kleiner Biwakplatz mit einem kleinen Steg in Sicht, im Hintergrund hinter den Bäumen zeigte sich eine Kirchturmspitze. Um 1920 MESZ war ich dort festgemacht

Zauberhaft, einfach zauberhaft. An diesem romantischen und liebevoll gepflegten Biwakplatz mit seinem Holzsteg verloren sich noch vier weitere Segler und wenige weitere Boote. Ein paar Camper, Zelte und ein Wohnanhänger, sporadisch auf dem Gelände verteilt.

Ganz im Unterschied zu den größeren Orten, bei denen der Wassersporttourismus deutliche Spuren hinterlasssen hat, ist Orkatowo eine Ortschafut, die noch in sich selbst ruht. (xxxx Ortsbeschreibung und Notizen zur Kirche ergänzen xxxx)

Freitag, 15.07.2011 - Wasserspiele

Wasserspiele in Orkatowo - Foto: Stefan SchneiderStart: Orkatowo
Ziel: Mikołajki
km unter Segeln: 25
km unter Motor: 1
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

Mitternacht am Steg in Orkatowo. Ich liege in meiner Kajüte und lese von Suelette Dreyfus und Julian Assange das Buch Underground. Die Geschichte der frühen Hacker-Elite. Tatsachenroman als ich plötzlich ein Plätschern höre. Dann wieder. Plötzlich ist mir klar, das ist kein Wasserhahn. Hier wird auch kein Spülbecken geleert. Hier stehen Männer auf dem Boot und pissen ins Wasser.

Nun ist klar, dass dies nahezu alle Wassersportler machen und vor allem solche mit kleinen Booten. Und wo sollten sie auch hin mit ihrem Urin. Ich selbst habe zu dieem Zweck einen scwarzen Eimer an Bord, der nach dem Geschäft ins Wasser geleert und ausgespült wird. Auch Mitseglerinnen machen das so - mit dem Unterschied, das sie sich diskret zu diesem Geschäft in die Kajüte verziehen. Es geht also hier nicht um den Tatbestand selbst, sondern um die Diskretion oder, noch genauer, eine Frage des Respekts vor anderen Wassersportler_innen. Ich taste nach meinen Fotoapparat und stelle den Blitz ein. Das Plätschern hält an und ich robbe mich aus meiner Koje nach vorne und drücke ab. Volltreffer, allerdings nur schwach zu erkennen. Wenige Stunden später im Morgenlicht, ich liege gerade einen Moment wach gelingt mir ein Volltreffer. Das Bild ist gut. Ich werde es ins Internet stellen und den Leuten von der Charterfirma Zebra eine email. Die können doch gerne die jungen Leute auf ihr Verhalten ansprechen, wenn sie das Boot zurückgeben. Sie sprechen auch sicher besser polnisch als ich.

Der Rückweg gestaltet sich unspektakulär. Immer wieder gibt es Regenschauer, ich lese und trödele herum, gehe im Sklep ein paar Lebensmittel einkaufen. Gegen 1430 MESZ breche ich auf, es ist immer noch regnerisch, aber der Weg ist ein weiter. Plötzlich brechen kurz nach mir noch zwei weitere Boote auf. Der wind wird bald noch schwächer und nacheinander werfen beide Boote ihre Aussenborder an. Ich will den Śniardwy durchsegeln und frage mich, wie weit ich heute noch bei diesem Wind kommen kann. Immerhin reißt die Wolkendecke auf und die Sonne scheint zeitweise. Bestenfalls erreiche ich noch eine der Inseln auf dem Śniardwy. Dann setzt der Wind wideer ein, etwas südlicher und ich kann genau Westkurs fahren. Dann wird mir klar, was das bedeutet. Ich laufe Mikołajki an, habe wieder Internet-Anschluß für Post, Recherchen und aktuelle Wetterprognosen und eine hoffentlich mückenarme Nacht. In den südlichen Teil des Sniardwy kann ich immer noch segeln am Wochenende, und vor allem mit aktuellen Wetterprognosen.

Entgegen meiner Befürchtungen hat sich der Śniardwy an diesen beiden Tagen von seiner freundlichen Seite gezeigt und ich kann dankbar sein, den breiteren Teil gut durchsegelt zu haben. Gegen 2045 MESZ lege ich unter Segeln am Kai von Mikołajki an.  

Samstag, 16.07.2011 - Hafentag in Mikołajki

Start: Mikołajki
Ziel: Mikołajki
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 0
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0
Ich latsche nach dem Aufstehen rüber in das Eiscafe Alaska, dort habe ich Strom und einen stabilen Internetanschluß. Ausserdem will der Akku vom Fotoapparat geladen werden. Ich bin einigermaßen produktiv in meiner Arbeit am Reisebericht und überlege, ob das heute ein Hafentag werden soll. Nun, ich bin freiwillig hier und zum Segeln zwingt mich keiner. ...

Sonntag, 17.07.2011 -

Start: Mikołajki
Ziel: über Wispa Czarci Ostrów im Śniardwy nach Ryn
km unter Segeln: 53
km unter Motor: 2
Schleusen: 0
Mast gelegt: 1
Die Leute am Kai nerven langsam. Angeln, Tretboot fahren, Rauchen, Quatschen, Kinder ermahnen. Ich muss weiter. Bei einer Wettervorhersage von 3 Windstärken aus südlicher Richtung ist das Programm klar. In den Śniardwy, dort in den südlichen Bereich hochkreuzen und dann vor dem Wind zurück und hoch bis nach Ryn, das ich ja auch noch ersegeln will. Es ist ein schöner Sonnentag mit nur wenigen Wolken, der Wind ist wie angesagt mit leichten Böen und ich verlebe einen wunderbaren Segeltag. Ich will zwischen den Inseln Pajęcza und Czarci Ostrów hindurchsegeln, muss aber erstmal durch die ausgetonnten Untiefenfelder nördlich und nordöstlich von Pajęcza navigieren, ehe ich die Passage ansegeln kann. Auf beiden Inseln gibt es eine Handvoll Liegeplätze, die aber allesamt besetzt sind. Es wird also keine gute Idee sein, auf der Rückreise hier Station zu machen. Ich segele rüber zur Westseite und fahre dicht am Schilf mit achterlichem Wind das Ufer ab. Der Jezioro Warnołty scheint mir interessant zu sein, ein wurmartiger Fortsatz auf der südwestlichen Seite des Śniardwy. Ich finde auch die Einfahrt und bin mitten in einem kleinen See mit angedehntem Schilfbewuchs zu allen Richtungen hin. Eine sehr schmale Passage zeigt sich in westlicher, die aber mit Fischernetzen zugestellt ist. Ich segele näher heran, um die Durchfahrt zu fiden und stecke mit dem Schwert im Schlamm. Das ist hier nur noch etwas für deutlich kleinere Boote. Sollte ich hier jemals in meinem Leben nochmals segeln, nehme ich ein Kajak oder Kanu mit für solche Expeditionen. Also wieder zurück. Auf dem Rückweg komme ich noch an Popielno vorbei, einem zauberhaften, aber auch gut gefüllten kleinen Hafen inmitten einer Schilflandschaft.

Der Rest der Fahrt verläuft unspektakulär. Raume Winde schieben mich nordwärts, ich komme mit guten Tempo voran und muß an den Brücken von Mikołajki den Mast legen und auch auf dem Jezioro Tałty komme ich gut voran, bis etwa Mrówki. Dort gibt es eine langgestreckte Halbinseln, und dahinter knickt der See nach Nordosten ab. Mit anderen Worten, kein raumer Wind mehr, nur noch ein flaues Lüftchen. Für die letzten fünf Kilometer brauche ich geschlagene zwei Stunden, und erst gegen 2025 MESZ mache ich am nördlichsten Ende des Ryn-Sees fest. Dafür war diese Passage ausgesprochen schön - ein See inmitten einer bäuerlich geprägten Gegend - ganz im Gegensatz zur eher durch Forstbestände geprägten Gegend rund um Ruciane - Nida. Und auf dem letzten Kilometer reiht sich Segelverein an Segelverein auf der westlichen Seeseite. Ich verstehe der Wiedersuchung, dort festzumachen und finde einen kostenlosen Platz am Stadtanleger.

Montag, 18.07.2011

Start: Ryn
Ziel: Lok Mazury in Giżycko
km unter Segeln: 37
km unter Motor: 12
Schleusen: 0
Mast gelegt: 2
Ryn hat mir nicht gefallen. Ja, es ist schon ein wenig eindrucksvoll, wenn am Horizont das Schloss auftaucht, aber die billige Tanzparty am Ufer und die vielen gelangweilten alkoholisierten Jugendlichen - das hat mir nicht gefallen. Mag sein, dass es daran lag, dass ich am Wochenende aufgekreuzt bin. Immerhin gibt es am Schloss ein offenes WLAN, und immerhin lerne ich Andrzej kennen, den Restaurator aus Breslau, der mit seiner Familie auf seinem Boot, dass er ebenfalls in die Gegend getrailert hat, hier unterwegs ist. Ich mache ihm die Seenlandschaft Berlin-Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns schmackhaft und biete ihm an, dass mein Verein ein Startpunkt sein könnte für einen Törn. Mal sehen, ob daraus was wird.

Die aufkommende Hitze und der permanente Lärm vom Rasenmähen auf der öffentlichen - und großen - Wiese (ein Ende ist nicht abzusehen) verursachen bei mir einen kleinen Bootskoller und ich lege erstmal ab, um 500 Meter weiter vor Anker erst mal in Ruhe und lauter Musik klar Schiff zu machen: Abwasch, Hose waschen, Kajüte aufräumen, Schwertbolzenmutter nachziehen, Duschen, Boot putzen und so weiter. Bei angesagten 4 Bf mit Böen ziehe ich ein Reff ein und segle gegen 1220 MESZ los. Zuerst bin ich langsam unterwegs und muß auch mühsam gegen den südwestlichen Wind aufkreuzen, aber spätestens am Jezioro Tałty zeigt sich, wie richtig diese Entscheidung war. Bei Kursen gegenan frühzeitig reffen. Später, als ich durchweg achterlichen Wind habe, reffe ich aus, sehe aber eine Vielzahl Segler mit Reff entgegenkommen. Mit gelegtem Mast fahre ich von 1445 bis 1540 MESZ die Kanalstrecke durch (auf ein Segeln auf den dazwischenliegenden kleineren Seen verzichte ich aus Zeitgründen - was für eine dumme Ausrede!) und stelle am  Jezioro Szymoneckie wieder den Mast und kann jetzt gut vor dem Wind ablaufen. Gegen 1700 MESZ muss ich wegen einer Brücke am Kanal Kula nochmals den Mast legen, und dann ist es nicht mehr weit zum Niegocin, dem Haussee von Giżycko. Der Wind wird frischer, ich laufe zunächst ab in die südöstlichste Ecke, weil ich mir die Einfahrt in den Wojnowo See ansehen will. Starker Wellengang und eine Grundberührung mit dem Schwert halten mich aber davon ab, die Einfahrt genau zu inspizieren. Ich kreuze hoch zur Grajewska Kępa, weil ich mir vorgenommen hatte, den See halbwegs auszusegeln. Eine wahre Rauschefahrt.

Nachdem ich um die Insel rum bin, kreuze ich wieder Richtung Seemitte. Der Wind wird schwächer, aber ich komme wieder näher an die Insel. Wenn ich also scharf am Schilf langsteuere, müsste ich knapp vorbei kommen, denke ich. Bis richtig nah ran an die Schilfkante segeln hier fast alle und von meinen Ankerplätzen am Schilf weiss ich, dass es an der Schilfkante in der Regel einen Meter fünfzig oder mehr tief ist. In der Regel. Konkret jetzt und hier machte es Bong und Schepper, das Schwert knallt über Steine, ich reiße instinktiv am Schwertfall und nehme gleich noch das Ruderblatt hoch und sitze - ob der sogleich einsetzenden Abdrift im Schilf. Die Musik von John Coltrane, eben noch ein wahrer Genuß, nervt auf einmal richtig. Musik aus, Segel runter, Schwert und Ruderblatt richtig hoch, Paddel gegriffen, rausgestakt, im halbwegs tiefen Wasser Motor angeworfen und erstmal weg von der Insel. Im Grunde muß ich dankbar sein für solche Kleinsthavarien, denn sie halten mir vor Augen, dass das nautische Hauptproblem in der Faulheit und mangelnden Konzentration des Skippers besteht. Der Rest der Wegstrecke zum Alten Kino ist relativ unspektakulär, nur, dass ich das Kreuz des Heiligen Bruno erstmalig bewußt wahrnehme am Ufer des Niegocin westlich von Giżycko. Um 2040 MESZ bin ich fest im Hafen von Lok Mazury.

Abend finde ich im Postkasten Nachricht von Hans Hopp. Sein Freund Norbert und er sind nach ihrem Segelurlaub wohl behalten wieder nach Regensburg zurück gekehrt. Und meine Mutter ruft an. Sie bestellt Räucheraal. Den soll sie bekommen.

Dienstag, 19.07.2011

Start: Lok Mazury in Giżycko
Ziel: Lok Mazury in Giżycko
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 0,1
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

Muss mein Boot im Hafen verlegen. Schaffe es nicht, einen Schritt vom Boot auf dem Steg zu machen, falle ins Wasser und prelle mit dabei schwer die Schulter!

Mittwoch, 20.07.2011 - Samstag, 23.07.2011 - Törnpause in Berlin und Warschau

Mein Hauptsponsor hat mich für morgen zu einem Termin um 0900 MESZ nach Berlin bestellt und ich will nicht unhöflich sein. Also fahre ich mehr als 20 Stunden hin und zurück für einen halbstündigen Plausch. Aber es gibt wie immer genug zu schreiben und zu lesen, ich muss also nur eine positive Haltung zu diesem Zugfahrten entwickeln. Auf dem Rückweg fahre ich über Warschau, kann dort A. treffen und nach einem Tag Aufenthalt am Samstag mit ihr zusammen nach Giżycko fahren. Alles bestens.

- Fisch/ Aal / Unfall

Sonntag, 24.07.2011

Start: Lok Mazury in Giżycko
Ziel: Mikołajki
km unter Segeln: 26
km unter Motor: 13
Schleusen: 0
Mast gelegt: 3
Start in Giżycko

Montag, 25.07.2011

Start: Mikołajki
Ziel: Pisz
km unter Segeln: 21
km unter Motor: 8
Schleusen: 1
Mast gelegt: 1
nochmals der snardwyy

Auswertung Masurentörn

Reisetage:18
km total: 522
km unter Segeln: 435
km unter Motor: 87
Schleusen: 3
Mast gelegt: 16

3. Der Wasserweg nach Hause

Dienstag, 26.07.2011

Start: Pisz
Ziel: Ostrołęka
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 114
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

Heute hatte ich den Wecker auf 0800 MESZ gestellt, aus zwei Gründen. Zum einen hatte ich den Liegeplatz von dem Hotel nad Pisa nur für 4 Stunden bezahlt und nicht bis zum nächsten Tag. Zum anderen fühle ich mich unter Druck, rechtzeitig an der Schleuse Zeran zu sein. Von Jerzy Hopf, einem Experten für Wasserwege in Polen erhalte ich vorgestern  die Nachricht, dass es eine Haverie gegeben hätte und dass deshalb die Schleuse auf unbestimmte Zeit geschlossen sei. Und er kommtiert - und das glaube ich gerne - dass das dauern könnte, bis die Schleuse wieder in Betrieb gehe. Und: ICH MUSS DURCH DIESE SCHLEUSE. Es ist der einzige Weg zur Schleuse. Ich will also so schnell wie möglich dahin, um die Lage abzuchecken. Entweder Druck machen, dass eine Reparatur erfolgt, oder aber den geplanten Zeitpunkt der Wiederinbetriebnahme in Erfahrung bringen - um planen zu können. Oder einen Liegeplatz organisieren und dann überlegen, das Boot zurückzutrailern. So ein Mist aber auch - auf diesen Zwischenfall bin ich nun gar nicht vorbereitet. Welchen tieferen Sinn es wohl hat, dass ich in Warschau nicht weiter komme.

Die Pisa ist der kleinste Fluß auf meiner Rückreise, aber mit etwa 5 km Strömung der am schnellsten fließende. Diese Kombination aus schmal und schnell macht den Fluß schwierig. Kommt ein Hindernis, habe ich so gut wie keine Zeit und nur wenig Raum, dem auszuweichen oder gar zu wenden. Hinzu kommen die vielen engen Kurven, die es zusätzlich erschweren, ein Problem rechtzeitig zu erkennen. Wenn also was ist, werde ich wahrscheinlich raufdonnern, wenn es mir nicht gelingt, auszuweichen. Zudem bin ich alleine unterwegs, was sich im Fall eines Problems durchaus als schwierig erweisen kann - ich kann immer nur eins tun. Es gibt im Grunde keine abgestimmten Manöver.

Entsprechend angespannt fahre ich los - und bleibe es. Es wird klar: Dieser Fluß erlaubt keine Fehler. Etliche Äste liegen im Wasser, viele Bäume stehen bedenktlich schief, das Tempo ist hoch, ich will Strecke zurücklegen, und die Situationen ändern sich augenblicklich. Immer wieder muß ich das Ruder hochnehmen und neu justieren. Dann verfängt sich Kraut in der Schraube vom Aussenborder und ich wende mich um, um das zu klarieren. Sekunden später macht es Bum und ich bin auf einem im Wasser liegenden Baumstamm in Ufernähe aufgelaufen. Ich bleibe ruhig, nehme Schwert, Ruderblatt und Motor hoch und drücke mich mit dem Bootshaken weg. Das Boot und frei, treibt ab, und es gelingt mir, wieder kontrollierte Fahrt aufzunehmen. Wenig später liegen tatsächlich zwei Bäume im Weg. Deswegen war die Pisa über Jahre gesperrt, wegen Bäumen, die den Wasserweg blockierten. Bei dem ersten Baum bleibt tatsächlich noch eine Bootsbreite frei, bei dem zweiten Baum muss ich alles hoch nehmen, um mit der Strömung über die Äste zu rutschen. Wenn ich Pech habe, denke ich, bleibe ich bei einem der nächsten Bäume hängen und komme nicht weiter. Ich habe Glück, es gibt keine weiteren Bäume, die den Wasserweg blockieren. Das erste Viertel ist das Schwierigste.

Im weiteren Verlauf der Strecke habe ich noch einigemale Probleme mit dem Ruderblatt, dem tiefsten Punkt meines Bootes. Faszinierend, einen weitgehend naturbelassenen Fluß zu beobachten - Uferkantenabbrüche, neue Durchbrüche. Unzählige Kuhweiden, ungezählte Kühe, jede Menge Störche, viele Kraniche, zwei Biber. Ich mache zwei Pausen - eine zum Kaffeekochen und für die Morgentoilette, eine zweite, um Benzin umzufüllen, zu im Flußwasser zu duschen und ein Mittagsmüsli zu essen. Ich will diesen Fluß hinter mich bringen. Um 1700 MESZ erreiche ich die Narew - ich bin durch, nach 9 Stunden. Erleichterung.

Die Narew. Im Vergleich zur Pisa ein langsamer und behäbiger Bär an Fluß. Breit und ruhig, beinahme gähnig. Eine ganz andere Form der Bootsfahrt. Sogar mit nahezu vollständiger Kilometrierung. Ich will weiter. Es ist erst 1700 MESZ. Ein Blick auf die Karte zeigt: Ostrołęka. Tatsächlich ziehen sich die letzten Kilometer wie ein Kaugummi. Kraftwerk  .... erwähnen....

Auf meinem Zettel hatte ich mir notiert, dass es gleich nach der zweiten Brücke einen Hafen gäbe. Den gibt es auch. Ein versumpfter und verkrautetes Hafenbecken, in dem ein paar ausgediente Frachtschiffe abgestellt sind und eine Handvoll Angler. Einer von ihnen hilft mir, doch noch eine Festmachemöglichkeit zu finden. Nunja, besser als gar nichts. Ausserdem sollte es in Ostrołęka Internet geben. Gibt es auch.

Ich sitze in Ostrołękas Vietnamesischen Restaurant Van Binh, nutze den dortigen Internet-Anschluss und finde gleich zwei Nachrichten vom RZGW, dem polnischen Schifffahrtsamt, in meinem Postfach. Ich traue meinen Augen nicht: Die Schleuse Zeran ist in Betrieb. Das ist die Wende. Alles wird gut. Ich werde meinen Törn wie geplant durchführen können. Wie eine Nachricht alles ändern kann.

- Schwanenangriff

Mittwoch, 27.07.2011

Start: Ostrołęka
Ziel: Pułtusk
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 86
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0
hier kommt noch was

Donnerstag, 28.07.2011

Zalew Zegrzynki KarteStart: Pułtusk
Ziel: vor Schleuse Żerań
km unter Segeln: 12
km unter Motor: 41
Schleusen: 0
Mast gelegt: 1
hier kommt noch washier kommt noch was

Freitag, 29.07.2011 - Die Weichsel

Start: vor Schleuse Żerań
Ziel: Hafen Warschau, Weichsel km 511
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 9
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0
Seit gestern 1700 MESZ liegen wir vor der Schleuse Zeran sicher wie in Fort Knox. Die Schleuse ist zu wichtig, als dass sie über Monate hinweg geschlossen sein könnte, denke ich. Schließlich liegt dahinter ein großes Kraftwerk der Atomkraftbetreiberfirma Vattenfall, und das will mit Kohle versorgt werde. Als ich morgens gegen 1030 MESZ wach werde und mich umsehe, stelle ich fest, dass das Schleusentor schon einen Spalt breit offen steht, gerade so, dass mein Boot durchpassen würde. Als ob hier schn alles wüßten, dass ich heute schleusen würde. Als ob ich das einzige Boot wäre, as heute erwartet wird. Aber die Kollegen müssen noch warten. Ich hatte gestern an der Busstation eine Tankstelle entdeckt, und es wohl besser, immerreichlich Benzin gebunkert zu haben und wer weiß, wie weit es vom Warschauer Hafen zur nächsten Tanke ist. Auf dem Rückweg sage ich Bescheid, dass es gleich losgeht, und sie offenen sowohl das Schleusentor als auch die Sicherungsbrück für mich. Offenbar wurde meine Frage, ob ich überall auf der Weichsel mit stehendem Mast fahren kann und die Brücken hoch genug sind, falsch verstanden. Der Schleusenwärter meinte noch, dass der Pegel mit 3,40 Metern ungewähnlich hoch sei und ich aufpassen solle, da auch die Sandbänke überspült seien, aber in den nächsten Tagen würde der Pegel fallen. Die Schleusung verläuft undkompliziert, und hinter der Schleuse werfe ich erstmal den Anker, um in Ruhe Mast stellen und ausräumen zu können. Dann 1300 MESZ - rauf auf die Weichsel, stromaufwärts etwa 9 Flußkilometer, dazu eine gute Handvoll Brücken.

Es läuft zunächst wie erwartet, der Motor läuft Vollgas, und wir kommen langsam aber sicher voran. Dann die erste Brücke, die Durchfahrt ist markiert, die Breite interessiert mich nicht, und die Höhe ist mit 8 Meter nochwas angegeben. Nur, worauf bezieht sich diese Angabe? Wir haben Hochwasser, und ich habe eine Höhe von 8 Metern. Naja, 7 Meter 80. Vielleicht 7 Metger 70. Ich reduziere die Fahrt, und es macht nicht krax und knisch, ich habe noch gut einen Meter Luft und ich komme durch. Das wiederholt sich noch ein paar Mal. Einige Brücken haben keine Höhenangaben. Eindrucksvoll und langsam erscheint die Kulisse von Warschau und ich schiebe mich Meter um Meter vorwärts. Meine Sorge ist: Was, wenn der Motor jetzt ausfällt? Aber warum sollte er? Und auch hier würde ich Ankern und versuchen, den Schaden zu beheben. Nur ohne Motorkraft ans Ufer zu kommen, könnte schwierig werden ber der Strömung.

Wie mächtig die Strömung ist, erlebe ich an der ersten alten Brücke mit den steinernen Fundamenten. Die Fahrrinne ist verengt, alles wasser der ohnehin schon stark strömenden Weichsel muss hier durch, und entsprechend stark ist die Strömung. Ich sthe zwischen zwei Pfeilern unter der Brücke, der Motor läuft unter Volllast, und ich komme für Sekunden keinen Zentimeter vorwärts! Ich hatte soetwas ähnliches vor einiger Zeit am Rhein bei Bingen beobachtet. Auch hier ist das Fahrwasser durch Felsen verengt und die Strömung dadurch sehr stark, und die stromaufwärts fahrneden Frachtschiffe schienen auf der Stelle zu stehen. Ich machte mir Sorgen: Wenn ich morgen mit Gästen an Bord und damit noch mehr Gewicht hier durchwollte, was würde dann sein. Ich komme ja jetzt noch nicht von der Stlle. Dann aber doch. Zentimeter für Zentimeter schieben wir uns vorwärts und nach scheinbar endlosen Sekunden ist die Brücke passiert. Das wird mir im Verlauf der Stecke noch ein weiteres Mal passieren. Schön ist das nicht und gibt einen Hinweis auf die gewaltigen Kräfte, die hier wirken.

Ich brauche tatsächlich ganze zweieinhalb Stunden für neun Flußkilometer. Das entspricht einer Geschwindigkeit von 3,6 Stundenkilometern. Mein Motor schafft bei normalen Verhältnissen zehn bis elf Stundenkilometer. Das gibt eine Vorstellung davon, mit welcher Wucht die Weisel mir begegent. Gegen 1530 MESZ erreiche ich den Hafen in Warschau und mache am Steg vom PTTK Rejsy fest. Der dicke Hafenmeister ist sehr nett und es gibt eine Toilette und eine Dusche. Alles bestens.

Sonntag, 31.07.2011 - auf der Weichsel segeln?

Start: Hafen Warschau, Weichsel km 511
Ziel: vor Anker Nowy Dwór Mazowiecki, Weichsel km 547
km unter Segeln: 29
km unter Motor: 7
Schleusen: 0
Mast gelegt: 1

Montag, 01.08.2011 - 74 km unter Segel auf der Weichsel

Start: vor Anker Nowy Dwór Mazowiecki, Weichsel km 547
Ziel: vor Anker Nowy Kępa Osnicka vor Płock, Weichsel km 619
km unter Segeln: 74
km unter Motor: 1
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0
Als um 2020 MESZ kurz vor Płock an der Kępa Osnicka der Anker fällt, liegen 74 Flußkilometer Weichsel hinter mir, die ich allesamt in guten 8 Stunden unter Segeln zurückgelegt habe. So weit, so kurz. Ich konnte mit dem Strom fahren, musste aber gegen den Wind kreuzen. So bin ich diese Strecke mehr oder weniger im Zickzackkurs gefahren und konnte dabei gut den hohen Wasserstand der Weichsel ausnutzen. Einmal habe ich beim Segeln eine Untiefe erwischt, das Schwert knirschte leicht im Sand. Der böige Wind machte mir etwas zu schaffen, und bei einer dieser Böen flog die Thermoskanne durch das Boot, es machte knacks und der Kaffee verteilte sich auf dem Schiffsboden. Als ich abends das Bilgenwasser auspumpte, hielt ich die braune Brühe zuerst für Weichselwasser und dachte darüber nach, wo im Boot das Leck sein könnte. Es war aber der Kaffee, der sich mit den Regensturzbächen vom Vortag gemischt hatte. Beim Aufräumen des Böen-Chaos konnte ich auch den Wasserkanister nicht mehr finden, den muss ich allerdings schon im Hafen von Warschau vergessen haben. Also koche ich Kaffee mit Mineralwasser und schütte ihn in die Teekanne. Das geht auch. Und vorne im Bug ist ein zweiter Kanister für Wasser, gut, dass ich ihn doch mitgenommen habe. Die Durchfahrt unter der Brücke von Wyszogród ist keine Zitterpartie, schon vom Augenschein ist sie hoch genug, und es sind bestimmt gute 3 Meter Luft zwischen Mastspitze und Brückenunterkante, schätze ich. Eine eindeutige Markierung in Form eines Pegels könnte hier manche Nerven sparen. Wenig später ist das Ruder wieder ungewöhnlich locker. Eine kurze Inspektion ergibt, dass die untere bootsseitige Vierkant-Halterung für den nicht mehr fest ist, die Kontermutter im Bootsinneren wird sich losgearbeitet haben.

Ich nehme mir zuerst vor, das Problem zu ignorieren und mich heute abend in Ruhe darum zu kümmern. Nach 10 Minuten entscheide ich um, drehe bei, räume das ganze Achterschott frei und ziehe mit einem 17er Schlüssel die Mutter fest. Problem gelöst.

Dienstag, 02.08.2011

Start: vor Anker Nowy Kępa Osnicka vor Płock, Weichsel km 619
Ziel: Hafen Płock, Weichsel km 629
km unter Segeln: 9
km unter Motor: 1
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

Mittwoch, 03.08.2011

Start: Hafen Płock, Weichsel km 629
Ziel: vor Schleuse Włocławek, Weichsel km 673
km unter Segeln: 43
km unter Motor: 1
Schleusen: 1
Mast gelegt: 0
Ich hasse Mooringbojen. Du brauchst immer eine Zeit, sie zu greifen, die Öse für die Leine zu fassen und Deine Achterleine durchzupfriemeln. Gerade, wenn Du alleine bist, ist Dein Schiff dann in einer Position, dass das ganze Manöver im Grunde im Eimer ist und die Schwierigkeiten anfangen. Ausserdem weist Du nie, wieviel Leine da unten dran ist. Ein Heckanker ist im Verleich dazu wesentlich unkomplizierte: Du wirfst ihn über Bord an der Stelle, wo Du ihn haben willst und läßt dann Deine Leine ablaufen und belegst sie dann beizeiten. Um hinreichend Spielraum zu haben, verwende ich bei meinen Heckanker-Manövern immer die längste Leine, und die hat 30 Meter. Ja, manchmal könnte sie noch länger sein.

Auf jeden Fall werde ich wohl heute an der Schleuse Włocławek nicht mehr weiter kommen, aber direkt davor gibt es steuerbord ein paar feine Liegeplätze. Das bedeutet mir auch ein Mann, der wenige Augenblicke später mit seinem Auto davon fährt. Ich lasse mich also zu einem Anlegen mit einer Mooring-Boje achtern hinreißen und liege prompt quer. Ach, hätte ich nur auf bewährte Art den Heckanker genutzt, ich wäre auch vorne fest.

Die Schleuse gibt es, weil 1970 hier an dieser Stelle der Weichsel ein riesiger Damm errichtet wurde, der die Weichsel auf einer Länge von gut 40 km aufstaut und dadurch seenartig verbreitert. Und genau dieses Stück bin eich heute gesegelt von meinem Aufbruch um 1130 MESZ bis zu meinem Festmachen hier in Włocławek. Die lange Zeit läßt erahnen, dass nur wenig Wind war und die Strecke damit, trotz ihrer Schönheit und des Sonnenscheins eher eine Tortour. Aber: Was für ein Revier!

Der Sinn der Staustufe war die Stromgewinnung, die Generatoren dröhnen unablässig und sind noch weit zu hören. Ich inspiziere die Schleuse und mir wird klar: zehn, zwölf Meter Höhenunterscheid, da kann eine Menge Strom gewonnen werden. Und ich freue mich, dass ich den Mast nicht legen muß. Ich glaube, das ist eine Premiere für mich und mein Boot. Natürlich gibt es die obligatorische Straße am Ende der Schleuse, aber dann bin ich schon heruntergeschleust und es sollte genug Luft sein.

Auch das Ablegemanöver heute früh erfolgte unter Segeln. Der Wind wehte mit der Strömung und so konnte ich noch am Steg das Segel hochziehen. Dennoch ließ ich den Motor mitlaufen, denn es galt, die schmale Druchfahrt zwischen dem Steg und der neu gebauten Mole sicher zu erwischen, und dort setzte eine starke Strömung. Płock ist wirklich eine schöne Stadt, und sollte ich eines Tages, vielleicht im Rentenalter mit entsprechend mehr Zeit, diese Strecke nochmal befahren, sollte ich wohl sicher mehr Hafentage einplanen. Auch gibt es in diesem Streckenabschnitt deutlich mehr Marinas. Genau gesagt: Es gibt hier überhaupt mal Marinas. Dafür habe ich jetzt auch keine Zeit. Ich bin auf dem Heimweg und will und muß unter Segeln meine Kilometer  machen.

Die Leute an der Schleuse Włocławek würden mich auch jetzt noch, 2020 MESZ schleusen. Aber das würde sicher dauern, und es wird bald dunkel. Und wo sollte ich auch hin? Włocławek selbst hat keinen Hafen. Dennoch ist die Schleuse Tag und Nacht in Betrieb. Ich möchte mal wissen, für wen, oder, welches Schleusenaufkommen überhaupt hier besteht. Es würde mich nicht wundern, wenn ich morgen der einzige wäre. Mal sehen, ob es im Internet dazu eine Statistik gibt. Womöglich gibt es hier in einigen Jahren auch eine automatische Schleusenanlage? Die Männer von der Schleuse erklären mir den Weg zum nächsten Lebensmittelgeschäft. Ich könnte auch mit dem Bus in das Stadtzentrum von Włocławek fahren, das ist 5 km weit entfernt, aber dafür ist es mir schon zu spät und es ist ungewiß, bis wann die Busse fahren, die mich wieder zurückbringen.
Also kaufe ich im Sklep 2 Liter Milch und 2 Pfannkuchen und checke an der Orlen-Tanke am anderen Ende des Ortes, wo ich ein offenes WLAN finde, meine Post.
An A. schreibe ich eine lange email und frage mich, warum sie die Gefühle, die sie mir gegenüber empfindet, so offensichtlich bekämpft. Oder sollte ich mich da irren?

Donnerstag, 04.08.2011

Start: vor Schleuse Włocławek, Weichsel km 673
Ziel: Hafen Toruń, Weichsel km 736,5
km unter Segeln: 62
km unter Motor: 2
Schleusen: 0
Mast gelegt: 1
Die laute und durchdringende Stimme eines Mannes weckt mich. Kein Zweifel, ich bin gemeint. Schleusen solle ich. Ich will noch eine halbe Stunde Zeit heraushandeln, um wenigesten Kaffee zu kochen und wach zu werden, aber der Mann ist unerbittlich. Ich solle bitte jetzt und sofort schleusen. Es klingt energisch aber nicht unfreundlich. Na gut, ich wollte ohnehin früh los heute. Ich frage mich, ob unten bereits ein weiteres Schiff wartet, oder aber ob die Männer heute zeitig ihr Tagespensum abarbeiten und dann den Rest der Schicht Karten spielen wollen. Ich denke letzteres.
Ich mache an einem dieser Schwimmpoller in der Schleuse fest. Die Gebühr wird kassiert, dann geht es los. Nach 10 Minuten wird mir klar, das hier wird dauern, und an den Leinen habe ich im Grunde nichts zu tun. Also hole ich den Schwarzen Eimer hervor, gehe erstmal auf Klo. Dann räume ich das Boot auf. Es ist immer noch genug Zeit. Also koche ich Kaffee. Also sich das Schleusentor für mich wieder öffnet, trinke ich schon meine zweite Tasse. Allein nur das Absenken hat eine ganze Stunde gedauert. Um 0830 MESZ bin ich geweckt worden. Jetzt ist es 1005 MESZ. Ich bin 100 Meter weit gekommen, bin jetzt aber bestimmt 10 Meter tiefer.
Ich setze gleich nach der Schleuse das Segel und es geht weiter. Włocławek lasse ich links liegen - ich muss weiter. Die restlichen 60 km sind durchwachsen. Der Wetterbericht versprach zwar leichten Wind von achtern, aber der Fluß ist längst nicht mehr seenartig verbreitert, sondern wieder ein Fluß. Immer wieder Passagen mit annähernder Flaute, dann wieder ein leichter, mich schiebender Wind. Ab hier gibt es auch eine intensive Betonnung. Rote und grüne Tonnen, die das Fahrwasser markieren, meist paarweise. Teilweise schwer auszumachen: Ich habe eine längere Wasserstrecke vor mir, finde aber meine rote Tonne, die ich an Steuerbord liegenlassen muss, weit backbord voraus im Fahrwasser. So wird die Strecke zu einem ständigen Zickzackkurs und ich muss permanend Kurs und Segelführung anpassen.

Freitag, 05.08.2011

Start: Hafen Toruń, Weichsel km 736,5
Ziel: vor Schleuse Brdyujscie, km 1
km unter Segeln: 36
km unter Motor: 2
Schleusen: 1
Mast gelegt: 1

Ankern im Fluss ist eine ziemlich idiotensichere Sache. Du schmeisst Deinen Anker über Bord, wartest ein bisschen, bis sich alles sortiert und danach stehst Du bombensicher im Strom für alle Ewigkeit. Das jedenfalls waren meine Erfahrungen aus zahlreichen Ankermanövern in Elbe, Havel, Spree und Oder. Bis heute. Ich wußte laut Karte, dass die Weichsel einen großen Schwenk nach Nordosten machen würde, und wenn ich die Brücke von Bydgoszcz zu Gesicht bekommen würde, müsste ich backbords bald die Einfahrt zur Brda sehen können. So war es denn auch. Ich war noch unter Segeln und versuchte, segelnd dieses Nebenfahrwasser zu erreichen. Da dort auch bald eine Schleuse kam, hatte ich mir ausgerechnet, dass es dort auch kaum Strömung geben sollte. Ich hatte die Rechnung ohne die Weichsel gemacht. Zwar konnte ich schon Kurs Richtung Brda nehmen, aber der seitlich Wind war zu schwach, um diesen Abschnitt erreichen zu können. Die Strömung der Weichsel war einfach stärker. Macht nichts, dachte ich mir, dann nehme ich die Segel weg, setze den Anker, lege bei der Gelegenheit den Mast und fahre unter Motor in die Brda. Bei der Schleuse und den vielen Brücken in Bydgoszcz hätte ich den Mast ohnehin legen müssen. Also ein Abwasch. Der Anker fliegt also über Bord und ich packe in aller Seelenruhe die Segel ein. Sehr ordentlich diesmal, denn es würde eine Weile dauern, bis ich wieder segeln würde, wahrscheinlich erst wieder auf der Oder, gut eine Woche später.
Irgendetwas stimmt nicht. Ich unterbreche meine Arbeit und sehe: Wir liegen nicht vor Anker, wir treiben. Die Ankerleine ist straff, aber wir treiben. Wir sind an der Aussenkante des Bogens, den die Weichsel hier beschreibt. Und die Strömung schiebt und genau dort hin. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Die Brücke von Bydgoszcz ist zwar noch weit weg, hier droht keine unmittelbare Gefahr, aber irgendwo im überfluteten Weichselufer im flachen Wasser zwischen Gestrüpp und Bäumen zu hängen, ist nun gerade das letzte, was wir brauchen. Kontrolliertes Tempo ist in solchen Situationen angezeigt. Ich binde das Großsegel halbwegs fest, hole den Anker auf, gehe nach Achtern und reiße den Motor an, der auch beim zweiten Mal zuverlässig startet. Zwischendurch peile ich wiederholt mit Blicken die Lage: Es ist noch nicht kritisch, aber es dabei, es zu werden. Das überflutete Ufer kommt näher und näher. Ich gebe Gas und fahre uns erstmal deutlich Richtung Fahrwassermitte. In den wenigen Sekunden des Treibens sind wir doch zwei- bis dreihundert Meter weiter getrieben. Diese müssen jetzt mühsam Meter für Meter gegen den Strom erkämpft werden. Nach einigen Minuten ist das Nebenfahrwasser der Brda erreicht und die Lage wieder unter Kontrolle. Nach einem Kilometer kommt die erste Schleuse, dort davor ankere ich, um in Ruhe das Segel zu Ende zu klarieren und den Mast zu legen für die bevorstehende Schleusung.
Als ich den Anker lichte, um zur Schleuse vorzufahren, finde ich eine mögliche Erklärung für das Problem von vorhin. An der Spitze der Ankerflunke pappt dicker, lehmiger Torf. Die übliche Strategie, durch mehrfaches tauchen den Anker zu säubern, verfängt hier nicht. Die lehmige Masse bleibt einfach pappen. Ich muss sie mit den Fingern wegreiben. Wenn also der Weichselboden an dieser Stelle vorhin ebenfalls lehmig war, hatte der Anker wenig Chancen, sich bei der Strömung irgendwo einzugraben und ist einfach über den Lehm-Torfboden gerutscht. Mensch lernt nie aus. Zu gerne würde ich wissen, welche Chancen mein großer, schwerer Anker gehabt hätte? Oder die spitzen Flunken meines kleinen, eher unscheinbaren Klappdraggenankers. Ich werde es erstmal nicht erfahren.
Die Schleuse ist offensichtlich neueren Baujahrs, und im Einfahrtsbereich hängt ein schiefes Schild, auf dem, handgemalt, die Öffnungszeiten verkündet werden. Ich bin eine halbe stunde zu spät, versuche den Schleusenwärter vergeblich auf den beiden angegebenen Nummern zu erwischen und mir wird klar, dass ich heute Nacht hier blieben muss. Dabei ist es noch nicht einmal 1630 MESZ.
Mitteln im Schleusenwartebereich gibt es vier riesige Stahldalben, von denen zwei mit einem langen Laufgitter mit dem Ufer verbunden sind. Hier werde ich liegen können. Ich vertäue uns also und sehe, dass ich vom Boot aus gute dreieinhalb Meter eine senkrechte Metallleiter hochsteigen muss. Das ist auch nicht jedermanns Sache. Aber gut, eine solche Situation kenne ich noch von meinem früheren Liegeplatz Hafen Tempelhof, und mit etwas Zähne zusammen beißen und Atem anhalten geht es schließlich doch.
Der Mann an der Schleuse ist nur vom Sicherheitsdienst, schleusen wird er uns nicht. Aber er zeigt mir den Weg zum nächsten Bus, der mich in die Stadt bringen wird. Ich bitte ihn, für mich das Tor offen zu lassen, wenn ich spät in der Nacht zurück komme. Die Tür wird offen sein, sagt er zumindest.
Auf der anderen Seite der Schleuse ist die Brda Seeartig verbreitert - das wußte ich schon von der Karte - aber ich entdecke, dass dort eine Regattastrecke eingerichtet ist, die auch intensiv genutzt ist. Weiter auf dem Weg zum Bus komme ich an der alten Schleuse vorbei, die stillgelegt ist und ein gutes Objekt für melancholische Fotomotive abgibt. Der Bus fährt gar nicht in die Stadt, sondern nur bis zum Endehaltepunkt einer Straßenbahnlinie. Aber diese führt durch das Zentrum.
An der Neuen Oper (Nowy Opera) steige ich auch, und verstehe sofort, warum Bydgoszcz zu deutschen Zeiten das kleine Berlin genannt wird. Die Brda schlängelt sich durch die Stadt, es gibt eine kleine und eine größere Insel, dazu weitere Aufstauungen und Wehre. Rechts und links der Brda Kirchen, Plätze, repräsentative Gebäude, Uferpromenaden. Ich entdecke auch bald eine Platz, wo wir liegen können, mein Boot und ich über das Wochenende. Auf dem zentralen Stadtplatz ist eine Bühne aufgebaut, und im Rahmes des europäischen Kultursommers findet jeden Tag eine andere Veranstaltung statt. Heute das Blues-Duo XXXX. Das finde ich nur bedingt interessant, da ich die Texte kaum verstehe.
Aber, wie in fast allen polnischen Innenstädten, gibt es ein offenes WLAN und ich kann Kontakt mit meiner Außenwelt pflegen.
Der Rückweg erfolgt mit Straßenbahn und Bus. Dann der dunkle Weg Richtung Schleuse. Als ich am Haus vorbei komme, blendet mich eine Taschenlampe. Was ich hier wolle? Ich nenne meinen Namen und sage, dass ich mit meinem Boot an der Schleuse will und jetzt zum Boot und in mein Bett will. Schön und gut, lautet die Antwort, aber das Tor sei jetzt zu. Ich frage nach einer Lücke oder einem anderen Durchgang, erhalte aber nur zur Antwort, dass das Objekt bewacht sei. Mit dem Wachschutzmann hätte ich bereits gesprochen, antworte ich. Er habe mir versprochen, dass wenigstens die kleine Tür vom Zaun offen bleibe. Ratlosigkeit bei meinem Gesprächspartner mit der Taschenlampe. Nein, ich werde heute nicht auf der Straße vor einem Zaun übernachten. Ich erspähe eine Stelle, an der ich gut über das Tor im Zaun klettern kann, wiederhole nochmals mein Anliegen und klettere über den Zaun. Zum Glück machen die meisten Leute in Polen keinen Alarm, wenn erkennbar pragmatische Lösungen für Probleme gesucht werden. 10 Minuten später bin ich auf meinem Boot und beschäftige mich damit, eine echte Katastrophe zu beheben. Haben doch frei herumfliegende Krówki meinen halben Rucksack verklebt. Igittigitt. Mit Wasser aus der Brda, Spüli und einem Lappen löse ich das Problem. Es ist alles wieder gut.
Ich hatte A. gestern spontan eingeladen, nach Bydgoszcz zu kommen, um mit mir gemeinsam das Wochenende in der Stadt zu kommen. Heute kommt die Absage. Sie brauche Erholung, ausserdem sei sie schon Samstag zum Kino und Sonntag zum Radfahren verarbredet. Ich hake nochmal nach, denn noch bin ich in Polen und die Entfernungen sind geringer und die Bahnpreise auch.
A. schlägt mir Montag vor. Das ist gar nicht mal schlecht - so habe ich genug Zeit, um Bydgoszcz zu erkunden, Tagebuch zu schreiben und Dinge zu erledigen.

Sonnabend, 06.08.2011

Start: vor Schleuse Brdyujscie, km 1
Ziel: Bydgoszcz-Zentrum, km 11
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 10
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

Ich bin ziemlich sauer. Da komme ich an eine Schleuse, die schon zu ist, dann hinterläßt der Schleusenwärter zwei Rufnummern, unter denen er nicht (!) erreichbar ist, die Kletterpartie von der Schiffsanlegestelle ist waghalsig und auf dem Rückweg gestern muss ich noch über einen Zaun steigen, um überhaupt auf das Schleusengelände zu gelanden, obwohl mir der Wachschutzmann versprochen hatte, zumindest die Tür würde offen sein. So möchte ich also heute frohen Mutes schleusen und in die offene Schleuse einfahren. Ich hatte mir auch schon überlegt, gleich in der Schleusenkammer zu übernachten. Das wäre auch eine Premiere. Ich will also schleusen und das Tor ist zu. Will der Schleusenwärter mich schikanieren, mich absichtlich warten lassen? Was ist denn das für ein Idiot? Solche Überlegungen gehen mir durch den Kopf. Ich sehe Wasser brodeln, das Schleusentor öffnet sich, na endlich, ich fahre vor. Dann sehe ich es: Es war eine reguläre Schleusung, drei Boote sind in der Schleusenkammer und wollen ausfahren. Ich lege den Rückwärtsgang ein und sehe zu, dass ich Platz mache. Meine Gedanken schon wieder: Es war eine ganz reguläre Schleusung hier im Gange, während ich noch geschlafen habe.
Der Schleusenwärter ist sogar sehr nett: Weil er den 20-Złoty-Schein nicht wechseln kann, ist er mit 4,64 Złoty - statt obligatorisch 6,46 Złoty zufrieden und wünscht mir dennoch einen schönen Tag.
Ich fahre in die seeartige Erweiterung der Brda, die als Regattestrecke genutzt wird, mache erstmal Pause, schwimme und dusche im See. Dann geht es eine gute Stunde lange weiter Richtung Bydgoszcz. Im Zentrum am alten Hafen mache ich an der Mauer fest. Es ist noch nicht einmal 1430 MESZ und ich habe einen ganzen Nachmittag und Abend Zeit, um Bydgoszcz zu erkunden und Tagebuch zu schreiben. Davon mache ich auch ausgiebig Gebrauch.

Sonntag, 07.08.2011

Hafentag

Montag, 08.08.2011

Start: Bydgoszcz-Zentrum, km 11
Ziel: hinter Schleuse Miejska, km 13
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 2
Schleusen: 1
Mast gelegt: 0
Wenn ich eine Theorie aufzustellen hätte über das Kommunikationsverhalten von Anglern, wäre meine erste Hypothese, dass innerstädtische Angler deutlich geschwätziger sind als Angler auf dem Land. Es ist acht Uhr, ich werde wach, und obwohl ich noch eine gute Stunde Schlaf vertragen könnte, ist an Einschlafen nicht zu denken. Die beiden Angler - vielleicht 20 Meter entfernt von meinem Liegeplatz - ratschen unentwegt. Laut und Geschwätzig. Nun, ich wollte ohnehin heute früher aufstehen und quäle mich aus der Koje.
Für heute ist nur eine kurze Etappe angesagt: Die knappen 2 km hoch bis zur Schleuse, durch die Schleuse durch und dann an der Hedwigsbrücke festmachen. Von dort ist es nicht weit bis zum Bahnhof und ich bin heute abend mit A. in Warschau verabredet. Es gibt Wichtiges zu besprechen.
Gestern war ich in der Touristeninformation von Bydgoszcz und bin reich beschenkt worden. Eine wirklich detailierte Wasserkarte von der Brda, dem Kanal Bydgoski, dem Weichselstück zwischen Torun und Bydgoszcz und einiges mehr. Und dabei hatte ich mich in Gedanken schon darauf eingerichtet, entsprechend meiner Flußkilometer-Tabelle einfach nur stur von Schleuse zu Schleuse zu fahren.
Und auch die Weichselflußkarte erscheint einigermaßen vertrauenserweckend. Sie bildet - aus guten Grund - die Sandbäcke und Tiefenlinien nicht ab, denn sie ändern sich permanent im Fluß. Das habe ich bei meiner Elbexkursion in Hitzacker gelernt und anhand von Meßdaten auch überprüfen können. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ja, an der xxxxs- Insel in Bydgoszcz ist eine Marina im Entstehen, im Zusammenhang mit dem Bau eines Hotelkomplexes. Die Re-Vitalisierung eines alten Handelshauses ist geplant. Entstehen soll auch eine Infrastruktur mit Toiletten und Duschen. Denn danach hatte ich gefragt in der Touristeninformation. Ich hätte entweder gute 10 km zurückfahren müssen zur Marina an der Regattastrecke, oder aber 3 Schleusen weiter am Beginn vom Kanal Bydgoski. Dazu wäre es gestern aber schon zu spät gewesen.
Er gibt also gegenwärtig keine Infrastruktur für Bootsreisende im Bydgoszczer Zentrum. Noch nicht, erst im nächsten Jahr. Der freundliche Mann an der Rezeption der Touristeninformation verweist mich auf umliegende Hotels, zum Beispiel das Holiday Inn. Dort gehe ich hin und trage mein Anliegen vor: Ich sei mit einem kleinen Boot unterwegs, liege vorne im Hafen und habe leider keine Dusche und möchte im Hotel bitte gerne duschen. Der smarte Slipsträger erklärt mir, dass dies grundsätzlich leider im Holiday Inn nicht möglich sei, es wäre nur möglich, Zimmer für die ganze Nacht zu buchen. Wie ich Auskünfte wie diese hasse. Immerhin denke ich noch daran, ihn zu fragen, an welches andere Hotel ich mich wenden könnte. Er empfehlt mir das City - Hotel auf der anderen Seite der Brücke.
Die smarte konfektionierte Lady an der Rezeption des City - Hotel in Bydgoszcz gibt mir eine im wesentlichen gleichlautende Antwort. Ich versuche eine andere Strategie: Es gäbe doch im Hotel bestimmt auch eine Küche, und für die Köche eine Dusche, um zum Feierabend sich duschen zu können. Ja, das gäbe es, das wäre aber leider nicht für Gäste nutzbar, sondern nur für das Personal. Wie wenig flexibel, wie wenig bedürfnisorientiert solche Dienstleistungshäuser doch sind. Nichts zu machen. Ich werde auf eine Fitness - Center um die Ecke verwiesen, und der Blick der Rezptionistin auf die Uhr verrät mir, dass ich wohl schon zu spät dran bin. Es ist 2030 MESZ. Ich mache mich dennoch auf den Weg und finde dieses Fitness-Studio auch gar nicht. Auf dem Weg zum Boot zurück wird mir klar, dass ich improvisieren muss.
Mit der letzten halben Stunde Tageslicht kriege ich noch eine Rasur halbwegs auf die Reihe an Bord, das mit der Dusche ist ungleich schwieriger. Ich will nicht meine frisch gebunkerten 10 Liter Trinkwasser verplempern, auch bin ich zu faul, um dann neues heranzuschleppen. Also schütte ich einen guten Eimer Brda-Wasser in meine gelbe Plastik-Universalschüssel, ergänze das mit einer guten Portion Duschzeugs und mache mich im Schutze der Dunkelheit mit Lappen zu Werke. Mich wie solnst splitterfasernackt nur mit meinen roten Bootsschuhen aufs Vordeck zu stellen und mich mit Seewasser zu duschen, traue ich mich mitten in der Stadt nicht. Warum eigentlich nicht? Egal, heute habe ich mal Skupel und wasche mich konventionell. Immerhin, ich fühle mich deutlich frischer und so kann ich morgen nach Warschau fahren.
Als ich heute Richtung Schleuse fahre, ist das Tor schon auf und ich habe ein grünes Einfahrtssignal. Ich hatte mit Wartezeiten gerechnet. Kaum bin ich fest, schließen sich die Schleusentore und der Schleusenmeister drückt auf die Tube. Beim Kassieren der Schleusengebühr gibt es noch einige statistische Fragen: Wo ich herkomme, wo das Boot herkommt, wohin die Reise geht. Jawohl, ich bin jetzt auf einer europäischen Wasserstraße unterwegs, das ist jetzt keine privatsache mehr und auch keine allein nur polnische Angelegenheit. Mich würde wirklich interessieren, wie es hier in 50 Jahren aussieht - ob es wirklich ein europäisches Wasserstraßennetz gibt.
Das Festmachen vor der Hedwigsbrücke mißlingt mir ein wenig. In fließenden Gewässern habe ich wohl tendentiell übertrieben viel Fahrt, und wenn ich aus der unmittelbaren Gegenströmung raus bin, ist das nicht unbedingt gut. Ich will auch noch hart rückwärts geben, reiße aber nur den Leerlauf auf und und es gibt einen harten Stoß gegen den Dalben. Nun gut, mein Boot ist ohnehin mehr Gebrauchsgegenstand als Schmuckstück. Auf beim Festmachen stelle ich mich umständlicher an als es eigentlich sein muss. Dann klariere ich das Boot auf und stecke die Kajütschotts in der Hoffnung, in 16 Stunden alles noch so vorzufinden, wie ich es verlassen habe und mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Dienstag, 09.08.2011

Start: hinter Schleuse Miejska, km 13
Ziel: vor Anker vor Krostkowo, km 65
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 52
Schleusen: 8
Mast gelegt: 0

xxxxx

Mittwoch, 10.08.2011

Start: vor Anker vor Krostkowo, km 65
Ziel: Hafen Czarnków, km 131
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 66
Schleusen: 4
Mast gelegt: 0

xxx

Donnerstag, 11.08.2011

Start: Hafen Czarnków, km 131
Ziel: Anlegestelle Sankok, km 226
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 95
Schleusen: 6
Mast gelegt: 0
Heute abend erreicht mich per email eine Nachricht von Lars Fleischmann von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) mit folgendem Inhalt: "...die Schleuse Hohensaaten Ost ist vom 15.08.-15.09 planmäßig gesperrt, die Finowkanal- Schleusen von Liepe bis Eberswalde sind aufgrund der Hochwasserabführung bis auf Widerruf gesperrt. Die HOW zwischen Hohensaaten und Lehnitz ist derzeit befahrbar." Der letzte Teil der Nachricht erleichtert mich sehr, ich werde also nach Berlin kommen können, wenn auch nicht, wie beabsichtigt, auf dem Finowkanal, sondern auf der Wasserstraßenautobahn Havel-Oder-Wasserstraße (HOW). Aber dass die Schleuse Hohensaaten Ost gesperrt ist? Da muss ich doch durch! Also fahre ich doch die Oder gegenan bis Eisenhüttenstadt? Ausgeschlossen, gegen die Strömung, allemal noch bei Hochwasser, anzumotoren, ist der glatte Wahnsinn! Also weiter die Oder herungterfahren Richtung Stettin? Was wird da für ein Umweg auf mich zukommen. Ich muss mir das im Boot anhand der Karten nochmals genau ansehen. Unterwegs zum Boot kommt mir ein Gedanke. Ich sehe mir die Mail nochmal an. Die Schleuse Hohensaaten ist ab dem 15.08. gesperrt, steht da. Ich werde voraussichtlich am 13.08. dort sein und schleusen wollen. Kein Problem also. Alles wird gut.

Freitag, 12.08.2011

Start:Anlegestelle Sankok, km 226
Ziel: (privatisierter) Hafen Kostrzyn
km unter Segeln: 0
km unter Motor: 67
Schleusen: 0
Mast gelegt: 0

xxxx

Samstag, 13.08.2011

Start:(privatisierter) Hafen Kostrzyn
Ziel: Industriehafen vor Schleuse Lehnitz
km unter Segeln: 36
km unter Motor: 81
Schleusen: 2
Mast gelegt: 1
xxxx

Sonntag, 14.08.2011

Start: Industriehafen vor Schleuse Lehnitz
Ziel: Spree bei Schloss Charlottenburg
km unter Segeln: 5 (Abbruch wg. Flaute)
km unter Motor: 34
Schleusen: 2
Mast gelegt: 1
xxxx

 

Montag - Dienstag, 15. und 16.08.2001

xxxx Hafentage wg. Terminen in Berlin

Mittwoch, 17.08.2011

Start: Spree bei Schloss Charlottenburg
Ziel: über Wannsee nach Schmöckwitz (Umweg wg. Sperrung Schleuse Mühlendamm)
km unter Segeln: 15
km unter Motor: 56
Schleusen: 2
Mast gelegt: 2
xxxx

Auswertung Rückreise

Start: Pisz in Masuren
Ziel: Schmöckwitz in Köpenick

Reisetage: 19
km total: 1048
km unter Segeln: 321
km unter Motor: 727
Schleusen: 27
Mast gelegt: 7

Auswertung Total

Reisetage: 37
km total: 1570
km unter Segeln: 756 (=48,2%)
km unter Motor: 814
Schleusen: 30
Mast gelegt: 23

Schäden und Verluste

- schwere Prellung an der Schulter - Ursache: Mangelnde Konzentration

- Beschlag Ruderkopfhalterung gebrochen / Materialermüdung - Reparatur durch Bootswerft

- Thermoskanne defekt - Böe auf der Weichsel, Kanne schlecht gesichert

- Vierkantbolzen Ruderkopfhalterung locker - einfaches Nachziehen der Schraube

- 10l Wasserkanister-  Hafen Warschau vergessen

- 8 cm Kerbe Steuerbordbug - Weichseltonne gerammt

- Delle im Bug - Anlegemanöver bei Strömung mit zuviel Schwung

- Schraubverschluß 10 Liter Kanister - mangelhafte Ausführung des Produkts

- Abnutzungsspuren vor allem in der Plicht

Quelle:
Ritter, Monika und Johannes:
Segeln in Masuren
Mauersee - Talter Gewässer - Spirdingsee - Beldahnsee - Niedersee.
Hamburg : Edition Maritim, 1992
ISBN:      3892252505

Versuchend, meine Situation und mein Anliegen zu verdeutlichen und dabei innerhalb der nautischen Metapher zu bleiben, ist mir nach einiger Zeit die Lage von Magellan eingefallen.

Es war 1519, wenn ich mich recht entsinne - als ob ich damals dabeigewesen wäre - als er aufbrach, neue alte Welten zu entdecken, nachdem sich allmählich herausstellte, dass das entdeckte Indien eben doch nur Amerika war. Aufbrechend in der Hoffnung und voller Gewissheit, dass es eine Passage geben würde dort irgendwo im Süden des neuentdeckten Kontinentes.

Immer weiter in den Süden vordringend, langsam und voller Ungeduld, und jede der sich darbietende Passage westwärts, hoffnungsvoll befahren, entpuppte sich wieder und wieder nur als riesiges Mündungsdelta, enttäuschendes und zugleich notwendiges Süsswasser. Wintereinbruch, entnervende Anspannung, Notwendigkeit einer Zwangspause, Aufruhr bis an den Rand der Meuterei, die Mission droht zu scheitern, Warten und nichts tun können. Dann erneuter Aufbruch, und dann eine Passage, weitaus südlicher als jemals vermutet, der Beginn eines Weges, den wir heute Magellan-Strasse nennen und der zu den schwierigsten Gewässern der Schiffahrt überhaupt zählt, gepflastert von Schiffswracks, stumme Tragödien ohne Zahl.

Ich stehe am Anfang dieser Passage und doch schon irgendwo mittendrin, habe mich schon tief hineingewagt, bin völlig entnervt von den heftigen Strömungen und den unberechenbaren Winden, den unvermittelt auftauchenden brandgefährlichen Riffs und Felsen, dem engen und sich unvermittelt weit öffnenden Fahrwasser, den unzähligen Verzweigungen und trügerischen Sackgassen - und habe doch eine Ahnung, dass dies der Weg ist, den ich schon immer suchte, dass ich hier und nirgendwo anders durch muss.

Und weil ich glücklicherweise eben nicht Magellan bin, komme ich jetzt zu der Entscheidung - und das eben ist meine Anfrage an Dich - für diese Passage einen Lotsen an Bord zu nehmen.

Eine doppelte Botschaft: Ich brauche wohl einen Lotsen, ich hätte mir so manchen existenziellen Ärger ersparen kšnnen, wenn ich diese Entscheidung schon früher getroffen hŠtte. Aber nein, ich wollte es ja allein versuchen!

Konkret: Ich erinnerte mich an die Vision, um derentwillen ich einst aufgebrochen war und die ich fast zwischenzeitlich aufgegeben hŠtte - jedenfalls: ich war nahe dran und ich will es nochmals versuchen.

(Lange Rede, kurzer Sinn: Der beste Lotse auf der Welt, den ich kenne, das bist Du. Also Kerl, komm für eine kurze Weile auf unsere Brücke.

Es ist komisch: Diese Metapher des Segelns passt für so vieles, was mich bewegt und was wichtig ist. Aber wie ich innerhalb dieses Bildes meine Beziehung beschreiben soll, habe ich mir immer noch nicht klargemacht. Sind wir mit zwei Booten unterwegs oder mit einem? Und wenn es ein Boot ist, ist es meines oder ihres oder ein ganz anderes? Und wenn wir auf einem Boot sind - Kapitän bin ich sowieso, aber was denn ist sie? Oder trifft das alles gar nicht auf dieser Ebene?

Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage die Lšsung des Problems. Aber vielleicht trifft diese Frage gar nicht mal den eigentlichen Kern.

Vielleicht sollte ich also in der Logik der Metapher bleiben und dieser Logik folgen, statt äussere Realitäten in die Metapher zwingen zu wollen. Diese Magellanstrasse ist das Problem, und da gibt es haargenau drei Lösungen: Ich kehre um, ich komme da durch, oder ich gehe daran zugrunde (naja, erleide bestenfalls Schiffbruch und muss dann auf das nächste Schiff warten. Und diese Magellanstrasse entnervt mich völlig. Einen Orkan auf offener See abzuwettern ist ein Kinderspiel dagegen. Diese Magellanstrasse jedoch bringt mich - in einem sehr umfassenden Sinne - an die Grenzen dessen, was ich überhaupt kann. (Es ist so verflucht entnervend und kräftezehrend, und ich kann und will nicht einen Weg neu erfinden, neu entdecken, der schon lange bekannt und gangbar ist. Darüber lasse ich mich jetzt aber nicht weiter aus...

Und zum anderen ist für mich die Konstellation Lotse auf meinem Schiff überaus spannend. Es ist und bleibt ja mein Schiff, und ich steuere es und es ist und bleibt meine Verantwortung und meine letztliche Entscheidung und es ist mein Weg, oder zumindest der, den ich immer gehen wollte. Und es kann kein Zufall sein, dass es trotzdem eine Notwendigkeit von Lotsen gibt, obwohl segeln immer und unter allen Umständen immer genau denselben Prinzipien folgt. Und dass Lotsen unverzichtbar sind, obwohl es Karten, Lot und Logge gibt, und auch in der Magellanstrasse nur gesegelt - das kann ich ja, wie du weisst - und nicht gezaubert wird.

Buchcover Jack London - Sea-Wolf - Quelle: WikimediaA ship in a habour is safe, but ships are not build for habours. Das ist zweifellos richtig. Aber als Segler weiss ich, dass Seefahrt nicht geht ohne Hafen oder zumindest geschützte Ankerplätze. Der Weg ist das Ziel, das ist richtig, aber ohne Abfahrts- und Ankunftshafen, ohne Sicherheit, Beständigkeit und Peilung ist jede Seefahrt aus­sichtslos, nicht möglich. Die "Ghost" ist ein sinnloses Schiff - Resultat einer Katastrophe. Ich kann mich einlassen auf alle Stürme dieser Welt, aber ich muss wissen, woher ich komme und wohin ich will, zumindest eine ungefähre Peilung haben. Einfach nur so, aus Spontaneität und weil es sich so ergibt, werde ich mich niemals auf offene See begeben - dafür habe ich viel zu viel Respekt - um nicht zu sagen Angst - vor der Gewalt von Wind und See. Ist es von übel, wenn ich ständig darum besorgt bin, angesichts dieser Gefahren, auf der sicheren Seite zu bleiben? Nur, wenn ich sicher weiss, was ich dem Schiff und mit zutrauen kann - und das hat auch etwas mit Wissen und Vertrauen zu tun - werde ich es tun und mich auf die offene See begeben. Wenn nicht, ich werde den Teufel tun und rausfahren - ich werde im sicheren Hafen bleiben. Und genau das ist meine Situation. Und dass ich - derart vorbereitet - sehr wohl auf die offene See gehe und auch meinen Spass daran habe und dann auch nicht seekrank werde, das weiss ich und das ist so.

Ich habe dieses Beispiel mit der Seefahrt gewählt, damit ihr wisst, woran Ihr an mir seid. Man kann mir tausendfach erzählen, vorschlagen und von mir erwarten: "Lass uns spontan auslaufen, mal se­hen, was sich daraus ergibt!" Und ich werde tausendfach zögern, nachdenken und prüfen und überle­gen, ob ich in so einem Fall auch auf der sicheren Seite bin. Und ich werde im Zweifelsfall immer sa­gen: "Nein!" Und selbst dann, wenn alle anderen schon mit vollem Tuch fahren und es ist mir zu heiss, werde ich lieber reffen, es ist mir egal, ob die anderen darüber lachen, ich werde es tun - mehr Tuch setzen kann ich noch immer. Und in dem Masse, wie ich so segle und Erfahrungen sammle, werde ich sicherer, souveräner, erfahre mehr über mich und was ich mir zutrauen kann. Aber man muss mich erstmal lassen - und mich mein eigenes Tempo gehen lassen. Ich weiss, eines Tages wird die Zeit reif sein, und ich fahre rüber zu meinem Freund Meyers nach Corn Island, Zelaya Sur in der Karibik - aber wann das sein wird, das bestimme und entscheide ich letztlich allein - weil letztend­lich ich allein muss es verantworten und verantworten können und mir zutrauen. Aber ich weiss, ei­nes Tages wird die Zeit dafür reif sein und ich werde es tun - mit der selben Bestimmtheit, mit der ich wusste, eines Tages werde ich segeln lernen und eines Tages werde ich ein eigenes Boot haben und eines Tages werde ich wieder auf der Ostsee unterwegs sein.

Winslow Homer - Der Golfstrom 1899 - Quelle: WikimediaMan kann mich tausendfach auf den Ozean einer Spontaneität und eines "es wird sich schon ergeben" zwingen, wenn ich noch in Küstenrevieren unterwegs bin. Ich werde es nicht tun, und vor allem schon deswegen nicht, weil ich sehe und erlebe, dass viele auf diesen Revie­ren nicht souverän sind. Es ist eben nicht so, dass ich die Erfahrung mache, mich Kapitänen an­vertrauen zu können, die mich souverän durch diese Gewässer steuern. Im Gegenteil, ich habe oft das Gefühl, Menschen zu begeg­nen, die aus irgendwelchen Gründen auf die offene See geraten sind, die zwar schon den einen oder anderen Sturm abgewettert haben, die aber so recht nicht wissen, wo sie sind, wohin sie wollen, und was sie sich und dem Boot zuzutrauen vermögen. Wenn ich ein Schiffbrüchiger wäre, ich hätte keine andere Wahl. Aber ich bin auch ein Segler und sehe auf Kollegen und stelle zunächst erst einmal fest: So nicht! Jedenfalls ich nicht! Es ist, als nehme ich eine Positionsmel­dung über Funk zu Kennt­nis und stelle fest - Position zu weit entfernt, als dass ich mich in irgendei­ner Weise in das Manöver einschalten könnte. Irgendeine abstrakte Meldung auf meinem Radar. Vielleicht ist mein Boot auch zur Zeit nicht seetüchtig genug, um mich da hin zu begeben. Und dann gibt es eine wichtige See­fahrerregel: Hilfeleistung nur dann, wenn Leib und Leben der eigenen Besat­zung dadurch nicht ge­fährdet werden. Die eigene Sicherheit als Kriterium für die Möglichkeit zur Unterstützung anderer. Wenn ich mit einem kleinen Segelschiff unterwegs bin, kann ich bei der sin­kenden Estonia nicht längsseits gehen, ich würde mit in die Tiefe gerissen. Auch kann ich mit meinem kleinen Boot besten­falls eine Handvoll Schiffbrüchiger auflesen, aber keine 100 oder 200 Leute. Al­les eine wichtige und notwendige Abwägung der Kapazitäten. Und gleichzeitig muss ich feststellen: Ich selbst bin oft auf hoher See, und allein, und ich weiss nicht mehr, wo ich bin, und völlig fertig und durch den Wind, und dann hätte ich mir gewünscht, irgendsoein Kamikaze-Segler hätte um meinetwillen seinen Kurs geändert und wäre, Kopf- und Kragen riskierend, gekommen und mir beseite gestanden. Aber das sind Fragen, die kann ich hier nicht abschliessend klären und entscheiden. Dazu fehlt es mir an Erfahrung. Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen.

Ich werde mich doch nie Kapitänen anvertrauen, bei denen ich den Eindruck habe, sie sind sich im Grunde unsicher über das, was sie da tun und vorhaben - und ich selbst habe gleich gar keine Ahnung über das, was da abgeht. Aber genau dieses Gefühl habe ich oft genug in meinem Leben. Dann, ver­dammt noch mal, werde ich aber genau in den Ge­wässern bleiben, die ich kenne, statt mich auf ein solches Risikospiel einzulassen. Es ist ja richtig, dass das nicht alles vom grünen Tisch aus theore­tisch erlernbar ist, sondern dass die Praxis letztlich relevant ist, aber ich muss mich, denen, die die Praxis vermitteln wollen, anvertrauen können.

Jean Lous Theodore Géricault - Vorstudie zu Das Floß der Medusa - Quelle: WikimediaWenn ich Leute, die mir viel wert sind, mit zum Segeln nehme, weiss ich auch genau, was ich tue. Dass ich letztlich, wenn ich sie mitnehme - und das tue ich gerne und es freut mich, wenn es Ihnen ge­fällt - zunächst da­von ausgehe und ausgehen muss, ich muss so tun, als sei ich eigentlich allein unter­wegs. Nur so habe ich für mich persönlich die Voraussetzung, andere überhaupt zu so einem Trip, zu so einem Segeltörn verantwortungsvoll einladen zu können - denn ich will wirklich nicht, dass wir dabei kentern oder es diesen Freunden irgendwie sonst schlecht ergeht. Und wer unter dieser Vor­aussetzung mit mir se­gelt, erlebt durchaus, dass nicht alles cool ist und dass durchaus auch noch eine Anspannung da ist, weil ein gewisses Restrisiko einfach vorhanden bleibt und ich das - auch, wenn ich allein unterwegs bin - nicht einfach ausklammern kann. Aber im besten Fall wird es transparent und nachvollziehbar, und dann haben wir eine gemeinsame Erfahrung ge­macht und gelernt. Ich werde doch nicht losfahren, in Kauf nehmend, aufgrund meiner Uner­fahrung könnten wir kentern.

Trotzdem ist das eine oder andere Mal eine kritische Situation eingetre­ten, wo ich feststellen musste, der Wind war für mich derart unkalkulierbar, dass ich beispielsweise eine unabsicht­liche Halse gefahren bin, die das Boot heftig ins Schwanken versetzte und nicht ganz ungefährlich war. Anders herum: Meine Freunde nicht in ein Kamikaze-Abenteuer zu verstricken, sondern zu vermit­teln, ich weiss durchaus, was ich tue, wenn ich sie zum Segeln einlade, auch wenn trotzdem immer wieder Situationen eintreten (können), die unvorhersehbar sind, das ist, worum es mir geht.

Was mir Klaus sagte: Auch die erfahrensten Segler kentern irgendwanneinmal, aber trotzdem, es geht darum, alles menschenmögliche dafür zu tun, um zu vermeiden, dass eine solche Situation über­haupt eintritt: Auf der sicheren Seite bleiben. Mir kann auch ein Dachziegel auf den Kopf fallen, und dann bin ich tot. Aber eines werde ich nie tun: Mich auf die offene See begeben, wenn ich der Mei­nung bin, ich kann es nicht verantworten. Ich werde doch nie den Anker an Land lassen, wenn ich ihn nicht mitnehmen und eventuell brauchen kann, ich werde doch nicht mehr Segel setzen, als sinnvoll ist, bloss um mir oder irgendwelchen anderen irgendetwas beweisen zu wollen, und ich werde doch auch nicht mit einem Boot in See stechen, von dem ich weiss, es ist leck. Dann lieber sage ich: Sorry, aber unter diesen Voraussetzungen heute nicht.

Wie soll ich es noch sagen? Spontan und nach dem Motto "mal sehen, was sich daraus ergibt!", ist eine Entscheidung, jetzt, heute oder diese Woche segeln zu gehen. Gut und schön. Aber sobald es um die Umsetzung dieser Spontaneität geht, spielt Spontaneität keine Rolle mehr, sondern gehen ratio­nale Erwägungen, Überlegungen und Entscheidungen voran. Traue ich mir das zu? Macht das Boot das mit? Ist das Wetter ok? Was weiss ich über das Revier? (Und trotzdem, ich weiss es, ist da immer noch so ein Jucken in den Fingern, ja, verdammt, lass uns raus, lass uns los....)

Ich erinnere mich an die Sorgfalt, mit der mir Robert seine Susi erst zeigen wollte, bis mir sein Boot für einen Trip zur Verfügung stellen wollte. Und das meine ich: Robert ist, so wie er erzählte und wie ich diesen Samstag nachmittag auf seinem Boot verbrachte, ein absoluter Anarchist und Chaot. Aber in Bezug auf andere Leute und segeln sein Boot, war er ganz anders: Besorgt, engagiert, fast schon penibel, wollte alles erstmal zeigen, demonstrieren, und auch wissen, ob ich die Souve­ränität, Kompetenz und Erfahrung mitbringe, mit seinem Boot zu segeln. Das war alles andere als eine Überlegung spontan - ich gebe ihm mein Boot und mal sehen, was sich daraus ergibt. Und das ist genau das, was ich meine. Beziehungen haben Voraussetzungen und erfordern Engagement und Arbeit.

Foto Mann über Bord - Quelle: WikimediaNatürlich kann ich ein Segelprojekt so angehen: Ich bin nicht dazu gekommen, den Wetterbericht zu lesen, so schlimm wird's ja morgen nicht kommen, ich glaube, die Seeventile sind nicht ganz dicht, die Karten, naja, die werden schon stimmen (obwohl sie 4 Jahre alt sind und die neuesten Verände­rungen nicht eingearbeitet), Diesel wird ja wohl auch noch reichen bis morgen, naja, das nautische Besteck wird schon an Bord sein ( Zirkel, Log und Lot) und die Geräte wohl funk­tionieren - Hauptsa­che, wir laufen morgen aus. Mit einer solchen Spontaneität und der Einstellung, es wird sich schon irgendwie ergeben - werde ich garantiert Schiffbruch erleiden. Und das ist dann überhaupt nicht mehr lustig, und dann, im Zweifelsfall, ist Leib und Leben in Gefahr - ein solches Desaster, bitt­schön, möchte ich nicht zu verantworten haben. Deshalb mein permanentes Interesse und meine Frage, ob denn alles klar ist zum Auslaufen, und wenn nicht, im Zweifelsfall prüfe ich es selber nach. Es ist eine knallharte Kalkulation, wer in der 12 Grad kalten Ostsee abschmiert, hat genau 1/2 Stunde Zeit, wieder aufgefischt zu werden, sonst droht - trotzt Schwimmweste - der Erfrierungs­tod, und mit einem 12 Meter langen Pott ist das bei stürmischer See verdammt schwer zu realisie­ren - allein diesen einen kleinen Kopf, der dann aus dem Wasser ragt, im Auge zu behal­ten, ist schwierig genug. Die Chance, dann noch jemanden lebend zu erwischen, ist verdammt gering. Umge­kehrt, es gilt, um jeden Preis zu verhindern, dass jemand abschmiert, über Bord geht.

Oder, nochmals anders gesagt: Als Jollensegler habe ich wahnsinnigen Respekt oder Angst vor ei­ner Patenthalse. Wenn der Wind von hinten kommt, aber nicht ganz präzise, und der Wind so dreht oder ich so ungenau steuere, dass das grosse Segel dadurch von der einen Seite auf die andere Seite rüber­geworfen wird. Die dabei auftretenden Kräfte sind bei etwas stärkerem Wind so gewaltig, dass ein Boot dabei kentern kann. Vor diesen Vor-Wind-Kursen habe ich einen gewaltigen Respekt und muss mich jedesmal immer wieder auf's höchste konzentrieren, wenn ich einen solchen Kurs fahre. Ich dachte, auf Dickschiffen sei das völlig anders. Um so mehr war ich überrascht, dass Jochen, der wirklich viel Erfahrung und Kompetenz und Sicherheit ausstrahlte, jedesmal darauf bestand, dass wir den Bullenstander (ein Seil, dass den Baum des Grosssegels festhielt, damit er nicht unkontrolliert mit dem Segel auf die andere Seite umschlagen kann) setzten, wenn wir diesen Kurs lŠngere Zeit (als nur wenige Minuten) fuhren und uns jedesmal ermahnte, bitteschön sehr konzentriert auf den Kurs und das Ruder achtzugeben, damit uns eine Patenthalse (Halse = umschlagen des Segels auf die andere Seite, Patenthalse = das ganze unabsichtlich) nicht passiert. Es sind gewaltige Kräfte, die da am walten sind.

Ich sage, ich will beim Segeln auf der sicheren Seite sein. Vertrauen nur da haben, wo eine Basis dafür da ist, spontan sein und mal sehen, was sich daraus entwickelt, wenn ich weiss, worauf ich mich verlassen kann und worauf das beruht. Wenn ich davor zurückschrecke, mich auf GewŠsser einzulassen, die ich noch nicht kenne und mir nicht zutraue. Wenn ich meine Skepsis und meine Skru­pel habe, wenn ich einen Kapitän erlebe, der in seinem Fahr­tengebiet auf offener See nicht souverän ist. Wenn ich darauf bestehe, mein eigenes Tempo zu gehen und innerhalb der "Zone meiner nächsten Entwicklung" (Wygotskij) zu bleiben, weil das das äusserste dessen ist, was ich mir zutrauen kann?

Indem ich segle, erfahre ich Informationen Ÿber mich, über die Menschen, mit denen ich segle und über uns und stelle häufig fest: Weit, weit weit sind wir voneinander entfernt. Een boot is out buten! Und was haben diese tapferen Friesen deswegen unternommen. Und es hat sich gelohnt. Ein für alle mal.

In diesem Sinne - Seefahrt tut not!

Tonne Müritz Mitte - Quelle: WikimediaAusgehend von Hafen Sietow (wegen der ungünstigen Lage z.Zt. vor allem bei häufigem Ostwind nicht zu empfehlen) kreuzen wir unter Segeln über die Müritz in Richtung Bolter Kanal bei SO-Wind um 3-4 Windstärken. Mein Freund Uwe (BR-Schein und Sportbootführerschein-Binnen) am Ruder, ich (BR-Schein und Sportbootführerschein-Binnen) an der Fockschot.

Wir essen Fisch - geräucherte Lachsforelle -, ich denke darüber nach, ob ich nicht die Fock etwas einrollen sollte, soforn der Wind stärker werden würde. Einige Schwierigkeiten mit der Identifizierung von (Untiefen-)Tonnen auf der Müritz, da keine präzisen Karten zur Hand sind (nur: Wasserwanderatlas "Mecklenburgische Gewässer und Boddengewässer".  

Auf Backbord-Bug mit vollem Gross und grosser Fock etwas süd-östlich der Tonne "Baben-Schwerin" macht es plötzlich "Krachs". Ich sehe die Steuerbord-Want-Halterung ausgerissen, rufe das Uwe zu, er stellt sofort das Boot in den Wind, ich hole sofort die Rollfock ein. Ich rufe: "Ich hole das Gross ein!", Uwe nickt und sagt: "Ich werde den Motor anstellen!", was ich bestätige. Gehe nach vorne, hole das Gross runter. Mast schwankt bedenklich, da gute Welle ist auf der Müritz. Inzwischen unter Motor langsame Fahrt voraus in Richtung Wind. Ich löse noch den Baum vom Mast, turne nach hinten, schmeisse dann den Baum mitsamt Segel in die Kajüte. Uwe ruft: "Notwand bauen!" Ich suche ein kurzes Ende, gehe damit nach vorne, schlage es um das ausgerissene Ende der Want und knote es an einem weiter achterlich befindlichem Augbolzen fest (offenbar die Führung für eine Genuaschot). Mast schwankt wegen des grossen Spiels dennoch weiter bedenklich in Richtung Steuerbord. Es knackst bedenklich am Mastfuss. Zurück Richtung Röbel, bedeute ich und weise Uwe die Richtung. Vor dem Wind ablaufen unter Motor, was wir dann auch tun. Ich sage zu Uwe: "Es ist vielleicht doch besser, wenn wir den Mast legen!" Ich unternehme aber nichts, weil ich irgendwie ratlos bin und völlig fassungslos nach dieser Haverie.

Karte der Müritz - Quelle: esys.orgAber ich traue dem Braten nicht, und in der Tat: Die provisorische Want-Halterung reisst nach drei Minuten, da das Holz völlig morsch ist. Uwe motort sofort wieder in Windrichtung. Ich zu Uwe: "Ich werde doch den Mast legen. Vorne am Vorstag ist ein Bolzen, den muss ich lösen! Dann versuche ich, zum Mast zu gehen und lasse ihn langsam kommen. Aber Vorsicht, der Mast könnte trotzdem runterknallen, wenn ich ihn nicht zu halten kriege!" Ich setze in der Pflicht die Stange, die die Mast hält, ein und habe aber wenig Hoffnung, dass ich die Halterung beim Mastlegen sicher treffen würde. Der Mast schlingert bedenklich, und für eine Weile habe ich Sorge, der Mastfuss würde auf dem Küjütdach abbrechen und der Mast würde damit über Bord gehen und ich hätte ein riesiges Loch im Kajütdach. Jedenfalls: Ich frage Uwe nochmal: Okay? - Nach vorne zu gehen, den Bolzen zu lösen, war ein einfaches. Nur der Bügel der Mastlegevorrichtung schlägt mit jeder Welle nach oben, ich stehe mit einem Bein drauf und kann ihn nicht mehr lange halten.

Zur Erläuterung: Ich habe zwar einen Bügel für die Mastlegevorrichtung, aber weiter keine Sicherung wie etwa einen Flaschenzug, da bisher Maststellen unter "normalen" Bedingungen völlig unproblematisch war: Mein Partner löst den Bolzen, ich stehe oben auf der Kajüte hinter dem Mast und lasse den Mast langsam kommen, was völlig einfach ist, selbst bei Wellengang. Nun scheint es mir aber wichtiger zu sein, dass Uwe hinten an Pinne und Motor bliebt, und ich gehe allein nach vorne.) Und wie gesagt, die Bügel der Mastlegevorrichtung schlägt mit jeder Welle nach oben, der Mast droht nach hinten zu kippen. Ich kalkuliere, in einer günstigen Situation mit drei schnellen Schritten nach hinten zum Mast gehen zu können, um ihn erstmal zu halten und ihn dann langsam kippen zu können - was ohnehin schwierig geworden ist, weil der Mast durch die fehlende Steuerbord-Want-Halterung extrem schlingert.  

Ich kann den Mast am Mastbügel nicht mehr halten und auch nicht mehr rechtzeitig zum Mast kommen, der Mast kippt in Sekundenbruchteilen nach hinten, ich kann nur noch nach hinten schreien: Mast kommt, Vorsicht!. Uwe hat sich vorsichtshalber schon ganz auf die Seite gesetzt und steuert das Boot. Mit einem gewaltigen Rumms knallt der (Holz-)Mast auf die Kajütluke und federt in den restlichen 2/3 seiner Länge erheblich (!), so wie ich es mir nie hätte vorstellen können, nach unten durch. Uwe hätte glatt einen Schädelbruch erlitten, wenn er in seiner Linie gestanden, gesessen wäre und wäre auf der Stelle tot gewesen, schoss es mir durch den Kopf. Ich bin heilfoh, dass nichts passiert ist und gehe nach hinten, mich nocheinmal versichernd, dass alles okay ist mit Uwe. Dann nur noch den Achterstag dichtholen, damit der Draht sich nicht in die Schraube vertörnt. Ich zeige Uwe nochmal: Okay, jetzt Kurs auf Röbel und sinke erstmal in der Pflicht in mich zusammen. Komischerweise waren wir beide sehr schnell wieder gefasst: Erstmal einen Schluck Vodka trinken, wenn wir im Hafen sind. Wie analysieren das Manöver: "Den Bug wechseln bei Wantenbuch, wie im Lehrbuch!", "Die Segel waren schnell unten, das war ganz gut!" - "Hätten wir das mit der Notwand besser machen können?", "Das Segeln ist wohl jetzt erstmal vorbei, wir haben grosses Glück gehabt, du hättest tot sein können!", "Ja ich habe mich schon mal vorsorglich auf die Seite gesetzt, es ist gut, dass der Mast jetzt runter ist!", "Es wäre schlimmer gewesen, wenn er mit dem Mastfuss abgebrochen wäre!", "Ja, aber er wäre noch durch Achterstag und Want gehalten gewesen, wir hätten ihn einholen müssen!" usw. Wir einigen uns darauf: "Okay, in Röbel erstmal den Schaden begutachten und einen Vodka trinken!" (Uwe hatte von seinem Polenurlaub eine Flasche dabei). Und etwas pessimistisch: Okay, das ist wohl erstmal das Ende unseres Segeltörns.  

In Röbel einlaufen, erstmal einen Schluck Vodka auf den Schock, Wunden Lecken, dann abriggen, aufräumen, Essen gehen.  

Fazit

  1. Nie wieder werde ich mich bei einem Boot, mit dem ich segle, einfach so auf die Verstagung verlassen, sondern ab sofort immer auf Herz und Nieren prüfen, ob alles okay ist.
  2. Es war auf jeden Fall richtig, den Mast, der in Binnengewässern oft gelegt werden muss, nicht noch durch einen zweiten Bolzen zu sichern - über den einen Bolzen wird er am Mastfuss gekippt - sonst wäre der Mastfuss noch mit dem Mast aus dem Kajütdach ausgebrochen.
  3. Es ist sträflich nachlässig gewesen, das Vorstag nur durch einen Bolzen zu sichern, (womit ein Mastlegen bzw. -stellen immer nur zu zweit möglich ist), mit einem Flaschenzug am Mastlegebügel hätte ich den Mast halten können, um ihn dann langsam kommen zu lassen, wenn, dann wäre der Mast nur zur Seite abgeknickt, was zwar lästiger, aber wesentlich ungefährlicher gewesen wäre: So habe ich ein Menschenleben aufs Spiel gesetzt.
  4. Trotz allemdem haben wir das Problem einigermassen gut gelöst. Ich hätte vor dem Lösen des Bolzens am Vorstag - danach knallte der Mast bald runter - noch eine Talje zum Halten legen sollen.  
  5. Neben den technischen Erwägungen ist aber eine psychologische Erkenntnis von besonderer Bedeutung: 
  6. a) Üblichweise segle ich mit meiner Freundin. Diese versteht - seitdem wir in diesem Jahr zusammen segeln - zwar einiges vom Segeln: Boot in den Wind stellen, Kreuzen, An- und Ablegemanöver etc., die gröbsten Vorfahrtsregeln, viele praktische Erkenntnisse aus unseren Törns in diesem Sommer, aber über hinreichend Erfahrung, was den theoretischen und praktischen Umgang mit einem Segelboot angeht, verfügt sie noch nicht, sie kann also noch nicht selbständig segeln. Hier gibt es sicherlich Vermittlungsdefizite, oder anders gesagt: Obwohl ich /oder wir beide, den Anspruch haben, dass wir beide das Boot selbständig beherrschen können, fallen wir oft genug in das alte patriarchale Schema zurück: Mann an Pinne, Motor und Grossschot; Frau beim Segelsetzen und vorne am rumturnen. Hier muss ich mich fragen, was ich falsch gemacht habe.
    b) Insofern war es in dieser Situation gut, mit einem Freund unterwegs zu sein, von dem ich wusste, er versteht vom Handling eines Segelboots (in kritischen Situationen) so viel wie ich und wir können uns in kritischen Situationen schnell und unkompliziert über das wohl beste Verfahren verständigen bzw. ich kann mich darauf verlassen, dass er, unter seemännischen Aspekten, das "richtige" tut bzw. dass wir ... das richtige tun. 
    c) Und schliesslich: Ich denke, es ist auf einem Segelboot - vor allem in kritischen Sitationen - eine schwierige Angelegenheit, der einzige zu sein, der etwas vom Segeln versteht. Ich jedenfalls neige dann dazu, nervös zu werden und aus dieser Nervosität heraus Fehler zu machen oder gelähmt zu sein. Ich jedenfalls kann mir vorstellen, dass ich nicht so glimpflich aus dieser Havarie herausgekommen wäre, wenn ich mit jemandem unterwegs gewesen wäre, der nichts oder nur wenig vom Segeln versteht.

Da ich ganz sicher in wenigen Jahren auch auf der Ostsee unterwegs sein will, werde ich daraus sicher Konsequenzen ziehen für mich: Also nichts da von wegen: Jetzt weiss ich genug vom Binnensegeln, jetzt bin ich fit genug für die Ostsee. An und für sich meine ich schon, dass ich ein sehr vorsichtiger Segler bin, aber wie mir diese Erfahrung zeigt: Ich war noch nicht umsichtig genug, ja, ich war in gewisser Hinsicht sogar unverantwortlich leichtfertig.


Havarie der Irving Johnston im März 2005 - Quelle: WikicommonsEditorische Notiz

Nachfolgenden Text schrieb ich einige Wochen nach der Havarie, die mich doch sehr beschäftigt hat, mehr, als in diesem Artikel zum Ausdruck kommt. Allerdings habe ich diesen Text bisher nie veröffentlicht. Jetzt, gut 14 Jahre nach dem Ereignis, habe ich ihn wieder gefunden und möchte ihn der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Den Text datiere ich auf das Jahr 1997, da ich im Jahr 1996 erst meinen Jollenkreuzer kaufte und wahrscheinlich im ersten Jahr mit meiner Freundin an der Müritz war. Deshalb ist wahrscheinlich, dass der Vorfall sich im Jahr 1997 oder 1998 ereignete. Inzwischen ist das Boot in einem technischen Zustand, dass ich ein ausreißen einer Want oder eines Stages für ausgeschlossen halten möchte. Auch ist die Jütgabel in der Zwischenzeit zusätzlich mit einer Talje gesichert, so daß der Mast kontrolliert gelegt werden kann. Viel wichtiger ist aber m.E. der Umstand, dass ich in der Zwischenzeit gelernt habe, das Boot auch bei stärkerem Wind alleine zu segeln. Heute würde ich - aber solche Aussagen vom Schreibtisch aus sind natürlich mit einem gewissen Vorbehalt zu genießen - beidrehen und ganz in Ruhe versuchen, das Schiff wieder unter Kontrolle zu bekommen. Aber was für mich eine noch sehr viel wichtigere Erkenntnis ist: Heute würde ich die Prioriäten ganzlich anders sehen. Selbst wenn ich den Mast verliere oder mir der abbrechende Mast ein Loch in die Kajütendecke reißt: An erster Stelle steht die Sicherheit der Personen an Bord - dem hat sich alles andere unterzuordnen. Diese Erkenntnis beruht natürlich auf Erfahrungen, die ich mir Stück für Stück angeeignet habe. Da ich selbst immer wieder gerne Berichte über Havarien lese, hoffe ich, dass dieser Beitrag allen Segler_innen helfen möge, durch eigene gute Seemannschaft Vorkommnisse soclher Art möglichst zu vermeiden. Ich habe Ursprungstext unverändert gelassen mit einer Ausnahme: Ich habe die Vergangenheitsform durchgehend durch die Gegenwartsform ersetzt. So liest sich der Text dramatischer und transportiert viel besser die Dramatik dessen, was passiert ist.

Zürich, 10.06.2011, Stefan Schneider

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Ich war noch nie allein auf einem so großen Gewässer unterwegs, der Wind frischte auf und - ehrlich gesagt - mir ging der Arsch auf Grundeis. Aus Sicherheitsgründen hatte ich überlegt, dichter unter Land zu fahren und nicht auf dem offiziellen Fahrwasser viel viel weiter draußen. Aber ich hatte es mit zahllosen Stellnetzen zu tun, die erst im letzten Moment erkennbar waren und sich quer zu meiner Fahrrichtung über hunderte von Metern aufbauten. Hier und da mal ein dünne Holzstange mit einem kleinen Schildchen Rot und Weiss, und Weiss markierte die Seite, an der ich vorbei fahren konnte. Und da, wo das vermeitlich sichere Ufer war, kam der Wind her - in Böen und stärker werdend. Wenn das so weiter gehen würde, hätte ich auf dem Gewässe bald nichts mehr zu suchen gehabt, und die Gefahr war groß, mich in dem Gewirr der Stellnetze bei den höher werdenden Wellen deutlich zu verfransen und in Schwierigkeiten zu kommen. Und zum nahegelegenen Ufer aufzukreuzen, wäre auch nicht ohne gewesen, denn auch hier wären die Stellnetze im Weg gewesen und es hätte gefühlte Ewigkeiten gedauert, vorwärts zu kommen. Zu oft kreuzt am bei starkem Gegenwind mehr oder weniger auf der Stelle, ohne wirklich voranzukommmen. Und mit Vollzeug vor dem Wind abzulaufen nach irgendwo, nunja. Kurzum, ich überdachte meine Situation und fühlte mich mulmig. Einfach mulmig. Wäre ich mal besser doch umgekehrt, gar nicht los gefahren. Nun war ich mehr oder weniger mittendrin und es gab kein zurück. Ich musste da durch.


Das Stettiner Haff, auf dem ich mich irgendwo zwischen Trzebież (Ziegenort) und Altwarp weit jenseits des ausgetonnten Fahrwassers befand, hat eine Ausdehnung von Kilometern in der Ost-West-Richtung und eine Ausdehnung von gut 22 Kilometern in der Nord-Süd-Richtung. Ich kam aus der südöstlichen Ecke von Stettin und wollte ganz zum westlichen Ende nach Karnin, dort wo das Achterwasser beginnt. Unterwegs war ich mit einem 15er Jollenkreuzer, das heißt auf einer Jolle mit Kajüte und einem aufholbaren Schwert. Dieses Boot ist 6 Meter fünzig lang, zwei Meter fünfzig breit und hat einen Tiefgang von 25 Zentimetern und mit heruntergelassenem Schwert einen Meter und zwanzig Tiefgang. Auf dem Kajütdach befindet sich ein sechs Meter fünfzig hoher Holzmast, und segelte mit meinem Großsegel und einer Fock. Im Gegensatz zu einem Kielboot, das nach dem Stehaufmännchenprinzip sich auch bei härtestem Wind irgendwann wieder aufrichten sollte, konnte mein Jollenkreuzer durchaus kentern, das bedeutet, einfach umkippen, was durchaus auch passieren kann bei zu vielem Wind, einer Böe in Kombination mit einer Welle und einer Unachtsamkeit. Mit anderen Worten, es war keineswegs risikolos, was ich da machte. Es gibt auch Leute, die sagen, 15er Jollenkreuzer hätten auf dem Stettiner Haff nichts zu suchen, aber das stimmt so nicht. Es gibt immer wieder 15er Jollenkreuzer, die da langfahren, es ist nur wichtig zu wissen, wann die Grenzen sind. Und zu den Grenzen gehört auf jeden Fall eine bestimmte Menge Wind, technisch ausgedrückt fünf Beaufort, wobei Beaufort die Einheit für Windstärke ist. Fünf Beaufort wird beschrieben als eine frische Brise mit mäßig bewegter See, mäßige Wellen von großer Länge und überall Schaumköpfe. Windgeschwindigkeiten von bis zu 38 Stundenkilometern oder, anders gesagt, von bis zu 11 Meters pro Sekunde. Das ist für große Schiffe ganz unterhaltsam, für kleine Schiffe wird es schwierig. Weniger wegen dem Wind - hier gibt es ja Möglichkeiten, die Segelfläche deutlich zu verkleinern, als vielmehr durch die Wellen, die ein kleines Boot sehr erheblich ins Schwanken bringen können. Das Boot bekommt eheblich Fahrt, neigt sich schräg zur Seite, Segel flattern oder schlagen,

 

Die Müritz

 

 

 

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