Schilf, Sabine/ Schneider, Stefan/ Zglinicki, Claudia von:
Obdachlose Jugendliche in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Untersuchung der Problematik und konzeptionelle Überlegungen. Vorgelegt durch die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH - Treuhänderischer Sanierungsträger -. Berlin 1996

Impressum

0. Vorbemerkung
1. Einleitung
2. Obdachlosigkeit
3. Obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene
4. Gesetzliche Grundlagen der Leistungserbringung
5. Angebotsformen
6. Kastanienallee 71- ein Prenzlauer Berger Beispiel
7. Konzeptionelle Überlegungen/Handlungsstrategien
8. Zusammenfassung
9. Literatur
Anhang

Zu den Autoren

 

Schilf, Sabine/ Schneider, Stefan/ Zglinicki, Claudia von:

Obdachlose Jugendliche in Berlin-Prenzlauer Berg.

Eine Untersuchung der Problematik und konzeptionelle Überlegungen. Vorgelegt durch die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH - Treuhänderischer Sanierungsträger -. Berlin 1996

0. Vorbemerkung
1. Einleitung
2. Obdachlosigkeit
3. Obdachlose Jugendliche /junge Erwachsene
4. Gesetzliche Grundlagen der Leistungserbringung
5. Angebotsformen
6. Kastanienallee 71 - ein Prenzlauer Berger Beispiel
7. Konzeptionelle Überlegungen /Handlungsstrategien
8. Zusammenfassung
9. Literatur
Anhang
Impressum

Zu den Autoren
Das Kettenkarussell des Lebens dreht sich irre.
Wer nicht fest drin hängt, wird verschleudert
und findet dann in seiner Wirre
kaum einen, der ihm das erläutert.

Es will auch keiner wissen.
Man könnte heulen oder lachen,
sich in die Hose pissen.
Das nützt doch alles nichts, es gibt nur eins:
sein eigenes Zeichen hissen!

(Wolfgang SISYPHOS Graubart 1994)

0. Vorbemerkung

Anlaß für diese Studie waren die Besetzungen des leerstehenden Gebäudes Kastanienallee 71 durch obdachlose Jugendliche im Frühjahr 94 und die zunehmende Artikulation des Problems obdachloser Jugendlicher und junger Erwachsener vor allem im Gebiet um den Helmholtzplatz.

Besonders die Sanierungsgebiete des Bezirks Prenzlauer Berg bieten mit ihren besetzten Häusern und dem nicht unerheblichen Leerstand an Wohnraum den Lebensraum, den sich diese Jugendlichen aneignen. Im Rahmen der Stadterneuerung werden jedoch auch gerade diese Nischen verschwinden, und es ist zu fragen, wo ihre Bewohner bleiben? Was bleibt? Der Lebensraum Straße?

Vor dem Hintergrund der Stadterneuerung und dem dringenden Bedarf an individuellen Angeboten für obdachlose Jugendliche und junge Erwachsene ist diese Studie entstanden als Teil des Anspruchs, behutsame Stadterneuerung in Prenzlauer Berg zu realisieren. Behutsamkeit bezieht sich dabei sowohl auf den Umgang mit der Bausubstanz als auch - und vor allem - auf die Bevölkerung, deren Verbleib im Gebiet formuliertes Sanierungsziel ist.

So nähert sich diese Studie der Situation im Bezirk Prenzlauer Berg über das allgemeine Problem der Obdachlosigkeit, der sich davon unterscheidenden Problematik der Jugendobdachlosigkeit, schildert die Ereignisse um die Besetzung der Kastanienallee 71 und beschreibt ihre Bewohner sowie das daraus entstandene Jugendwohnprojekt und diskutiert Ansätze und Vorschläge für einen Umgang und Lösungsvarianten.

Stadtplanung kann dabei primär jedoch nur den Rahmen für Konzepte bieten, deren inhaltliche Wertung nicht Ziel dieser Darstellung ist.

Sabine Schilf , Claudia von Zglinicki & Stefan Schneider
Berlin-Prenzlauer Berg, 20.02.1996

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1. Einleitung

1.1. Was bedeutet Wohnen?

"Wohnen" ist - auf den ersten Blick - etwas völlig Selbstverständliches: "ein Dach überm Kopf", die "eigenen vier Wände drumherum" und "eine Tür, die man hinter sich zu machen kann"; historisch erreichte Standards an Einrichtung (von Zentralheizung über Dusche und Innentoilette bis Herd und eigenem Flur) und Ausstattung (Strom-, Warmwasser-, Telefon- und Kabelanschluß; Waschmaschine, TV, Mikrowelle und Kühlschrank) werden unausgesprochen mitgedacht und als selbstverständlich vorausgesetzt. Damit ist zwar angedeutet, was in hochentwickelten (je nach Auffassung: Industrie-, Dienstleistungs-, Informations- bzw. Kommunikations- oder Erlebnis-) Gesellschaften im allgemeinen unter einer Wohnung zu verstehen ist - "wohnen" selbst ist damit nicht beschrieben.

Menschheitsgeschichtlich gesehen ist "wohnen" offenbar ein Grundbedürfnis - Menschen haben immer und zu allen Zeiten gewohnt -, untrennbar zur Natur des Menschen gehörend und zugleich auch Ausdruck des jeweils erreichten Stand(ard)s gesellschaftlicher Entwicklung in all ihren Widersprüchen - zwischen Hütte und gerade auch Palast (vgl. HENKE 1994). Was "wohnen" also konkret sein kann, ist von der entwickeltsten Form der Wohnung her zu betrachten und zugleich aus der historischen Gewordenheit zu erschließen - von daher hat die Selbstverständlichkeit, mit der in der Alltagsvorstellung "Wohnen" verstanden wird, hier ihre Berechtigung.

Damit ist, kurz gesagt, die (jeweils eigene und den Mindeststandards entsprechende) Wohnung Basis und Ausgangspunkt einer Vielzahl menschlicher Tätigkeiten und Beziehungen, angefangen von der unmittelbaren materiellen und psychischen Reproduktion (FLADE 1987) bis hin zur vollen Entfaltung gesellschaftlicher Partizipation des einzelnen Individuums (vgl. RäUCHLE 1979). Daß also "wohnen" - im engeren Sinne der Verfügung über eine Wohnung - plausibel nur im Kontext des je gesellschaftlich erreichten Standards dessen, wie gewohnt wird, definiert werden kann, hat unmittelbar auch Konsequenzen für die Definition von Wohnungslosigkeit.

1.2. Was ist Obdachlosigkeit?

Entgegen der tautologischen, immer noch im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) festgeschriebenen Definition von "Nichtseßhaftigkeit": "Nichtseßhafte (...) sind Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen oder die sich zur Vorbereitung auf eine Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft oder zur dauernden persönlichen Betreuung in einer Einrichtung für Nichtseßhaftenhilfe aufhalten." ([[section]] 4 DVO zu [[section]] 72 BSHG) wurde in den letzten Jahren eine Definition von Wohnungslosigkeit erarbeitet, die sich am o.g. Verständnis von "wohnen" orientiert:

Wohnungslosigkeit (= Obdachlosigkeit) bezeichnet eine Lebenslage, in der eine oder mehrere Personen, die einen Haushalt bilden, nicht in der Lage sind, sich Zugang zu einem gesicherten und den Mindestansprüchen genügenden Wohnraum zu verschaffen. Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind Personen, die über keinen eigenen Wohnraum verfügen. Dies sind vor allem Personen (Einzelpersonen und Paare), die völlig ohne Wohnung, dauerhafte Unterkunft und ohne Wohnsitz oder befristet in Einrichtungen und Anstalten leben. (Diese Personen werden in der Regel als "Nichtseßhafte" bzw. "alleinstehende Wohnungslose" und nicht als Obdachlose bezeichnet und behandelt.) (Vgl. IVWSR 1987, BAG-NH 1989, SPECHT 1990a, SPECHT-KITTLER 1992)

Damit wird unmißverständlich klargestellt, daß "wohnen" nicht bedeutet, nur "irgendwie" in einer Wohnung zu leben oder "ein Dach überm Kopf zu haben". "Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts." In diesem Sinne definiert dann auch MARCUSE:

"Obdachlosigkeit heißt, kein Zuhause zu haben, nicht in einer Wohnung (oder Nachbarschaft) zu leben, die minimale Anforderungen an Schutz, Privatheit, persönliche Sicherheit, Sicherheit der Wohndauer, Ausstattung, Raum für die wesentlichen wohnbezogenen Tätigkeiten, Kontrollierbarkeit der nächsten Umgebung und Erreichbarkeit erfüllt. 'Minimale Anforderung' ist die historische Komponente und variiert nach Zeit und Ort. Der Standard ist also relativ, und er wird sozial, nicht individuell bestimmt" (MARCUSE, 1993, 208).

Beschrieben wird Obdachlosigkeit damit als ein weitestgehender, über das Fehlen einer Wohnung vermittelter oder besser erzwungener Ausschluß von gesellschaftlicher Partizipation, einhergehend mit einem, durch die Wohnungslosigkeit bedingten zunehmenden Zerfall von zentralen, bislang wohnbezogenen Tätigkeiten (vgl. SCHNEIDER 1990). Wohnungs- oder Obdachlosigkeit (beide Begriffe werden hier synonym gebraucht) ist damit als eine besondere, in der Regel im Kontext von Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut auftretende Armutslebenslage, die nicht allein nur auf reine materielle (Wohnungs-)Armut reduziert werden kann, zu charakterisieren.

Obdachlosigkeit ist vor allem Ausdruck eines gesellschaftlichen Strukturproblems, welches verschärft innerhalb von metropolitaner Entwicklung auftritt und insbesondere in innerstädtischen Strukturen seinen stärksten Niederschlag findet (vgl. MAYER/SAMBALE/VEITH 1995).

Daraus abzuleiten sind auf verschiedenen Ebenen eine Reihe von Forderungen, etwa, daß das Recht auf die eigene Wohnung in der Verfassung verankert und jedem Bürger zugestanden wird, oder aber daß das Problem (der Prävention bzw. der Überwindung von) Obdachlosigkeit im Kontext von Konzepten zu (behutsamer/sozialverträglicher) Stadterneuerung, Sozialplanung und kommunaler, regionaler und staatlicher Politik seine Berücksichtigung finden muß.

1.3. Was ist Jugend?

"Jugend liegt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Als eine Übergangszeit des Heranwachsens (Adoleszenz) von der Unmündigkeit des Kindes einerseits, das zunächst noch nicht sprechen kann (infans) und auch, wenn es sprechen lernt, noch nicht in einem verantwortlichen Sinn für sich selbst sprechen kann und braucht, zur Mündigkeit des Erwachsenen andererseits, der, nachdem er sprechen gelernt, nunmehr verantwortlich für sich selbst zu sprechen hat, auch im institutionellen Sinne der Rechtsmündigkeit - unter diesem Gesichtspunkt ist Jugend Zwischenmündigkeit." (KOPPE 1995, 157)

Dieses grundsätzliche, im Rahmen der Ringvorlesung "Jugend und Schule heute. Wege in die Autonomie - Chancen und Hindernisse" an der Hochschule der Künste vom Philosophen Franz Koppe formulierte Kriterium der Mündigkeit beschreibt demnach "Jugend" in Relation zum Konzept dessen, was jeweils gesellschaftshistorisch unter Mündigkeit verstanden wird. "Jugend, als Zwischenmündigkeit, ist relativ zur (sich wandelnden) Idee der Mündigkeit." (KOPPE 1995, 158).

Auf dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen ist "Jugend" in einer prekären Lage: "Die Sozialisationswirklichkeit, in der sich Jugend heute vorfindet, ist nämlich zutiefst widersprüchlich. Einerseits ist zwar das Humanitätsprinzip gleicher Achtung und Rechte aller unter der emphatischen Formel der unantastbaren Menschenwürde inzwischen expliziter Bestandteil von Grundgesetzen und Verfassungen auf allen Ebenen nationaler und internationaler Verbindlichkeit. (...) Andererseits kann sie sich aber nicht so verstehen angesichts der faktischen Verletzung von Menschenwürde, die in Form extremer Ungleichheit, ebenfalls auf allen Ebenen, unübersehbar ist: vom Elend der Dritten Welt (laut UN-Terminologie sterben täglich 43 000 Kinder an 'structural hunger') bis in den Arbeitslosenalltag auch der Jugendlichen hierzulande. Oder ist es etwa keine Verletzung der Menschenwürde, wenn Menschen, die arbeiten können und wollen, struktureller Dauerarbeitslosigkeit zwangsläufig zum Opfer fallen - trotz verbrieftem Recht auf Arbeit? Oder wenn in ausgesprochenen Wohlstandsländern Menschen in Mengen obdachlos sind - trotz verbrieftem Recht auf menschenwürdiges Leben." (KOPPE 1995, 161).

Damit wird deutlich: Jugend heute befindet sich in einem schwierigen Dilemma. Einerseits kann sie ihre Identität "nicht ungebrochen ausbilden, weil sie sich den Spielregeln der Ellbogengesellschaft auf Gedeih und Verderb anpassen muß. Und sie kann andererseits angesichts struktureller Hindernisse dennoch nicht einmal damit rechnen, daß der in Kauf zu nehmende Identitätsbruch tatsächlich zum Erfolg wenigstens eines Selbstbehauptungsplatzes innerhalb der Ellbogengesellschaft führt." (KOPPE 1995, 163). Unter den gegebenen Voraussetzungen kann Jugend also nicht nur als eine typische Sozialisationspassage, sondern muß auch als eine hochproblematische biografische Entwicklungsphase verstanden werden, die in sich ebenso viele Chancen wie Risiken birgt. Das Bewußtsein darüber kann den Erwachsenen helfen, diese Problematiken adäquat einzuschätzen.

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2. Obdachlosigkeit

2.1. Ursachen der Obdachlosigkeit

Es gibt nicht die Theorie zur Erklärung der Verursachung von Wohnungslosigkeit. Vielmehr ist eine ganze Vielzahl unterschiedlicher, teilweise sich widersprechender, teilweise sich ergänzender Annahmen zu konstatieren. (Einen systematisch-strukturierten Überblick über die theoretischen Konzepte zur Verursachung von Wohnungslosigkeit bietet die Arbeit von JOHN 1988, eine eher chronologisch geordnete Darstellung der Entwicklung der Theoriebildung zum Problem enthält die Arbeit von TREUBERG 1989.) Generell können die Erklärungsmodelle zu Wohnungslosigkeit in eher gesellschaftstheoretische und eher individualtheoretische Annahmen eingeteilt werden. Das grundlegende Problem aller Theorie ist das Subjekt: Wenn Wohnungslosigkeit gesellschaftlich determiniert ist, dann sind die Wohnungslosen bloße Opfer, sie können gar nichts für ihre Wohnungslosigkeit. Wenn Wohnungslosigkeit im Ergebnis individuellen Defiziten zuzuschreiben ist, können die Betroffenen erst recht nichts für ihre Situation. Wohnungslosigkeit ist demzufolge schlüssig weder als allein gesellschaftlich verursacht, noch als allein individuell defizitbedingt zu erklären, auch eine Kombination beider Annahmen - im Sinne von "gesellschaftliche Bedingungen bewirken individuelle Defizite" - ist wenig überzeugend.

Eine beide Positionen vermittelnde Annahme wird von ROHRMANN 1987 - relative Handlungsfähigkeit - sowie von AVRAMIS/KRüGER 1988 - Tätigkeit und Persönlichkeitsentwicklung - vertreten. In historisch-dialektischer Weise wird angenommen, daß Individualentwicklung von vornherein gesellschaftlich vermittelt ist und sich im Prozeß der gesellschaftlichen Tätigkeit bzw. Handlungen des Subjekts vollzieht (vgl. LEONTJEW 1986).

Damit sind in der theoretischen Diskussion Ansätze identifizierbar, Wohnungslose nicht länger als KlientInnen (d.h. als Objekte gesellschaftlicher Defizite oder defizitäre Persönlichkeiten) zu betrachten und entsprechend zu behandeln, sondern vielmehr als Subjekte ihrer eigenen Lebenslage anzunehmen, entsprechend mit ihnen umzugehen und eine soziale Arbeit an ihren Interessen und Möglichkeiten zu orientieren. Ein solches Problemverständnis Wohnungsloser als Subjekte ihrer Tätigkeit umfaßt notwendig auch die Dimension der individuellen Gewordenheit: Wohnungslosigkeit wäre demnach das Ergebnis eines komplexen, vielschichtigen Prozesses von tätiger individueller Auseinandersetzung mit sich rasant verändernden konkreten gesellschaftlichen Bedingungen (vgl. SCHNEIDER 1994, PREUSSER 1989, ROHRMANN 1987), ein Prozeß, der weit vor dem äußeren Ereignis der Wohnungsverlustes beginnt und mit diesem noch lange nicht abgeschlossen ist.

Gleichzeitig darf nicht übersehen werden: "Obdachlosigkeit ist ein gesellschaftliches Produkt, das durch staatliches, soziales und individuelles Handeln tagtäglich (re-) produziert wird. Dieser Produktionsprozeß unterliegt historischen und geographischen Unterschieden/Verwerfungen: der soziale Skandal primärer Reproduktion ohne Wohnung hat daher eine eigene Geschichte und Geographie." (MAYER, SAMBALE, VEITH 1995; vgl. auch JOHN 1988, TREUBERG 1989, PREUSSER 1993, ROHRMANN 1987).

2.2. Obdachlosigkeit als multifaktorielles Problem (Zerfall traditioneller Sozialstrukturen, Individualisierungstendenzen)

Mit der Durchsetzung, Etablierung und zunehmenden Verallgemeinerung des vernetzten Computers wird die alte "Fordsche" Fließbandgesellschaft und die damit verbundene Idee vom Wohlfahrtsstaat abgelöst und ersetzt. Zentrales Element der neuen "Weltordnung" sind extreme Rationalisierungen, Flexibilisierungen und Globalisierungen der Arbeitswelt (dauerhafte Massenarbeitslosigkeit, zeitlich befristete "Jobs" in der Folge) in Verbindung mit fundamentalen Verschiebungen hin zu einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft sowie der Auflösung bzw. Privatisierung des bisher sozialstaatlichen Systems Sozialer Sicherheit. Die daraus resultierenden Effekte durchdringen alle gesellschaftlichen wie individuellen Lebensbereiche und zeigen sich im Zwang zu dauerhafter Mobilität, Flexibilität und der Notwendigkeit zu lebenslanger Qualifizierung und steter Neu- und Umorientierung im Hinblick auf die Gestaltung der eigenen Biografie. Konventionelle, orientierungsgebende Institutionen und soziale Zusammenhänge wie Familie, Kirchen und Religion, Parteien, Gewerkschaften, Verbände, nationalstaatliche Politikkonzepte, Schicht- und Klassenzugehörigkeiten oder Milieubindung, Wohnumfeld, kulturelle Identitäten und Werte sind in Auflösung begriffen oder zumindest in der Krise befindlich.

Mithin ist auch das Risiko, obdachlos zu werden, im Zuge globaler Restrukturierung gesellschaftlich allgemein geworden und kann nicht mehr nur als Ausdruck eines Mangels an (verfügbaren) Wohnraums begriffen und sozialarbeiterisch behandelt werden. Ulrich BECK konstatiert: "Eigenes Leben - eigene Armut. Wo verläuft die Grenze zwischen Risiko- und Gefahrenbiographie?" Er sieht die "massenhafte Labilisierung bis in die gesellschaftliche Mitte hinein als latente Gefahr". (BECK 1994) In Verbindung damit ist zu konstatieren, daß zunehmend subjekttheoretische Überlegungen (Identität, Orientierung) Berücksichtigung finden (müssen), um die besondere Situation erklären zu können.

Normalität als gesellschaftlicher Tatbestand - im Sinne eines geregelten bzw. geordneten Lebens (mit gesichertem Lohnarbeitsplatz, dauerhafter Miete einer Wohnung und stabilen Familienverhältnissen als ihren herausragenden Kennzeichen) - befindet sich in zunehmender Auflösung, erweist sich immer mehr als Fiktion. Normalität und die individuelle Orientierung darauf, und in Verbindung damit ein Herausfallen aus einer solchen Normalität wird in den Biografien immer weniger aufzufinden sein. Und dennoch ist jede Person in ihrem Leben mit gesellschaftlicher Realität konfrontiert, insbesondere bezüglich der Frage der individuellen Reproduktion über Arbeit oder anderen Formen einer sozialen Sicherung, der Frage des Wohnens und der sozialen und partnerschaftlichen Beziehungen. Vorzufinden sind jeweils besondere, individuell höchst unterschiedliche Formen der Aneignung, des Umgangs, Bezugs und Verarbeitung von sich permanent wandelnder gesellschaftlicher Realität in der biografischen Entwicklung.

Die Möglichkeit eines sinnvollen Lebensentwurfs selbst ist also zu einem Risiko, zu einem Problem oder zumindest aber zu einer zentralen Aufgabe geworden: Wohnungslosigkeit ist ein mögliches Resultat dieser Situation, daß jeder/jede in der Frage des individuellen Überlebens auf sich allein gestellt ist und Hilfe nicht mehr erwarten kann. Damit einher geht auch eine Veränderung der Hilfestruktur, die zunehmend nur noch als private Wohltätigkeit Hilfen zum Überleben anbieten (MARCINIAK 1994) oder aber einer selektierten Klientel hochspezialisierte (high-tech braucht high soz-) Angebote zur Verfügung stellen kann. Besonders extrem äußern sich diese Prozesse der Ausgrenzung, Verarmung und Sortierung (Segregation) und Vertreibung naturgemäß in Metropolen, in denen großräumlich wie kleinräumlich allgemeine Entwicklungen vorweggenommen werden. Die übriggebliebenen Hilfeangebote, insbesondere aber Selbsthilfeansätze und -gruppen versuchen in der Regel mit sparsamsten Mitteln dem etwas entgegenzusetzen und etablieren bisweilen mehr oder weniger dauerhaft einige regionale Ecken und Nischen, in denen es möglich ist, unter Bezug auf einen eigenen Ort/eigenen Sinn/eigene Ressourcen zumindest eine temporäre relative Stabilisierung oder gar Verbesserung der Lebenslage zu verwirklichen.

2.3. Lebensbedingungen/Alltag Obdachloser

In einer knappen Skizze lassen sich die Lebensbedingungen und der Alltag Obdachloser etwa so beschreiben:

Arme Menschen und insbesondere Wohnungslose besitzen kaum mehr als das, was sie am Leib tragen und haben selten genug Gelegenheit, etwas Bleibendes zu produzieren; allzuhäufig stellt sich statt dessen Schwund ein, das meiste geht irgendwo verloren auf den vielen kleinen und großen Fluchten. Die ausgewiesenen Wegstrecken zwischen Wärmestube und Notübernachtung, Weihnachtsfeier und Kleiderausgabestelle, ALDI und Sozialamt, ambulanter medizinischer Notversorgung und Suppenküche erfordern Kondition, gutes Schuhwerk, profunde Fahrplankenntnisse und vor allem: permanente Mobilität. Alle sind willkommen, aber nur wenig wird geboten: fade Suppen, ein paar Socken oder Unterhosen, ab und an ein Päckchen Tabak oder für ein paar Tage ein Bett (Variationen zum Thema: "Läusepensionen"), manchmal ein bißchen Ansprache, Beratung oder gar: Unterhaltungsprogramm. Wenn es mit der Kälte ganz schlimm kommt, werden Bunker oder U-Bahnhöfe aufgemacht - oder auch nicht. Zum dauerhaften Verweilen lädt diese Art der Hilfen wahrlich nicht ein - und ist meistens auch nicht so gemeint. Armen Leuten bleibt in der Regel keine andere Wahl. Doch ganz umsonst ist der ganze Zauber trotzdem nicht zu haben: Wer nicht rechtzeitig kommt und gehörig drängelt, ist doppelt angeschmiert, bleibt draußen und darf zusehen, wie er die Kurve kriegt: vielleicht noch irgendwo ein paar Mark erbetteln und dann rauf auf die S-Bahn-Rutsche Richtung Erkner, um bis zum nächsten Morgen noch zwei, drei Stunden Schlaf zu erwischen.

Ein Leben draußen in der ständigen Gefahr, beraubt, überfallen oder angefackelt zu werden. Wer Glück hat, darf es am nächsten Tag noch einmal versuchen. Derart durch die Mangel gedreht und schon bald völlig auf den Hund gekommen, haben Wohnungslose kaum eine andere Chance, als ungewollt das Vorurteil zu bestätigen, sie seien letztendlich selbst schuld, ihnen sei nicht zu helfen und sie hätten es nicht besser verdient. Und so kommen Wohnungslose schließlich auf die naheliegende Idee, sich in leerstehenden Häusern, Wagendörfern oder sonstwo auf Dauer häuslich einrichten zu wollen: geräumt und vertrieben wird unter Garantie, früher oder später, denn nur im Vorbeirauschen darf Not sichtbar werden. Die sogenannte Winterhilfe für Wohnungslose: ein anderes Wort für einen kostensparend organisierten Kältetod auf Raten. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Winter. Und der kommt bestimmt. (Vgl. SCHNEIDER 1993)

Allgemein gesagt: Die Lebenslage Wohnungslosigkeit ist gekennzeichnet durch einen weitestgehenden Ausschluß von gesellschaftlicher Partizipation und einen Zerfall individueller Tätigkeiten. Der Alltag ist gekennzeichnet von der Sorge ums Überleben Tag für Tag in Verbindung mit subjektiv wahrgenommener Chancenlosigkeit und in der Regel objektiv fehlender Perspektiven. Kreative Überlebenstrategien gehen einher mit permanenter Unterforderung, die Lebenslage fördert eine Abhängigkeit von Versorgungs-, Hilfeangeboten und Ämtern bzw. Behörden sowie (aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen) eine latente Tendenz zur Kleinkriminalität (Mundraub, Diebstähle, Schwarzfahren). Soziale Beziehungen verarmen und sind in der Regel beschränkt auf (funktionale Kontakte zu) LeidgenossInnen und professionelle HelferInnen, sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen sind nur stark eingeschränkt möglich oder finden als Prostitution oder im Armutszölibat statt. Biografisch erworbene Kompetenzen gehen verloren und Qualifikationen werden entwertet, Suchtproblematiken (oft als Verarbeitungs- oder Bewältigungsstrategie der Lebenssituation) entstehen oder potenzieren sich, körperliche Belastungen (Kälte, Witterung, ungenügende Ernährung, Drogen) führen auf Dauer zu massiven und z.T. bleibenden gesundheitlichen Schäden. Der dauerhafte Verbleib in solchen Strukturen findet als Folge häufig seinen Ausdruck in psychischen Auffälligkeiten, Sinn- und Motivationsverlust, Resignation, Lethargie oder individuellem Protest ("Scheiß-egal-Effekt"), ein Ausstieg bzw. eine nachhaltige Veränderung/Verbesserung aus derart belastenden Strukturen der Lebenslage wird umso schwieriger, je länger Wohnungslosigkeit andauert.

2.4. Umfang: Statistik und Schätzung

Statistiken und offizielle Äußerungen

Eine naheliegende Vorgehensweise zur objektiven Ermittlung des quantitativen Ausmaßes von Wohnungslosigkeit besteht darin, alle diejenigen zu erfassen, die in Kontakt zu den staatlichen Angeboten der Hilfe für Wohnungslose treten. Bezogen auf Berlin heißt das konkret, daß zunächst alle diejenigen registriert werden, die sich auf den bezirklichen Sozialämtern des Landes Berlin obdachlos melden. Daraus ergibt sich die offizielle Statistik der Berliner Senatsverwaltung.

Die folgende Übersicht zeigt die Entwicklung der auf diese Weise ermittelten Obdachlosenzahlen (* Die Zahlen beziehen sich bis 1993 nur auf den Westteil der Stadt, für das Jahr 1995 fehlen die Angaben der Bezirke Schöneberg und Zehlendorf):

Jahr gemeldete Personen*

1988 5 577
1989 6 386
1990 7 110
1991 8 185
1992 9 840
1993 11 603
1994 10 558
1. Quartal 1995 8 977

Quelle: Abgeordnetenhaus von Berlin, 1993 und 1995

Erstmalig 1993 wird offiziell von Senatsseite eingeräumt, daß neben den offiziell wohnungslos gemeldeten Personen noch eine erhebliche Dunkelziffer anzunehmen ist: "Der Kreis der statistisch nicht erfaßten Wohnungslosen (Dunkelziffer) wird derzeit auf noch einmal so viel wie die registrierte Obdachlosenzahl geschätzt. Eine differenziertere Analyse zu Umfang und Zusammensetzung der Obdachlosen sowie Schätzungen zur Zahl der Wohnungslosen werden im Rahmen des zu erstellenden Obdachlosenrahmenplans vorgenommen." (ABGEORDNETENHAUS von Berlin 1993, 2).

Im Bezirk Prenzlauer Berg waren zum Jahresende 1994 genau 420 Obdachlose erfaßt, im ersten Quartal 1995 immerhin 401 (ABGEORDNETENHAUS von Berlin 1995, 7), die Dunkelziffer ist auch hier auf noch einmal so viel wie die registrierte Obdachlosenzahl zu veranschlagen. Zahlen für die Jahre davor liegen nicht vor.

Schätzungen der Obdachlosenzahlen in Berlin

Demgegenüber werden in Schätzungen durchweg höhere Zahlen angegeben. Anläßlich der europaweit organisierten "Nacht der Wohnungslosen" vom 25. auf den 26. Juni 1993 wird von den Berliner Veranstaltern, zu denen auch das Diakonische Werk gehört, bereits eine Zahl von bis zu 40.000 obdachlosen Menschen in Berlin genannt (vgl. BINDER 1993). Schätzungen für die einzelnen Bezirke existieren nicht.

Die folgende Übersicht zeigt die Entwicklung der geschätzten Obdachlosenzahlen in Berlin:
1989 12.400 - 15.650 (vgl. BINFO - Ausgaben)
1990 16.000 - 20.000 (vgl. KUPPINGER 1990).
1993 25.000 - 40.000 (vgl. RAUPACH 1993 bzw. BINDER 1993)
1995 ??? - 50.000 (vgl. PRESSESPIEGEL der BAG-W 1995)

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3. Obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene

3.1. Das Problem in der öffentlichen Wahrnehmung

"... Ich bin heute früh durch die Stadt gegangen und habe, ohne mich danach besonders umzusehen, etwa ein Dutzend von diesen Jugendlichen gesehen, und zwar die typischen Formen: solche, die noch mit Spazierstock, Rucksack und einem ordentlichen Anzug versehen, durchaus den Eindruck machten, daß sie aus ordentlichen Verhältnissen stammen und unter ganz normalen Umständen auf der Wanderschaft sind; andere hingegen, die bereits die Uniform eines Großstadtbummlers tragen, jene schmutzige Kleidung ohne Kragen und dergleichen, die schon bei weitem den Eindruck erwecken, daß sie im höchsten Grade hilfs- und schutzbedürftig sind; schließlich der dritte Typ: jene verwegenen Gesellen, die eigentlich schon richtige Landstreicher sind" (POLLIGKEIT 1914, veröffentlicht in KIEBEL 1989, 4).

Abgesehen von der Frage, ob diese stigmatisierende Differenzierung sachlich zutreffend ist, verdeutlicht doch dieses Zitat aus dem Jahr 1914, daß das Phänomen jugendlicher "Vagabondage" keineswegs ein neues ist (vgl. dazu ausführlich SIMON 1995).

Das hiermit angesprochene Phänomen wurde bislang unter verschiedensten Begriffen diskutiert: Bahnhofskinder, TrebegängerInnen, AusreißerInnen, Kinder der Straße, minderjährige Obdachlose, obdachlose junge Menschen usw. und eben auch "Straßenkinder". Bisher waren mit dem Begriff "Straßenkinder" vorwiegend "die armen Kinder" in der sog. "Dritten Welt", insbesondere in den lateinamerikanischen, aber auch asiatischen Ländern gemeint, dann kamen in den letzten Jahren zunehmend Nachrichten aus osteuropäischen Ländern, insbesondere aus St. Petersburg. Seit einigen Jahren wird der Begriff auch im Zusammenhang mit der bundesrepublikanischen Diskussion verwendet, vorwiegend als Medienereignis, wie Kritiker meinen, vorwiegend in Reportagen oder auch populär geschriebenen Sachbüchern (etwa: BRITTEN 1995, EICHHORN 1992, SEIDEL 1994, ZGLINICKI 1995). Dennoch ist unbestritten, daß das mit diesem Begriff beschriebene Phänomen tatsächlich existiert und in seinem Umfang zunimmt:

3.2. Definitionen "Straßenkinder", obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene

"Straßenkinder" sind nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen "Minderjährige..., also Kinder und Jugendliche, für die die Straße im weitesten Wortsinn zum zentralen Aufenthalts- und Überlebensort wurde und die keinen entsprechenden Schutz genießen. Der Begriff 'Straße' schließt hierbei verlassene oder heruntergekommene Gebäude bzw. Wohnungen mit ein." (SPECHT 1989, 405)

"Straßenkinder" sind, das belegen die wenigen vorliegenden Forschungsergebnisse, "fast nie Kinder, sondern Jugendliche und junge Erwachsene. Zwar wurde von manchen ExpertInnen konstatiert, daß diese Jugendlichen im Schnitt jünger werden, Kinder unter 14 sind aber (bisher) nur die Ausnahme. Dagegen werden die - von der Öffentlichkeit und Jugendhilfe wenig beachteten - jungen Erwachsenen als große Problemgruppe benannt." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 8). Dennoch muß gesehen werden, daß sich potentielle Straßenbiografien schon in einem viel früheren Alter abzeichnen: "Das gilt nicht nur für Kinder mit Jugendhilfekarrieren, sondern auch für Kinder in benachteiligten Stadtteilen in ost- und westdeutschen Städten, für die 'die Straße' oft schon ab sechs/acht Jahren zum Lebensmittelpunkt wird." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 8).

Entsprechend der Definition bzw. Einschätzung verwenden wir im folgenden den Begriff obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene und meinen damit Jugendliche (sofern sie noch in den rechtlichen Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetz - KJHG - fallen, also bis zu einem Alter von 21 Jahren), für die die Straße vorübergehend oder dauerhaft - im Sinne der Definition von SPECHT - zum Lebensmittelpunkt geworden ist.

3.3. Umfang/Statistische Angaben

Grundsätzlich ist festzuhalten, daß zum Problem obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener bzw. Straßenkinder für die Bundesrepublik Deutschland keine gesichteten Datenerhebungen vorliegen und in absehbarer Zeit auch nicht vorgesehen sind. Verschiedenste Schätzungen sprechen von bis zu 50.000 obdachlosen Jugendlichen bzw. Straßenkindern in der Bundesrepublik, davon bis zu 3.000 allein in Berlin (vgl JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, DEGEN 1995). Legt man die Statistik des Senats von 1995 zugrunde, muß davon ausgegangen werden, daß der Anteil von Wohnungslosen in Prenzlauer Berg im innerstädtischen Vergleich überhaupt relativ hoch ist. So liegt Prenzlauer Berg mit 401 registrierten Wohnungslosen im 1. Quartal 1995 an der Spitze der Ostbezirke noch vor Mitte oder Friedrichshain. Außerdem ist weiterhin, folgt man den Zahlen des Abgeordnetenhauses, von einem vergleichsweise hohen Anteil junger Wohnungsloser (bis 27 Jahre) unter den registrierten Wohnungslosen auszugehen (vgl. ABGEORDNETENHAUS 1995). Dieser hohe Anteil jugendlicher/junger Wohnungsloser mag auch in der Dunkelziffer der nicht statistisch erfaßten Wohnungslosen seine Fortsetzung finden. Allgemein wird sowohl bundesweit als auch bezogen auf Berlin eine Zunahme des Anteils der Jugendlichen (bis 27 Jahre) konstatiert.

Die von der Jugendberatungsstelle Prenzlauer Berg herausgegebene Statistik belegt ebenfalls eine quantitative Zunahme des Beratungsbedarfs von obdachlosen Jugendlichen/jungen Erwachsenen bzw. von "Straßenkindern". So stieg die Zahl der Hilfesuchenden aus diesem Umfeld von 32 Personen im Dezember 1993 auf 64 im November 1995 (Bestandsaufnahme und konzeptionelle Neuorientierung der Jugendberatung im Prenzlauer Berg, Nov. 95, JUB). In Analogie zu den Aussagen des Abgeordnetenhauses kann auch hier eine nicht unerhebliche Dunkelziffer angenommen werden, so daß der reale Umfang sicherlich weitaus höher, vielleicht doppelt so hoch oder höher, einzuschätzen ist. Hinzu kommt, daß der Bezirk Prenzlauer Berg aus verschiedenen Gründen (historische Entwicklung vor und nach der Wende, zentrale Lage, Infrastruktur, Milieu und Mythos; vgl. dazu auch die folgenden Abschnitte) von vornherein ein hohe Attraktivität für Jugendliche besitzt und auch in Zukunft haben wird. Vor allem dies ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für den weiterhin bestehenden und ggf. auch noch zunehmenden Umfang an obdachlosen Jugendlichen/jungen Erwachsenen.

Eine hinreichend qualifizierte Schätzung des Umfangs obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener in Prenzlauer Berg auf Grundlage aller Vergleichsdaten (Bezirke, Land Berlin, Bundesrepublik), die herangezogen werden können, unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Bezirks, seiner sozialen Infrastruktur sowie auf Basis von Expertenaussagen und exemplarischen Befragungen der obdachlosen Jugendlichen selbst kann jedoch an dieser Stelle nicht geleistet werden.

3.4. Szenebetrachtungen

Peter JORGSCHIES, Hanna PERMIEN und Gabriela ZINK, Mitarbeiter des Forschungsprojekts "Straßenkarrieren von Kindern und Jugendlichen", durchgeführt im Zeitraum von April 1994 bis April 1997 vom Deutschen Jugendinstitut in München und Leipzig (DJI) mit Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bilanzieren nach Ende der ersten Untersuchungsphase, in der ExpertInnen zu ihren Erfahrungen, Einschätzungen und Arbeitsweisen befragt wurden, ihr Zwischenergebnis wie folgt:

"... in Ostberlin sind vor allem die Stadtteil-Szenen in Altbaugebieten von Bedeutung, die sich schon in DDR-Zeiten in Vierteln mit leerstehenden Häusern etablierten, sich nach der Wende vergrößerten und sich nun durch inzwischen geklärte Besitzansprüche und/oder Sanierungspläne bedroht sehen. Handlungsbedarf besteht hier also vor allem deshalb, weil diese gesellschaftlichen Nischen nun wegsaniert werden sollen. Der Jugendhilfe fällt häufig die Aufgabe zu, diese Kinder und Jugendlichen, die sich zum Teil als >>Alternative<< oder >>Autonome<< verstehen, nicht nur möglichst reibungslos umzusiedeln oder zu legalisieren, sondern sie auch zu (re-)integrieren, wobei sie dabei nicht selten auf den Widerstand derer stößt, die sich in diesen Nischen ganz gut eingerichtet haben und dort ihre Perspektiven sahen.

Es gibt aber auch Jugendliche in diesen Szenen, die nach der Flucht aus Heimen oder häufiger aus Familien orientierungs- und perspektivlos sind. Manche halten sich auch deshalb hier auf, weil sie nicht mehr bei ihren (Stief-)Eltern leben wollen, nicht in ein Heim möchten oder fürchten, die Eltern würden ihren Kostenanteil dafür nicht übernehmen. In diesen Szenen, die ganz überwiegend von »Kids« aus dem unmittelbaren Umfeld gebildet werden, sind härtere Drogen und Drogenhandel sowie Prostitution als Einkommensquelle (noch) nicht verbreitet." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 9)

"Von all diesen Stadtteil-Szenen berichten manche ExpertInnen, daß es dort neben Kämpfen durchaus auch so etwas wie Solidarität, Zugehörigkeit und Geborgenheit gäbe und diese Szenen zum Teil die Funktion von »Ersatzfamilien« hätten. Zum Teil wird dies jedoch als Mythos zurückgewiesen: Die ExpertInnen beobachten auch absolute Gleichgültigkeit und Konkurrenz von Jugendlichen untereinander sowie die Verlassenheit von einzelnen Jugendlichen.

Das Klima in den Hauptbahnhof- und City-Szenen westdeutscher Großstädte dagegen sahen alle mit diesen Szenen vertrauten ExpertInnen eindeutig durch Hierarchien, Konkurrenz, gegenseitige Ausbeutung und wachsende Brutalität und nicht etwa Solidarität der Jugendlichen geprägt. Die Zusammengehörigkeit, die manche Jugendlichen spüren, sei lediglich negativ durch das Wissen definiert, daß es den anderen »Kids« genauso schlecht geht und daß das Überleben leichter ist, wenn man sich - vorübergehend - in Gruppen zusammentut. Ansonsten gelte: »Jeder ist sich selbst der Nächste, das ist genauso wie unsere Gesellschaft: Nur mit Ellenbogen...«" (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 9)

"Die Gefahr, daß sich hier Straßenkarrieren nicht nur durch ihre Dauer, sondern auch durch Drogengebrauch und -handel, durch (organisierte) Prostitution und Kriminalität sehr schnell und so stark verfestigt, daß Ausstiege aus diesen Szenen nur noch schwer möglich sind, wird für die City-Szenen allgemein als wesentlich größer eingeschätzt als für Stadtteilszenen." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 9f).

Weitere wichtige Hinweise zur Lebenslage und Situation obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener, die im wesentlichen die o.g. zusammenfassenden Darstellungen bestätigen, sind beispielsweise in den Arbeiten von BRITTEN 1995, DEGEN 1995, EICHHORN 1992, JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995a, SEIDEL 1994, ZGLINICKI 1995 dokumentiert.

3.5. Ursachen und Hintergründe

In der wissenschaftlichen Diskussion zu den Ursachen und Hintergründen des Problems sind bislang in der Regel nur sehr vorsichtige Aussagen zu konstatieren. Unterschiedliche Akzente werden benannt, allen Ansätzen gemeinsam ist, daß das Phänomen innerhalb eines problematischen gesellschaftlichen Kontextes gesehen wird: "Straßenkinder dieser Welt weisen auf gesellschaftliche Zustände hin, die nicht durch ein Abschieben (...) zu lösen sind." (GüTHOF 1995, 212). Für Georg Rückriem sind Kinder in erster Linie Symptomträger, die auf innergesellschaftliche Defizite verweisen: "An der Wirklichkeit der Kinder zeigt sich die 'Krankheit' einer Gesellschaft, also die Konflikte, Spannungen und Auseinandersetzungen, die durch Modernisierungsschübe in der Struktur der Gesellschaft, aber vor allem im Gefüge der Generationen verursacht werden und die die allgemeine Wirklichkeit einer Gesellschaft bestimmen, auch wenn die Erwachsenen dies nicht sehen oder wahrhaben wollen." (RüCKRIEM 1994, 10f). Am Umgang der Gesellschaft mit ihren Kindern und Jugendlichen könne man demzufolge ihre innere Verfassung ablesen: "An der Art und Weise, wie eine Gesellschaft ihre Symptomträger 'behandelt', d.h. an den pädagogischen Strategien von Erziehung und Bildung (...) zeigt sich ihre Generationenpolitik, mit anderen Worten, das politische Selbstverständnis und die politische Qualität einer Gesellschaft." (RüCKRIEM 1994, 10f).

Deutlich konkreter beschreibt Annette ROGALLA mit Blick auf die von Wilhelm HEITMEYER 1996 veröffentlichte Studie zur Gewalt von Jugendlichen Ursachen und Wirkungen: "Jugendliche reagieren auf die Verhältnisse, die sie umgeben." Ihre Lage ist sicher auch Resultat "einer fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft, die alle Schichten umfaßt. Allenthalben wird das Individuelle als Sieg über vielfältige Zwänge und Klassenschranken gefeiert. So durchlässig wie heute waren die sozialen Schichten nie zuvor. Seinerzeit allerdings waren auch Biographien vorgefertigt. Heute sind Jugendliche viel häufiger selbst gezwungen, sich ihre Lebensläufe herzustellen und frühzeitig wegweisende Entscheidungen zu treffen. Eine Selbständigkeit, die enorm verunsichern kann. Auf diesem Nährboden können Aggressionen prächtig gedeihen. Kommen dann (...) kulturelle Entfremdung und sozialer Abstieg hinzu, verwundert es nicht, wenn Gewalt zum Mittel der Wahl wird." (ROGALLA 1996).

Deutlich stärker akzentuiert im Blick auf die noch verfügbaren Räume und Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche in dieser Gesellschaft äußern sich Autoren wie LANGHANKY: "Sie sind da - Kinder und Jugendliche, die im Abseits von familialer Intimität und öffentlicher Kontrolle Lebensentwürfe im 'Nirgendwo' zu realisieren suchen. Sie versuchen Orte abseits der Familienkonstruktion und abseits institutioneller Kontrolle zu finden. Es sind Orte, 'die leer von Macht sind', 'Nischen im System', in denen sie zu 'Spezialisten für Nebenräume (werden), die sich als Abseits nutzen lassen' (Brückner 1980, S. 24). Das Abseits, das einerseits Nische in einer reglementierten Gesellschaft ist, wird für sie jedoch dann zur Falle, wenn es nicht frei gewählt als Ausweg und eigenbestimmtes Feld sich erstellen läßt, sondern als einzig möglicher Weg, aber chancenlos in Hinblick auf Erfolg bzw. Erfüllung sich darstellt." (LANGHANKY 1995, 207). Gleichzeitig wird konstatiert, daß im Verlaufe der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte Räume für Kinder und Jugendliche in der Stadt verloren gegangen sind ("Das Kind und die Straße - von der Stadt zur Anti-Stadt", vgl. ARIèS 1994) bzw. zunehmend negativer bewertet werden:

"Die Tabuisierung von Stadt als Lebenswelt von Kindern, ihre Kennzeichnung als gefährlicher, erziehungsungeeigneter Ort ist also nicht neu, sondern tritt immer dann auf, wenn neue Modernisierungsschübe und damit einhergehende Veränderungen der sozialen Lage vieler Menschen in der Stadt deutlich sichtbar werden und das gewohnte Bild in Unordnung zu geraten droht." (LANGHANKY 1995, 208).

Dennoch muß der Stand der Forschung zu Ursachen und Hintergründen der Problematik obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener insgesamt als defizitär gekennzeichnet werden. Die empirischen Arbeiten sowie die theoretischen Ansätze zu Wohnungslosigkeit können nur bedingt herangezogen werden, da diese bislang kaum explizit auf diese Altersgruppe Bezug nehmen; internationale Forschungen sind bislang auch so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen worden. Weiterhin existieren einige deutschsprachige Studien älteren Datums, die dem thematischen Umfeld zuzuordnen sind (etwa JORDAN/TRAUERNICHT 1981, JOST/MONTADA 1983, KIEPER 1980, KLUGE 1977).

An systematisch-empirischen Material neueren Datums sind vor allem die Gutachten von Erwin Jordan und Gabriele Hardt (INSTITUT FüR SOZIALE ARBEIT 1994), die Studie von Martin DEGEN (1995) sowie das laufende Forschungsprojekt von JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995a zu nennen. Letztere kennzeichnen zutreffend das Forschungsdefizit: Zum einen fehlt "die Erarbeitung differenzierter Beschreibungen der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen auf der Straße, zum anderen die Analyse der Wechselwirkungen von Straßenkarrieren und Institutionen unter den Bedingungen veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Dazu gehören nicht nur so unterschiedliche Einflußfaktoren wie zum Beispiel die sozialen Folgen der Wiedervereinigung, die zunehmend sichtbar werdenden Grenzen sozialstaatlicher Unterstützung, die Eingriffe in das System sozialer Sicherung, der Wandel der Familie, die veränderte Rolle der Schule in bezug auf Arbeitsmarkt und individuelle Zukunftsplanung, sondern auch die nicht intendierten Nebenfolgen einer ausdifferenzierten Jugendhilfepraxis." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995a, 11).

Selbst die Hilfeangebote für obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene werden defizitär und als nicht angemessen eingeschätzt: "Staatliche wie private Interventionsprogramme für Straßenkinder in den unterschiedlichsten Ländern dieser Welt sind meist auf eine uneingeschränkte (und unkritische; die Verf.) Integration der Kinder in das vorherrschende Gesellschaftssystem ausgerichtet. Nur vereinzelt sind Projekte bekannt, die Kinder mit ihren Erfahrungen und Lernprozessen ernst nehmen, ihre Kompetenzen und Stärken aufgreifen und sie als Ausgangspunkt einer lebensweltorientierten Sozialarbeit nutzen, wie u.a. die Schule der Straße in Paraguay, die offene Sozialarbeit auf der Straße in Bolivien, oder die Wagenburg des Vereins Teufelsbrunnen in Köln." (GüTHOF 1995, 211). Auch hier besteht mit Sicherheit weiterer Forschungsbedarf, zumal die spezifischen Angebote weder für Berlin noch für die Bundesrepublik bislang weder systematisch erfaßt noch hinreichend untersucht worden sind.

Deutlich jedoch zeichnen sich Tendenzen ab, die einen interdisziplinären Ansatz für erforderlich halten: "In Deutschland gilt es vor allem, den Blick über den Tellerrand der Jugendhilfe zu richten und sich in Sozialpolitik, Wirtschaft, Wohnungsbau und Städteplanung einzumischen." (GüTHOF 1995, 212). Weitgehender Konsens besteht auch darin, daß das Ziel der Angebote darin gesehen wird, "eine Stabilisierung der Persönlichkeit der Jugendlichen (zu erreichen), damit sie zukünftig ihr Leben selbst bewältigen können." (JUGENDBERATUNG im Prenzlauer Berg 1995, 13). Exemplarisch sind Aussagen wie: "Die Jugendlichen sollen nicht im herkömmlichen Sinne 'erzogen' werden, sondern ein Stück begleitet, ihr tieferes Selbstverständnis angeregt und das Selbstbewußtsein im Sinne eigener Handlungskompetenz gestärkt werden. Die entwicklungsbegleitende Beratung und die praktischen Hilfen orientieren sich an der individuellen Lebenssituation der jungen Menschen. Unsere Beratung und Begleitung soll zur Förderung der Eigenverantwortlichkeit beitragen und ist als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen." (JUGENDBERATUNG im Prenzlauer Berg 1995, 13). Wie diese Ziele jedoch praktisch realisiert werden können, dazu bestehen erst anfanghaft Erfahrungen, die bislang wissenschaftlich noch nicht hinreichend ausgewertet worden sind.

3.6. Situation obdachloser Jugendlicher/ junger Erwachsener in Berlin-Prenzlauer Berg

Deutlicher wird die besondere Situation obdachloser Jugendlicher/ junger Erwachsener in Prenzlauer Berg auf dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Bezirks und seiner gegenwärtigen sozialen, politischen sowie infrastrukturellen Verfasssung. Dies kann an dieser Stelle nur skizzenhaft angedeutet werden (vgl. dazu auch HAEDER/WüST 1994, PRENZLAUER BERG 1996 sowie die weitere umfangreiche Literatur über den Bezirk):

Prenzlauer Berg gehört seit der Verwaltungsreform 1920 als Bezirk zur Stadt Berlin und ist mit 10,9 qkm - davon 7,44 qkm reiner Wohnfläche - heute einer der am dichtesten besiedelten Innenstadtbezirke Berlins.

Der Leiter des Kulturamts Prenzlauer Berg charakterisiert den Bezirk im Vergleich zu Kreuzberg: Beide Bezirke entstanden "in den Gründerjahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Stadterweiterungen außerhalb der mittelalterlichen Stadt, sind Teil des 'Steinernen Berlin', das stadtauswärts durch den S-Bahnring begrenzt wird und an die 1920 durch die Bildung Groß-Berlins aus Dörfern hervorgegangenen Außenbezirke stößt. Sie repräsentieren exemplarisch die 'Berliner Mischung' von Wohnen und Arbeiten in der Innenstadt, die aus dem engen Zusammenleben von LohnarbeiterInnen, Angestellten und Gewerbetreibenden entstanden waren. Und trotz der unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklung nach 1945 rückten Kreuzberg und Prenzlauer Berg in eine vergleichsweise randständige Lage. (...) Aufgrund ihrer städtebaulichen und sozial-räumlichen Voraussetzungen haben sich beide Bezirke als für den sozialen und kulturellen Wandel besonders offen erwiesen. Hier konnten und können (noch) trotz partieller Raumnutzungskonkurrenz und sozial-kultureller Distanz durchaus verschiedene soziale Gruppen, teilweise in symbiotischer Beziehung zueinander, leben." (FLIERL 1996, 13).

Der neue Mythos vom Prenzlauer Berg hat seinen Ursprung noch in den letzten Jahren vor der Wende 1989: der Mythos der Verweigerung, der Opposition und der Ost-Berliner Alternativkultur. Junge Leute, die hier Wohnraum gefunden hatten, wurden mit ihren kritischen und kreativen Aktivitäten und Ideen über den Bezirk, ja weit über die Stadt hinaus bekannt. Manches konnte von diesem Lebensgefühl in die Gegenwart hinübergerettet werden und fand dort, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, seine Fortsetzung.

Mit Blick auf ihre Erfahrungen seit 1991 kennzeichnet die JUGENDBERATUNG im Prenzlauer Berg den Bezirk als "Spiegelbild der 'autonomen' Szene", der noch "vor dem Bezirk Kreuzberg für den 'autonomen und sozialen Tourismus' von Jugendlichen" steht. "Die Besetzung von Häusern in Prenzlauer Berg durch die autonome Szene begann 1989 und war für die Jugendlichen wesentlich attraktiver als irgendwo sonst in Berlin. Die historisch gewachsenen Subkulturen des Bezirkes wirken faszinierend und anregend auf die Zugereisten." (JUGENDBERATUNG im Prenzlauer Berg 1995, 5). "Für das sozial-kulturelle Klima im Bezirk sind einerseits viele hier wohnende Künstler, Wissenschaftler und Angestellte bedeutsam, andererseits gibt es einen für die ehemaligen DDR-Gebiete eher untypisch hohen Anteil von ungelernten und angelernten Arbeitskräften." (JUGENDBERATUNG im Prenzlauer Berg 1995, 9).

Ende 1994 waren 144.567 Bürger melderechtlich in Prenzlauer Berg registriert. Auffällig ist insbesondere der überdurchschnittlich hohe Anteil von jungen Menschen: 1/3 der Bevölkerung Prenzlauer Bergs ist unter 27 Jahre alt. Zudem lebt hier die einkommensschwächste Bevölkerung Berlins. Trotzdem besitzt Prenzlauer Berg als Bezirk im gesamtberliner Vergleich eine ganz besondere Attraktivität: Für Wolfgang KIL (1996) war der Bezirk schon immer eine "Transitstation Hoffnung", er charakterisiert den Prenzlauer Berg als einen "Stadtteil für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger" (KIL 1996, 19).

3.7. Sogwirkung Berlin-Prenzlauer Berg

Die Frage nach der Sogwirkung Berlins bzw. des Bezirks Prenzlauer Berg für obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene ist grundsätzlich von drei Gesichtspunkten her zu betrachten: 1. Von der Dynamik der Szene selbst; 2. Von der Dynamik, die von der Metropolenentwicklung Berlins ausgeht sowie 3. Von der sozialen Entwicklung im Stadtteil selbst.

Erstens. Zur Dynamik der Szene urteilen die Forscher des Bundesjugendinstituts: "Diese zentralen Szenen ziehen Jugendliche mit langen Jugendhilfekarrieren, die nirgends mehr verankert sind, ebenso an wie Jugendliche aus mehr oder weniger desolaten Familienverhältnissen, wobei die Zahl von Jugendlichen aus »ganz normalen« Mittelschichtsfamilien aus dem Umland bzw. aus einzelnen Stadtteilen zunimmt. Anziehungskraft haben diese zentralen Szenen mit ihrer Anonymität und ihren Gelegenheitsstrukturen auch für Jugendliche aus schon länger in Deutschland ansässigen Migrantenfamilien sowie für minderjährige Flüchtlinge und Jugendliche aus Osteuropa. (...) Insgesamt mischen sich in diesen Szenen also Jugendliche, die schon sehr stark entwurzelt sind und schon längere Abweichungskarrieren hinter sich haben, mit solchen, die die Szene gelegentlich als Freizeitort nutzen oder deren Straßenkarriere hier beginnt." (JORGSCHIES/PERMIEN/ZINK 1995, 9)

Zweitens kann aufgrund der Dynamik, die von der Metropolenentwicklung Berlins ausgeht, generell mit Zuwanderungsbewegungen gerechnet werden. Wolfgang KIL etwa argumentiert mit Blick auf Prenzlauer Berg: "Überhaupt wäre Berlin gut beraten, seine Gründerzeitgebiete in möglichst funktionstüchtigem Zustand zu bewahren. Denn schließlich muß die Stadt - bei allen übrigen Unwägbarkeiten der Zukunft - mit einem ganz sicher rechnen: mit einem neuerlichen Andrang der Habenichtse. (...) Und diese neue Wanderungsbewegung hat kaum erst begonnen. Sie wird auf Dauer das Gesicht der aufstrebenden Metropole in der Mitte des Kontinents nachhaltiger verändern, als es die ehrgeizigsten Bauprojekte in der City jemals vermögen. (...) Zwar mag es der Traum vom Kurfürstendamm sein, mit dem sich die Wanderer auf den Weg machen, doch am Ziel ihrer Reise werden sie auf billige Wohnungen, billige Läden und auf alle Arten von Gelegenheitsjobs angewiesen sein. Mehr denn je wird also der soziale Frieden der Stadt von jenen anarchistischen, aber strapazierfähigen Toleranzvierteln abhängen, die schon immer als Durchgangs- und Aufstiegsmillieu funktionierten. Die mögen den einen als nicht ganz geheuer erscheinen; für die anderen sind die das rettende Paradies." (KIL 1996, 28)

Und drittens muß auch davon ausgegangen werden, daß ein Teil der obdachlosen Jugendlichen/jungen Erwachsenen sich verstärkt unmittelbar aus dem Bezirk selbst bzw. aus einzelnen Stadtteilen rekrutiert. Dieses Phänomen wäre nicht neu und mit Blick auf die besondere soziale Struktur des Bezirks (s.o.) auch nur dann zu vermeiden, wenn es gelingt "die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung zu verhindern, dem ökonomischen Druck der privaten Eigentümer gegenzusteuern, die Betroffenen in einen qualifizierten Abstimmungsprozeß zu integrieren und so nach einem Modell für eine andauernde, nachhaltige Stadtentwicklung zu suchen." (FLIERL 1996, 14)

Dabei ist davon auszugehen, daß alle drei Dynamiken sich wechselseitig bedingen und gegenseitig verstärken. Anders gesagt: Die Attraktivität des Bezirks Prenzlauer Berg für sog. "Straßenkinder", seien es nun obdachlose Jugendliche/junge Erwachsene oder aber ganz allgemein durchreisende oder zureisende Trebegänger in (Stadtteil-) Straßenszenen ist kein Gegensatz zur sonstigen allgemeinen sozialen Situation, kein spezifisch besonderes Problem des Bezirks, sondern muß gesehen als konstitutiver Bestandteil eben dieser typischen sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Charakteristik und Dynamik Prenzlauer Bergs im Rahmen der Hauptstadt- und Metropolenentwicklung Berlins.

3.8. Bedeutung und Bewertung des Problems obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener

In einer ersten Zwischenbilanz kann festgehalten werden. Zweifelsfrei existiert das Problem obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener auch in Prenzlauer Berg, auch wenn zur Zeit keine plausible Schätzung vorgenommen werden kann. Dennoch gibt es, jenseits der von der Jugendberatungsstelle Prenzlauer Berg erfaßten Kinder und Jugendlichen deutliche Hinweise und plausible Argumente für eine deutlich hoch anzusetzende Dunkelziffer. Weiterhin ist mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung allgemein, die Metropolenentwicklung Berlins sowie mit Blick auf die sozialen und historischen Besonderheiten des Bezirks selbst mindestens davon auszugehen, daß auch zukünftig das Problem obdachloser Jugendlicher/junger Erwachsener im Bezirk präsent sein oder sogar noch deutlich zunehmend wird.

Zugleich zeigt die Analyse der wissenschaftlichen Diskussion und der Stand der Forschung erschreckende Defizite, sowohl was das theoretische Problemverständnis und das empirische Material betrifft, als auch was die Entwicklung hinreichender und den Erfahrungen der Jugendlichen angemessener Hilfeleistungen anbetrifft - das gilt für die Bundesrepublik allgemein, aber insbesondere auch für die Stadt Berlin.


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