Freie Universität Berlin
Sommersemester 1996
Fachbereich: Politische Wissenschaft
HS 32511 "Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland"
DozentInnen: Margit Mayer, Stefan Schneider

Andreas Wutta

Buchbesprechung: "Ich bin eine Stadtstreicherin" - Über das Leben obdachloser Frauen

Das Buch "Ich bin eine Stadtstreicherin" von Dietrich, Gronau und Anita Jagota ist 1994 im Fischer Taschenbuchverlag erschienen. Die Autoren führten sieben Interviews mit obdachlosen Frauen, die über ihre aktuelle Lebenssituation, ihr Ängste und Sorgen erzählen sollten, durch.

Zu den Autoren:

Dietrich Gronau studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Japanologie. Er arbeitet als freier Schriftsteller in Berlin und veröffentlichte u.a. Biographien über Nazim Hikmet, Marguerite Jourcenas, Mustafa Kemal Atatürk und Anais Nin.
Anita Jagola erwarb an der Freien Universität Berlin das Diplom für Soziologie. Zusammen mit Dietrich Gronau veröffentlichte sie im Fischer Taschenbuchverlag das Buch "Über alle Grenzen verliebt".

Bezug zum Seminar:

In unserem Seminar "Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland" haben wir die Sitzung vom 7. Mai dazu benutzt über die Situation von obdachlosen Frauen in den USA und Deutschland zu sprechen. Wir hatten festgestellt, daß Wohnungslosigkeit bis in die 80er Jahre hinein als ein primär männliches Phänomen gesehen und analysiert wurde.
Die Zahl der obdachlosen Frauen hat sich jedoch nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt und beträgt heute etwa fünfzehn Prozent alle Obdachlosen in Deutschland. Diese Zalhen machen deutlich, daß es nötig ist die Situation der obdachlosen Frauen aus einem eigenen und unabhängig von den männlichen Obdachlosen Blickwinkel zu betrachten ist.
Nachdem wir im Seminar uns mehr auf die "objektive" Seite anhand von wissenschaftlichen Berichten gestützt haben, möchte ich mit Hilfe des oben genannten Buches mehr auf die "subjektive" Seite eingehen.

Zum Inhalt:

Die Autoren Dietrich Gronau und Anita Jagota führten zusammen insgesamt sieben Interviews mit von Armut und Obdachlosigkeit betroffenen Frauen aus Berlin. Um einen repräsentativen Querschnitt möglichst nahe zu kommen, galt bei der Auswahl unter den zu einem Gespräch Bereiten Unterschiede des Alters, der Herkunft und der Ursache für die Notlage zu berücksichtigen.
Die Autoren sind der Meinung, daß Statistiken, soziologische Analysen und Tagungsberichte von Armut und Obdachlosigkeit keine Sympathie für die Betroffenen hervorufen. Aus diesem Grund hatten sie sich dazu entschieden mit den betroffenen Frauen selbst zu sprechen und ihnen die Möglichkeit zu geben über ihr Leben zu reden. Der Weg, diese Frauen zu finden, war nicht so einfach, da viele von ihnen, die zurückgezogen in Sozialpensionen leben oder in Übernachtungsheimen und Notunterkünften schlafen, nur selten die Wärmestuben besuchen.

Noch seltener als in den Wärmestuben trafen sie Frauen an den gängigen Treffpunkten der Obdachlosen wie z.B. in Parks und Bahnhöfe. Auch wollten nicht alle Frauen, die sie trafen über sich und die Ursache und Auswirkungen ihrer Armut sprechen. Jüngere Frauen, die noch nicht allzulange im Obdachlosenmilieu verkehrten, und Frauen, die es geschafft hatten, wenigstens von der Straße weg in eine Sozialpension zu kommen, waren eher bereit über sich zu reden.

Im folgenden möchte ich nun die Interviews der sieben Frauen kurz zusammenfassen.

Auch wenn die einzelnen Frauen oft ganz unterschiedliche Schicksale erfahren haben, so gibt es bei allen wiederum auch viele Gemeinsamkeiten. Überraschend stellten die beiden Autoren fest, daß keine der Frauen die Schuld ihrer Lage an die verantwortliche Umwelt stellten. Es sprachen auch nicht Frauen, die innerlich und äußerlich verwahrlost waren, sondern Frauen, die sich Selbstbewußtsein und Würde bewahrt hatten.
Trotzdem hatten sich die meisten von ihnen, die unfreiwillig Freiheit von Beruf, Familie und Heim gewonnenen hatten, wieder für die Bindung an einen Mann entschieden. In den Gesprächen berichteten fast alle Frauen von ihrer persönlichen Beziehung zu den Männern.
Viele waren Opfer sexueller Ausbeute und Gewalt, so daß sie ihren Partner verließen und nicht wußten wohin sie gehen sollten. Aufgrund fehlender Ausbildung oder aber sehr schlechter Ausbildung und ohne Familienunterstützung, blieben nur noch die Straße und die Notunterkünfte übrig.
Obwohl die meisten von ihnen schon mehrere Jahre, und manche von ihnen sogar über Jahrzehnte, entweder die meiste Zeit ohne Wohnung oder aber nur für kurze Zeit ein angemietes Zimmer hatten, sehen sie sich in einer Art "Übergangsphase", aus der man irgendwann wieder rauskommen wird.
Auch das Thema Alkohol zog sich wie ein roter Faden durch alle Erzählungen. Entweder war zu hoher Alkoholkonsum einer der Gründe, wodurch die Frauen in ihre schlechte soziale Lage geraten waren, oder aber sie begannen zu trinken, nachdem sie ihre Unterkunft verloren hatten.
Auch wenn in den ganzen Gesprächen viele Gemeinsamkeiten der Gründe, die zur Obdachlosigkeit führen können, zu sehen sind. So sind doch viel mehr die unterschiedlichen Schicksale, die jeder einzelnen Frau wiederfahren sind, auschlaggebend für die Armut und Wohnungslosigkeit. Durch die verschiedenen Gespräche wird deutlich wie Vielschichtig die Ursachen für Obdachlosigkeit sein können. Man kann keine klare Defintion geben, die alle Ursachen für Wohnungslosigkeit aufzeigt.

Eigene Meinung:

Meiner Meinung nach haben die Autoren Dietrich Gronau und Anita Jagota einen guten Beitrag über die Lebenssituation obdachloser Frauen geleistet. Das Buch zeigt, wie rasch Menschen in der Gesellschaft durch das soziale Netz fallen können und wie schwer es ist, wieder in die "Normalität" zurückzufinden. Auch schließe ich mich ihrer Meinung an, daß man durch die zusammengestellten Interviews die Leser und somit die /ffentlichkeit, näher an die Problematik der Obdachlosigkeit bringen kann. Jedoch bin ich nicht der Meinung, daß wie sie zu Anfang des Buches geschrieben haben, wissenschaftliche Arbeiten in der Form von Statistiken, Analysen, Tagungsberichten und Mediendarstellung in der /ffentlichkeit kaum noch mehr Gehör finden und aus diesem Grund die Selbstdarstellung der Frauen die wirksamste und überzeugendste Methode ist, um Verständnis für die Betroffenen zu bekommen. Vielmehr sollten beide Seiten beachtet werden.
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