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FU Berlin
SoSe 96
FB Pol. Wiss. (Otto-Suhr-Institut)
FB Nordamerikastudien (J. F. Kennedy-Institut)
HS32 511 Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
Doz.: Prof. Dr. Margit Mayer / Stefan Schneider

Nicole Schostak & Kai Bögner

Zu Besuch beim Frauenfrühstück in der Levetzowstraße

Im Berliner Bezirk Tiergarten bietet die Beratungsstelle Levetzowstraße seit mehr als zehn Jahren ein Frühstück für wohnungslose Frauen an. Während Obdachlosigkeit während der aktuellen Kältewelle mal wieder ins gesellschaftliche Bewußtsein rückt, werden Frauen weiterhin kaum als hiervon Betroffene wahrgenommen. Nun ist das Frauenfrühstück von den Kürzungen des Senats bedroht.
"Oh, das ist ja toll. Zeig' mal!" Manuela (- alle Namen sind von den AutorInnen geändert -) fährt mit ihrem Rollstuhl um den großen Tisch herum. "Das ist ja klasse." Es ist Mittwoch und Frauenfrühstück in der Beratungsstelle Levetzowstraße. Manuela und andere wohnungs- und obdachlose Frauen, aber auch Frauen mit mittlerweile festem Wohnsitz, treffen sich wöchentlich hier, um Probleme mit den beiden Sozialarbeiterinnen Katrin und Elfriede zu bereden oder einfach nur um zu quatschen. Heute ist ein besondere Tag. Uschi, eine der Frauen mit Wohnung, hat ein paar Schmuckstücke mitgebracht, die sie an die Frauen verteilt. Manuela entscheidet sich für ein Paar Ohrringe mit Kette und Armband. Außerdem sucht sie sich noch eine lange Kette mit einem großen silbernen Kreuz aus. Stolz und glücklich läßt sie ihre neuen Stücke von den anderen Frauen bewundern.

Manuela kommt, wie viele anderen Frauen auch, fast jede Woche in die Levetzowstraße. Die Frauen kennen sich untereinander und genießen die gemeinsame Zeit, für viele die einzige Abwechslung der Woche.

Das Frauenfrühstück gibt es mittlerweile über zehn Jahre. Und es hat sich bewährt, wie die vielen Frauen beweisen. "Anfangs gab es ein paar Anlaufschwierigkeiten. Es hat einige Zeit gedauert bis die Frauen das Angebot angenommen und schätzen gelernt haben", weiß Katrin, "aber jetzt kommen viele regelmäßig." Gemeinsam mit Elfriede steht sie den Frauen mit Rat und Tat zur Seite und hat für deren Wünsche und Bedürfnisse stets ein offenes Ohr. "Wir tun, was wir können", erzählt Katrin, "manchmal leisten wir "nur" akute Hilfe, manchmal hören wir einfach nur zu. Es kommt drauf an, was die Frauen wollen."

Langsam füllt sich der Raum, immer mehr Besucherinnen stoßen hinzu. Teilweise gibt es ein großes Hallo, frau kennt sich schon länger und versteht sich. Andere bleiben eher still und setzen sich dazu. Die Distanz wird erstmal gewahrt. Ganz neu ist die Situation aber für die wenigsten, denn einmal hereingeschnuppert und das Angebot getestet, kommen die meisten häufig wieder. Freilich werden dabei gerne auch die anderen Angebote der Beratungsstelle genutzt, denn mittwochs sind die Männer von der Beratung ausgeschlossen, die Frauen ganz unter sich. Das macht viele von ihnen freier, sie können sich ungezwungener verhalten. So gibt es zum Beispiel ein Bad, wo die Frauen duschen können, auch eine Waschmaschine ist vorhanden.

Die von Caritas und dem Diakonischen Werk getragene Einrichtung in der Levetzowstraße unterstützt wohnungslose Menschen bei dem Versuch, etwas gegen ihre Situation zu ändern, vor allem die, die von alleine nicht mehr wissen, wie. Sehr häufig geht es zunächst darum, die akute Notlage zu beheben und eine vorläufige Unterkunft zu besorgen. Ansonsten werden die verschiedensten Angebote gemacht, von der Versorgung mit Kleidung über die Klärung der Einkommensverhältnisse und -möglichkeiten bis zur Mithilfe bei der Durchsetzung rechtlicher Ansprüche. Viele KlientInnen trauen sich beispielsweise gar nicht alleine zum Sozialamt. Nicht immer, aber doch überwiegend, steht hinter der Arbeit das Ziel, gemeinsam eine Wohnung zu beschaffen.

Frauen nutzen das Angebot der Levetzowstraße bisher seltener als Männer. Elfriede meint, das Hauptproblem sei eher, daß Frauen sich erst in einer sehr viel schlimmeren Situation dazu entschließen, die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Sie versuchen in der Regel länger, sich selbst zu behelfen, indem sie zum Beispiel bei Freundinnen oder Bekannten Unterschlupf suchen. Folglich ist die Dunkelziffer der Wohnungslosigkeit bei ihnen auch weitaus höher als bei Männern. Um den Frauen den Zugang zum Hilfesystem zu erleichtern, wurde in den achtziger Jahren die Idee des Frauenfrühstücks geboren. Und tatsächlich erzielte diese Initiative einen Durchbruch. "Anfangs gab es ein paar Anlaufschwierigkeiten. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Frauen das Angebot angenommen und schätzen gelernt haben," weiß Katrin, "aber jetzt kommen viele regelmäßig."

Die Frauen schwatzen derweil gemütlich zwischen Brötchen und Kaffee. Der Raum füllt sich zusehends, laufend kommen neue Teilnehmerinnen herein. Das Angebot ist reichlich, neben dem Kuchen und den süßen Schnecken ist auch sonst 'ne Menge da: Käse, Wurst, Eier, die erwähnte Marmelade. Soviel Auswahl, das findet Anklang. Den Frauen jedenfalls schmeckt's. Und sie werden langsam warm und tauschen angeregt die letzten Neuigkeiten aus. Nur Lena sitzt nicht am Tisch. Die zierliche Frau rennt unentwegt rein und raus, wirkt ungemein geschäftig. Sie redet mit niemandem außer mit sich selbst. Von Katrin erfahren wir, daß Lena wohnungslos ist, jede Woche kommt und fast immer für sich alleine bleibt. "Manchmal redet sie mit Elfriede, aber das kommt selten vor. Meistens sitzt sie draußen auf dem Gang und schreibt und schreibt. Wir wissen nicht, was, aber sie scheint die Briefe auch abzuschicken. Einmal bekamen wir einen Anruf von einem Sozialamt, das einen ihrer wirren Briefe bekommen hatte, aber nichts damit anzufangen wußte. Die Levetzowstraße war darin erwähnt. Deshalb meldeten sie sich bei uns" Während Katrin erzählt, schiebt sich Manuela den letzten Biß ihres Kuchens in den Mund. Zufrieden lehnt sie sich in ihren Rollstuhl zurück, klopft sich auf den Bauch und stöhnt: "jetzt bin ich aber satt!" Manuela ist aus der ehemaligen DDR. Bereits fünf Jahre vor Maueröffnung siedelte sie erst nach Frankfurt und dann Anfang der Neunziger Jahre nach Berlin über. Hier teilt sie sich mit ihrer Perserkatze eine kleine Wohnung. Vor ein paar Jahren wurde ihr das rechte Bein amputiert,"wegen zu viel Rauchen", sagt sie, fügt jedoch gleich hinzu: "das glaub' ich aber nicht" und nimmt einen kräftigen Zug aus ihrer Zigarette. Arbeiten kann Manuela aufgrund ihrer Behinderung nicht. So verbringt sie die Tage oft draußen an der frischen Luft, meistens allein, denn Freunde und Freundinnen hat sie keine. "Nur die hier vom Frühstück", sagt sie. In letzter Zeit macht sie sich oft Sorgen, wenn sie abends allein zu Hause ist. Sie hat Angst vor dem Tod, mit 43 Jahren, obwohl sie eigentlich nicht krank ist. Das Leben meinte es nicht besonders gut mit Manuela. Sie heiratete mit Anfang zwanzig. "Geliebt habe ich meinen Mann eigentlich nicht, aber meine Eltern wollten es so." Die Ehe war alles andere als glücklich. Schläge und Vergewaltigung waren an der Tagesordnung. Als Manuela erfuhr, daß ihr Mann ihre Eltern bestohlen hatte und dies kein Einzelfall war, zeigte sie ihn an. Sie wurde geschieden und ging nach Frankfurt am Main, wo sie längere Zeit in Wohnheimen wohnte. Arbeit fand sie nicht. Auch der Kontakt zur Familie brach ab, und so lebt sie heute für sich allein.

Das Frauenfrühstück gibt es mittlerweile über zehn Jahre. Und es hat sich bewährt. Elfriede und Katrin stehen den Frauen mit Rat und Tat zur Seite und haben für Wünsche und Bedürfnisse stets ein offenes Ohr. "Wir tun, was wir können", erzählt Katrin, "manchmal geht es um ganz direkte Hilfe, manchmal hören wir einfach nur zu. Es kommt darauf an, was die Frauen wollen."

Die Beratungsstelle Levetzowstraße ist eine der wenigen Einrichtungen der Obdachlosenhilfe, die ein spezielles Angebot für Frauen hat. Nach wie vor orientiert sich das Hilfesystem an Männer, obwohl der weibliche Anteil an der gesamten Obdachlosigkeit deutlich gestiegen ist. Die Zahlen sind schwer zu ermitteln und verhältnismäßig ungenau, aber die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe geht wie andere Gruppen auch, von etwa 20% Frauen im Obdachlosenmilieu aus, wenn mensch die Fälle von akuter Wohnungsnot mit einbezieht. Von solchen Summen kann, was die Kapazität in Notunterkünften und Wärmestuben betrifft, keine Rede sein. Die sichtbare Obdachlosigkeit scheint ein Männerproblem zu sein, und so ist das institutionalisierte Hilfesystem dementsprechend ausgerichtet.

Tatsächlich äußert sich Wohnungslosigkeit bei Frauen zumeist anders als bei Männern. Sehr häufig steht dahinter eine frauenspezifische Entwicklungsgeschichte, in der die tradierte Frauenrolle, Erfahrungen sexueller Gewalt und die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielen. Frauen entwickeln dabei Strategien, sich der manifesten Obdachlosigkeit und dem Leben auf der Straße zu entziehen; gleichwohl befinden sie sich in einer prekären Situation. Das Unterkommen bei Bekannten oder Freunden bedeutet schließlich nicht selten die Flucht in ein vollständiges Abhängigkeitsverhältnis ohne jede persönliche oder materielle Absicherung. Hier entstehen sexuelle Gewaltverhältnisse oft neu.

Untypisch ist es bei Ulrike, die sehr häufig zum Frauenfrühstück kommt. Sie teilt ihre kleine Wohnung mit ihrem Freund und gewährt so ihm Unterschlupf. Heinz ist Österreicher und obdachlos. Wäre da nicht Ulrike, müßte er auf der Straße schlafen. Hinter vorgehaltener Hand erzählt sie, daß das alles heimlich und unerlaubterweise geschieht. "Meine Mutter will nicht, daß ich mit ihm zusammen bin, weil sie glaubt, daß er mich ausnutzt. Dabei ist der ganz lieb. Der putzt sogar die Fenster," verteidigt Ulrike Heinz. Bevor sie morgens aus dem Haus geht, weckt sie ihren Freund, damit er die Wohnung verläßt.

Ulrike ist Anfang vierzig und lernbehindert. Sie kann kaum lesen und schreiben. Nach neun Jahren in der Sonderschule und zwei Jahren Haushaltsschule hat sie aufgegeben. "Ich bin nicht mitgekommen. Das war mir alles zu schwer," gesteht sie. Trotzdem hat sie mehrere Jahre als Raumpflegerin und Küchenhilfe gearbeitet, bis sie entlassen wurde, aufgrund betrieblicher Kündigungen. Jetzt lebt sie vom Arbeitslosengeld. Die Tage von Ulrike sind ausgefüllt. Neben dem Frauenfrühstück besucht sie zahlreiche andere Stellen und Gruppen regelmäßig. Mit ihnen macht sie auch Ausflüge ins Berliner Umland. Viel Zeit verbringt sie auch mit ihrer Freundin Kerstin, die sie schon aus Schulzeiten kennt. Oft spielen sie am Computer oder unternehmen etwas gemeinsam, wenn Kerstin von ihrer Arbeit als Altenpflegerin frei hat. Außerdem kümmert sich ihre Mutter regelmäßig um Ulrike und auch ihre Geschwister trifft sie ab und zu.

Wichtig ist das Frauenfrühstück aber gerade auch für diejenigen Frauen, die über Gewalterfahrungen durch ihren Beziehungspartner, aber auch sonst, verfügen. In einer vertrauensvollen Atmosphäre wird es oftmals geschafft, die persönliche und soziale Situation der Besucherinnen zu stabilisieren. Eine große Rolle spielen dabei die "Stammfrauen", die dem offenen Treff eine Basis geben und Neuankömmlingen von ihren Erfahrungen berichten können. Der Erfolg gibt dem Projekt recht: immer mehr Frauen nehmen seit dem letzten Jahr teil; an manchen Wochen waren es über achtzig Personen.

Eine von ihnen ist Heike. Sie lebt auf der Straße und ist für einen solchen Winter schlecht ausgerüstet. Insbesondere ihre Halbschuhe reichen gegen die Kälte nicht mehr aus. Elfriede ist mit ihr in der Kleiderkammer verschwunden, um ein paar warme Schuhe oder Stiefel zu suchen. "Wir haben immer einen Kleidervorrat hier," erklärt Katrin, "immer nur ein paar Sachen, für Notfälle. Ansonsten ist das Kleiderlager woanders, wir haben hier kaum Platz."

Heike hat Glück und findet etwas Passendes. Froh packt sie die erstandenen Sachen zusammen und geht.

Mittlerweile hat sich der Frühstücksraum gut gefüllt und ist von allgemeinem Gemurmel erfüllt. Das Dargebotene erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, Wurst und Eier gehen schon langsam zur Neige. "Daß wir so viel anbieten können, ist nicht immer so," bemerkt Katrin dazu. Kürzungen im Etat machten das Frühstück von Spenden abhängig, die von Bekannten, Freundinnen und Freunden glücklicherweise bisher großzügig gekommen seien. Das Sparen hat aber noch kein Ende, und so, wie es aussieht, geht es für die Beratungsstelle jetzt an die Substanz. Der Senat droht mit der Einführung der Leistungsfinanzierung. Als erstes in Gefaht sind dabei die Angebote, deren Erfolg nicht unmittelbar quantifizierbar ist, also auch das Frauenfrühstück. Bereits für das Jahr 1996 wurde ein Defizit von 100.000 DM ermittelt, was die Beratungsstelle im September erfuhr. Jetzt bleibt nicht mehr viel übrig als in Klausur zu gehen und Streichungen vorzunehmen.

Die Fahrten ins Umland etwa, die die Levetzowstraße ebenfalls veranstaltete, werden mit Sicherheit nicht mehr stattfinden. Elfriede und Katrin sind erbost: "Es zählt nur noch, wem wie schnell zur Durchsetzung von Sozialhilfe-Ansprüchen und zu einer Wohnung verholfen wurde. Daß zum Beispiel die Frauen den Mittwoch-Termin für ihr psychisches Wohlbefinden und die Stabilisierung ihrer Situation und der gesellschaftlichen Kontakte brauchen könnten: alles nur noch Makulatur. "Anstatt politischer Öffentlichkeitsarbeit, die immer unser Anspruch war, leisten wir bald nur noch die Verwaltung eines Symptoms unserer Gesellschaft."

Das Frühstück nähert sich dem Ende. Manuela und einige Frauen sind schon gegangen. Andere helfen beim Tisch abräumen. Ulrike kaut an ihrem letzten Stück Schrippe. Ihre Sorgen gelten zur Zeit eher dem Arbeitslosengeld, andere wie Manuela denken an die Sozialhilfe, die der Sparwut auch immer zum Opfer zu fallen droht. Von einem möglicherweise bald letzten Frühstück in der Levetzowstraße wissen sie noch nichts.

Draußen an der Tür steht Agnes. Aus irgendeinem Grund kommt sie nicht rein. Agnes ist noch ziemlich jung, vielleicht 19, nimmt Katrin an. Sie lebt entweder auf der Straße oder in Notunterkünften. "Als Agnes das erste Mal zu uns kam, sagte sie, sie hieße Agnes Walter und käme aus Mainz." Daraufhin hängte sich Katrin ans Telefon. Wie sich aber bald herausstellte, war Agnes weder aus Mainz noch hieß sie Walter. Vielmehr war sie in einer Kleinstadt im Osten zu Hause, hatte in mehreren Heimen gelebt, weil ihre Mutter sich nicht um sie kümmerte, da sie selber psychische Probleme hat. "Agnes lebt in einer Traumwelt," berichtet Katrin, "man muß ziemlich vorsichtig sein mit dem, was sie erzählt. Sie hat uns anfangs sogar ganz genau ihr Zimmer in Mainz beschrieben, in allen Einzelheiten. Später stellte sich alles als Lüge raus."

Erst als nur noch zwei, drei Frauen da sind, traut sie sich in die Räume. Sie nimmt sich eine Streußelschnecke und erzählt von dem plötzlichen Tod eines fünfjährigen Kindes, das sie gut gekannt hätte. Sie wirkt ziemlich verschlossen und zugleich mitteilsam. Agnes hat sich vorgenommen, im kommenden Jahr zur Schule zu gehen, um einen Abschluß zu machen. "Das ist aber wohl eher utopisch," glaubt Elfriede.

Ob der Frauentag in der Levetzowstraße bald auch nur noch Bestandteil der Träume von Manuela, Ulrike und Agnes ist oder in ihren Lebenswirklichkeiten weiterhin eine zentrale Rolle spielt, kann sie nicht beantworten, auch nicht, inwieweit letzteres als utopisch zu bezeichnen ist. Aber wie den Klientinnen selbst würde auch ihr ein großes Stück vom Kuchen, der da Lebensinhalt heißt, entrissen werden.