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Freie Universität Berlin
Otto-Suhr- Institut/ John F. Kennedy - Institut
SoSe 1996
Hauptsemiar: Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
Dozenten: Margit Meyer/ Stefan Schneider

Sylvia Richter

"Die Darstellung von Obdachlosigkeit in der Literatur":

1.Buchbesprechung des Romans "Asphaltvenus" von Karin Reschke

2.Buchbesprechung der Autobiographie "Ein Leben auf der Strasse" von Charles Willeford


1.Buchbesprechung des Romans "Asphaltvenus" von Karin Reschke

1.1.Inhaltsangabe von "Asphaltvenus" (Autorin : Karin Reschke)

Tosca Winter hat sich nach dem Tod ihres Mannes von ihren irdischen Habseligkeiten und ihrer Wohnung getrennt. Sie begibt sich auf "Wanderschaft" durch das frühere West-Berlin und hat in einem Schuppen in der Domäne Dahlem ihr zeitweiliges Quartier bezogen, wo sie von dem Studenten Paul, mit dem sie sich angefreundet hat, ab und zu mit warmer Milch und Delikatessen versorgt wird. "Trippeltosca" besucht täglich die Gemäldegalerie im Museum in Dahlem. Ihre Mutter, die eine akademisch ausgebildete Kopistin war, hatte sie schon als Kind regelmäßig dorthin mitgenommen und ihre Tochter in diesem Handwerk unterrichtet. Auch Tosca übte daher lange das Kopieren alter Meisterwerke aus, Rembrandts Hendriekje Stoffels war mit 16 Jahren ihr erstes gelungenes Kopierwerk. Heute gilt Tosca's Interesse vor allem Cranach's Bildern von Venus am Jungbrunnen.

Am 15. April, als die Geschichte beginnt, wird während eines ihrer täglichen Galeriebesuche ein junger Kopist, ein Japaner, den Tosca seit einiger Zeit beim kopieren eines Dürerwerkes beobachtet hat, erstochen aufgefunden. Auch sein noch unvollendetes Werk wurde zerstört. Alle Anwesenden, die beiden Museumswärter Ross und Leupold, die Garderobenfrau, eine japanische Reisegruppe, ein junger Mann mit Haarzopf, ein älteres Ehepaar und Tosca Winter werden von Kommissar Fuchs als Verdächtige verhört. Die Tatsache, daß Tosca keinen festen Wohnsitz hat, macht sie bei der Polizei ebenso verdächtig wie ihre Aussage zum Tathergang. Keiner der Anwesenden will den Mord an dem Japaner gesehen haben. Noch am Tatort begegnet Tosca der deutschen Ex-Geliebten des toten Japaners Kamiko Linasa. Wie sie beim Verhör von Kommissar Fuchs erfährt, war Linasa ein besessener Dürer-Kopist, der an einer Kunstschule in Tokio sein Handwerk gelernt hatte. Eine Zeitlang hatte er seiner deutschen Freundin Hanna Reuter zuliebe seine Leidenschaft aufgegeben, um mit ihr eine Judoschule in Berlin zu eröffnen. Nachdem diese jedoch Pleite gegangen war, hatte sich der Japaner trotz seiner hohen Schulden wieder den Dürer-Kopien zugewendet, die Beziehung zu seiner Freundin war danach in die Brüche gegangen.

Noch am Abend desselben Tages wird Tosca von der Polizei ins Schöneberger Polizeipräsidium gebracht, gegen ihren Willen erkennungsdienstlich behandelt, und nochmals vom Kommissar verhört. Er ist der erste Polizist, dem Tosca, nach vielen negativen Erfahrungen mit der staatlichen Ordnungsmacht, Sympathie entgegenbringt. Fuchs will von Tosca wissen,warum man bei dem Toten ein Buch gefunden hat, auf welchem ihre Fingerabdrücke und die des Japaners gefunden wurden. Tosca, die das Buch mit in die Galerie genommen und es dort nach dem Mord verloren hatte, weiß keine Erklärung dafür. Der Kommissar macht Tosca mit weiteren Fakten zu Kamiko Linasa bekannt. Der Japaner hatte sich im Februar von seiner Lebensgefährtin getrennt und danach ein Zimmer in der Wohnung eines japanischen Gesandtschaftsangehörigen bewohnt. Als die Polizei sein Zimmer besichtigen wollte, fand sie es vollständig ausgeräumt vor, obwohl es laut Aussage des japanischen Gesandtschaftsangehörigen am Tage davor noch komplett gewesen war. Der Kommissar zeigt Tosca ein Foto von der Freundin des Japaners, auf dem auch die Adresse der Frau vermerkt ist. Tosca, die neugierig geworden ist, fährt am nächsten Tag zu dieser Adresse. Dort taucht nicht nur bald die ehemalige Lebensgefährtin des Japaners, sondern auch die Polizei auf. In die Wohnung Hanna Reuters ist eingebrochen worden. Nachdem die Polizei wieder verschwunden ist, erfährt Tosca von Hanna Reuter, daß der Einbruch mit dem Tod ihres japanischen Ex-Geliebten nichts zu tun habe. Bei den Tätern handele es sich um "ihre Jungs" aus der Spielhalle, die sie beaufsichtige. Nachdem Tosca von der Frau aus ihrer Wohnung gewiesen wird, findet sie sich Stunden später im Keller eines verlassenen Hauses in einem anderen Stadtbezirk wieder. Offensichtlich hatte man sie erst ohnmächtig geschlagen und dann dorthin entführt. In einem Café, in dem sie sich nach dem Anschlag langsam wieder erholt, trifft sie auf Hanna Reuter, die eben überfallen worden ist. Hanna Reuter gibt nun allmählich ihre ablehnende Haltung gegen Tosca auf und erzählt ihr, daß die Jungen aus der Spielhalle auch für die Entführung Toscas und den Überfall auf sie verantwortlich seien, nicht aber für den Mord in Dahlem. Am nächsten Morgen trifft Tosca sich mit Kommissar Fuchs im Café Louise, der sie mit weiteren Fakten des Falles vertraut macht. Tosca begreift allmählich, daß ihre "Mitarbeit" an dem Fall vom Kommissar erwünscht ist. Sie stellt die Theorie auf, daß Linasa möglicherweise in die Fänge einer Bande von Kunstfälschern geraten ist, die er auffliegen lassen wollte und die ihn darum umgebracht hat. Fuchs bringt sie jedoch auf die Spur eines bekannten Obdachlosen, mit dem Linasa in den letzten Wochen gesehen worden sein soll. Tosca, die sich im Milieu der Obdachlosen bestens auskennt, begibt sich auf die Suche nach ihm. Hinter der Beschreibung der Person vermutet sie Bertram, den Habicht, einen alten Bekannten. Sie sucht sein Domizil in Onkel-Toms-Hütte auf, eine verfallene Villa, um sich dort umzusehen. Die Villa ist jedoch abgerissen, an ihrer Stelle befindet sich eine Baugrube. In einem Bauwagen entdeckt Tosca eine Portraitskizze des Malers Linasa, die sie an sich nimmt. Sie befragt einige Bekannte aus dem Obdachlosenmilieu nach Bertram, die jedoch vorgeben, nichts über seinen Verbleib zu wissen. Als sie in ihr Domizil nach Dahlem zurückkommt, haben Unbekannte bei ihrem Freund Paul die geraubte Handtasche von Hanna Reuter abgegeben. Tosca entdeckt in der Handtasche ein Heft mit stichwortartigen Notizen Hanna Reuters, aus denen hervorgeht, daß Hanna sich als Gelegenheitsprostituierte verdingt und neben Kamiko Linasa einen weiteren Liebhaber hatte, den japanischen Geschäftsmann und Gesandtschaftsbeauftragten Yosoui Imai, bei dem Linasa nach seiner Trennung von Hanna gewohnt hatte. Imai war auch der Auftraggeber der Dürerkopie. Für Tosca kommt nach dieser Entdeckung auch Rivalität zwischen den beiden Japanern um die Frau als mögliches Motiv in Betracht.

Als sie Hanna Reuter aufsuchen will, um ihr die Tasche zurückzugeben, erfährt sie, daß diese im Krankenhaus liegt. Auf dem Weg dorthin wird Tosca von mehreren Männern aus dem Obdachlosenmilieu beschattet. Sie vermutet, daß Bertram dahintersteckt. Am Tag darauf wird der alte Kowatsch, einer der Obdachlosen, die Tosca nach Bertram befragt hatte, tot aufgefunden. Tosca wird von der Polizei zum Fundort der Leiche gebracht und dort von Kommissar Fuchs über den Toten, der an Herzversagen gestorben ist, befragt. Jemand hat ihn nach seinem Tod zu dem Fundort, einer alten Baracke, gebracht. Sie verschweigt dem Kommissar, daß sie den alten Kowatsch noch zwei Tage zuvor gesehen und nach Bertram befragt hatte. Auch verschweigt sie ihm ihr Wissen um Hannas Notizbuch, ihre Beschattung durch die Odachlosen-Kollegen und die Portrait-skizze von Linasa, die sich immer noch in ihrem Besitz befindet. Wieder zurück in Dahlem, vertraut Tosca sich Paul an. Sie macht sich Sorgen um Hanna, hat Angst, daß der Japaner Imai, der seit dem Tattag verschwunden ist, ihr im Krankenhaus etwas antun könnte. Am Kiosk in Dahlem-Dorf trifft Tosca kurz darauf einen japanischen Journalisten. Er ist an ihrer Meinung über die unvollendete Dürerkopie des Toten interessiert. Bei dieser Gelegenheit erfährt sie, daß der Gesandtschaftsangehörige Imai nicht verschwunden, sondern von der Familie des Toten mit dessen Überführung nach Japan beauftragt worden ist.

Wieder zurück am Kiosk in Dahlem-Dorf, trifft Tosca auf einen weiteren Bekannten aus dem Obdachlosenmilieu, Monolisa. Er gibt vor, von Bertram geschickt worden zu sein, und lädt sie zu einer Feier am Abend anläßlich des Todes von Kowatsch ein.

Tosca begibt sich danach zum zweiten Mal ins Krankenhaus, um Hanna Reuter zu besuchen, erfährt dort aber, daß diese schon entlassen worden ist. Als sie an einem kleinen Café vorbeikommt, erinnert sie sich an Titus, einen der Wächter aus der Gemäldegalerie, dem sie vor Jahren ihre Hendriekje Stoffels Kopie dort geschenkt hatte. Titus hatte damals versucht, sie von der Straße zu holen, was ihm nicht geglückt ist und ihr freundschaftliches Verhältnis eine Zeitlang belastet hatte.

Am Treffpunkt in der Potsdamer Straße, wo die Feier zum Tode des alten Kowatsch stattfinden soll, trifft Tosca auf ein junges Paar, daß dort sein Zelt aufgeschlagen hat, wartet aber vergeblich auf ihren alten Bekannten Bertram.

Am fünften Tag nach dem Mord begibt sie sich das erste Mal wieder in die Gemälde-galerie, wo man inzwischen die Tatwaffe, einen Dolch, im Sanitätsraum gefunden hat. Von der Kassiererin in der Cafetria erfährt sie, daß ihr alter Freund, der Museumswärter Titus, sie seit Tagen gesucht habe. Als sie Titus schließlich trifft, macht er ihr ein Geständnis. Titus, der an diesem Tag eigentlich frei hatte, war zur Tatzeit zufällig in der Galerie, weil er dort etwas in seinem Spind vergessen hatte. Zum Zeitpunkt des Geschehens befand er sich in der Nähe des Japaners und beobachtete, wie dieser mit einem spitzen Gegenstand zunächst sein eigenes Bild zerstörte und dann damit auf sich selbst einstach. In seiner Panik machte Titus dann einen Fehler nach dem anderen. Zunächst entfernte er das Messer aus dessen Brust, dann steckte er es weg und verließ die Galerie, ohne Hilfe zu holen oder sich bemerkbar zu machen. Niemand hatte ihn herein- oder hinausgehen sehen. Erst am Nachmittag wurde ihm klar, was vorgefallen war, und er versuchte seinen Fehler zu vertuschen, indem er das Messer zunächst in seinem Spind versteckte. Tage später legte er das Messer in den Sanitätsraum, wo es dann schließlich auch entdeckt wurde. Erst danach brachte er den Mut auf, der Polizei den Hergang der Tat zu schildern.

Kommissar Fuchs, den Tosca wenig später in der Galerie trifft, bestätigt diese Version des Tathergangs. Linasa hatte am Tag vor seinem Tod einen Abschiedsbrief an Yosoui Imai geschickt, den aber weder er, noch Linasas Familie an die Polizei aushändigen wollten. Erst nachdem er von der Polizei unter Druck gesetzt worden war, gab Imai den Abschiedsbrief Linasas heraus. Linasa sah seine Arbeit als Kopist und damit sein Leben als gescheitert an, darum brachte er sich um. Er wollte verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen, aus diesem Grund heuerte er Bertram, den Straßenhändler an, der sein Zimmer ausräumte. Bertram hat seither sein Revier gewechselt, ist mitsamt der Sachen Linasas verschwunden. Linasas Ex-Geliebte, Hanna Reuter, hatte offensichtlich nichts mit seinem Tod zu tun.

Tosca kehrt am Ende wieder in die Domäne zurück, wo einige junge Leute gerade ein Stück der Berliner Mauer zu Grabe tragen.

1.2. Beurteilung von "Aspahltvenus"

Der Roman, in dessen Mittelpunkt die ältere Witwe Tosca Winter als Hauptfigur steht, wurde von Karin Reschke in der Ich-Form geschrieben. Die Geschichte umfaßt eine Zeit-spanne von fünf Tagen, sie beginnt am 15.April. Die Heldin schildert zu Beginn des ersten Kapitels zunächst einmal, warum sie sich für das Leben auf der Straße entschieden hat. Tosca will nach dem Tod ihres Mannes lieber auf der Straße zu leben, als sich in ihrer Wohnung zu verkriechen, ihren Besitz zu horten, ihre aufkommenden Krankheiten zu pflegen, und einmal wöchentlich Besuche beim Friseur, im Supermarkt und in Cafés mit Altersgenossinnen abzuhalten. Ihre Obdachlosigkeit ist das Ergebnis einer bewußten Entscheidung, die sie auch im nachhinein nie bereut hat. Sie hat sich so ihre Agilität bewahrt und lernt ihre Heimatstadt Berlin noch einmal ganz neu kennen.

Diese unproblematische Einstellung zur Nichtseßhaftigkeit wird allerdings im Laufe der Geschichte immer unglaubhafter. Sie gibt ihre Wohnung nicht wegen einer finanziellen Notlage auf, sondern um sich auf eine Abenteuerreise durch die Stadt zu begeben. Dies erscheint gerade angesichts ihres Alters nicht so recht glaubwürdig. Ihre täglichen Besuche in der Galerie, am Kiosk, und in der Domäne hätte sie durchaus auch mit einem festen Dach über dem Kopf abhalten können. Stattdessen haust sie in einem Schuppen, muß auf der Straße frieren, und leidet unter den mangelhaften hygienischen Verhältnissen, die ein Leben ohne festen Wohnsitz mit sich bringt. Durchgängig beschreibt die Heldin andere Obdachlose als Kriminelle oder Alkoholkranke, zu denen sie eine ablehnende, arrogante Haltung hat, da sie sich als "Freiwillige" für Überlegen hält. Ein glaubhafter Einblick in das Obdachlosenmilieu wird dem Leser verwehrt.

Auch die Kriminalgeschichte, in die Tosca verstrickt wird, weist einige Ungereimtheiten auf. So bleibt beispielsweise Rätselhaft, warum Tosca von ihren Kollegen eine Zeitlang verfolgt wird, und warum man sie am Betreten des Krankenhauses zu hindern versucht. Auch die Einladung ihres Kollegen zur Totenfeier an der Potsdamer Straße bleibt unver-ständlich, zumal dort niemand erscheint.

Tosca's zufälliges Zusammentreffen mit Hanna Reuter nach ihrer Entführung und dem Überfall auf Hanna wirkt ebenso unglaubhaft, wie ihre Entdeckung der Portraitskizze im Bauwagen. Und warum fordert der Kommissar, der sie auf Bertram angesetzt hat, keine Informationen von ihr ein, duldet aber trotzdem die weitere Einmischung in seine Er- mittlungsarbeit ? Ungeklärt bleibt auch, warum die Leiche von Kowatsch in die Ruine gelegt wurde, und wer dafür verantwortlich ist.

Nach den zahlreichen Verstrickungen und Theorien , die im Laufe der Handlung präsen-tiert werden, erschient der Schluß etwas zu kurz und banal. Die Heldin wirkt enttäuscht, und auch der Leser bleibt etwas ratlos zurück.

2.Buchbesprechung der Autobiographie "Ein Leben auf der Strasse" von Charles Willeford

2.1.Inhaltsangabe von "Ein Leben auf der Strasse" (Autor: Charles Willeford)

Charles Willeford, geboren 1919 in Little Rock, Arkansas, verbringt den ersten Teil seiner Kindheit in Los Angeles, im Hause seiner Großmuttter. Sein Vater stirbt, als er zwei Jahre alt ist, an Tuberkulose, seine Mutter verliert er sechs Jahre später aufgrund der selben Krankheit. Charles, der bis zum Tode seiner Mutter wohlbehütet im Kreise seiner Großfamilie aufgewachsen war, wird danach von seiner Großmutter Mattie in ein Internat geschickt. Mattie verspricht ihm, ihn zu sich holen, sobald er zehn Jahre alt sei. Charles verbringt nach anfänglichen Schwierigkeiten zwei glückliche Jahre im Internat, wo er regelmäßig von Mattie besucht wird, die als Hutverkäuferin in einem Kaufhaus in Los Angelos arbeitet. Als Charles zehn ist, hält Mattie ihr versprechen und holt ihren Enkel zu sich. Charles verbringt danach eine glückliche Kindheit bei seiner Großmutter. Kurz nach seinem zwölften Geburtstag ziehen Mattie's wesentlich älterer Bruder Jake und dessen Tochter Ethel zu ihnen. Jake, der bereits mehre Menschen dank seines locker sitzenden Revolvers auf dem Gewissen hat, mußte sein kleines Hotel in Arkansas fluchtartig verlassen. Er fürchtete die Rache zweier Väter, deren Söhne er bei einem Einbruch in seinem Hotel erschossen hatte. Charles fürchtet sich vor seinem Großonkel, ist aber in dessen Tochter, die bereits Anfang Dreißig ist, verliebt. Ethel ist zweifache Witwe, ihre beiden Ehemänner verlor sie durch Selbstmord. Als sie einen reichen Texaner kennenlernt, der sie heiraten will, verlangt sie zuvor eine notarielle Beglaubigung von ihm, daß er auf keinen Fall Selbstmord begehen werde. Nach ihrer Heirat mit dem Texaner zieht Ethel zu ihrem Ehemann nach Santa Monica. Mit Beginn der Großen Depression verliert zunächst Mattie ihre Arbeit im Kaufhaus, dann auch Jake seine Stelle als Nachtwächter. Jake zieht zu seiner Tochter, sein Schwiegersohn begeht kurze Zeit später Selbstmord, weil er sein Vermögen durch die Depression verloren hat. Mattie wird fortan von ihrem Sohn Roy finanziell unterstützt. Ein Jahr später, als Charles Dreizehn ist, glaubt er, seinem Onkel nicht mehr diese finanzielle Belastung zumuten zu können und verläßt er sein Zuhause, um auf der Straße zu leben.

Ohne sich von seiner Großmutter zu verabschieden, begibt er sich zu den "Tramps" auf dem Güterbahnhof von Los Angelos und nimmt einen Zug in Richtung Osten. Seine erste Station ist ein "jungle" in Colton, ein Lager aus improvisierten, einfachen Hütten, in denen Arbeitslose und ihre Familien leben. Charles verbringt zwei Tage dort, um danach mit dem Güterzug nach Yuma in Arizona weiterzufahren. Auf dem Weg dorthin muß er Zwischenstation in Indio machen, wo er zum ersten Mal betteln geht. Auf seiner Weiterfahrt lernt Charles bald die rauhen Methoden der Bahnpolizei kennen, sich der Tramps in Californien zu entledigen. Von mit Axtstielen bewaffneten Männern werden alle Tramps an der Grenze zu Arizona aus dem Zug geholt und mehrere Stunden in ein Lagerhaus gesperrt, bis der nächste Güterzug nach Arizona eintrifft. Charles weiß nun, daß eine Rückkehr nach Californien auf diesem Weg für ihn unmöglich sein wird. In Yuma, wo es ihm gefällt, lernt er einen Tramp kennen, der sich dort als berufsmäßiger Trauzeuge verdingt und ihm einen Schlafplatz nennt, wo er nicht von der Polizei behelligt wird. Hier denkt Charles zum ersten Mal über sein Leben nach, und beschließt, eine neue Identität anzunehmen. Er hält dies für notwendig, um seiner Großmutter keinen Kummer zu bereiten, falls man ihn schnappt und er ins Gefängnis käme. Er wählt den Namen seines Großonkels und nennt sich fortan Jake Lowey. Am nächsten Tag trifft er auf einen zeltenden Mann am Fluß, der ihm eine warme Mahlzeit gibt und ihm danach eine Möglichkeit anbietet, etwas Geld zu verdienen. Er möchte von Charles mit einer Gerte ausgepeitscht werden. Charles, der zunächst irritiert ist und sich den sonderbaren Wunsch des Mannes nicht erklären kann, willigt schließlich in dieses Geschäft ein. Vier Tage lang verdient er sich sein Geld auf diese Weise bei dem Mann, bricht aber seine "Geschäftsbeziehung" zu ihm ab, als der Mann nicht mehr bezahlen kann.

Seine nächste Station ist ein staatliches Obdachlosenlager in Tuscon, das nach strengen Regeln geführt wird. Charles genießt dennoch seinen Aufenthalt dort und bekommt nach zwei Probewochen einen Job als Laufbursche der Lagerleitung zugeteilt. Seine besondere Sympathie gilt dem "ersten Offizier" des Lagers, Mr. Adams. Charles lernt im Lager die verschiedenen Typen von Obdachlosen kennen: die "Bums", Tramps oder Penner, die aus freier Entscheidung unterwegs sind und nicht arbeiten wollen, die"Hobos", sogenannte Wanderarbeiter, die Straßenkinder, und die neue Gattung, die Obdachlosen der Depression. Nach fünf Wochen verläßt er das Lager. Er macht von der Möglichkeit Ge-brauch, sich eine Fahrkarte nach Hause bezahlen zu lassen, steigt aber in Yuma aus. Dort lernt er einen Jungen kennen, der beim Aufspringen auf einen Zug schwer verunglückt. Charles nimmt den abgetrennten Fuß des Jungen an sich, um am Bahnhof Hilfe zu holen. Nachdem er den Schock dieses Erlebnisses überwunden hat, fährt Charles weiter nach El Paso. Im dortigen jungle lernt er eine neue Verfahrensweise kennen, die von den Behör-den in Texas praktiziert wird, um den Farmern billige Arbeitskräfte zu beschaffen. Mit Hilfe der Polizei werden regelmäßig Tramps aus den Lagern geholt (dezimiert ), die ohne Bezahlung Farmarbeiten verrichten müssen. Da Charles nicht dezimiert werden möchte, verläßt er das Lager und fährt weiter in das neue Obdachlosenlager nach Douglas, Arizona. Er bekommt einen Job als Kehrjunge beim dortigen Friseur. Mit ihm besucht Charles zum ersten Mal in seinem Leben ein Bordell in Mexiko. Charles fühlt sich wohl im Lager, wird aber von Mr. Adams, dem neuen Lagerkommandanten, der ihn gleich wiedererkennt, davongejagt. Er flüchtet in das Bordell nach Mexiko, betrinkt sich dort und wird anschließend ausgeraubt. Splitternackt muß er nachts durch die Wüste zurück zur amerikanischen Grenze laufen. An einem Lagerfeuer trifft er zwei Tramps, Billy Tyson und Pearson, die ihm Kleidung geben. Die Drei freunden sich an und ziehen von nun an gemeinsam weiter, obwohl sie unterschiedliche Ziele haben. Charles will zur Weltausstellung nach Chicago, Pearson will in Detroit arbeiten, und Billy will als angeblicher Cowboy nach Hause zurückkehren, wozu ihm aber noch der entsprechende Cowboyhut fehlt. Man beschließt, mit dem Güterzug nach St. Louis zu fahren, zieht auf den Zwischenstationen gemeinsam herum, hilft sich gegenseitig und macht für eine Mahlzeit Aushilfsarbeiten in einer Bäckerei. Auf dem Weg nach Norden kommen sie in einen Blizzard und erfrieren beinahe im Güterzug. Als der Zug in der Nähe einer Kleinstadt im Schnee steckenbleibt, werden sie vom Sheriff in einem Gerichtsgebäude untergebracht.

Nachdem sich der Blizzard gelegt hat, wollen Charles und seine beiden Freunde ihre Reise nach St. Louis fortsetzen. Kurz vor der geplanten Abreise findet Charles in einer Billard-halle einen Cowboyhut, den er für seinen Freund Billy mitnimmt. Obwohl er den Hut gern selbst behalten hätte, schenkt er ihn Billy. An diesem Punkt trennen sich die Freunde. Billy, der sein Ziel nun erreicht hat, fährt nach Hause, Pearson macht sich auf den Weg nach Detroit. Charles bleibt am Ende allein zurück und träumt von neuen Zielen.

2.2. Beurteilung von "Ein Leben auf der Strasse" (Autor: Charles Willeford)

Der erste Teil der Autobiograhpie von Charles Willeford, der vier Kapitel umfaßt und den Titel "Ouvertüre" trägt, behandelt seine Kindheit. Trotz des frühen Todes seiner beiden Elternteile verlebt er diese glücklich. Er ist intelligent und wißbegierig, und wird vom Internat und von seiner Großmutter früh zur Selbständigkeit erzogen, die ihm später sehr zugute kommt. Er liebt seine Großmutter sehr,beschließt aber im Alter von dreizehn Jahren, als fast seine ganze Familie arbeitslos geworden ist, die Verantwortung für sein Leben selbst zu übernehmen und verläßt sein Zuhause.

Hier beginnt der zweite Teil der Jugendgeschichte des Autors, der insgesamt zehn Kapitel umfaßt und mit dem Titel "Oper" versehen ist.

In verschiedenen Rückblenden erzählt Charles von seiner Reise durch den Südwesten der USA, auf der er, anfangs noch als unbedarftes, naives Kind, sehr bald mit den rauhen Sitten des Tramperlebens vertraut gemacht wird. Die Reise entwickelt sich im weiteren Verlauf auch zu einem Trip der Selbsterkenntnis, in dem der Junge allmählich erwachsen wird. Mit viel Geschick , einer guten Anpassungsgabe, und etwas Glück schlägt er sich durch, erlebt aber auch einiges, das er nur schwer verkraftet. Die Begegnung mit dem Mann in Yuma, der sich von ihm auspeitschen läßt, ist sein erstes traumatisches Erlebnis. Er beschließt danach, nie wieder nach Yuma zurückzukehren.Yuma bildet auch den Ausgangspunkt für seine neue Identität, die er sich zurechtlegt. Die Wahl des Namens seines Großonkels Jake offenbahrt seine Bewunderung für ihn, der sich immer so gut durchs Leben geschlagen hat. Da zu seiner neuen Identität auch ein Reiseziel gehört, legt er sich auf Chicago fest. Er glaubt niemals wirklich daran, nach Chicago zu wollen, tischt aber selbst seinen neuen Freunden diese Geschichte auf, die ihn im übrigen auch belügen. Hierbei handelt es sich nicht etwa um fehlendes gegenseitiges Vertrauen, sondern um einen in Tramperkreisen anscheinend üblichen Brauch. Mit der Akzeptanz der Bräuche und Regeln der Tramper hat er ohnehin keine Schwierigkeiten, selbst das strenge Reglement in den Obdachlosenlagern empfindet er nach seinen Erfahrungen im Internat nicht als zu hart.

Ein weiteres traumatisches Ereignis stellt auf seiner Reise der Unfall des Jungen dar, hier wird ihm bewußt, daß auch ihm ein solch tragisches Erlebnis widerfahren könnte.

Seine Jugend bewahrt Charles davor, sich angesichts der Unmenschlichkeit, die ihm im Laufe seiner Reise immer wieder begegnet, entmutigen zu lassen. Eine große Rolle spielt dabei sicherlich die Tatsache, daß er seinen Entschluß zu dieser Lebensform freiwillig gefaßt hat, sowie das Wissen darum, daß dies eine (Erlebnis-) Reise auf Zeit sein wird, und das er jung genug ist, um andere Alternativen wahrnehmen zu können.

Charles Willeford zeichnet in seiner Autobiographie ein düsteres Bild von den Zuständen, unter denen viele Arbeitslose zur Zeit der Großen Depression in Amerika zu leben gezwungen waren. Er beschreibt sehr anschaulich, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten und wie sich das Leben in den staatlichen Obdachlosenlagern gestaltete. Trotzdem gewinnt der Leser nie den Eindruck, daß Charles jemals auch nur einen Augenblick dieser Zeit missen möchte.

3.1. Quellen

Reschke, Karin. Asphaltvenus: Toscas Groschenroman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1994. Willeford, Charles. Ein Leben auf der Strasse. Hamburg: Rowolt Taschenbuch Verlag, 1995.