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FU Berlin
SoSe 96
FB Pol. Wiss. (Otto-Suhr-Institut)
FB Nordamerikastudien (J. F. Kennedy-Institut)
HS32 511 Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
Doz.: Prof. Dr. Margit Mayer / Stefan Schneider

Nina Musmann

Interview mit einer zeitweilig Obdachlosen

Ich führte das Gespräch mit Silke* (Name wurde auf Wunsch geändert), die aus einem sozial abgesicherten Elternhaus stammt und eines vieler Einzelschicksale aus Berlin aufzeigt. Ich werde das Interview als vollständigen Text widergeben, um es für die Leser verständlicher zu machen.

Silkes Eltern wollten, als sie noch minderjährig war nach Nürnberg ziehen und sie gegen ihren Willen mitnehmen. Da der Vater bis zu ihrem 18. Lebensjahr das sogenannte Aufenthaltsbestimmungsrecht für sie besaß und sie gegen ihn keine Klage erheben wollte, wendete sie sich an eine Organisation für betreutes Einzelwohnen. Ihr wurde ein sozialarbeiter zugewiesen, der sich um sie kümmerte und sie auf die Warteliste für obdachlose Jugendliche setzte. Zu dieser Zeit war Silke allerdings noch nicht obdachlos, da sie noch bei ihren Eltern wohnte. Alle zwei Wochen mußte sie nun zun Sozialarbeiter, der ihr schließlich eine Wohnung vermittelte, die sie jedoch ablehnte, da sie bis zu diesem Zeitpunkt (wie schon erwähnt) noch bei ihren Eltern wohnhaft war und die Wohnung bedürftigeren Jugendlichen überlassen wollte. Nach ein paar Wochen setzte sie jedoch rechtlich den Präzidenzfall zur Aberkennung des Aufenthaltsbestimmungsrechts durch, da sie nach dem Abitur einen Studienplatz an der HdK in Aussicht hatte. Die Spannung im Elternhaus nahm daraufhin zu, verstärkt durch Drogenprobleme, bis der Vater letztendlich sein Eiverständnis für die Aberkennung des Aufenthaltsbestimmungsrechts gab, da er nicht wollte, daß Silke zum Sozialfall wird, aufgrund der Drohung mit einem gegen ihn eingeleitetem Gerichtsverfahren. Sie erhielt daraufhin 800 DM monatlich vom Vater und zog in die ihr vermittelte Wohnung zusammen mit ihrem Freund ein. In diesem Haus wohnten ein paar Neonazis, die ebenfalls von dem Projekt (siehe oben) betreut wurden und mit denen Silke häufig Streß hatte. Nach einer paar Wochen mußten diese jedoch aus dem Haus ziehen und setzten ihre Wohnung in Brand. Silke war zu jener Zeit im Abiturstreß und von heute auf morgen obdachlos. Da sie keine Hausratsversicherung hatte und die WIP (Wohnungsbaugesellschaft im Prenzlauer Berg) ihr keine Umsatzwohnung stellte, wohnte sie gelegentlich bei Freunden und auf der Straße. Sie konnte kaum noch zur Schule gehen, da sie sich zum größten Teil auf den Ämtern aufhielt. Nachdem sie sich mit gerichtlichen Rechtswegen auseinandergesetzt hatte erhielt sie endlich von der WIP zwei Wohnungsangebote, welche allerdings unzumutbar waren. Daher forderte sie den selben Standard wie bei ihrer alten Wohnung und mit Hilfe des Vaters setzten sie die Renovierung dieser Wohnung durch. Als Silke obdachlos war (für ca. 3 Monate) lernte sie viele Leute aus dem Friedrichshain kennen, die regelmäßig in der Franziskanerkirche (Pankow) zum Essen gingen. In diesem Stift gab es Duschen und 1mal pro Woche wurden Klamotten umsonst verteilt, sowie Mischbrot und Senf. ZU essen gab es vorwiegend Eintopf, Tee, Früchte und Obst, was mittags von 12-14 Uhr verteilt wurde. Als ich Silke über die Atmosphäre in der Franziskanerkirche befragte, sagte sie, daß es gemischt gewesen sei. Viele Obdachlose, viele Punks, die nur zum Essen kamen aber auch ältere Leute von denen sie nicht wußte woher sie kamen und ob sie obdachlos waren oder nicht. Zu den Schwestern, die in dem Stift arbeiteten, sagte sie, daß sie sehr hierarchisch miteinander umgingen. Zeitweilig stellten sie auch Notübernachtungen zur Verfügung. Im großen und ganzen gab es ein Stammpublikum, darunter Obdachlose aller Altersklassen. Im Sommer, sagt Silke, sei die Atmosphäre sehr nett gewesen, da das Essen draußen verteilt wurde. Im Winter dagegen mußten sie anstehen, da es aufgrund von Platzmangel nur stoßweise ausgeteilt werden konnte. Ferner erzählte sie mir, daß der Stift für ein paar Wochen zumachte (Grund unbekannt) und sie für die Obdachlosen Tiefkühllasagne verteilten! Silke meinte, daß jeder Obdachlose oder wohnhaft in besetzten Häusern etc. wußte, wo er drei Mahlzeiten pro Tag auftreiben konnte. Zu jener Zeit wurde auch in der Rigaerstraße im Friedrichshain ein kleiner Kreis von einem Pfarrer geleitet, der regelmäßig Abendessen verteilte und dort sei die Atmosphäre sehr nett und familiär gewesen. Es hatte den Anschein eines Jugendzentrums, mit einem Klavier, Fernseher und Kicker. Es bestand ein enger Kontakt zwischen den hauptsächlich Jugendlichen und dem Pfarrer, der auch auf ein Beten vor den Essen verzichtete, im Gegensatz zum Franziskaner. Darüberhinaus erzählte sie mir über mehrere Volxküchen in der Oderbergerstraße und in der Umweltbibliothek, sowie über Organisationen, die das Essen per Auto an Plätze verteilten, wo vorwiegend Obdachlose lebten. Ab und zu kam es auch zu einer gesundheitlichen Unterstützung, insofern sie eine persönliche Beziehung zu den Obdachlosen hatten. Silke meinte, daß sie einerseits froh war selbst für sich zu sorgen, sprich auf eigenen Füßen zu stehen, andererseits hatte sie ein schlechtes Gefühl anderen das Essen wegzunehmen, da sie ja noch die Möglichkeit hatte zu Freunden zu gehen. Silke erzählte mir auch, daß sie vile Obdachlose aus dem Osten kannte, die vorher fest im System integriert waren und nach dem Mauerfall alles verloren haben und obdachlos geworden sind. Ein bißchen Geld hat sich Silke auch mit Schnorren verdient, wobei sie jedoch feststellen mußte, daß man mehr Geld bekommt, wenn die Klamotten heile sind, was natürlich den Bedingungen entsprechend quasi unmöglich ist. Daran sieht man mal wieder, wie wenig die Bürger überhaupt Kontakt zu Obdachlosen haben und die Mißlage und Notlage in der sie sich befinden verstehen und durchschauen. Ignoranz und Ausgrenzung von Obdachlosen nimmt speziell in Deutschland zu und wird von den Politikern nicht als Produkt des kapitalistischen Systems gesehen, sondern als Selbstverschulden. Es wird Zeit, daß wir, die jeden Tag etwas zu essen haben und ein Dach über dem Kopf, aktiv werden und nicht nur ab und zu 'ne Mark spenden, sondern auch persönlich Hilfe leisten, denn es kann jeden von uns betreffen, vielleicht schon morgen!