Freie Universität Berlin
Fachbereich Politische Wissenschaft (Otto-Suhr-lnstitut)
Zentralinstitut John-F.-Kennedy-lnstitut für Nordamerikastudien
HS Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland, SoSe 1996
Margit Mayer/Stefan Schneider

Sabine Rehder

Protokoll zur Sitzung vom 2.7.1996

Obdachlosigkeit in der gesellschaftlichen Reflexion:

im Spiegel von Öffentlichkeit, Kunst, Kultur, Literatur


1. Referat: Obdachlosigkeit in der gesellschaftlichen Reflexion: ein Problem im Spiegel von Öffentlichkeit, Kunst, Literatur, Wissenschaft

Da es schwierig ist, das Thema einzugrenzen - inhaltlich sowie historisch - wurden Beispiele gesellschaftlicher Reflexion von Obdachlosigkeit aus zwei Epochen vorgestellt. Grundsätzlich scheint sich die Perspektive auf das Phänomen Obdachlosigkeit zwischen zwei Polen zu bewegen:

Erstens, einer positiven Vorstellung von Obdachlosigkeit als einer selbst gewählten Situation, mit der Freiheit und Individualität assoziert werden. Zweitens, das negative Bild von Obdachlosigkeit als einem Zustand, der ungewollt eingetreten ist und der als bedrohlich empfunden wird.

Zunächst benennt die Referentin gesellschaftliche Hintergründe für Obdachlosigkeit in der Zwischenkriegszeit. Zu Beispielen selbst gewählter Obdachlosigkeit zählen die Jugend- und Wanderbewegung der 20ger Jahre, religiöse Bewegungen, letzte Formen der Wanderarbeit sowie die sogenannten "echten Vagahunden", die sich z.T. nach 1927 in der "Bruderscbaft der Vagabunden" mit Treffen, Ausstellungen und einer eigenen Zeitung organisiert haben. Die Mitglieder dieser Bruderschaft verstanden ihr Leben auf der Straße als Rebellion gegen die Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft.

Im Gegensatz hierzu stand die weitaus größere Zahl derjenigen, die durch widrige Umstände der Nachkriegszeit ungewollt obdachlos geworden sind. Unter ihnen viele Kriegsversehrte sowie Opfer der Wirtschaftskrise, während der die Zahl der Obdachlosen von 70.000 (1927) auf 450.000 (1933) angestiegen war. Insbesondere in Berlin formierten sich eine Reihe von karitativen Einrichtungen und Initiativen. Sämtliche Strukturen dieser Obdachlosenhilfe zerbrachen nach 1933.

Erst in dcn 80ger Jahren wurde Armut wieder zum Thema in der Kunst. Beispiele, wie die Kölner Klagemauer sind allerdings rar. Meist wird der negative Aspekt von Obdachlosigkeit aufgegriffen. Von Gruppen, die in der Obdachlosigkeit eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung sehen, wie die "Vagabullden'' der 2Oger Jahre, ist nichts bekannt. Wie allerdings aus dem Plenum eingebracht wird, lassen sich normadische Lebensformen auch heute durchaus finden (z.B. in Wagenburgen und bei denen, die meist in wärmeren Regionen in Zelten und VW-Bussen umherziehen). Jedoch scheint es hier keine Organisationen zu geben und der Begriff Obdachlosigkeit wird offenbar auf Grund seiner Stigmatisierung gemieden. In der Belletristik lassen sich einige Darstellungen von Obdachlosen finden, in denen meist die bewußte Entscheidung der Romanfiguren für ihr "abenteuerliches" Lehen auf der Straße ausschlaggebend ist. Mit der Frage, ob solche Darstellungen zu einem Problembewußtsein in der Bevölkerung beitragen oder eher zur Romantisirung und Verschleierung von von Obdachlosigkeit führten, wurde die Diskussion eingeleitet.

Zunächst scheint von Bedeutung, WER über Obdachlosigkeit schreibt, bzw. das Thema in der Kunst aufgreift und mit welchem Ziel: Die Betroffenen selbst oder Außenstehende?

Unterschieden wurde zwischen kreativen Arbeiten der Betroffenen selbst mit dem Ziel der aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und eventuell der Chance, diese auf diese Weise zu verändern. Aktuelle Beispiele aus der Praxis konnten dafür nicht benannt werden. Auf der anderen seite stehen Künstler, die selbst nicht betroffen sind und die das Thema aufgreifen, weil es "in" erscheint oder die den Anspruch haben, Obdachlosigkeit (mehr oder weniger realistisch) der bürgerlichen Gesellschaft zu vermitteln.

2. Referat: "Der Untergrund in Geschichte, Literatur und Kultur"

Hier ging es um den Wandel in der Bewertung des Untergrunds im Hinblick auf seinen metaphorischen Gehalt. Zunächst dienten Beispiele aus Geschichte und Literatur dazu, diesen Wandel zu charakterisieren: Während Untergrund früher positiv mit Nährmutter, Heiligtum und Zufluchtsstätte assoziiert wurde, verbindet man mit dem Untergrund heute eher das Dunkle, die Hölle, aus der Unheil und Böses droht.

Im Zusammenhang mit den wechselnden Bedeutungen wurde der Untergrund auch als Refugium der Obdachlosen gesehen, als deren Schutz gegen die "Oberwelt". Beispiele aus dem Bergbau zeigen über Jahrhunderte, daß die negative Assoziation von Untergrund dazu geführt hat, in erster Linie soziale Außenseiter dort arbeiten zu Iassen. Von allen anderen wurde der Bereich unter der Erde bis zum Bau der ersten U-Bahn (um 1900) gemieden.

Die Aussage der Referentin, die Furcht vor dem Untergrund sei zeitlich mit der Furcht vor dem technischen Fortschritt gewachsen, wurde erweitert um die These, der eigentliche Wandel der Begrifflichkeit habe bereits während der Ablösung matriarchaler Strukturen durch das Patriarchat eingesetzt.

Im zweiten Teil des Referats wurde Graffiti als Kunstform des Untergrunds in den 60ger Jahren vorgestellt. Diese Form wurde von Jugendlichen als eine Möglichkeit des Selbstausdrucks in der U-Bahn von NYC entwickelt (siehe Thesenpapier).

Von einigen wurde in der abschließenden Diskussion die Frage aufgeworfen, ob der Untergrund in allen Mythen grundsätzlich rein negativ dargestellt sei. Da es an Zeit und Hintergrundwissen fehlte, blieb die Frage ungeklärt. Auf eine Gesamtauswertung des Seminars mußte ebenfalls verzichtet werden.
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