FU Berlin
SoSe 1996
HS : Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
Dozenten : Margit Meyer / Stefan Schneider

Nina Musmann

Thesenpapier zum Thema : Selbsthilfe - Renitenz - Selbstorganisation - Widerstand Obdachloser und Nichtseßhafter (Fahrender) vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Die Geschichte der Fahrenden ist keine Geschichte der großen Freiheit, sondern gezeichnet durch Verfolgung, Abschiebung, Vernichtung, Folter, Schikanierung, Freiheitsberaubung etc. Der Alltag von Verfolgten und Verfolgern reicht bis ins 20. Jahrhundert. Dennoch gelang es den Fahrenden schon im Mittelalter anhand von Selbsthilfe, Solidarität durch Seßhafte und Überlebensstrategien der repressiven Obrigkeit und später dem NS - Regime Widerstand zu leisten.

Überlebensstrategien, Selbsthilfe und Widerstand anhand von:
  • sogenannten überlieferten Bettlertricks, wie z.B. als Aussätziger, getaufte Jüdin, Vortäuschung einer körperlichen Verkrüpplung oder als entflohener Galeerensklave,
  • Bildung flexibler "Kaufmannsgangs" entlang der Handelsstraßen,
  • geheime Pfade, Herbergen und Garküchen waren Fluchtwege und dienten als Schutzmaßnahme der Fahrenden,
  • Freunde und Bekannte in Ghettos boten Schlupfwinkel, sowie adlige Gönner, Kloster, Bordelle, "Pennen" oder "Spiessen",
  • christliche Barmherzigkeit, Mitleid und Solidarität zwischen Seßhaften und Fahrenden war eine Waffe,
  • Bildung des "Kochemer Netzes", sowie offene Rebellion gegen den Staat oder die Obrigkeit,
  • Pfarrer tauften uneheliche Kinder, versteckten Verfolgte in Kirchen, Beamte stellten Pässe aus, Gendarmen warnten vor Razzien, Bauern beherbergten ganze Familien den Winter über,
  • Entstehung eines intermediären Schutz - und Kommunikationsnetzes,
  • eine weitere Selbsthilfemaßnahme war die im 13. Jh. entstandene Geheimsprache: Das Rotweisch oder Jenisch; jeder Beruf, jedes Gewerbe, jede Gefahr hatte seine Spezialausdrücke, wobei die Grammatik das Grundgerüst bildete; Einflechtungen aus dem Hebräisch-Jiddischen, Ausdrücke aus dem Romanes (Roma), dem "Kochemer" und anderen europäischen Sprachen bildeten die Geheimsprache,
  • körperlicher Widerstand ( Gefechte mit Soldaten ); ein Bericht von 1722 sprach von einer 1000 köpfigen Armee von Sinti und Romas,
  • Aufenthalt und Unterschlupf in unzugänglichen Gebirgsgegenden oder grenznahen Orten.
Im Mittelalter war ca. 1/5 der Gesamtbevölkerung obdachlos und daher gezwungenermaßen zu Fahrenden geworden, im 17./18. Jh. bildeten die Fahrenden einen nicht kleinen Anteil an der Gesamtbevölkerung.
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