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Freie Universität Berlin
Otto-Suhr- Institut/ John F. Kennedy - Institut
SoSe 1996
Hauptsemiar: Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
Dozenten: Margit Meyer/ Stefan Schneider
ReferentInnen: Kai Boegner, Christiane Harmsen

Thema: Wohnungslose Frauen/ Kinder und Jugendliche in Deutschland

1. Kinder und Jugendliche
Begrifflichkeiten
Zahlen
Hintergrund
2. Frauen
Ausmaß und Wahrnehmung der Wohnungslosigkeit
Ursachen der Wohnungslosigkeit
Feminisierung der Armut
Kategorisierung wohnungsloser Frauen
3. Literatur

Wohnungslose Frauen/ Kinder und Jugendliche in Deutschland

1. Kinder und Jugendliche

Erst in letzer Zeit zeigt die breite Öffentlichkeit Interesse an den "Straßenkindern", doch von den Massenmedien werden vorwiegend Einzelschicksale in reißerischer Aufmachung dargestellt.

Begrifflichkeiten:

TrebegängerInnen:
Kinder und Jugendliche, die aufgrund massiver Konflikte ihr Elternhaus verlassen und ohne festen Wohnsitz sind.
Ausreißer:
bleiben nur für kurze Zeit weg, wollen ein Signal setzten.
Aussteiger:
Abwesenheit wird von der Familie toleriert, es werden keine Vermißtmeldungen gemacht.
Verbindendes Element kann die Obdachlosigkeit sein (die es aus juristischer Sicht nach dem KJHG nicht geben dürfte.)

Die meisten obdachlosen Kinder und Jugendliche sind nicht jünger als 11 Jahre. "Obdachlos" sind ca. 30% von ihnen, die restlichen 70% unterhalten noch Kontakt zu ihren Familien (weltweit).

Zahlen:

Bundesweit geht man von 10.000 und 50.000 obdachlosen Kinder und Jugendlichen aus (Berlin: 3000). Die Zahl der Kinder steigt zum Sommer hin, im Winter gehen viele von ihnen wieder zurück. Der Anteil der jüngeren Personen nimmt überproportional zur generellen Steigerungsrate der Wohnungslosen zu (bis 25). Sie verfügen kaum über einen schulischen Abschluß oder über Arbeitserfahrungen.

Hintergrund:

Kinder und Jugendliche in besonderen Krisensituationen unterschiedlichen Ursprungs, die unter beeinträchtigenden Lebensbedingungen aufgewachsen sind. Dazu gehören allerdings nicht nur zerrüttete Familienverhältnisse, sondern auch sozio-ökonomisch intakte Familien. Reaktion der Kinder und Jugendlichen: Orientierungslosigkeit, das Weglaufen ist als Problemlösung zu verstehen
Ökologische Nische:
Die Hauptbahnhöfe der Großstädte bilden den Lebensmittelpunkt, hier beginnt die Suche nach emotionaler Zuwendung und Solidarität. So entstehen hier oft "familienähnliche" Verhältnisse.
Lebensunterhalt:
Diebstähle, Prostitution, Hehlerei, Drogenhandel, "elterlicher" Schutz durch ältere Nichtseßhafte, besonders bei jungen Mädchen unter 14.
Gesundheitliche Verfassung:
Umso schlechter, je länger sie auf der Straße leben: Übernachtungen im Freien, Drogen, Streß, Prostitution, unregelmäßige Ernährung.
Öffentliche Jugendhilfe:
Sie greift direkt ein und kümmert sich um kurzfristige Unterbringungsmöglichkeiten:
Im Gegensatz dazu steht die Inhaftierung und Zwangsvorführung durch die Polizei mit späterer Einweisung in ein Heim/ Rückführung zur Familie. Daß sie dort meist nur sehr kurze Zeit verweilen, ist nicht weiter verwunderlich.


2. Frauen

Ausmaß und Wahrnehmung der Wohnungslosigkeit

Wohnungslosigkeit wurde bis in die 80er Jahre hinein als ein primär männliches Phänomen gesehen und analysiert. Wohnungslose Frauen sind vom Hilfesystem der Wohlfahrtverbände oft als "sittlich Gefährdete" (Prostituierte, Straffällige) wahrgenommen worden, ohne ihre prekäre Wohnsituation als zu Grunde liegende Notlage zu definieren. Vom traditionellen Frauenbild ausgehend (Hausfrau, Ehefrau, Mutter), versuchte die Wohlfahrtspflege eine in diese Richtung korrigierende Hilfe zu gewähren.

Reintegration in die tradierte Frauenrolle

Die Schätzungen des Anteils weiblicher an der gesamten Obdachlosigkeit belaufen sich bis dahin auf Werte von 1-4 %, 1983: 1,3% (BAW). Heute ist von einem Anteil von etwa 20% auszugehen. Dies betrifft jedoch nur den Bereich manifester Wohnungslosigkeit. Ein sehr viel problematischerer Bereich für Frauen ist die latente Wohnungslosigkeit.

Schätzungen der taz von 1996: Latente Wohnungslosigkeit ist ein frauenspezifisches Problem:
1. prekäre Wohnverhältnisse
Unsicherheit der Dauer (Arbeitgeberunterkunft: Bardamen, Zimmerfrauen etc., Bekanntenkreis, Unterschlupf bei Männern) (Abhängigkeit materieller/persönlicher Art)
2. bevorstehende Wohnungslosigkeit
Entlassung aus Psychatrie, Knast etc. Räumungsklage, Mietschulden
Der Anteil von Frauen an dem Phänomen Wohnungslosigkeit dürfte folglich höher liegen!

Ursachen der Wohnungslosigkeit

multidimensionales Problemszenario:

ökonomisch sozial-psychologisch persönlich
1. Frauenrolle:
Pflege- u. Hausarbeit, Mutterschaft
&gtabgebr. Schul- o. Berufsausbildung
2. geschlechts-spez. Arbeitsteilung
niedrige Lohngruppen, monotone Arb.
Bedrohung von Arbeitslosigkeit
Familienzerrüttung:
  1. in der Primärfamilie (Flucht)
  2. mit dem Partner (Trennung)
  3. Erfahrung von körperlicher, seelischer u. sexueller Gewalt
Sozialisationstrauma:
  1. Probleme mit der zugedachten Frauenrolle
    &gtIdentitätskrise
  2. körperliche/psychische Erkrankung
 
unzureichende materielle Absicherung
(geringere Sozialleistungen)
unzureichende soziale Absicherungunzureichende individuelle Ressourcen

Feminisierung der Armut

In dieser Problemlage Befindliche entwickeln nach Schicksalsschlägen destruktive Bewältigungsstrategien, die den sozialen Abstieg einleiten. Heute treffen die Frauen zudem auf schwierige gesellschaftliche Bedingungen, etwa in der Mietpreisentwicklung und der Wohnraumversorgung.

Kategorisierung wohnungsloser Frauen

Nach Kriterien der sozialen Orientierung, der Deutung der Problemgenese und der anzutreffenden Bewältigungsstrategien der Frauen wird folgende Einteilung vorgenommen:
1. Normalitätsorientierte:
Die wohnungslose Phase soll so kurz wie möglich gehalten werden. Streben nach einer Rückkehr ins bürgerliche Leben.
2. Institutionenorientierte:
Dem Selbst werden keine adäquaten Strategien zur Erreichung von Normalität zugeschrieben. Deutung der äußeren Bedingungen als ein bürgerliches Leben nicht zulassend. Abhängigkeit vom Hilfesystem.
3. Alternativorientierte:
Normalitätsmodell ist vom Reflex auf den Alltag überlagert. Neues Identitätsmuster folgt indivuduellen u. subkulturellen Regeln. Für das Hilfesystem kaum erreichbare Frauen.
Als Konsequenz aus der Kategorisierung und einer weiteren Differenzierung von Typen ergibt sich die Forderung an Hilfsinstitutionen, von dem grundsätzlichen strategischen Ziel der Wiedereingliederung abzulassen. Die Frauen müssen da abgeholt werden, wo sie sich befinden, ihre Identität muß akzeptiert werden. Es geht um die Verbesserung von krisenhaften Situationen und den Anspruch, den Interessen der Frauen gemäß zu handeln.


3. Literatur