John F. Kennedy-Institut/ Otto Suhr-Institut
SoSe 1996
HS 32511: Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
DozentInnen: Margit Mayer/Stefan Schneider

Protokollant: Kai Boegner

Protokoll zur Diskussion der Sitzung am 30.4.96:

Lebensbedingungen und Überlebensstrategien von Obdachlosen

Nach Hendriks Referat zu den Lebensbedingungen und Überlebensstrategien von Obdachlosen in Deutschland, die anhand von sieben Fragen dargestellt wurden, begann im zweiten Teil der Sitzung die Diskussion über die Situation der Wohnungslosen. Stefan Schneider stellte folgende These in den Raum:
Wohnungslose treffen, durch den Abstieg auf der sozialen Leiter erst einmal in ihre schwierige Situation geraten, schließlich auf einen Apparat, der sie voll organisiert verwaltet, mit ausgereiften Strukturen umarmt und in ihrem Handlungsspielraum einengt. Diese Vorgehensweise hat zur Folge, daß die Wohnungslosen tendenziell immer weniger in der Lage sind, sich aus ihrer Not zu befreien. Sie bleiben in ihrer Situation gefangen" (ungefährer Wortlaut).
Diese These diente der Diskussion als Basis, im Raum stand deren Überprüfung und gegebenenfalls die Zustimmung oder Ablehnung. Die Aussage Stefans weise auf die wichtige Rolle des Staates zur Problematik von Obdachlosigkeit hin. Ihm komme eine große Verantwortung dafür zu, daß viele Wohnungslose sich nicht mehr aus ihrer mißlichen Lage befreien können. Die vom Staat geschaffenen und zur Verfügung stehenden Institutionen gingen also falsch vor und würden die von der Politik proklamierten Ziele verfehlen. In besonderer Weise verhinderten die zahlreichen, zur Überlebenssicherung notwendigen, täglichen Gänge auf verschiedene Ämter eine hinterfragende Beschäftigung der Wohnungslosen mit sich selbst.

Es wurde nicht intensiver darauf eingegangen, inwieweit die zuständigen Organisationen mit ihren Hilfsangeboten scheitern und wie sie ihr Klientel angemessener und produktiver unterstützen könnten. Vielmehr kam im Seminar die Frage nach der Intention des Staates für seine Hilfsstrategien auf.

Ist die These so zu deuten, daß die Institutionen gezielt darauf hinwirken, Obdachlosigkeit als gesellschaftliches Phänomen aufrecht zu erhalten und ihm den Anschein von Normalität zu geben, oder meint sie nur, daß die Auswirkungen ihres Agierens den negativen und ungewollten Effekt haben, Obdachlosigkeit zu zementieren?

Während einige Teilnehmer Stefan im ersten Sinne verstanden hatten, widersprach er diesem Eindruck und betonte noch einmal den Fokus seiner Aussage auf den Auswirkungen der institutionellen Bedingungen. Im Seminar wurde festgehalten, daß über mögliche Intentionen sowohl von Intentionen als auch von der Politik allgemein (Wohnungsbau, Sozialpolitik, Mietpolitik) noch zu diskutieren sein wird. Dies sei ein wichtiger Aspekt, über den noch keine Klarheit hergestellt werden konnte.

Die These der "Gefangennahme" der Wohnunslosen in ihrer Situation betrifft neben den staatlichen auch die nichtstaatlichen Hilfsangebote, vor allem der Kirche. Aufgrund der Kürze der Zeit (Planung der Aktionswoche!) kam dieser Teil in der Diskussion viel zu kurz und konnte nicht angemessen beantwortet werden. Das Ziel der nächsten Sitzungen wird unter anderem sein, die These intensiver zu prüfen und sowohl für den staatlichen wie den nichtstaatlichen Sektor fundiertere Aussagen herauszuarbeiten.
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