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FU Berlin
Kennedy-Institut für Nordamerikastudien
SS 1996
HS: Obdachlosigkeit in Nordamerika und Deutschland
M.Mayer/ S. Schneider

16.4.1996

Peter Marcuse: "Wohnen in New York: Segregation und fortgeschrittene Obdachlosigkeit in einer viergeteilten Stadt" (1993)

oder: Obdachlosigkeit als Manifestation politischer (Un-) Verhältnisse
In seinem in Deutschland 1993 erschienenen Aufsatz vertritt der in New York lehrende Stadtplaner die These, daß aufgrund einer Veränderung des Nachkriegskonsens und unter Einfluß der geänderten ökonomischen Prozesse und der Veränderung der Rolle des Staates die gegenwärtige Obdachlosigkeit als etwas Neues zu definieren sei, nämlich als fortgeschrittene Obdachlosigkeit.

Marcuse geht davon aus, daß die veränderten ökonomischen Prozesse auch die Machtverhältnisse ändern, und sich dies in einer räumlichen Veränderung der Struktur der Stadt niederschlägt.

Der Wandel der ökonomischen Strukturen bewirkt aber auch Veränderungen zwischen den Klassen/Gruppen hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Positionen (Stärkung/ Schwächung/ Ausschluß).

Die ökonomischen und sozialen Grenzen zwischen den Klassen/ Gruppen manifestieren sich räumlich und in den Wohnbedingungen.

Marcuse geht davon aus, daß verschieden Definitionen von Obdachlosigkeit verschiedene politische Implikationen haben. Um sich von traditionellen Annahmen von Obdachlosigkeit (die diese auf persönliches Versagen u.ä. zurückführen) abzugrenzen und die politische Dimension des Phänomens deutlich zu machen, versucht er eine neue Definition:
"Obdachlosigkeit heißt, kein Zuhause zu haben, nicht in einer Wohnung (oder in einer Nachbarschaft) zu leben, die minimalen Anforderungen an Schutz, Privatheit, persönliche Sicherheit, Sicherheit der Wohndauer, Ausstattung, Raum für die wesentlichen wohnbezogenen Tätigkeiten, Kontrollierbarkeit der nächsten Umgebung und Erreichbarkeit erfüllt. 'Minimale Anforderungen' ist die historische Komponente der Definition und variiert nach Zeit und Ort. Der Standart ist also relativ, er wird sozial, nicht individuell bestimmt." (p.208)
Obdachlosigkeit beinhaltet nach dieser Definition auch verschiedene Kategorien:

- Leben ohne Unterkunft,
- Leben mit Unterkunft, aber ohne eigene Wohnung,
- Leben mit Unterkunft, aber unmittelbar von Obdachlosigkeit bedroht,
- Leben mit Unterkunft, aber ohne Zuhause (= in völlig inadäquater Unterkunft),
- Leben von Obdachlosigkeit bedroht .

Die ökonomischen wie politischen Veränderungen in den 70er Jahren manifestieren sich auch im Räumlichen und führen zur Vierteilung der Stadt in vier seperate, aber interdependente Städte. Die Bewohner dieser Städte ordnet Marcuse nach Klassen folgendermaßen zu:

"Machtelite"
(= die mit realer Entscheidungsmacht)
Stadt ist disponsibel, wohnen außerhalb
"Yuppies"
(hochgebildete Spezialisten,die für Entscheidungsmacht arbeiten)
gentrifizierte Stadt
("Enklave der Oberschicht")
"Mittelklasse"
(qualifizierte Angestellte, besser bezahlte Fabrikarbeiter, Dienstleistungsarbeiter usw.)
suburbane Stadt
"Arbeiterklasse"
(Fabrikarbeiter usw.)
Stadt der Mietwohnungen
"Ausgegrenzte"
(dauerhaft Arbeitslose, Asylbewohner, Obdachlose usw.)
aufgegebene Stadt
("abandoned city")

Nach Marcuse liefert der Wohnungsmarkt die Verbindung zwischen der Veränderung der ökonomischen und räumlichen Struktur der Stadt. Wohnungsmangel produziere aber nicht automatisch Obdachlosigkeit: Während ersterer relativ stabil geblieben sei, sei die Obdachlosigkeit in schwindelerregende Höhe geschossen.

Doch entscheidend für den Anstieg der Obdachlosigkeit ist laut Marcuse die Wohnungspolitik, die durch die Politik seit Mitte der 70er Jahre verstärkt auf Segregation und Entsolidarisierung setzt.

Abschließend betont Marcuse nochmal seine These, daß fortgeschrittene Obdachlosigkeit als logische Reaktion des Wohnungsmarktes auf die ökonomische Umstrukturierung der Nachkriegsperiode und deren räumliche Begleiterscheinungen entstehe.

Eine Änderung der Verhältnisse sieht er nicht kommen, da keine Änderung des politischen Kräfteverhältnis zu erwarten sei.