Nur ein bisschen Selbstmord oder so

Da sitzt er also auf dem Hochbett,
es ist ein Uhr zwanzig,
um diese Zeit hatte er vor zwei
Jahren noch
immer Schulschluß,
nur ist es jetzt ein Uhr zwanzig nachts.
Er kann nicht einschlafen.
Die Sorge - nicht einschlafen zu können -
hatte er in letzter Zeit zwar nicht,
diesmal jedoch war es verständlich.
Der äußere, formale Grund waren
die drei Kannen kalter Kaffee, die er im
Verlauf des Tages getrunken hatte, einmal
abgesehen von den zwei Gläsern Wein
gegen Mittag. Wäre Bier dagewesen, in ausreichender
Menge, gut, er hätte so gegen acht oder zehn
über den Abend getrunken und wäre dann gut bedient
nach wenigen Minuten eingeschlafen.
In die Kneipe gehen, zumal allein, wäre auch
nicht sein Fall gewesen. Und so blieb er
bei seinem Lieblingsgetränk Nr. 2, dem Kaffee.
Die beiden Kerzen auf seinem Hochbett
räucherten bei langem Docht und
hoher Flamme, die Luft wurde langsam
und sicher schlecht und warm war es
dort oben allemal.
Und so lag er also, Stefan S., der unter
anderem davon träumte, Bruno K. zu sein
und unter diesem Preudonym sich einen
Namen zu machen als Poet und Literat.
Schräg links vor ihm, am Rand des
Hochbetts, hing von der Decke herab
ein rotweißer Rettungsring der Berliner
Feuerwehr mit Nummer 634, noch
komplett mit Seil ringsherum sowie
einer orangen, aufgewickelten Leine.
Es war an einer Geburtstagsfete im
Juli. Er hatte schon einige Bierchen getrunken,
als er sich anläßlich der Polonäse, die
er auf den Tod nicht leiden konnte,
mit einem Freund und 'nem 10ner
Pack Paderborner verdrückte. Die beiden
fuhren zum Park, teilten das 10er
Pack unter sich auf
und ging so, noch einige Flaschen Bier
trinkend, durch den Park.
Mehr muß darüber auch nicht erzählt
werden, auf jeden Fall war der Rettungsring
am Parkteich nach jener Nacht weg
und verschönte seit dem das Zimmer
jenes besagten Stefan S.

1986.

Nachtrag am 27.06.2012 auf dem Weg von Salzburg nach Berlin:
Heute fand ich dieses Gedicht wieder. Ich scannte im vergangenen Jahr alle meine Gedichte ein - um sie nach und nach im Internet zu veröffentlichen.
Der Freund, das war Sebastian Ebel, mein - inzwischen verstorbener - Freund Sam, wie ich ihn nannte.
Wir gingen in den Volkspark Mariendorf, und zwar auch bis ganz nach oben auf den Rodelberg und fanden es geil, die leergetrunkenen Flaschen Bier hoch in die Luft zu werfen, um sie dann auf dem Boden zerschellen zu hören. Klirr. Klirr. Wir lachten uns kaputt dabei und fanden uns einfach unglaublich großartig.
Heute finde ich das nicht mehr lustig, wenn ich auf der Straße Scherben sehe, und wenn ich kann, räume ich sie einfach weg, so als historische Wiedergutmachung.
Die Geschichte mit dem Rettungsring hatte noch ein kleines Nachspiel. Während ich in Nicaragua war, hatte Bettina, die in dieser Zeit in meinem Zimmer wohnte, einen kleinen Schwelbrand entdeckt und holte die Feuerwehr. Diese löschte den Brand mit zwei Eimern Wasser und entdeckte den Rettungsring und nahm ihn mit.
Einige Wochen nach meiner Rückkehr fand ich ein Schreiben in meinem Postkasten, das mich zu einer Geldstrafe von 400 Mark verurteilte wegen dieser Ordnungswidrigkeit.
Der Rettungsring ließ sich nunmal leider schlecht abstreiten und so zahlte ich die Summe, um den Vorgang damit zu einem Ende zu bringen.

Für Friederike Ebel

 

Der Tagesspiegel, Berlin, Germany, March 24, 2002
Wir trauern unseren lieben
Sebastian Ebel
geboren 18. Mai 1963
gestorben 2. März 2002
Daniela und Friederike Ebel
Ilona Ebel-Fieting
Ulrich Ebel
Joachim und Waltraut Nather
Ulrike, Jonas und Magdalena Ebel
Die Beerdigung findet am Donnerstag, dem 28. März 2002, um 10.30 Uhr auf dem Friedhof "Zum Heiligen Kreuz", Eisenacher Straße 62, statt.

Kommentare   

#1 Daniela Ebel 2013-04-10 17:20
Hallo Stefan,
Rike hat durch Zufall das Gedicht gefunden und wir hatten dadurch ein nettes Gespraech über dich und Sam.
Gruss
Daniela
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