Snezana – um 1993

Ist es denn zu fassen,
ich komme in bestimmten, mich
betreffenden Fragen nicht weiter
einfach nicht weiter.
Oh, ich habe mich so
in Snezana verballert,
und ich komm
damit nicht klar,
ich krieg sie nicht zu fassen,
sie entschwindet mir,
mag sie mich,
liebt sie mich, oder
spielt sie nur,
sonnt sie sich, in meiner
Zuneigung, oder was. Oh, wie ich leide
ist einfach nicht zu sagen, ich kann doch
so produktiv sein und fühle mich
so dermaßen blockiert.
Bin ich ein Langeweiler
oder nicht attraktiv oder was.
Alles, alles kann sie haben
von mir, aber nicht um den Preis, daß
ich mich verstelle oder vorgebe,
ein anderer zu sein,
und doch tue ich es,
tag und nacht könnte ich sie anrufen und treffen und ihr sagen,
daß ich beschloß, sie zu lieben und nur sie
aber
in relativer coolheit
quäle ich mich im warten.

Sie ist wie jede andere, ich habe sie
zu der besonderen gemacht,
mich daran verbissen,
festgebissen, nun komm ich nicht mehr
los,
es ist nicht zu fassen,
ich will in aller zärtlichkeit und wildheit
im Griff ihrer Schenkel liegen
und die sonnen auf und untergehen sehen
verdammt
ohne bier
in ewig nüchterner trunkenheit
ich werde nicht loslassen,
nicht lockerlassen,
den morgigen tag mit spannung erwarten, ob er
etwas weiterbringt, ob er weiter trägt
und ich schreibe schon wieder
törichte Gedichte,
das hatten wir alles schon einmal,
aber bezüglich Snezana weiß ich wirklich genau, was ich will,
und ich werde nicht locker lassen,
auf meine Art, und ich weiß genau,
nach dem Frühstück hier bei mir,
ich kann auch sehr gut
ohne sie,
aber gerade deshalb,
ich will sie.

Editorische Notiz:

Dieser Text, diese Dichtung ist um das Jahr 1993 entstanden. Ich war damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule der Künste, und Snezana war Studentische Hilfskraft, glaube ich. Der Text widerspiegelt meine Begeisterung, aber gleichzeitig auch meine Unfähigkeit, meine Hoffnungen, mein Begehren zu konkretisieren. Ich hätte doch einfach fragen können: Sage mal, magst Du mich nur oder ist da irgend etwas mehr .... Und schon wäre Klarheit entstanden. Damals war ich dazu nicht in der Lage, heute wömöglich auch nicht. Bemerkenswert ist aber noch etwas anderes: Sie war zu diesem besagten Frühstück bei mir zu Gast in meiner WG in der Hauptstr. 147 in Berlin – Schöneberg, und eine Bemerkung von Ihr werde ich nie vergessen: Für einen Wissenschaftler hast Du aber ziemlich wenig Bücher.
Das hat mich einigermaßen aus der Fassung gebracht. Ich machte intensiven Gebrauch von Büchereien und verarbeitete wirklich viel Literatur, aber in der Anschaffung von Büchern war ich durchaus zürückhaltend, weil ich wohl auch nicht recht einsah, warum ich eine Büchersammlung eröffnen sollte. Diese Bemerkung von Snezana jedoch hat alles geändert und ich fing an, doch mit einiger Konsequenz Bücher anzuschaffen.Snezana habe ich noch einige Male am Institut gesehen, aber weiter hatten wir keinen Kontakt mehr. Die Sammlung von Büchern fand im Jahr 2010, als ich nach einigen Jahren Pause wieder einen Schub hatte, Bücher anzuschaffen, um damit arbeiten zu können. seinen Höhepunkt. Aber bereits im darauffolgenden Jahr änderte sich meine Haltung zu Büchern maßgeblich und ich baute meine Bestände ab, so daß heute – Anfang 2012 – meine Bücher im Prinzip reduziert sind auf die große Wandnische im Kleinen Zimmer in der Oderberger Straße – einer Fläche von vielleicht sechs oder sieben Quadratmetern. Ausschlaggebend war meine Wiederentdekcung der Möglichkeit der Nutzung von Bibliotheken, die massive Zunahme der Bedeutung von Texte im Internet und auch die Einsicht, dass es richtig und wichtig ist, sich von Büchern trennen zu können, insbesondere dann, wenn es gar keinen offensichtlichen Grund bzw. Nutzen gibt, diese Bücher zu besitzen. Und schließlich mit ausschlaggebend für meine veränderte Haltung ist das Aufkommen der Commons – Bewegung, die fragt, warum Dinge in Privatbesitz sein müssen, wenn es doch einen Mehrwert bietet, Dinge der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Die so entstehenden Sammlungen sind viel reichhaltiger als das, was jeder einzelne zusammentragen kann, der mögliche Nutzen wird so potenziert. Dennoch gehen diese Überlegungen weitaus langsamer voran als gedacht, und ich bin dabei, vor allem meine Bestände an Segelliteratur und Wohnungslosenliteratur zu bibliographieren und im Internet bekannt zu machen. In einem nächsten Schritt können dann – bereits andiskutierte Ideen von gemeinschaftlichen Büchersammlungen zu diesen beiden Themenkomplexen konkretisiert werden – und meine Sammlungen werden für die (mögliche) Nutzung durch alle erschlossen und verlassen das Gefängnis meiner Privatwohnung. Im Grunde also muß ich Snezana sehr dankbar sein, dass sie mich fragte, warum ich als Wissenschaftler doch so vergleichsweise wenig Bücher besitze.

Im Reisebus von Berlin nach Warschau 03.01.2012
Stefan Schneider

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