Sonja Kemnitz

Berliner Obdachlosenzeitungen

oder was die Konkurrenz so alles kaputtmacht

Mit dieser Nullnummer der motz tritt nicht die fünfte Berliner Obdachlosenzeitung auf den Markt. Im Gegenteil ist sie der Versuch, eine Entwicklung umzukehren, die im Dezember 1993 begann und nicht nur bei vielen Lesern die Frage provozierte: Warum arbeitet ihr eigentlich neben- oder sogar gegeneinander?

  1. Der Anfang
  2. In Berlin
  3. Plötzlich hatten es alle sehr eilig
  4. Ein Rettungsversuch
  5. Diese Aufteilung
  6. Pfingsten 1994
  7. In der mob-Redaktion
  8. Die Berliner Fehler
  9. Motz und Konsorten

Der Anfang

aller Berliner Projekte lag nicht in Berlin. Die Idee dieser Zeitungen zur Selbsthilfe kam aus den USA nach Europa. Über Londons "Big Issue" und die französische "Macadam" kamen Zeitungsieen nach Deutschland. Hier engagierten sich kirchliche Kräfte - Pater Barabas in München für die Zeitung "Biss" und der Chef der Diakonie in Hamburg für die Zeitung "Hinz und Kunz(t)". Beide schlugen ein wie eine Bombe. Resultat: Gründungsfieber in mehreren deutschen Städten, vor allem in Berlin. 

In Berlin

arbeiteten mehrere Gruppen oder Personen, unabhängig voneinander an ihrern Projekten. Herr Kußmaul träumte von seinem "Eckensteher", doch fehlte ihm das Geld und das Know-How. Die verdienstvolle Berliner Initiative gegen Wohnungsnot (BIN e.V.) gab seit mehreren Jahren ein Blatt mit dem Namen BINFO heraus. Diese lesenswerte Publikation hatte einen festen, aber beschränkten Leserkreis, insbesondere unter Sozialarbeitern. Die Idee, BINFO zu einer Straßenzeitung auszubauen, lag also nahe. Aber mit welchem Know-How? Parallel dazu kam ein Trupp aus Paris, Vertreter der Pariser Obdachlosenzeitung "Le Reverbere" mit der festen Entschlossenheit, in Berlin eine weitere Zeitung zu eröffnen. Diese Gruppe verfügte sowohl über Geld als auch über das in Paris bewährte Know-How. Und dann gab es eine kleine Gruppe von obdachlosen und nichtobdachlosen Träumern, hervorgegangen aus der Mahnwache am Engelbecken. Sie füllten zum Heiligen Abend 1993 vier Seiten in der TAZ mit Beiträgen zur Obdachlosigkeit. Credo dieser Arbeit war: auf und von der Straße geschrieben. Auch dieser Gruppe fehlte jedes Know-How oder Geld. So erkundigten sich aller der Reihe nach in Hamburg nach beidem und lernten sich als Berliner über Hamburg kennen.

Plötzlich hatten es alle sehr eilig.

Anstatt sich die Zeit für ein Miteinander zu nehmen, wollte jeder der erste sein. Am schnellsten waren die Kollegen aus Paris mit ihrem Geld und ihrem Know-How. Doch stand die Frage: würde in Berlin tragen, was in Paris trägt? Der Clochard in Frankreich gilt kulturhistorisch immer als positiv, er gehört einfach dazu. Der deutsche Penner ist immer negativ besetzt, ausgegrenzt, verdrängt, bevormundet. So betonte BIN e.V. zu Recht, eine solche Zeitung von unten, muß unter denen verwurzelt sein, über die sie berichtet und mit denen sie entsteht. Herr Kußmaul informierte sich bei allen nacheinander. Das einzige langfristig vorbereitete Projekt "Zeitdruck", mit der speziellen Clientel obdachloser Jugendlicher, erklärte, am 1.Mai 1994 in jedem Fall mit seiner ersten Ausgabe zu erscheinen.

Ein Rettungsversuch

um ein gemeinsames Projekt in Berlin zu etablieren, wurde gestartet. Ein "runder Tisch" im Haus der Demokratie brachte alle Beteiligten zusammen. Dieser Termin war mindestens eine Woche vorher bekannt. Dennoch bestand BIN e.V. auf einer Pressekonferenz einen Tag vor dem vereinbarten Treffen. Am 18. Februar präsentierten drei eilig eingestellte Redakteure die Zeitung "mob". Was also konnte das Treffen am 19.Februar noch bringen? Am Ende dieser Runde warfen die Pariser die Null-Nummer ihrer HAZ auf den Tisch, layoutet und gedruckt in Paris. Noch am selben Abend verständigte sich Herr Kußmaul mit den Parisern und beschloß, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Nullnummer der HAZ mußte wegen ungeklärter Copyright-Rechte neu gedruckt werden. Die erste "mob" erschien am 18. März 1994.

Diese Aufteilung

war kein Zufall. Alle diese Zeitungsprojekte stehen vor dem Problem, sich am Markt zu bewegen, also geschäftsmäßig zu arbeiten und zugleich, sich auf einen Lebensrhytmus einzulassen, der chaotisch, unstetig ist. Entscheidend sind die Ziele, die mit der Zeitung verfolgt werden. Jeder weiß, es geht ums Geld, um die Einnahmen. Entscheidend ist, wofür werden sie verwendet, wer entscheidet darüber und wie transparent sind die Geldbewegungen. BIN e.V.,wie die Leute von den TAZ-Seiten einer sozialkrtischen Denkweise verpflichtet, erklärten vehement ihre Gemeinnützigkeit. Die Pariser und Herr Kußmaul betonten den privatwirtschaftlichen Aspekt, sichtbar in der Marktform einer GmbH, - und gerieten sich genau darüber in die Haare.

Pfingsten 1994

trennte sich Herr Kußmaul von seinem Pariser Herausgeber und brachte die "Platte" auf den Markt. Von Geldtransfers nach Paris war die Rede, einem Vorwurf, den die haz bis heute nicht loswurde. Von Diebstahl und Betrug sprachen die Pariser. Allerdings wurden diese Vorwürfe nie zur Anzeige gebracht. Die "Platte" entwickelte sich schnell. Dennoch kam es immer wieder zu Spannungen und Entlassungen. Ein ehemaliger Chefredakteur der "Platte" erstattete inzwischen Strafantrag.

Die Pariser hielten an ihrer Idee fest. Sie brachten mit einer neuen Redakteurin schnell eine neue haz auf den Markt, komplett erdacht und hergestellt in Berlin. Nach enormen Startschwierigkeiten, eroberte sich diese Zeitung wieder einen festen Platz.

In der mob-Redaktion

gab es andere Schwierigkeiten. Der enorme Zeitdruck, das mangelnde Know-How und unterschiedliches redaktionelles Verständnis führten zu Spannungen. Nich ausdiskutiert, endeten sie in der fristlosen Kündigung einer Redakteurin. Darauf antworteten Verkäufer mit einer Besetzung der Redaktion. Sie forderten mehr Transparenz und Mitsprache sowie die Wiedereinstellung der Redakteurin. Der Herausgeber ließ polizeilich räumen und verlor so vor den Obdachlosen seine Glaubwürdigkeit. "mob" war gefährdet und rappelte sich wieder raus. Nach seiner Trennung vom Herausgeber wurde "mob" ein wirklicher Selbsthilfeverein, der die Selbstverwaltung der Obdachlosen betonte. Resultat: der geschäftsmäßige Aspekt wurde vernachlässigt. Für die Obdachlosen war die Zeitung mehr ein zu Hause als ein Unternehmen. Für manche wurde er zum Selbstbedienungsladen.

Die Berliner Fehler

erkennt man am besten im Vergleich mit Hinz und Kunz(t) in Hamburg. Dort arbeitete erst ein Selbsthilfeprojekt. Aus diesem entstand die Idee der Zeitung. Sechs Monate Vorbereitungszeit sicherten ein klares redaktionelles Selbstverständnis und eine durchdachte Vertriebslogistik. Der Chef der Diakonie, ein durch alle politisachen Lager als integer anerkannter Mann, leistete unverzichtbare Lobbyarbeit im Vorfeld. Die Erstausgabe erschien am Beginn der Kälteperiode, also zu einer Zeit, als das Thema in den Köpfen der Leute stärker präsent ist. Damit war eine sichere Leserschar gegeben. In Berlin fehlte durch die Konkurrenz jede Vorbereitungszeit. Außer bei "Zeitdruck" gab es kein Selbsthilfeprojekt. Ohne geschützte Räume, in denben sich die Verkäufer mit ihrer Zeitung identifizieren können, funktioniert nach meiner Übrezeugung so ein Projekt nicht. Hier geht es nicht nur um Tageseinnahmen für die Verkäufer, sondern um ein gemeinschaftliches zu Hause. Alle diese Zeitungen sind in hohem Maße Familienersatz.

Letztendlich verhinderte die nicht verhinderte Konkurrenzsituation, daß die Berliner Obdachlosenzeitungen ihre eigene Dynamik von innen heraus entfalten konnten. Ihr Bewegungsrhytmus war von außen diktiert, geschäftsmäßig und einzig allein vom Geld.

Motz und Konsorten

versucht, diese zerstörerische Entwicklung zu stoppen und umzudrehen. Wir haben aus unseren Fehlern die Konsequenzen gezogen. Arbeitsbereich und Wohnbereich werden strikt getrennt. Unser Sozialprojekt sind die Wohnräume für Obdachlose in der Kleinen Hamburger Straße., Arbeitsbereich wird die Boxhagener Straße. Gemeinnützigkeit ist beantragt, wir können also auch Spenden annehmen. Redaktionell binden wir alle zusammen, die bisher in verschiedenen Redaktionen arbeiteten. Und wir betreiben keine Politik, die den Verdacht nährt, daß im Namen des Herausgebers die zweite Mark, die den Verkäufern gehört, über zweifelhafte Projekte wieder in die eigenen Taschen fließt.

Darin sehen wir unsere Chance. Und wir nutzen sie.

Sonja Kemnitz

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