Werena Rosenke

"Bunte Blätter": die bundesdeutschen Straßenzeitungen haben sich etabliert

Eine Bestandsaufnahme



Einführung

Zeitungen, die von Wohnungslosen (mit)gestaltet und/oder auf der Straße von Wohnungslosen verkauft werden, sind eine relative neue Erscheinung in der Bundesrepublik. Zwar kam bereits im Juni 1992 in Köln der Bank-Express - heute Bank-Extra - heraus, der Boom wurde aber erst nach dem fulminanten Start von BISS im Oktober 1993 in München und Hinz & Kunzt im November 1993 in Hamburg ausgelöst. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe ich 31 Zeitungsprojekte gezählt. Bis zur Veröffentlichung dieses Beitrages werden vermutlich noch einige dazu gekommen sein. Die Zeitungen sind nicht nur eine Großstadterscheinung, sondern es gibt sie auch in Klein- und Mittelstädten. Zwar ist die überwiegende Zahl der Projekte in den westlichen Bundesländern angesiedelt, aber gerade in den letzten Monaten sind Zeitungen in Schwerin, Chemnitz, Rostock, Leipzig erschienen bzw. in Vorbereitung.

Die Zeitungen unterscheiden sich deutlich nach Form und Inhalt, Anspruch und Organisationsprinzip, so daß eine einheitliche Bezeichnung problematisch ist. Am neutralsten erscheint mir noch der Begriff Straßenzeitung.

Grob lassen sich die Blätter zwei Kategorien zuordnen:
  • aufklärungsorientierte Publikationen, wollen bei der Bevölkerung durch Aufklärung Verständnis wecken, beschäftigen sich hauptsächlich mit der Thematik Wohnungslosigkeit und verstehen sich als Medium und Sprachrohr Betroffener;

  • verkaufsorientierte Publikationen, wollen möglichst vielen Wohnungslosen durch den Straßenverkauf eine Möglichkeit eröffnen, "sich selbst zu helfen". Diese Blätter sind mehr als andere auf eine hohe Auflage und regelmäßiges Erscheinen angewiesen. Dies impliziert ein weitgehend professionelles Mitarbeiterlnnenteam sowie Inhalte mit größerer Breitenwirkung.
Grundlage dieser Zuordnung ist die Hauptintention. Natürlich wollen viele aufklärungsorientierte Zeitungen ihr Blatt auch verkaufen und umgekehrt haben verkaufsorientierte selbstverständlich auch einen Aufklärungs- und Informationsanspruch und wollen Lobby Betroffener sein.


Entstehungsgeschichte

Für die verkaufsorientierten Blätter dient zumeist die wohl etablierteste und professionelleste Straßenzeitung als Vorbild, die englische "The Big Issue". Gordon Rodnick, Initiator und Hauptfinanzier der Zeitung, brachte die Projektidee von einer seiner Geschäftsreisen aus New York mit. "Street News" hieß die Wohnungslosenzeitung, die dort schon auf der Straße angeboten wurde. Rodnick, Inhaber der Kosmetikkette "The Body Shop", hat BIG ISSUE schon mit mehreren hunderttausend DM unterstützt. BIG ISSUE erschien erstmalig im September 1991 als Monatsmagazin mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren. Inzwischen hat Big Issue Ableger in anderen britischen Städten und erscheint allein in London mit einer wöchentlichen Auflage von 100.000 Exemplaren, die von ca. 800 Verkäuferlnnen vertrieben werden. Knapp 70% der Einnahmen werden durch den Verkauf erwirtschaftet, der Rest durch Werbung, Spenden und Sponsoren. Ebenfalls zum Projekt gehört der vom Herausgeber John Bird formulierte Anspruch, Verkäuferlnnen nebenher in einem Beruf des Zeitungsmetiers auszubilden, zumindest zu qualifizieren. Bird will bei den Wohnungslosen Verantwortung für das eigene Leben wecken. Sie sollen wieder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, so daß letztendlich die Mitarbeit im Zeitungsprojekt überflüssig wird. Ansonsten lautet Birds Devise: "Keine moralisierende Botschaft! Almosen halten Menschen nur in Unselbständigkeit." Entsprechend ist die Zeitung auch aufgemacht: Vierfarbdruck, 40 Seiten Umfang, eine bunte Themenmischung mit leicht sozialem Touch: Gesundheit, Kultur, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, Konsumterror, Freizeit, Rezensionen, Kulturkalender. Daneben gibt es die ständigen Rubriken: News (Kommunalpolitisches und Vermischtes) (2 Seiten), International (1 Seite), Capital Lights (Betroffenenforum) (2 Seiten), Missing (Vermißtensuche) (l Seite), Leserbriefe und nützliche Adressen. Gut die Hälfte des Verkaufspreises bleibt den Verkäuferlnnen.


Ziele und Arbeitsweisen

Einige Prinzipien sind allen Projekten - verkaufs- und aufklärungsorienten - gemein:

  • Hilfe zur Selbsthilfe" leisten
  • nicht Mitleid, sondern Interesse wecken
  • Beteiligung von Betroffenen
  • Kommunikation zwischen wohnungsloser und wohnender Bevölkerung erleichtern, um Vorurteile abzubauen.

In der Interpretation dieser Grundprinzipien gibt es jedoch deutliche Unterschiede. Typische Beispiele für die Kategorie "aufklärungsorientiert" sind Blätter wie Bank-Extra, Köln, Heidelberger Rundschlag, Adler-Express, Karlsruhe, DAS DACH, Chemnitz, Platte (Rheinland-Pfalz), Die Kippe, Leipzig.

Einige dieser Zeitungen wie der Adler-Express erscheinen nur unregelmäßig oder müssen das Erscheinen vorübergehend einstellen. In diesem Projekt kommt man ganz ohne professionelle Mitarbeiterlnnen aus. Gearbeitet wird ausschließlich ehrenamtlich. Das Erscheinen des Blattes ist damit vollkommen abhängig von der aktuellen Zahl engagierter Mitarbeiterlnnen. Bei der geringen Auflage steht der Straßenverkauf naturgemäß nicht im Mittelpunkt der Aktivitäten. Sprachrohr sein, die Öffentlichkeit mit den eigenen Problemen bekanntmachen, z.T. um Verständnis werben. Dies sind die Stichworte, mit denen sich dieses Projekt beschreiben läßt.

Ganz explizit im Vordergrund steht die Aufklärungsfunktion bei dem "Dach" aus Chemnitz. Herausgeber ist die Tagesstätte für Wohnungslose der AWO Chemnitz. Die Zeitung wird "gemeinsam mit Gästen der Einrichtung" erstellt. Die Herausgeber verstehen die Zeitung als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Finanziert wird sie von der AWO Chemnitz und z.T. durch den örtlichen Sozialhilfeträger. Ziel ist es, "einer breiten Öffentlichkeit Informationen über wohnungslose Menschen und deren Lebenswelten zu vermitteln, um bestehende Vorurteile abzubauen." Dazu erhalten die Betroffenen die Möglichkeit, ihr Schicksal darzustellen. Das Dach erscheint vierteljährlich in einer Auflage von 1000 Ex. und wird kostenlos verteilt.

Nach ganz ähnlichem Prinzip arbeitet "Platte - Die Obdachlosen-Zeitung", ein Zeitungsprojekt in Rheinland-Pfalz. Im Herbst 1993 ist die erste Ausgabe erschienen. Initiator, Herausgeber und Vollfinanzier ist das rheinland-pfälzische Sozialministerium. Die Zeitung ist Teil eines geplanten und z.T. schon realisierten Projektesets: Kältebus, Schlafsackausgabe im Winter, Restaurants nach dem Vorbild der Frankfurter LobbyRestaurants. Der Projektleiter und -koordinator, Ralf Blümlein, mutmaßt zu den Gründen des ministeriellen Engagements: "Selbstdarstellung der Betroffenen befördern, Bild der Obdachlosen geraderücken, eine Lobby schaffen". Seine Einschätzung wird vom Ministerium bestätigt. Das Ministerium selbst hat keinen direkten Kontakt zu den Betroffenen oder zu Einrichtungen in Rheinland-Pfalz, mit denen die Aktivitäten im Rahmen des Gesamtprojekts abgestimmt werden könnten. Die Kommunikation wird von Blümlein organisiert. Die Gesamtkosten des Zeitungsprojekts für vier Ausgaben pro Jahr werden vom Ministerium getragen. Die Finanzierung ist zeitlich nicht begrenzt. Auf den Verkauf der Zeitung ist man nicht angewiesen, sie wird verteilt und ausgelegt. Wohnungsloseneinrichtungen, Kirchengemeinden etc. werden mit den nötigen Exemplaren beschickt. Auf den ersten Blick hat die Zeitung nicht allzuviel mit den Betroffenen selbst zu tun, sieht man davon ab, daß einzelne Texte von Betroffenen und Fotos, die Nicht-Betroffene gemacht haben, veröffentlicht werden. Aber für Blümlein ist es "die Zeitung der Betroffenen": Er pendele übers Land, suche die Wohnungslosen auf der Straße auf, diskutiere mit ihnen das Konzept des Blattes, sammele Beiträge ein. Er stehe auch in ständigem Kontakt zu den Einrichtungen, die die einzelnen Initiativen begrüßten und unterstützten. Anfragen erreichten ihn aus allen Landesteilen und inzwischen auch aus anderen Bundesländern.

Die "Kippe" in Leipzig wird von dem Verein "Hilfe für Wohnungslose" herausgegeben und ist Teil des "sozialarbeiterischen Projekts Teestube". Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Wohnungslosigkeit, dargestellt in Interviews, Berichten, Kommentaren und in Porträts von Betroffenen. Die Ziele sind eindeutig: "Lobby schaffen", "Bevölkerung sensibilisieren", "Stimme sein für Betroffene, die sich über ihre Empfindungen, Meinungen und Hoffnungen artikulieren wollen", "lnteressen wecken". Es wird aber nicht nur informiert, sondern die Betroffenen sollen an der Herstellung beteiligt sein, so daß sie "das Gesicht der Zeitung wesentlich mitprägen" und die Zeitung verkaufen. Bei einer Auflagenhöhe von 1500 Ex. steht der Verkaufsaspekt sicher nicht im Vordergrund.

Das Kölner Blatt "BANK-EXTRA" ist eines der ältesten Zeitungsprojekte von Wohnungslosen. Bereits im Juni 1992 erschien die erste Auflage als Initiative von (ehemals) Betroffenen und Sozialarbeiterlnnen. Es ist ein Zeitungsprojekt, daß wohnungslosen Menschen die Möglichkeit geben soll, "sich mal so richtig auszukotzen", wie es in einer Pressemeldung vom Februar 1993 heißt, jedoch richtet sich das Blatt auch an Menschen mit Wohnung. Und in der Tat, die können viel erfahren von der Lebensrealität wohnungsloser Männer und Frauen in einer reichen bundesdeutschen Stadt. Regelmäßig werden Biographien veröffentlicht. In langen Textbeiträgen schildern Wohnungslose, solche die es waren oder die Angst haben, es über kurz oder lang zu werden, ihren Weg nach unten. Regelmäßig wird auch über die aktuelle Wohnungslosenpolitik in Köln, über Behördenwillkür, die Auseinandersetzung um die Öffnung der U-Bahnen im Winter berichtet bzw. einschlägige Briefwechsel mit Stadtratsabgeordneten, kirchlichen und anderen Würdenträgern dokumentiert. Meistens sind es die Betroffenen selbst, die mit ihren in der Regel nicht redaktionell bearbeiteten Texten zu Wort kommen. Leserlnnenbriefe von Nicht-Betroffenen werden aber auch gern veröffentlicht. Jetzt arbeiten acht Leute in der Redaktion, davon zwei Wohnungslose. Nach eigenen Angaben ist die Auflage des Bank - Extra von 400 Ex. bei Gründung auf jetzt 10.000 gesteigert worden, jedoch trägt sich das Projekt finanziell nicht selbst, die Defizite werden von der Benedikt - Labre - Hilfe getragen.

Die Zeitung, die alle zwei Monate erscheinen soll, wird nicht hauptsächlich im Straßenverkauf vertrieben, sondern entweder abonniert oder in Kirchengemeinden, bei Veranstaltungen oder an der Kölner Klagemauer verkauft. Aber eigentlich, so die Leute von BANK-EXTRA, müßte der Vertrieb neu organisiert werden. In den letzten Monaten sind anscheinend verstärkt Anstrengungen unternommen worden, den Straßenverkauf anzukurbeln. Jedoch bei lediglich acht Verkäuferlnnen hält er sich nach wie vor in engen Grenzen. Seit Anfang '95 wurde auch das bisherige Motto "Von Berber für Berber" auf dem Titelblatt durch "Kölns Obdachlosen Zeitung" ersetzt.


Die verkaufsorientierten - "Straßenzeitungen mit sozialem Touch"

Auch diese Überschrift kann nur ein sehr grobes Raster sein. Ähnlich wie bei den Aufklärungsblättern gibt es auch in dieser Kategorie zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Zeitungen. Am deutlichsten an "Big Issue" orientiert sind das Hamburger "Hinz & Kunzt" und das in Hannover herausgegebene "Asphalt" .

Die Idee zu Hinz & Kunzt kam dem Hamburger Diakoniechef Dr. Stefan Reimers, nachdem er BIG ISSUE in London kennengelernt hatte. In Hamburg gab es einige Anlaufschwierigkeiten, mußte doch eine Gruppe von Betroffenen gefunden werden, die mitmachen wollte. Gefunden wurden diese schließlich mit der Selbsthilfegruppe OASE, die sich im Sommer 1993 im Zuge der Vorbereitungen zur "Nacht der Wohnungslosen" in Hamburg gegründet hatte. Mit einer Anschubfinanzierung des Diakonischen Werkes in Höhe von DM 50.000 startete das Projekt im November 1993 mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Gegenwärtig werden pro Monat 110.000 Exemplare auf Hamburgs Straßen an den Mann und die Frau gebracht, ca. 800 Verkäuferlnnen-Ausweise hat Hinz & Kunzt ausgestellt. Zwischenzeitlich wurde H&K zweiwöchentlich herausgegeben. Dieses Experiment mußte aber abgebrochen werden, weil sich die Verkaufszahlen um fast 50% reduzierten. Finanziell trägt sich das Blatt inzwischen selbst. In Redaktion und Vertrieb gibt es insgesamt neun festangestellte Mitarbeiterlnnen: vier sog. "NichtBetroffene" in Redaktion und Projektleitung, fünf ehemalige Wohnungslose, die den Vertrieb der Zeitung organisieren. Zu H&K gehören auch Wohnprojekte für die wohnungslosen Verkäuferlnnen, ein Rechtshilfe- und Gesundheitsfond, mit dem H&Kler unterstützt werden sowie als neueste Idee der sog. Wohnungspool, der Mitte Oktober gestartet wurde.

H&K will kein neues "Problemblatt" sein, sondern ein "verkaufbares Boulevardblatt mit sozialer Tendenz". Wer schreibt im "Hinz & Kunzt"? In der Regel sind es professionelle Journalistlnnen. Einen festen Stamm von Betroffenen, die selbst schreiben, gibt es nicht, was jedoch als Manko wahrgenommen wird.

Die meisten der Betroffenen sitzen aber weder in der Redaktion noch schreiben sie für die Zeitung, sondern sie tragen den Verkauf des Blattes. In einer Selbstdarstellung von "Hinz & Kunzt" heißt es dazu, "dem Betteln Konkurrenz zu machen, Hilfe zur Selbsthilfe ist das Prinzip dieses Projektes. Obdachlosen und wohnungslosen Menschen wird durch den Zeitungsverkauf die Möglichkeit geboten, einer regelmäßigen Tätigkeit nachzugehen, deren Dauer sie selbst bestimmen. Sie können dadurch etwas Geld verdienen. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Kontakte zu normalen Bürgern, mit denen sie vorher als Bettler keinen Kontakt hatten. Das Selbstwertgefühl vieler Verkäuferlnnen wird langsam wieder gestärkt und ermöglicht ihnen so, sich schrittweise aus ihrer Isolation zu befreien."

Zwischen Sozialbehörde und Hinz&Kunzt wurde eine Übereinkunft getroffen, daß die Verkäuferlnnen ihren Sachbearbeiterlnnen auf dem Sozialamt erst nach einem halben Jahr ihren Verdienst darlegen müssen. Dabei ist es dann immer noch Ermessenssache, ob der Verdienst auf die Sozialhilfe angerechnet wird oder nicht.
Für den Verkauf gibt es strenge Regeln: jede/r potentielle Verkäuferln muß belegen, daß sie/er wohnungslos ist. Erst dann erhält sie/er einen Verkäuferlnnenausweis. Darüber hinaus muß jede/r Verkäuferln einen Verhaltenskodex einhalten. Die ersten zehn Zeitungsexemplare werden den Verkäuferlnnen vom Diakonischen Werk als Starthilfe gespendet. Von dem Wiederverkaufspreis von 1,80 DM behalten die Verkäuferlnnen 1,00 DM für sich. Die Verkaufsgebiete werden Woche für Woche neu vergeben. Eng angelehnt an H&K wurde im August 1994 "Asphalt" erstmals in Hannover verkauft. "Asphalt" ist ein gemeinsames Projekt des Diakonischen Werkes Hannover und der Hannoveraner Initiative obdachloser Bürger HIOB e.V.

Das Magazin erscheint monatlich in einer Auflage von 50.000 Exemplaren. Vom Verkaufspreis von DM 1,50 behalten die inzwischen knapp 140 Verkäuferlnnen DM 1,00 für sich. Von der Hanns-Lilje-Stiftung hat "Asphalt" eine Anschubfinanzierung erhalten. Die Zeitung finanziert sich zu gleichen Teilen aus Verkauf, Werbeeinnahmen und Spenden.

Im Blatt sollen nicht nur "Obdachlosenstorys" erscheinen. sondern "ein breites Spektrum an sozialen und kulturellen Themen." Ähnlich wie bei H&K liest man im Editorial und in der Selbstdarstellung zum Zweck des Blattes, daß die wohnungslosen Menschen durch den Verkauf des Blattes "ihr Schicksal in die Hand nehmen. ---- Nicht nur ihre materielle Situation verändert sich dadurch. Aus Bettlern werden Gesprächspartner. Asphalt bietet eine Alternative zum Betteln."
Die Macherlnnen legen Wert darauf, daß auch in der Redaktion "ehemals Obdachlose" arbeiten, "die durch Asphalt wieder Arbeit und Wohnung gefunden haben". Mit Stolz werden diese in der Zeitung vorgestellt.

Verstöße gegen die Verkäuferregeln - kein Alkohol, kein Schnorren oder Pöbeln, Verkauf nur auf zugewiesenem Platz und nur mit Ausweis - werden streng durch die Verkäuferbetreuung geahndet und können letztendlich zum Verlust der Verkaufsberechtigung führen. Die Betreuer haben die Legitimation einzuschreiten, sie wiederum unterstehen dem Leiter des Vertriebs.

Als Stadtillustrierte versteht sich die Münchener BISS. "BISS" erschien erstmalig im Oktober 1993 in München mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Inzwischen ist das Blatt mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren auf dem Markt. Die Zeitung erscheint zweimonatlich. "BISS" will kein reines Wohnungslosenmagazin sein, sondern ein Projekt für und unter Mitarbeit von Bürgern in sozialen Schwierigkeiten. Dazu gehöre die Arbeitslosigkeit genauso wie die Wohnungslosigkeit. Natürlich will man auch zu einem gewissen Grad "Sprachrohr" sein, Nicht-Betroffene Bürgerlnnen informieren. Aber vor allem werde angestrebt, "Leute, denen es schlecht geht, zusammenzubringen", ihnen über ein Kommunikationsangebot oder über die Möglichkeit, beim Straßenverkauf der Zeitung mitzumachen, "Hilfe zur Selbsthilfe" anzubieten. Besonders erfreulich sei es natürlich, wenn es darüber hinaus gelinge, Themen in der Öffentlichkeit zu plazieren, die sonst dem allgemeinen Medieninteresse entgehen.

Den "BlSS"-Leuten ist es wichtig, Kontakt zu den Verkäuferlnnen halten zu können, sie zu kennen und ihnen in schwierigen Situationen, falls sie dies dann wünschen, Unterstützung anbieten zu können. Die "BlSS"-Verkäuferlnnen haben feste Verkaufsplätze, sie erhalten Verkäuferlnnenausweise und verpflichten sich auf einen Verhaltenskodex.

Die Idee zu dem Münchener Projekt ist bereits im April 1991 auf einer Tagung zur Obdachlosigkeit der Evangelischen Akademie in Tutzing geboren worden, an der auch Betroffene teilnahmen. In der Vorlaufphase interessierten sich jeweils ca. 1/3 Betroffene, Sozialarbeiterlnnen und Journalistlnnen für das Projekt. Inzwischen sind es ca. 20 Leute, hauptsächlich Betroffene und Journalistlnnen, die zusammenarbeiten. Die knapp 50 festen Straßenverkäuferlnnen können von dem Verkaufspreis von DM 2,50 DM 1,30 für sich behalten. Eine Anschubfinanzierung hat es in München nicht gegeben, man lebt von Spenden und dem Verkauf der Zeitung. Arbeitete die Redaktion in der Anfangsphase noch ehrenamtlich, so gibt es jetzt fünf Stellen, von denen zwei mit ehemaligen Wohnungslosen besetzt sind. Es sollen jedoch noch weitere Arbeitsplätze für Betroffene auf ABM oder BSHG-Basis eingerichtet werden. Darüber hinaus soll die Geschäftsführung professionalisiert werden. Die Weiterqualifizierung der betroffenen Mitarbeiterlnnen ist zwar Programm, konnte aber bislang nicht realisiert werden. Klaus Honigschnabel, der Chefredakteur, räumt ein, daß das Verhältnis zwischen den journalistischen und organisatorischen Profis und den Betroffenen in der gemeinsamen Redaktion durchaus problematisch sein kann. Für beide Seiten jeweils ungewohnte Umgangsformen machten die Arbeit nicht immer leichter, ebenso die Probleme der Betroffenen untereinander und deren "mangelnde Konstanz und Zuverlässigkeit", wie von den Nicht-Betroffenen kritisiert wird. Natürlichsollen auch bei "BISS" Betroffene selbst Texte schreiben, aber Auswahl und Redaktion seien, laut Honigschnabel, immer eine "Gratwanderung". Entweder liefern Betroffene Anregungen für einen Beitrag, der dann von einem Profi gemacht wird oder man recherchiert und redigiert gemeinsam oder es wird ein authentischer Text von einem Betroffenen veröffentlicht. Wichtig ist bei dieser Gratwanderung ein Prozeß, den Honigschnabel als "betreutes Schreiben" bezeichnet: Profis bieten Hilfestellungen an, von der gemeinsamen Bearbeitung eines Artikels bis zur Begleitung bei einem Interviewtermin.

Der "Wohnungs-Looser- Obdachlosenzeitung" für Deutschland, auch ein verkaufsorientiertes Blatt, kommt nach eigenen Angaben ganz ohne professionelle Mitarbeiterinnen aus, und betont, von "Pennern" gegründet worden zu sein. Inhaltlich steht im "Wohnungs-Looser" eindeutig die Wohnungslosigkeit im Mittelpunkt. Dennoch will sie nicht in erster Linie "Aufklärungszeitschrift" sein, sondern den Betroffenen als Mittel dienen, "sich durch den Verkauf einen Lebensunterhalt zu verdienen". Das Blatt im Zeitschriftenformat wird in verschiedenen Orten auf der Straße verkauft. Daß Betroffene in der Zeitung auch schreiben, ist für die Macher ein "Nebeneffekt", der "für eine Wiedereingliederung sehr wichtig sein" könnte. Die Macher sind ehemalige Wohnungslose und die "Macher der ersten deutschen Wohnungslosenzeitung, dem Berberbrief." Idee des "WohnungsLooser" ist, Wohnungslosen nicht nur in den Großstädten eine Möglichkeit des Zusatzverdienstes durch den Zeitungsverkauf zu bieten. Deswegen geht es ihnen darum, "daß unsere Kolleginnen und Kollegen auch auf dem Land durch den Verkauf einer Zeitung ihr Geld verdienen". In Michelstadt wird deswegen eine Hauptausgabe des WL produziert, die je nach Bedarf durch eine Lokalausgabe ergänzt oder ersetzt werden kann. Als Service bietet Michelstadt an: Redaktion und/oder Druck und/oder Satz. Mit den Einnahmen sollen die Kosten gedeckt und ein Wohnprojekt finanziert werden.


Versuch einer Einschätzung - Hilfe zur Selbsthilfe

"Hilfe zur Selbsthilfe" zu leisten ist das wichtigste Ziel aller Zeitungen. Dieses Ziel wird dabei sehr unterschiedlich definiert.

Bei Hinz & Kunzt und anderen verkaufsorientierten Straßenzeitungen wird Selbsthilfe als Stufenmodell gedacht, mit dem Straßenverkauf als "erstem Schritt /.../ zu fester Arbeit und eigener Wohnung". Ähnlich auch Asphalt: Mit dem Verkauf nehmen die Wohnungslosen "ihr Schicksal in die eigene Hand. /.../ Aus Bettlern werden Gesprächspartner. /..../ Aber auch in der Redaktion arbeiten /.../ ehemalige Obdachlose, die durch Asphalt wieder Arbeit und Wohnung gefunden haben."

Biss bezeichnet sich als ein Projekt, an dem "in allen Phasen - von der Idee über die Herstellung bis zum Vertrieb Betroffene beteiligt sind." Damit "soll Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden." Auch BISS spricht vom Stufenmodell: Herstellung der Zeitung und Verkauf, dadurch Stärkung des Selbstwertgefühls, wodurch den Betroffenen ermöglicht werde, "sich schrittweise aus der Isolation von Armut und Ausgrenzung zu befreien."

"Den einzelnen dazu bringen, Ja zu sich selbst zu sagen, ist unser Anliegen", heißt es bei motz&co.

Selbsthilfe als Möglichkeit Perspektiven zu entwickeln und sich zu artikulieren, so sieht es Bank-Extra: "Anlaß eine derartige Zeitung zu gründen, war die Erkenntnis, daß Wohnungslose kaum Möglichkeiten haben, auf ihre Situation und ihre Probleme in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und ihre Vorstellungen und Wünsche bezüglich eines menschenwürdigen Daseins auszudrücken.

Die redaktionelle Mitarbeit Wohnungsloser sowie der Straßenverkauf hilft außerdem, das Selbstwertgefühl und das Selbstbewußtsein zu steigern und neue Perspektiven zu entwickeln."

Ganz prakmatisch will der Wohnungs-Looser auch den Wohnungslosen abseits der Großstädte eine Möglichkeit des Zusatzverdienstes durch den Zeitungsverkauf bieten.

So unterschiedlich das Verständnis der "Hilfe zur Selbsthilfe" auch sein mag, ob Stufenmodell oder Selbstbejahung oder die Verschaffung eines Zusatzverdienstes - so läßt sich eine Tendenz zur Individualisierung des Selbsthilfegedankens nicht leugnen. Eine Individualisierung wäre aber nicht emanzipatorisch, sondern wirkte gesellschaftlich stabilisierend, denn sie entließe die Reichen und Satten, sie entließe den Sozialstaat - sicher nicht beabsichtigt - aus der Verantwortung. Zugespitzt formuliert heißt das, entweder richtet man sich in der Nische der Selbsterfahrung ein, finanziert das eigene, natürlich bessere "Wohnprojekt" und verdient etwas dazu - oder man beteiligt sich mit einer neuen Variante an dem alten Gesellschaftsspiel "survival of the fittest". Wer will, der kann sich wieder aufbauen lassen und ein anerkanntes, nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Das Stufenmodell suggeriert dies - und ermöglicht damit ungewollt die Differenzierung zwischen "guten" und "schlechten" Armen, zwischen den Verkäuferlnnen, die ihre Chance wahrnehmen, die "Alternative zum Betteln wählen". Die Ziele der Straßenzeitungen wären damit pervertiert. Abgesehen von den wenigen, denen es tatsächlich gelingen wird, sich in der Arena zu behaupten, wäre mit solch einem individualisierenden Selbsthilfeverständnis nur den Sozialpolitikern und Stammtischstrategen Rückenwind gegeben, die schon immer mutmaßten, daß sich die meisten Armen in der Hängematte "Sozialstaat" ausruhen und die meinen, wer will, der kann auch Arbeit und Wohnung finden.

Um solchen Vereinnahmungen vorzubeugen, muß ein Selbsthilfebegriff entwickelt und in die Öffentlichkeit transportiert werden, der sich nicht auf Selbsterfahrung oder auf eine neue Variante der Einzelfallbetreuung mit inhärentem "Besserungsanspruch" reduzieren läßt. Selbsthilfe meint auch einen gemeinsamen Prozeß des sich Selbst-Bewußtwerdens als Gruppe der Randständigen, als Voraussetzung für eine parteiliche und nicht individuelle Interessenvertretung und politischen Artikulation Wohnungsloser für das Recht auf Arbeit, Wohnen, Existenzsicherung.

Das Verständnis der "Hilfe zur Selbsthilfe" hat Konsequenzen auf für die weiteren zentralen Anliegen der Straßenzeitungen .


Straßenzeitung - kein Projekt für wohnungslose Frauen?

Das Konzept des Straßenverkaufs entspricht offensichtlich nicht den Bedürfnissen wohnungsloser Frauen. H&K spricht von einem Verkäuferinnen-Anteil von 5%. Die Tatsache, daß sich überwiegend, sowohl im Verkauf auf der Straße wie auch unter den betroffenen Mitarbeiterlnnen in den Redaktionen nur verschwindend wenige Frauen befinden, wird in keiner Zeitung problematisiert. Damit fallen die Zeitungen noch hinter das Problembewußtsein des etablierten Hilfesystems zurück.

Wollen die Zeitungsprojekte glaubwürdig bleiben, muß darüber diskutiert werden, warum wohnungslose Frauen kaum beteiligt sind und welche Möglichkeiten es geben kann, den Frauen den Einstieg in die Zeitungen zu eröffnen.


Konkurrenz schadet dem Geschäft

Es ist nicht zu leugnen, daß es schon jetzt Konkurrenz zwischen einzelnen Straßenzeitungen gibt.

Im Juni 1995 fusionieren die ehemaligen Berliner Konkurrenzblätter mob und haz zur motz&co. Damit hat sich der Berliner Markt für Straßenzeitungen mutmaßlich etwas entspannt, aber noch immer existieren zwei verkaufsorientierte und damit von hohen Auflagen abhängige Blätter in Berlin: motz&co und Die Platte. Die Konkurrenz wird noch dadurch verschärft, daß beide Blätter mit dem Verkaufserlös nicht nur den Zusatzverdienst für die Verkäuferlnnen sichern müssen, sondern ihre Projekte finanzieren wollen, die laut eigenem Bekunden einen ebenso großen Stellenwert haben, wie der Straßenverkauf durch Betroffene. Im Nachhinein wird das Scheitern von mob und haz auf die unzureichende Vorbereitung zurückgeführt, bedingt durch die Konkurrenzsituation in Berlin: fast zeitgleich planten vier Initiativen die Herausgabe einer Straßenzeitung. Um als erste auf dem Markt zu sein, wurde der Binnenstruktur der Projekte zu wenig Beachtung geschenkt. Bei der fragilen Struktur solcher Projekte in denen Profis und Laien, Etablierte und Nicht-Etablierte, Menschen mit und ohne Wohnung versuchen, möglichst gleichberechtigt zusammenzuarbeiten, hatte es dann im Berliner Projekt "mob" schon sehr bald nach dem Start geknallt. "Zoff bei mob" titelte die Berliner tageszeitung am 27.4.94 "Verkäufer des Obdachlosenmagazins "mob" fordern mehr Mitspracherecht". Der Herausgeber, die Berliner Initiative gegen Wohnungsnot (BIN) e.V., ein seit 10 Jahren bestehender Zusammenschluß von Fachleuten, hauptsächlich Sozialarbeiterlnnen, die sich haupt- und ehrenamtlich für Wohnungslose engagieren, läßt die von den Betroffenen besetzten Redaktionsräume polizeilich räumen. Eine Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich, BIN e.V. zieht sich aus dem Projekt zurück. Der Versuch Betroffener, mob selbst herauszubringen, ist gescheitert.

Konkurrenz entsteht aber auch da, wo bereits etablierte Zeitungen mit Lokalausgaben einen neuen Markt erschließen wollen, oder wo in der Fläche kostenlos verteilte Straßenzeitungen mit örtlichen Initiativen zusammenprallen.

Wenn die Straßenzeitungen einen emanzipatorischen Anspruch haben, d.h. wenn die Wohnungslosen nicht auf die Rolle der Verkäuferln reduziert werden sollen, muß es in Zukunft Konkurrenzschutz-Abkommen geben. In Orten, in denen lokale Initiativen von oder mit Wohnungslosen eine Zeitung herausgeben (wollen), dürfen die etablierten Straßenzeitungen ihre Blätter nicht vertreiben.


Beteiligung und Qualifizierung der Betroffenen

Die große Mehrheit der Betroffenen ist als Verkäuferlnnen in das Projekt integriert. Es gibt nur wenige Zeitungen, die einen festen Stamm an wohnungslosen Autorlnnen haben. Die Projektleitung ist in der Regel in der Hand professioneller Journalistlnnen, Betriebswirtschaftlerlnnen oder Sozialarbeiterlnnen. Die Qualifizierung der wohnungslosen ehrenamtlichen Mitarbeiterlnnen hat keine hohe Priorität, beschränkt sich entweder auf die sog. Verkäufereinweisung oder ist auf "später" verschoben. Abgesehen von dem Verkauf bleibt Wohnungslosen bzw. in den meisten Zeitungen Ex-Wohnungslosen noch die Vertriebsorganisation als Tätigkeitsfeld - also Zeitungsausgabe und Verkäuferlnnenbetreuung und -kontrolle.

Gleichzeitig ist in den Äußerungen und Selbstdarstellungen der Projekte immer wieder die Rede von "Beteiligung der Betroffenen", von ihren Möglichkeiten "das Gesicht der Zeitung zu prägen" von "gleichberechtigter Zusammenarbeit". Exemplarisch sei hier die Selbstdarstellung von H&K zitiert: "wohnungslose Verkäufer... Ex-Obdachlose im Vertrieb... und ein professionelles Team. Hinz&Kunzt wird von professionellen Journalisten, Fotografen und Layoutern gestaltet. Denn nur, wenn die Zeitung ihr Geld wert ist, funktioniert das Projekt langfristig. Eine Betriebswirtin macht die Projektund Anzeigenleitung, ein Sozialarbeiter steht den Verkäufern für praktische Hilfe zur Verfügung. Alle Mitarbeiter verbindet der Spaß daran, sich in einem ungewöhnlichen Projekt zu engagieren." Diese Konstellation ist m.M. nach aus mehreren Gründen problematisch.
1. Es wird Gleichheit vorgespiegelt, wo praktisch keine Gleichheit ist.
Professionelle, Sozialarbeiterlnnen oder Journalistlnnen, die in solch einem Projekt angestellt sind, sind anderen Bedingungen unterworfen als Wohnungslose, die entweder ehrenamtlich oder in ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen mitarbeiten. Für die Professionellen ist es der Job, mit den sich daraus ergebenen Verpflichtungen und Interessen, d.h. sie sind an einem möglichst reibungslosen Ablauf interessiert, da sie ihre Existenz über die Arbeit in dem Projekt absichern. Für sie stellt sich der Erfolg des Blattes mutmaßlich anders dar als für Wohnungslose, die über das Projekt eben nicht existentiell abgesichert sind.

2. Es wird die lllusion geschürt, als sei der Aufstieg vom/von Verkäuferln zum/zur festangestellten Mitarbeiterln, mit festem Einkommen und eigener Wohnung für alle erreichbar. H&K: "Fünf ehemalige Hinz&Kunzt Verkäufer sind mittlerweile fest angestellt und organisieren den Vertreib, von der Zeitungsausgabe bis zur Verkäuferbetreuung. Das entspricht der Idee eines Stufenmodells: Der Zeitungsverkauf als erster Schritt, auf den weitere folgen und schließlich in feste Arbeit und eigene Wohnung führen." Wie attraktiv dieses Stufenmodell für die Wohnungslosen bei H&K wohl ist, geht schon aus einer Verkäuferlnnenbefragung von H&K hervor: mehr als 2/3 wollen gern in eine feste Arbeitsstelle wechseln. Bei einem Tagesverdienst für eine/n der festen 150 Verkäuferlnnen von 30,- bis 40,- DM bei mindestens fünf Verkaufstagen pro Woche muß dies nicht wundern.

3. Die Ex-Wohnungslosen, die in den Projekten eine feste oder auch nur zeitlich befristete, aber sozialversicherungspflichtige Anstellung bekommen haben, sind in einer schwierigen Situation. und geraten möglicherweise in einen Interessenskonflikt. Sind sie in erster Linieganz wie die anderen festangestellten Mitarbeiterlnnen an dem reibungslosen Funktionieren der Zeitung interessiert oder identifizieren sie sich eher mit den Interessen der anderen Wohnungslosen, ihrer Herkunftsgruppe? Darüber hinaus sind gerade die Ex-Wohnungslosen in der sog. Verkäuferbetreuung, die oftmals ja eine Kontrollfunktion beinhaltet, eingesetzt und müssen sich dort in konfliktträchtige Situationen begeben.
Wenn die Wohnungslosen ernsthaft das "Gesicht der Zeitung mitprägen" und nicht nur leibhaftiges Aushängeschild sein sollen, ist es notwendig, der Qualifizierung der wohnungslosen Mitarbeiterlnnen wesentlich höhere Priorität einzuräumen, so daß sie auch in zentralen Funktionen gleichberechtigt mitarbeiten können.

Darüber hinaus scheint es notwendig, daß wohnungslose und nicht-wohnungslose, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterlnnen Klarheit über ihre unterschiedlichen Interessen an dem Projekt bekommen. Dazu bedarf es einer Selbstorganisation der Betroffenen und ex-Betroffenen eines Projektes, die gemeinsam ihre Interessen identifizieren und auch gegenüber den Herausgebern und eventuell auch gegenüber den anderen professionellen Mitarbeiterlnnen formulieren. Nur dann haben sie die Chance zu definieren, was den Erfolg des Blattes ausmacht: regelmäßiges Erscheinen, kontinuierliche Steigerung der Auflage, Verbesserung des Layouts, öffentliche Anerkennung, Einwerben von Spenden das alles braucht einen störungsfreien Ablauf oder die Option, verschüttete Fähigkeiten zu reaktivieren oder neu zu entdecken, Kreativität zu entfalten, Zeitsouveränität zu gewinnen, eigene Interessen zu identifizieren und auch öffentlich zu artikulieren, sich aus Abhängigkeiten zu befreien. Diese Ansprüche bergen die Gefahr, einen reibungslosen Ablauf zu stören. Wenn die Erfolgsdefinition allein den Professionellen überlassen bleibt, dann kann den Betroffenen das Projekt aus der Hand genommen werden.

Für die meisten Zeitungen ist das sicher eine schwierige Gradwanderung. Die Erfolgsfrage muß immer wieder austariert werden. Um so wichtiger ist es, daß mögliche Interessendifferenzen nicht verkleistert, sondern offen artikuliert werden.


"Aus Bettlern werden Gesprächspartner" -

Zeitungen wollen die Kommunikation zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen vereinfachen

Informieren, Vorurteile abbauen, Verständnis wecken, mit der Lebenssituation Betroffener bekannt machen - also die klassische Öffentlichkeitsarbeit ist ein Aspekt der Kommunikation. Diesem Anspruch werden alle Zeitungen, unabhängig von ihrer jeweilen Schwerpunktsetzung uneingeschränkt gerecht. Selbst Projekte, die sich bewußt nicht als "Elendsmagazin" definieren, berichten im Vergleich zur allgemeinen Presse umfangreich über Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot bzw. über sozialpolitische Themen insgesamt. Es gibt keine Straßenzeitung, die nicht wenigstens zwei Seiten für Texte von Betroffenen freihält. Hinzu kommt, unabhängig von den Inhalten reicht oft schon allein die Existenz eines solchen Projektes, um in den Medien, besonders der Regionalpresse, aber auch überregional das Thema Wohnungslosigkeit zu plazieren. Die Straßenzeitungen sind damit ein ganz wichtiger Faktor in der Öffentlichkeitsarbeit über das bislang eher randständige Thema "Wohnungslosigkeit".

Der direkten Kommunikation, dem Käuferln-VerkäuferlnVerhältnis wird in allen Projekten, besonders aber in den verkaufsorientierten Blättern große Bedeutung beigemessen. In nahezu jeder Selbstdarstellung/Editorial wird darauf hingewiesen, daß das Gespräch zwischen Käuferln und Verkäuferln ein Schritt aus der Isolation sei, dazu beitrage das Selbstwertgefühl der Wohnungslosen zu steigern oder zu stabilisieren, sogar die Chance beinhalte, über einen solchen Kontakt zu einer Wohnung zu kommen.

Kritisch läßt sich dazu die Frage stellen, ob diese Verkaufsgespräche nicht überbewertet werden und auch damit bei den Verkäuferlnnen Erwartungen geweckt werden, die nicht erfüllt werden können. Der Anspruch, "Kontakte zu 'normalen Bürgern' ermöglichen" durch den Verkauf eines Produktes, inklusive eventuell eines kurzen Verkaufsgesprächs, macht skeptisch. Der Vorgang Geld gegen Ware ist in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen heute die Regel. Daß sich dadurch besondere menschliche Kontakte entwickeln lassen, die in der Lage sind, die Isolation von Individuen zu überwinden, dürfte nur in Einzelfällen möglich sein, ebenso dürfte die Chance, beim Verkaufsgespräch eine Wohnung angeboten zu bekommen eher gering sein. Die Verkaufsgespräche sollen dadurch aber nicht abgewertet werden. Vor allem nicht vor dem Hintergrund der Tatsache, daß in zahlreichen Städten versucht wird, die Armut zu beseitigen, in dem die Armen aus dem Blickfeld geräumt werden. Private Wachdienste patrollieren in Bahnhöfen oder Einkaufspassagen, Geschäftsleute schließen sich zu einschlägigen Interessengemeinschaften zusammen, Kommunen verhängen Bettelverbote.

In solch einer Situation ist der Zeitungsverkauf auf der Straße durch Wohnungslose wichtig, um Wohnungslose im Straßenbild zu etablieren, nicht als Gewöhnung an Elend, sondern als Schutz für alle Wohnungslose, ob sie nun verkaufen oder nicht, vor Vertreibung durch Straßennutzungsverordnungen oder private Wachdienste. Zugleich wird aber auch deutlich, welche Brisanz Zeitungswerbesprüche wie "Verkaufen statt Betteln", "aus Bettlern werden Verkäufer", "Zeitung als Alternative zum Betteln" haben können. Durch solche Werbesprüche werden nicht gesellschaftliche Vorurteile abgebaut, sondern bestärkt: Wer sich bessern will, der kann es auch! Damit passen sich die Zeitungen nicht nur opportunistisch dem vermeintlichen Pflichtverständnis und der Arbeitsmoral der Durchschnittsbürgerln an, sondern verhelfen auch einem überwunden geglaubten Fürsorgeanspruch zu neuer Anerkennung: dem Besserungsanspruch. Aus Arbeitsunwilligen werden Arbeitswillige, aus Wohnunfähigen werden Wohnfähige. Diejenigen, die bei den Zeitungen nicht mitmachen wollen oder können werden nun doppelt stigmatisiert: erstens als Wohnungslose und zweitens als besserungsunwillige Wohnungslose.


Nicht Mitleid, sondern Interesse

Dieser Anspruch ist sicher auch aus rein wirtschaftlichen Gründen richtig. Eine Straßenzeitung, die sich auf Dauer auf einem lokalen Zeitungsmarkt etablieren will, kann nicht auf die pure Mildtätigkeit des Publikums hoffen. Allzu groß wären die Schwankungen in der Nachfrage: im Winter hohe Auflagen, im Sommer geringe Auflagen. So ließe sich ein fester Stamm an haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterlnnen bzw. Verkäuferlnnen nicht halten. Folglich sind die Zeitungen vor Ort gezwungen, sich Marktlücken zu sichern. Dies kann in der einen Stadt durch einen ausführlichen und qualifiziert gemachten Veranstaltungskalender gelingen, in der anderen durch einen Kulturschwerpunkt oder durch ein Stadtmagazin, das sich kritisch mit der Lokalpolitik auseinandersetzt.

Zugleich ist dieser Anspruch, nicht Mitleid, sondern Interesse zu wecken, auch Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses, mit dem man sich von der traditionellen Öffentlichkeitsarbeit im Bereich Wohnungslosenhilfe absetzt, die viele Jahre lang und bisweilen auch heute noch glaubt, ohne die Mitleid erregenden Bilder armer Menschen nicht auskommen zu können.

Jedoch - die Straßenzeitungen haben soviel öffentlichen Zuspruch und Protektion gefunden, weil sie von Wohnungslosen verkauft werden. Die Beteiligung von Armen ist ein wichtiges Verkaufsargument, mit dem sowohl Verkäuferlnnen als auch Herausgeber manchmal unterschwellig, zuweilen unverhohlen spekulieren. "Sie hatte ihren Verkäuferausweis an der Brust hängen, was ich noch schäbiger fand, als die Elendspornographie, die sonst so zelebriert wird. Die Masche: "lch habe das Startkapital noch nicht zusammen", war ein schöner Erfolg für sie, vielleicht aber für Euch nicht.", so ein Leserbrief in der motz&co, Nr. 3. Für die Glaubwürdigkeit der Zeitung ist es wichtig, sich so offen und offensiv wie die motz es getan hat mit solchen Käuferlnnenerfahrungen auseinanderzusetzen. Im Blatt nimmt die Redaktion zu dem Leserbrief ausführlich Stellung: "Wer eine Obdachlosenzeitung verkauft, braucht das Geld unmittelbar. Oft wird es sofort ausgegeben. Sparsamkeit ist keine Straßenkultur. Dies um so mehr, wenn ein Suchtverhalten dahinter steckt. /.../

In der Juni-Ausgabe von Asphalt findet sich ein eindringlicher Appell des Herausgebers: "Viele haben sich ihre Würde und ihre Achtung zurückerarbeitet, einige zahlen Schulden ab, andere brauchen das Geld, um die Kaution für die Wohnung zu bezahlen und Damit die Hoffnung weiterblüht, möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser bitten, mindestens eine neue Käuferin bzw. einen Käufer zu gewinnen, damit wir unsere Auflagenhöhe auch im Sommer halten können. Sie verbessern damit die Lebens-Situation unserer Asphalt-Verkäuferlnnen! Herzlichen Dank für Ihr Engagement!" (Asphalt, Nr. 10, Juni 1995) Ob sich mit solch einem Antichambrieren Auflagenschwankungen verhindert werden können, bleibt abzuwarten.

Zusammenfassung

Die Straßenzeitungen schaffen Öffentlichkeit über ein ungeliebtes Thema.

Die Straßenzeitungen dürfen sich nicht als sozialpolitisches Feigenblatt mißbrauchen lassen, sie müssen deshalb in aller Öffentlichkeit deutlich sagen, daß sie kein Ersatz für eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik sind, daß der Straßenverkauf ein ungesichertes Beschäftigungsverhältnis ist und bleibt, daß es nur für eine verschwindend geringe Zahl von Betroffenen im Projekt selbst eine gesicherte Beschäftigung geben kann. Sie müssen auch in aller Öffentlichkeit sagen, daß sie mit ihren Projekten kein Ersatz für eine verfehlte Wohnungspolitik sein können, daß sie durch die Projekte nicht allen Wohnungslosen zu einer Wohnung verhelfen werden. Diese Offenheit sind die Zeitungen auch den wohnungslosen Mitarbeiterlnnen schuldig.

Die Straßenzeitungen dürfen die Wohnungslosen nicht auf die werbewirksame Rolle der Verkäuferlnnen reduzieren, sondern müssen Raum zur Qualifikation lassen, so daß wohnungslose Laien, das "Gesicht der Zeitung" an verantwortlicher Stelle prägen können.

Die Straßenzeitungen sollten den Straßenverkauf nicht als "Alternative zum Betteln" feiern, sondern als Rückeroberung des öffentlichen Raumes durch Ausgegrenzte.

Wollen sie sich nicht zu einer neuen karitativen Variante der Wohnungslosenhilfe entwickeln, kann nicht alleiniges Ziel die individuelle Hilfe zur Selbsthilfe sein. Die Straßenzeitungen haben durch ihre Infrastruktur, durch die Möglichkeit, Öffentlichkeit zu schaffen das Potential, Nukleus einer sozialen Bewegung Ausgegrenzter zu sein. Sie können der Ort sein, an dem Wohnungslose ihre Kräfte bündeln, um ihre Interessen zu identifizieren und parteilich zu artikulieren, um damit staatlichen Institutionen, einer selbstgefälligen Öffentlichkeit und einem etablierten Hilfesystem auf die Sprünge zu helfen.

Wohin die Reise geht, ist indessen noch nicht entschieden.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel "Straßenzeitungen" erschienen in: Ronald Lutz (Hg.): Wohnungslose und ihre Helfer. Bielefeld 1995. Für die wohnungslos wurde der Beitrag an einigen Stellen aktualisiert.

In: wohnungslos 4/95, S. 154 - 169


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