Oderberger Str. 12 - eine kleine Zwischenbilanz

Im Frühjahr 1999 hat der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. vom Grundsatz her einstimmig beschlossen, das Bau- und Wohnprojekt Oderberger Str. durchzuführen, mit der Antragsanmeldung beim Senat für das Förderprogramm "Wohnungspolitische Selbsthilfe" und dem Abschluß des Erbbaurechtsvertrages mit der Eigentümerin Marola Lebeck wurden im Dezember des Jahres die formalen Voraussetzungen dafür gelegt. Das ist jetzt zwei Jahre her, Zeit, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen.

Auffällig ist, daß ein kleiner Verein, der sich die Hilfe für Obdachlose und Ausgegrenzte zur Aufgabe gemacht hat, plötzlich in die Rolle eines Bauherren hineingerät. Das war damals wohlüberlegt, war doch die Zielsetzung, mit Fertigstellung der Sanierung Wohnungen zu haben, die in erster Linie von Menschen ohne eigener Wohnung genutzt werden sollen. Auf der anderen Seite bedeutete dies auf einen Schlag einen Haufen zusätzlicher Arbeit, die geleistet wurde von Menschen, die sich vor allem ehrenamtlich, d.h. unbezahlt, dieser Aufgabe widmeten. Und auch die andere wichtige Arbeit, die Herstellung der Straßenzeitung, die Organisation des Treffpunktes Kaffee Bankrott mit Notübernachtung sowie das Vorhaben Trödel und Wohnungseinrichtungen durfte nicht liegenbleiben. Und strafverschärfend kommt hinzu: Es sind erstmal keine konkreten Ergebnisse zu sehen. So ging denn auch das ganze Jahr 2000 damit hin, Pläne zu machen, Verträge abzuschließen, Kostenkalkulationen zu erstellen, Genehmigungen einzuholen usw. Die Arbeiten für das Holzschutzgutachten waren das einzige, was wirklich praktisch im Jahr 2000 zu sehen war - alles andere war mehr oder weniger: Schreibtischarbeit.

Und es war irritierend und ist es noch heute: Plötzlich wurde mit hunderttausenden von Mark gerechnet, mit Millionenbeträgen, und das bei einem Verein, der jeden Tag um seine finanzielle Existenz kämpfen muß. Dies in ein Verhältnis zu bringen mit den zwei DM, die ein Verkäufer pro Zeitung einnimmt, ist nicht immer leicht. Doch genau so, wie jede Mark, die der Verein aus dem Zeitungsverkauf einnimmt, gemeinnützigen Zwecken zu Gute kommt - in der Notübernachtung kann das ein jeder sehen - dient auch jede Mark für das Hausprojekt dem Ziel, Wohnraum zu schaffen für ausgegrenzte und arme Menschen. Zur Zeit arbeiten etwa 15 Menschen jeden Tag auf der Baustelle, und rechnet man hoch, was jeder von ihnen leistet und die Materialkosten obendrauf, so wird klar, hier kommt tatsächlich einiges zusammen. Und die Höhe der Bausumme von über 3 Millionen DM für beide Häuser steht dann für eine ganz andere Aussage: Der Verein hat sich sehr viel vorgenommen. Förderung hin oder her: Mehr als 15% der gesamten Bausumme wird mob e.V. in Eigenleistung erbringen, und das heißt vor allem: Arbeit. Arbeit, die in der Hauptsache von den zukünftigen Bewohnern geleistet wird: Arme und ausgegrenzte haben so eine Chance, wieder am Arbeitsleben teilzunehmen. Sie sammeln Erfahrungen, tanken Selbstbewußtsein, erhalten manchmal sogar eine materielle Entlohnung.

Im Frühjahr 2001 wurde es dann konkreter: Die Bauarbeiten begannen, zuerst Abriß, Entrümpelung und Entkernung, jetzt inzwischen sind die ersten konstruktiven Maßnahmen sichtbar - wenn auch für Laien schwer erkennbar. Prominenter Besuch auf der Baustelle hat sich eingefunden, vom Arbeitsamt über den Bezirksbürgermeister hin bis zum Bundestagspräsidenten waren sie alle da - und konnten oftmals wichtige Unterstützung geben. Der wichtigste Punkt aber sind die Menschen, um die es geht. Im Frühjahr gab es nur vage Interessensbekundungen, an der Baustelle mitzuarbeiten. Wir haben das einkalkuliert, schließlich ist so ein zweijähriges Bauvorhaben für viele eine unvorstellbar lange Zeit, und in den ersten Monaten sieht es eher schlimmer aus als vorher. Inzwischen haben wir drei Verträge mit Menschen, die nachher in das fertige Haus einziehen wollen, und es werden im Verlauf dieses Winters mehr werden. Damit das auch so bleibt, sind wir auch in den nächsten Wochen und Monaten auf die Unterstützung der Berliner Bevölkerung angewiesen. Dabei geht es nicht allein um finanzielle Unterstützung unserer Selbsthilfegruppe - jeder Hinweis und Rat, der unser Vorhaben voranbringen kann, ist von Nutzen. Die große Resonanz, die wir bisher mit diesem Vorhaben erhalten haben, zeigt: offenbar sind wir auf dem richtigen Weg. Allen Beteiligten sei dafür herzlich gedankt.

Stefan Schneider

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