Ich war also neulich wieder auf der Baustelle. Inzwischen kennt man da den Weg, wenn man einmal oder zweimal dagewesen ist. Mal vorbeigehen und mal gucken, wie es da so aussieht. Die ganzen Berichte in der Zeitung habe ich sowieso nicht so ernst genommen: Die können ja viel schreiben, wenn der Tag lang ist. Also groß was verändert wird sich da nicht haben, habe ich mir so gedacht. Wie gesagt, gedacht. Als ich da also so hinlatsche, so in den Hinterhof, kommt mir erstmal ein Hund entgegen. Typisch, habe ich mir so gedacht, die Obdachlosen und ihre Hunde. Ist ja fast wie bei den Punks. Nur die Hunde bei denen sind ja meistens lieb, keine Kampfhunde oder so, sondern eher treuherzige Strassenköter. Und so war es dann auch. Den Wuffi hätte ich fast mitgenommen, so treuherzig hat der geguckt. Aber ich schweife ab. Ich also rein in den Hinterhof, sehe den Hund, und danach: Nichts. Wirklich! Einfach nichts! Haben die einfach so den Schuppen da abgerissen. Spurlos verschwunden. Weg damit. Ordnungsmaßnahmen, erklärte mir so ein junger Typ mit Zopf, der da den Polier macht. Und dann erzählte er mir, dass er Selbsthelfer ist und in zwei Jahren da einziehen will. Und weil ein großer Teil davon in Selbsthilfe läuft, hat er einfach schon mal losgelegt und die anderen auch.

Ja, einer - das war mir zuerst nicht aufgefallen - stand vorne an der Straße am Container und hat den Bauschutt im Container ordnungsgemäß verteilt. Und zwei andere sind mit Schubkarren immer hin und hergefahren, um den vollzumachen. Das war also der Schuppen. Total baufällig, nicht mehr zu erhalten. Eigentlich hätte ich das eher so erwartet, wie ich mir das so auf Baustellen immer vorstelle: 8 Mann locker irgendwo auf Schaufel und Spaten gestützt, und dann eine rauchen und erstmal über die Arbeit nachdenken. Und auf jeden Fall ne Pulle Bier in der Hand. Nix da, erklärte mir T., das ist hier ne alkoholfreie Baustelle. Also, Baubeginn ist erstmal noch nicht, sondern erstmal nur Abriss und Räumen und vom Schutt, der so um Haus rumliegt. Ich gehe also ins Haus rein, und auch da Leute am Arbeiten. Ich dacht, ich werde nicht mehr. War ja fast alles weg. Und auf einmal hatte ich so eine Ahnung, daß da in dem Haus wirklich freundliche Wohnungen fertig werden könnten. Das wird aber noch zwei Jahre dauern, sagte mir T. - so ist dass nun mal auf dem Bau.

Jedenfalls - Bier gabs ja keins - bin ich dann erstmal weitergestiefelt - bei den Nachbars fragen. Ja, sagt die eine Nachbarin, davon hat sie schon gehört, ein Obdachlosenheim soll da entstehen. Soviel hatte ich wohl schon verstanden - alles andere ja, aber ein Heim machen die garantiert nicht. Was die immer glauben - einmal gelogen, immer gelogen. Wenn also jemand obdachlos ist, dann bleibst du obdachlos - Du wirst einfach in ein Heim gesteckt, und dann bist du dauerobdachlos. Wunderschön, klasse. So machen wir das. Langsam bekam ich schlechte Laune. Erst kein Bier auf der Baustelle, dann so eine Heimgeschichte. Ich also rüber in das Vereinsbüro. Jetzt ist der Weg frei für eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Finanzamt. Damit kann ein Erbbaurechtsgrundbuch für die Oderberger Str. 12 angelegt werden. Dies ist notwendig, damit die kreditgebende Bank an rangbereitester Stelle eingetragen werden kann, schließlich will die Bank ja eine Sicherheit für die Finanzierung haben. Das erklärte mir die Geschäftsführerin.  Ich verstand nur Bahnhof, habe mir ein Blatt Papier geben lassen und aufgeschrieben: Unbedenklichkeitsbescheinigung - Erbbaurechtsgrundbuch - rangbereitester Stelle - Bürgschaft. Dann habe ich mir noch aufgeschrieben: Grunderwerbssteuer. Wenn ein Obdachlosenverein also es irgendwie schafft, ein Haus zu pachten, um darin Wohnungen zu schaffen für obdachlose, ausgegrenzte Menschen, muß, damit das irgendwie funktionieren kann, Grunderwerbssteuer gezahlt werden. Das ist ungefähr so, wie Kaution hinterlegen, wenn man eine Wohnung mietet. Das habe ich wohl verstanden. Für einen Obdachlosen ist das eine irrsinnige Hürde, wenn man nicht irgendwie gute Freunde hat oder eine Behörde, die das übernehmen tut. Ich weiß gar nicht, ob der Vergleich stimmt. Egal. Kann ja nochmal nachfragen.

Jedenfalls beim Schreiben ist mir klargeworden, daß das mit dem Heim ja Quatsch ist. Also wenn Obdachlose anfangen, ein Haus instandzusetzen und dann ist das fertig und dann ziehen sie ein und bezahlen Miete, sind sie eigentlich Mieter und keine Obdachlose mehr. Das wäre dann ein echter Vorteil und viel besser, als Dauerobdachlos in einem Dauerobdachlosenheim zu sein. Dann bin ich am nächsten Tag wieder auf die Baustelle gegangen und habe die Leute, die da arbeiten, genau das gefragt. Und die haben mir geantwortet: Genau so ist das, deswegen machen wir das ja. Wer wieder in einer eigenen Wohnung wohnt, ist nicht mehr obdachlos. Ich habe dann noch gefragt: Und wie kann ich Euch unterstützen? Na, ganz einfach, war die Antwort: Hier, faß an, der Container muß vollwerden. Wir haben hier noch zwei Jahre Arbeit, können jede Unterstützung brauchen. Vor lauter Schreck wollte ich erstmal fünf Mark für die Kaffekasse spenden und zusehen, daß ich schnell wegkomme. Weil, das war mir dann doch etwas unheimlich. Aber dann habe ich mich doch hingesetzt und mir alles genau erklären lassen. Und im Moment bin ich am Überlegen, ob ich nicht doch mit anfassen sollte, so regelmäßig einmal die Woche. Einfach, um die Leute zu unterstützen. Aber, darüber muß ich erst noch eine Nacht schlafen.

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