Oderberger Str. 12

Der Verein mob e.V. hat in der Oderberger Str. 12 in Berlin Pankow (Ortsteil Prenzlauer Berg) zwei Häuser (Vorderhaus und Quergebäude) für die Dauer von 50 Jahren gepachtet mit dem Ziel, beide Häuser im Rahmen des Programms "Wohnungspolitische Selbsthilfe" instandzusetzen und zu sanieren. Ziel ist, Wohnraum zu schaffen für arme und ausgegrenzte Menschen. Im Januar des Jahres 2001 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, an dieser Stelle wird regelmäßig über den aktuellen Stand der Ereignisse berichtet.

Zunächst sah es nach der Weihnachtsfeier und den feiertagsbedingten Baupause über Weihnachten bis zum Neujahr so aus, als würde der Start in das Neue Jahr auf der Baustelle eher ruhig von statten gehen. Tatsächlich kam es aber ganz anders, die Ereignisse überschlugen sich. Als wäre ein Knoten geplatzt, hatten wir beinahe täglich Anfragen von Menschen, die sich für Wohnraum in der Oderberger Str. interessierten und mit uns Selbsthelfervereinbarungen abschließen wollten. Zum Teil waren es Menschen, die schon seit einiger Zeit auf der Baustelle bei uns mitarbeiteten und sich entschlossen, die Mitarbeit nunmehr konkret werden zu lassen: Eine Wohnung hier zu beziehen. Inzwischen gibt es für 7 der insgesamt 10 entstehenden Wohnungen feste Vereinbarungen mit insgesamt 9 Menschen, über die anderen Wohnungen gibt es bereits Vorgespräche. Damit bildet sich in diesen Tagen soetwas wie eine virtuelle Hausgemeinschaft. Zu dieser Hausgemeinschaft gehören schon jetzt 1 Hund und 1 Katze. Parallel dazu legten unsere Architekten in der Zwischenzeit einen aktualisierten, kleinteiligen Bauablaufplan vor, der sehr ehrgeizig gestrickt ist. Bereits Mitte August sollen die ersten Wohnungen im Quergebäude bezugsfertig sein, für Ende Dezember ist die Fertigstellung des Vorderhauses geplant. Nun muß man bei solchen Planungen immer einige Abstriche machen, weil es in der komplizierten Handlungskette immer Verzögerungen geben kann, die schwer wieder aufzuholen sind. Auch hat sich durch die Beauftragung von vielen Firmen (Bauhauptgewerbe, Heizung - Lüftung - Sanitär usw.) der Charakter der Baustelle gewandelt. Beinahe täglich fahren LKW's vor, um Baumaterial zu liefern, viel mehr Leute, viel mehr Material, überall wird gearbeitet. Und in alledem eine Selbsthelfergruppe, die sich unter diesen schwierigen Bedingungen finden muß. Eine Reihe von Fragen werden dabei wichtig: Was können die einzelnen Teilnehmer der Selbsthilfegruppe, welche Aufgaben können von der Selbsthilfe übernommen werden, wie gut klappt die Zusammenarbeit untereinander, was sind potentielle Streitpunkte, die am Besten vorab aus dem Weg geräumt werden sollten, wer vertritt die Selbsthilfegruppe auf der Baubesprechung und so weiter. Auch der Verein mob e.V. ist gefordert, nun endlich genau zu bestimmen, wie die Vereinsräume im Hochparterre des Hinterhauses genau aufgeteilt werden sollen. Wo die Redaktion der Strassenzeitung hinkommen soll, die Buchhaltung, der Besprechungsraum. Für alle, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf der Baustelle arbeiten, sei es als Selbsthelfer oder als Mitarbeiter im Büro, stellt das Leben und Arbeiten auf der Baustelle eine starke Belastung da. Auf der anderen Seite ist jetzt - mit der Aussicht auf ein greifbares Ziel, auch eine gute Motivation da, die Arbeiten anzupacken und nach vorne zu blicken. Skeptisch wie wir sind, wissen wir, daß eine solche Euphorie nicht von Dauer ist, und daß irgendwann wieder eine kleine Krise auftritt. Weil wir zu ungeduldig waren, gehofft haben, daß es noch schneller geht, oder weil mal wieder zwei eigenwillige Charaktere aneinander geraten.

Die Idee des Vorhabens ist: Wer dauerhaft eine eigene Wohnung bezieht, ist nicht mehr obdachlos, läuft nicht Gefahr, (wieder) obdachlos zu werden. Natürlich wird es in der einen oder anderen Angelegenheit notwendig sein, Hilfe und Unterstützung zu bekommen, aber die akute Notlage, nicht zu wissen, wo man bleiben kann, ist damit behoben und ein Stück "Normalität" wiedergewonnen. Auch die Beteiligung obdachloser und armer Menschen während der Bauarbeiten, die im Programm "Wohnungspolitische Selbsthilfe" vorgesehen ist, schafft Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die anderenorts keine Chance mehr haben. Der Anteil an Selbsthilfe, die im Rahmen des Baus von Menschen geleistet wird, die vielleicht heute noch strassenzeitung verkaufen, beträgt 15% der gesamten Baukosten. Aus diesem Grund hat der gemeinnützige Verein mob e.V. eigens für die Unterstützung der Selbsthilfegruppe auf unserer Baustelle in der Oderberger Str. 12 ein eigenes Spendenkonto eingerichtet, auf ich an dieser Stelle gerne hinweisen möchte. Ihr Engagement kommt direkt und unmittelbar Bürgern zu Gute, die in der Oderberger Str. an der Errichtung ihrer eigenen 4 Wände zur Zeit arbeiten.

Bruno Katlewski

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