Alltag und Legende

Aus der Geschichte der Oderberger Straße

Von Albrecht Molle

Mit nur knapp 600 Metern ist sie einer der eher kurzen Verkehrswege in Prenzlauer Berg. Doch in der Beliebtheitsskala rangiert die Oderberger Straße, die 1873 nach der nordöstlich von Berlin gelegenen Kleinstadt Oderberg benannt wurde, auf einem der vorderen Plätze. Das war nicht immer so. Nachdem sie 1871 im Zuge der Berliner Stadterweiterung zwischen der Kreuzung Schönhauser Allee/Choriner Straße und der Eberswalder Straße durch das Gelände einer Baumschule gelegt und danach im Akkordtempo mit Mietskasernen flankiert worden war, herrschte für das Gros der auf der Suche nach Lohn und Brot zumeist aus ländlichen Gebieten zugezogenen Neu-Berliner der graue Alltag jener Zeit. Sie wohnten in den Seitenflügeln und Quergebäuden und verrichteten ihre  Notdurft auf Abtritten in den engen Hinterhöfen, während die Vorderhäuser mit ihren spätklassizistischen Fassaden, die der Straße einen vornehmen Anstrich gaben, den Gutsituierten vorbehalten waren.

Feuerwache und Stadtbad

Dennoch war es schon damals in mancher Hinsicht durchaus vorteilhaft, in der Oderberger Straße zu leben. Denn nachdem 1883 in der Nr. 24 ein Feuerwehrdepot eingerichtet worden war, das heute als älteste noch in Betrieb befindliche Feuerwache Deutschlands gilt, lebte es sich hier zumindest im Brandfall einen Tick sicherer als anderswo. Und als am 1. Februar 1902 am anderen Straßenende die vom damaligen Stadtbaudirektor Ludwig Hoffmann erbaute Volksbadeanstalt mit Schwimmhalle sowie Brause- und Wannenbädern öffnete, erwies sich auch dies für die Bewohner des Viertels, in dem nur sehr wenige Wohnungen ein Bad hatten, als wahrer Segen, zumal man die Nutzungsgebühr »im Interesse der Volkshygiene« niedrig hielt.

Die Ereignisse, denen die Oderberger Straße ihren legendären Ruf verdankt, liegen dagegen nicht so lange zurück. In den 1980er Jahren –die Straße lag im Grenzgebiet und war eine Sackgasse, die Mauer verlief quer über die angrenzende Bernauer Straße– gab es Pläne, die Gründerzeithäuser abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen. Dagegen formierte sich Widerstand in Gestalt der Bürgerinitiative »EntwederOderberger«, der es gelang, den Wohnbezirk der Nationalen Front (WBA) zu unterwandern und mit dem findigen Kiezaktivisten Bernd Holtfreter den Vorsitzenden zu stellen. Gemeinsam mit Anwohnern und Architekten wandte man sich gegen die Abrisspläne, bis der Berliner SED-Chef Günter Schabowski sie im Panzerschrank verschwinden ließ. In den maroden Wohnungen, aus denen viele Altmieter in Neubaugebiete an der Peripherie verzogen waren, fanden vor allem jene Unterschlupf, die auf dem »ordentlichen« Weg wohl niemals eine Bleibe in Berlin gefunden hätten - Künstler, Freiberufler und Hochschulabsolventen, aber auch systemkritische Aufmüpfige. So entstand eine illustre Mischung aus Leuten mit hoher Qualifikation, eigensinnigen Ansprüchen und ausgeprägtem Selbstbewusstsein.

Einen weiteren Coup landete die Bürgerinitiative mit dem Projekt »Hirschhof«, einer Zusammenlegung mehrerer verödeter Hinterhofflächen im Blockinnenbereich zwischen Oderberger Straße und Kastanienallee, die mit Unterstützung des Gartenamts, zu einem grünen Refugium gestaltet wurde, in dem man ohne staatliche Reglementierung diskutieren, musizieren, Theater spielen und Filme anschauen konnte. Das Amt hatte dafür 360.000 Mark locker gemacht und Baumaterial zur Verfügung gestellt. Die taz sprach damals von einem »wohl einmaligen Bündnis zwischen Bürgerinitiative und lokaler Staatsmacht«.

Nach der Wende stand das Kürzel WBA dann für »Wir bleiben alle!«, denn in den frühen 90er Jahren bildete sich, von den Aktivisten in der Oderberger Straße initiiert, ein Aktionsbündnis gegen die im Zuge der Modernisierung einsetzende Mietervertreibung. Den Bevölkerungsaustausch in den Sanierungsgebieten konnte es nicht verhindern. Auch im Kiez an der Oderberger Straße lebt heute nur noch etwa ein Fünftel der damaligen Mieterschaft. Dafür hat sich die Zahl der Kneipen, Restaurants, Schankvorgärten, Bars, Mode- und Second-Hand-Läden vervielfacht und für ein neues Flair gesorgt.

Albrecht Molle

 


aus: VorORT, Nobember 2007, Seite 13
Quelle: http://www.mieterberatungpb.de/download.php
Herausgeber: Mieterberatung Prenzlauer Berg, Gesellschaft für Sozialplanung mbH
Redaktion und V.i.S.d.P.:
Albrecht Molle  & Hartmut Seefeld
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Anderes Foto als das hier verwendete im Originalbeitrag! 

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