01.04.2001 - Berliner Mietermagazin - Rainer Bratfisch: Obdachlose werden Mieter

Wird von und für Obdachlose saniert: Rückübertragenes Haus in der Oderberger Foto: Maik Jespersen
Wird von und für Obdachlose saniert: Rückübertragenes Haus in der Oderberger Foto: Maik Jespersen " Warum soll sich die deutsche Sprache für sesshaft gewordene Obdachlose ein neues Wort einfallen lassen?" Marola Lebeck
Ein sanierungsbedürftiges Haus in der Oderberger Straße 12 liefert zurzeit Anschauungsunterricht zum Thema Reintegration Obdachloser in die Gesellschaft. Ein Obdachlosenverein hat das Gebäude gepachtet und schafft Wohnungen für Obdachlose.

Eine Tageszeitung erklärte Marola Lebeck gleich zum "guten Menschen von Spandau". Solches Lob hört sie nicht gern, Hilfe für Bedürftige ist für sie schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Als sie in einer Obdachlosenzeitung von einem Projekt im Odenwald las, wo Obdachlose sich in Selbsthilfe ein neues Zuhause geschaffen hatten, war ihr klar: So etwas muss auch in Berlin möglich sein. Das Haus in der Oderberger Straße 12, das ihr nach einem längeren Rechtsstreit 1998 rückübertragen wurde, hat sie deshalb an den "mob obdachlose machen mobil e.V." verpachtet - für 50 Jahre. Der Verein, besser bekannt als Herausgeber der Straßenzeitung "stra|z", saniert hier seit dem 1. April 2001 die Wohnungen im Vorder- und Hinterhaus mit einer Wohnfläche von etwa 1000 Quadratmetern.

Für die neun Mietparteien im Vorderhaus werden zurzeit Umsetzwohnungen angemietet, das Hinterhaus steht seit der Wende leer. Hier sollen in zwei Jahren circa 16 Obdachlose wohnen, die dann allerdings keine mehr sind. Als Marola Lebeck ihr Projekt im Frühjahr 1999 den Mietern zum ersten Mal vorstellte, gab es noch Fragen. Inzwischen freuen sich alle, dass in dem Haus endlich etwas passiert. Ihre zukünftigen Mitbewohner haben sie kennen gelernt, als diese das Hinterhaus entrümpelten. Inzwischen haben sogar Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Alex Lubawinski, Bürgermeister des neuen Großbezirks, die Baustelle in der Oderberger Straße besichtigt. Schließlich handelt es sich um ein Pilotprojekt, das bundesweit Schule machen könnte und sollte.

Das Projekt wird zu 85 Prozent über ein Senatsprogramm zur baulichen Selbsthilfe finanziert, je zur Hälfte als Zuschuss und Darlehen durch das Land Berlin. Auch die Ämter betraten dabei Neuland: Das Programm, einst für die Hausbesetzer in Kreuzberg aufgelegt, wird heute meist von Mietern genutzt, die ihr Haus von der Wohnungsbaugesellschaft übernommen haben und nun in Eigenregie sanieren wollen. Marola Lebeck hat ihren neuen Freunden vom Obdachlosenverein mob so manche Tür geöffnet und teilweise vorhandene Skepsis in den Ämtern schnell zerstreut.

Die erforderlichen 3,3 Millionen DM sind inzwischen bewilligt, knapp 700000 DM müssen die Obdachlosen in Eigenarbeit aufbringen. Stefan Schneider, der Vorsitzende von mob e.V., will dafür im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen arbeits- und obdachlose Leute vom Fach engagieren.

Die Resonanz auf das Vorhaben bei den "Betroffenen" ist außerordentlich gut. Viele wollen mitarbeiten, die Aufräumungsarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen. Wer jetzt dabei ist und bis zum Ende der Bauarbeiten durchhält, hat Aussicht auf eine Wohnung. Etwa 20 Interessenten bilden derzeit den "harten Kern" des Teams. Die Anforderungen sind hart: kein Alkohol auf der Baustelle, absolute Zuverlässigkeit, Disziplin. Stefan Schneider rechnet auch mit Rückschlägen, und noch ist nicht entschieden, inwieweit später eine soziale Betreuung vor Ort notwendig sein wird.

Marola Lebeck sucht übrigens noch Werkzeug, Gerüste und Baumaterial für ihr Projekt. Ein Anruf bei mob e.V. genügt: Telefon 24 62 79 35.

Rainer Bratfisch

www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0401/040120a.htm
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